Rezension

Zwei Dutzend Denkanstöße zum Diskutieren, Weiterdenken und Weitersagen

Zombies, Hacker und legale Drogen

Frank Romeike [Chefredakteur RiskNET]23.05.2015, 18:31

Das Verhältnis vieler Bürger in Deutschland zu Markt, Politik, Sicherheit, Freiheit und Demokratie ist – vorsichtig formuliert – irritierend bis schockierend. Einer aktuellen Studie der Freien Universität Berlin zufolge denken mehr als 60 Prozent der Bürger, dass in Deutschland keine echte Demokratie herrscht. Schuld sei der starke Einfluss der Wirtschaft auf die Politik, die mehr zu sagen habe als der Wähler. Jeder Dritte ist davon überzeugt, dass der Kapitalismus zwangsläufig zu Armut und Hunger führe. Drei von zehn Befragten gaben an, sie könnten sich eine wirkliche Demokratie nur ohne Kapitalismus vorstellen. Dies führt dann zu dem Ergebnis, dass 37 Prozent aller West- und 59 Prozent aller Ostdeutschen kommunistische und sozialistische Gesellschaftsformen für eine gute Idee halten. Der Markt wird als gierig und ungerecht verschrien. Eine Studie des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) – an der sich immerhin 1.487 Menschen beteiligten – führt zu weiteren höchst irritierenden Ergebnissen: Sicherheit im Internet ist wichtiger als Freiheit. 61 Prozent der Befragten sehen den Staat in der Pflicht, die Bürger zu schützen. Gleichzeitig geht die Hälfte der Befragten davon aus, dass der gleiche Staat sie bei der digitalen Kommunikation überwacht. Bereits Benjamin Franklin wusste: Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren.

Henning Lindhoff, stellvertretender Chefredakteur des liberalen Monatsmagazins "eigentümlich frei", hält mit seinem Buch "Zombies, Hacker und legale Drogen" gut recherchierte und stringent dargelegte Gegenargumente bereit. Er zeigt auf, wie die natürlichen Gesetze des Marktes beschaffen sind, und wie sie zum Vorteil aller Beteiligten wirken, und warum ihre Mechanismen und Wirkungsweisen nicht von Menschenhand und Menschengeist unterdrückt werden können. Der Markt wirkt immer, so der Autor. Auch dann, wenn die Menschen seine Regeln nicht verstehen und ihn gerade deshalb als schädlich erachten. "Träfen sich zwei Menschen auf einer einsamen Insel, würden sie ganz automatisch die Regeln des freien Marktes anwenden. Sie würden Eigentum definieren, ihre Talente entfalten und Kooperation üben. Und sie würden stets versuchen, besser zu sein als der andere. Sie würden im Wettbewerb stehen. Dies ist der natürliche Instinkt der Menschen. Und deshalb ist der Markt die natürliche Ordnung, die Ordnung, die keinen Planer, keinen Verwalter und keinen Herrscher benötigt. Der Markt folgt den Menschen. Im Gegensatz zum Markt steht die Politik."

Autor Lindhoff zeigt auf, dass politische Systeme immer zum Scheitern verdammt sind. Jeder Versuch, auf einem politischen Weg Einfluss auf den Markt zu nehmen, endet in falschen Anreizen und schädigt das Signalsystem des Marktes. Politik und Markt vertragen sich nicht miteinander, so die Argumentation. Der Markt ist geprägt von Demut. Er kennt keine Herrschaft. Doch wo die Politik den Thron bestiegen hat, kennt sie kein Pardon, kein Miteinander. "Während der Markt gerade durch eine reichhaltige und bunte Angebotspalette seinen Glanz erhält, dulden politische Systeme und gesellschaftliche Großentwürfe keine alternativen Lebensmodelle und unterdrücken die Kraft und Kreativität von Individuen und kleinen, selbstorganisierten Gemeinschaften."

Das Buch gliedert sich in acht Abschnitte. Unter den Schlagworten Leben, Riskieren, Planen, Schwitzen, Handeln, Finanzieren, Investieren und Zurückblicken hat Henning Lindhoff seine Einwände für die Freiheit subsummiert.

Hierbei reicht die Palette der Themen von Kultur und Politik, Liberalisierung von Drogen, sozialer Gerechtigkeit, Amazon und Entwicklungshilfe bis zur Share Economy. In zwei Dutzend kurzen Texten liefert der Autor Denkanstöße und räumt mit falschen Mythen auf. Er zeigt auf, dass der Markt im Kapitalismus der Ort ist, an dem sich Menschen von Tag zu Tag treffen und austauschen. Und das Ganze gelingt auf eine äußerst friedfertige Weise, weil die natürlichen Gesetze des Marktes mit den naturgegebenen Instinkten des Menschen korrespondieren.

Der größte Verdienst des vorliegenden Buchs liegt darin, dass Henning Lindhoff mit dogmatischen Scheinwahrheiten aufräumt und festzementierte Gedankengebäude einreißt oder zumindest deren Fundament zerstört. Das Buch räumt radikal mit  langlebigen und hartnäckigen Mythen rund um wirtschaftspolitische Interventionsaktionen auf. Staatliche Intervention nimmt den Bürgern Geld und verteilt es nach eigenen Logiken. Planwirtschaft ersetzt Marktwirtschaft.

Fazit: Ein kurzweiliges Lesevergnügen, das Argumente und Munition für kontroverse Diskussionen liefert.

 

 



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