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Absturz MH17 über Ukraine

Blind für die wesentlichen Risiken

Frank Romeike, Andreas Eicher [Redaktion RiskNET]18.07.2014, 10:54

Papier ist bekanntlich geduldig. "Risiken werden frühzeitig identifiziert. Das Risikomanagement ist in alle Geschäftsprozesse integriert. Risiken werden proaktiv gesteuert und überwacht." So steht es schwarz auf weiß im Geschäftsbericht 2013 der Lufthansa und in vielen weiteren Geschäfts- und Risikoberichten anderer Unternehmen. "Aufgrund der sich ständig dynamisch verändernden Risikolandschaft setzen sich die Risk Owner kontinuierlich mit der Identifikation von Risiken auseinander." Soweit die Theorie der Risikobuchhaltung bei der Lufthansa. Bei vielen anderen Unternehmen ist es in einer ähnlichen Form in den Risikoberichten formuliert.

An der praktischen Umsetzung eines präventiven Managements der Risiken fehlt es. Erst gestern Abend (Donnerstag, den 17. Juli 2014) erklärte die Lufthansa, dass von sofort an der ostukrainische Luftraum weiträumig umflogen wird. "Wir werden den ukrainischen Luftraum bis auf weiteres nicht mehr überfliegen und haben heute bereits vier Maschinen umgeleitet", so Lufthansa-Sprecher Andreas Bartels gegenüber der Zeitung "Rheinische Post".  Das klingt, als würde es den Krieg in der Ukraine erst seit gestern geben.

Die Ursache für das rasche Umdenken erinnert einen an das Kind, dass erst auf die Herdplatte fassen muss, bevor es das Risiko schmerzhaft erkennt. Gestern ist eine Boeing mit der Flugnummer MH17 der Malaysia Airlines von Amsterdam nach Kuala Lumpur in der Ostukraine nahe der russischen Grenze abgestürzt. 298 Menschen starben. Die Maschine soll abgeschossen worden sein, die Hintergründe sind jedoch noch unklar. Fest steht nur, dass eine Luftabwehrrakete vom Typ Buk das Flugzeug abgeschossen haben soll. Ein Waffensystem, das sowohl beim ukrainischen Militär als auch auf russischer Seite  zum Einsatz kommt. 

Bisher schieben sich die ukrainische Regierung und die pro-russischen Separatisten aus der Region Donezk gegenseitig die Schuld zu. Augenzeugenberichte unterstützen jedoch das Szenario, dass es sich um einen Abschuss per Rakete gehandelt haben dürfte. Auch nach Angaben aus US-Geheimdienstkreisen bestehen keine Zweifel mehr, dass eine Rakete russischer Bauart für den Absturz verantwortlich ist. Diverse US-Medien hatten bereits in der Nacht darüber berichtet, dass ein militärischer Aufklärungssatellit die entscheidenden Hinweise geliefert habe.

Interessant ist in diesem Kontext, dass die Flugrouten von Air Berlin und anderer Airlines bereits seit Beginn der Krimkrise nicht mehr über den ukrainischen Luftraum führen. Beispielsweise hat die ungarische Airline "Wizz Air" bereits Ende April alle Verbindungen von Dortmund nach Donezk gestrichen. Die Verantwortlichen der Airline begründeten die Streckenstreichung mit der aktuellen politischen Lage in der Ukraine. Nach Recherchen der "New York Times" meiden Air France und British Airways das ukrainische Gebiet, während Flüge der Malaysia Airlines oder der Lufthansa bislang noch durch den ukrainischen Luftraum geführt wurden.

Bereits seit Monaten wurde deutlich, dass insbesondere in den Städten Donezk und Luhansk im äußersten Osten der Ukraine die Krise eskaliert. Es ist bekannt, dass Lastwagen mit bewaffneten Kämpfern von Osten oder von der annektierten Krim ins Land eingedrungen sind. Kurzum: Es herrscht Krieg in der Ukraine. Offensichtlich, Tag für Tag in den Medien behandelt, diskutiert und kommentiert. Beide Kriegsparteien trommeln propagandistisch und viele Bilder (wenn auch jeweils in einer anderen Lesart dargestellt) sprechen im Grunde für sich. 

Aber diese Erkenntnis ist anscheinend neu für viele Risikobuchhalter, die dann doch wieder nur in den Rückspiegel schauen. Ganz nach dem Motto: "Augen und Ohren zu und durch" werden Risiken aus einem Rückspiegelblick dokumentiert und in Form einer Risikobuchhaltung konserviert. Der Erkenntnisgewinn ist gering, denn potenzielle zukünftige Szenarien werden so ausgeblendet – wie das Überflugrisiko im Fall der Ukraine klar verdeutlicht. Mit anderen Worte:  Für Risikobuchhalter liegen diese Gefahren außerhalb ihrer Vorstellungswelt von Excel, Dashboards & Co. Das Resultat? Pleiten, Pech und Katastrophen. Und davon sind die Medien voller Beispiele – gerade von renommierten Konzernen, die es aus ihrer Erfahrung heraus besser wissen müssten.

