News

Geldpolitik

Zentralbanken überschätzen Fähigkeit zur Inflationssteuerung

Redaktion RiskNET22.09.2017, 11:51

Der Chefvolkswirt der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), Claudio Borio, hat die Zentralbanken davor gewarnt, ihre Fähigkeit zur Inflationssteuerung zu überschätzen. Bei einer Veranstaltung der britischen Denkfabrik Omfif stellte Borio laut vorab verbreitetem Redetext grundlegende Annahmen in Frage, auf denen die aktuelle Geldpolitik beruht - darunter die Existenz eines gleichgewichtigen Neutralzinses. Er riet den Zentralbanken, in ihrer Geldpolitik stattdessen stärker Finanzzyklen zu beachten.

"Es lohnt sich, über die Nützlichkeit des Konzepts eines neutralen Zinsen für die Geldpolitik nachzudenken", sagte Borio demnach. Der neutrale Zins sei jener Zins, der sich einstelle, wenn in einer Volkswirtschaft Vollbeschäftigung herrsche. Für Preisstabilität soll die Zentralbank sorgen, denn "Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen", wie der Ökonom Milton Friedmann einst postulierte. Andererseits hat die Geldpolitik laut dem herrschenden Konsens keinen langfristigen Einfluss auf "reale" wirtschaftliche Größen.

Borio stellt jedoch beide Annahmen in Frage. "Wir sollten die Fähigkeit der Zentralbank zur Feinabstimmung von Inflationsraten nicht überschätzen", sagte Borio. Zwar könne eine Zentralbank wohl die Inflation beeinflussen, doch spielten reale Faktoren womöglich eine größere Rolle als bisher angenommen.

Zentralbanken könnten am Rückgang der Realzinsen Anteil haben

Zudem hätten die Zentralbanken an dem seit den 1980er Jahren anhaltenden Rückgang der Realzinsen selbst großen Anteil, obwohl die Theorie das für unmöglich erkläre. Der Grund liegt laut Borio darin, dass die Zentralbanken versuchen, die Inflation zu kontrollieren, um sicherzustellen, dass sich die Marktzinsen der Annahme entsprechend langfristig in Richtung des neutralen Zinses bewegen, der seinerseits aber eine rein hypothetische Größe sei.

Wenn nun aber, wie derzeit zu beobachten, die Inflation trotz Vollbeschäftigung nicht anziehe, sei nach diesem Denkmodel der Schluss unausweichlich, dass der neutrale Zins (an dem die Zentralbank ihre Geldpolitik ausrichtet) gesunken sei. Das sei auch der Grund, warum so oft die Annahmen über zwei andere nicht messbare Größen, die neutrale Arbeitslosenquote (NAIRU) und die Potenzialrate, revidiert würden.

Laut Borio könnte der lang anhaltende Rückgang der Realzinsen auf drei geldpolitische Ursachen zurückgehen: Erstens auf die Zinsnormalisierung nach der Politik der Inflationsbekämpfung durch den damaligen Fed-Chef Paul Volcker; zweitens auf die asymmetrischen Reaktionen der Zentralbanken auf Finanzmarktbooms und -zusammenbrüche in einem wegen der Globalisierung disinflationären Umfeld; drittens auf den Versuch der Zentralbanken, die nunmehr unerwünscht niedrige Inflation nach dem Ende der Finanzkrise anzutreiben.

Zentralbanken gegen Auswirkungen von Globalisierung und Technologie machtlos

Der BIZ-Chefvolkswirt verwies in diesem Zusammenhang auf die inflationssenkenden Auswirkungen der Globalisierung und prognostizierte ebenso große Auswirkungen für die gerade laufende technologische Innovation. Beide entzögen sich dem Einfluss einer regionalen Geldpolitik und seien positiv zu bewertende angebotsseitige Entwicklungen. Sie wären eine Erklärung dafür, dass die Inflation derzeit nicht zu den Auslastungsraten von Arbeitsmärkten passe. "Das legt zumindest den Gedanken nahe, den Zeithorizont, innerhalb dessen die erwünschte Inflationsrate erreicht werden soll, etwas weiter zu fassen", sagte er.

Den unter dieser Annahme entstehenden geldpolitischen Spielraum sollten die Zentralbanken dazu nutzen, in ihrer Geldpolitik den sogenannten Finanzzyklus stärker zu berücksichtigen, als das langfristige Auf und Ab an den Finanzmärkten. "Die hohen und langfristige Kosten von Finanzmarkkteinbrüchen und Bankenkrisen sind gut dokumentiert", sagte Borio. Die Geldpolitik würde auf diese Weise eine langfristigere Orientierung gewinnen, und in der längeren Frist seien Preis- und Finanzstabilität zwei Seiten der gleichen Medaille, argumentierte er.

[ Bildquelle: © pure-life-pictures - Fotolia.com ]


Kommentare zu diesem Beitrag

Keine Kommentare

Themenverwandte Artikel

Interview

Garantenpflicht

Haftung eines Risikomanagers

Redaktion RiskNET16.07.2018, 19:30

Der Bundesgerichtshof (BGH) hat in seinem Urteil vom 17.07.2009 (Az 5 StR 394/08) einen Leiter einer Rechtsabteilung und Revision wegen Beihilfe zum Betrug durch Unterlassen zu einer Geldstrafe von...

Studie

Qualitative Evaluationsstudie

Risikomodellierung, Predictive Analytics und Big Data

Frank Romeike | Stefan Trummer19.06.2018, 08:07

Das Banken- und Versicherungsumfeld ist seit vielen Jahren im Umbruch. Dazu haben in nicht unerheblichem Maße die Aufsichtsbehörden und Standardsetter beigetragen. Wurden bis Mitte der 2000er...

Interview

Mundus vult decipi

Was tun mit Fake News?

Redaktion RiskNET06.06.2018, 14:24

Wahrheit oder Lüge? Wer kann das in unseren digitalen Zeiten noch beantworten? Umso wichtiger sind klare Parameter und ein methodisch sauberes Vorgehen, um Fake News zu enttarnen. Dafür plädiert...

Kolumne

Machine Learning-basierte Klassifikation von Marktphasen

Krisen frühzeitig identifizieren

Dimitrios Geromichalos [RiskDataScience]23.05.2018, 12:30

Wie in der Vergangenheit immer wieder beobachtet werden konnte, verhalten sich Märkte oftmals irrational und zeichnen sich – neben dem "Normal-Zustand" – durch Phasen im Krisen- und...

Kolumne

Geopolitik und Ökonomie

Über den Einfluss politischer Krisen

Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.16.05.2018, 11:45

Mehr als sonst ist in den Börsenkommentaren in diesem Jahr nicht nur von ökonomischen Faktoren die Rede. Immer mehr Raum wird den politischen Krisenherden in der Welt eingeräumt. Da geht es um Iran...