Aber erst wenn sich die Unternehmen vom Rückspiegelblick verabschiedet haben und mit Szenario-orientierten Ansätzen in die Zukunft schauen, bietet Risikomanagement ein solides Navigationsinstrument für Unternehmen. Dann wäre auch der Absturz der MH17 der Malaysia Airlines vermeidbar gewesen.

[ Bildquelle: © Jonathan Stutz - Fotolia.com ]


Kommentare zu diesem Beitrag

RiskNET Redaktion/18.07.2014 13:09
+++ Allianz ist Rückversicherer für Flug MH17 +++

Die Allianz ist der Hauptrückversicherer des am Donnerstag über der Ostukraine abgestürzten Flugzeugs der Malaysia Airlines. Wie eine Sprecherin bestätigte, läuft die Rückversicherung für die Kasko- und Haftpflichtversicherung des Fliegers über den Konzern aus München. Demnach versichert der Industrieversicherer Allianz Global Corporate & Specialty die jeweiligen Versicherungssummen eines Pools an Erstversicherern rück.

Einer Studie des britischen Versicherungsbrokers Aon zufolge, die in einem Bloomberg-Bericht zitiert wird, beträgt der Flugzeugwert 97,3 Millionen US-Dollar. Die Allianz wollte diese Summe nicht bestätigen. "Es ist noch viel zu früh, sich zur Schadenshöhe zu äußern. Es dauert nach einem solchen tragischen Unglück leider oft Monate, bis die korrekte Schadenshöhe ermittelt ist", so die Sprecherin. Zunächst müsse die Ursache für den Absturz festgestellt werden. Die Allianz sei mit allen Beteiligten in Kontakt und werde den Kunden Malaysia Airlines voll unterstützen, sagte die Sprecherin weiter.

Die Boeing mit der Flugnummer MH17 war am Donnerstag von Amsterdam nach Kuala Lumpur unterwegs, als sie in der Ostukraine nahe der russischen Grenze abstürzte. Die Maschine soll abgeschossen worden sein, die Hintergründe sind jedoch noch unklar. Bisher schieben sich die ukrainische Regierung und die pro-russischen Seperatisten aus der Region Donezk gegenseitig die Schuld zu.

In der Regel sind bei Flugzeugversicherungen immer mehrere Versicherer beteiligt. Zum einen müssen Kaskoschäden sowie die Passagiere über eine Haftpflichtversicherung abgesichert werden. Dafür ist in diesem Fall die Allianz zuständig. Zusätzlich gibt es eine sogenannte Kriegskaskoversicherung. Sollte sich herausstellen, dass der Flieger in Folge eines gezielten Abschusses abgestürzt ist, würde diese Versicherung greifen.
RiskNET Redaktion/21.07.2014 13:54
"Der Abschuss der Boeing 777 der Malaysian Airlines über der Ostukraine hat, wenn man das überhaupt so sagen darf, für deutsche Fluggäste positive Folgen: Nun folgt auch die Lufthansa dem Beispiel von British Airways und Air France, die seit längerem schon die Krisenregion meiden. Achtmal täglich war die Lufthansa bis zum Unglückstag über die Köpfe der mit Flugabwehrraketen ausgestatteten Separatisten hinweggedüst. Die Toten haben den Lufthansa-Vorstand wenn schon nicht klüger, so doch vorsichtiger gemacht." [Quelle: Handelsblatt Morning Briefing vom 21. Juli 2014]
RiskNET Redaktion/27.07.2014 20:49
+++ Pilotenvereinigung attackiert Lufthansa +++

Die Pilotenvereinigung Cockpit hat die Lufthansa scharf dafür kritisiert, dass sie ab Samstag wieder nach Tel Aviv fliegt. "Wir können die Entscheidung aus sicherheitstechnischer Sicht nicht nachvollziehen. Unseren Erkenntnissen nach hat sich in den letzten Tagen absolut nichts an der Bedrohungslage geändert", sagte Cockpit-Sprecher Jörg Handwerg Handelsblatt Online.
Aus Handwergs Sicht ist der "Schutzschirm" der Israelis nicht in der Lage, 100 Prozent der Raketen abzufangen. "Auch gibt es Möglichkeiten die Effektivität des Schutzschirmes auf Kosten der Treffgenauigkeit durch geeignete technische Maßnahmen deutlich zu reduzieren."
http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/fluege-nach-tel-aviv-pilotenvereinigung-attackiert-lufthansa/10253948.html

[Quelle: Handelsblatt Online]

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