Kolumne

Gedankenspiele

Zehn Überraschungen des Jahres 2016

Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.23.12.2015, 05:17

Dies ist das elfte Jahr, in dem ich diese Überraschungen schreibe. Was ich in dieser Zeit gelernt habe: Man kann sich noch so abwegige und vielleicht dumme Dinge ausdenken. Die Realität ist oft noch kreativer. Vor einem Jahr hat wohl niemand mit dem Stottern der US-Konjunktur und einer Verschiebung der Zinserhöhung auf den letztmöglichen Termin des Jahres gerechnet. Trotzdem kam es.

Wo wird die Realität wohl diesmal meine Thesen einholen? Wie immer gilt das "Caveat": Dies sind keine Prognosen. Die einzelnen Szenarien sollen auch kein in sich konsistentes Bild ergeben. Es sind Gedankenspiele. Manchmal überwiegen die Gedanken, manchmal das Spielerische. Also nehmen Sie es nicht zu ernst, aber wundern Sie sich nicht, wenn manches doch eintritt.

Erstens: Nach sieben Jahren Aufschwung platzt die Blase an den Aktien- und Rentenmärkten. Der DAX fällt auf einen Stand von 5.000. Die Rendite 10-jähriger Bundesanleihen geht auf 3 Prozent nach oben. Wertpapierbesitzer fühlen sich betrogen, weil man sie nicht auf die Gefahren hingewiesen hat. Sparbuch-Besitzer jubeln, weil ihre Entscheidung, keine Aktien zu kaufen, doch richtig war. Analysten streiten sich um den Titel, wer den Crash als erster vorausgesagt hat.

Zweitens: Die Bankaufsicht in Deutschland verbietet die Fintecs. Das Bankgeschäft sei für die Volkswirtschaft zu wichtig, als dass man es so kleinen Firmen überlassen könne, die man im Übrigen wegen ihrer Vielfalt auch nicht richtig kontrollieren könne. Die Banken beteuern, dass sie mit dieser Entscheidung nichts zu tun haben. Sie bieten den Fintecs an, unter dem Dach ihrer Häuser zu arbeiten. Sie dürften dabei auch die hauseigene IT benutzen. Die Fintecs lassen sich darauf nicht ein und gehen stattdessen ins Ausland.

Drittens: Die Große Koalition in Deutschland bricht auseinander. Aber nicht, weil sich die Parteien verkrachen, sondern weil die Kanzlerin die 2017 anstehenden Wahlen vorziehen will. Sie befürchtet, dass die Probleme mit den Flüchtlingen so groß werden könnten, dass sie dann um ihre Mehrheit bangen müsste. Der Bundespräsident zögert mit der Auflösung des Parlaments. Die AfD will dagegen klagen.

Viertens: Die Fußball-Europameisterschaft in Frankreich wird abgesagt. Grund sind aber nicht mögliche terroristische Gefahren. Die TV-Übertragungsrechte sind zu teuer geworden. Die öffentlichen Fernsehanstalten können sich die Kosten nicht mehr leisten. Es gibt einen Aufschrei in der Bevölkerung. Finanzminister Schäuble bringt eine Fußballsteuer ins Gespräch, mit der die Fernsehrechte finanziert werden könnten.

Fünftens: Das Flüchtlingsdrama wird auf unerwartete Weise gelöst. Die Migranten kehren in ihre Länder zurück. Sie fühlen sich in Deutschland nicht wohl. Das Klima ist zu schlecht, die Sprache zu schwer. Sie können sich keine neue Existenz aufbauen, weil sie nicht arbeiten dürfen. Die Deutschen sind verdutzt. Sie wissen nicht, was sie mit den neu gebauten Unterkünften machen sollen. Es fehlt an Bewerbern für einfache Arbeiten. Die Konjunktur bricht wegen mangelnder Nachfrage zusammen.

Sechstens: Der Aufschwung der Weltwirtschaft setzt sich nicht fort. Es gibt eine ausgeprägte Konjunkturabschwächung, ausgelöst von den Schwellen- und Entwicklungsländern und verstärkt durch China, Japan und die USA. Die amerikanische Notenbank Federal Reserve ist gezwungen, die Zinserhöhung zurückzunehmen. Die Europäische Zentralbank jubelt, weil ihre Kritiker doch nicht recht hatten. Sie erhöht die Wertpapierkäufe noch einmal.

Siebtens: Beim Krieg gegen den IS im Nahen Osten stoßen ein russischer und ein amerikanischer Bomber zusammen. Niemand weiß, wer schuld ist. Russland droht mit dem Einsatz von Atombomben gegen Amerika. Die Welt steht kurz vor einem neuen Weltkrieg. Erst in letzter Minute findet sich glücklicherweise eine Lösung.

Achtens: BMW tut sich mit der amerikanischen Autofirma Tesla zusammen und baut Elektroautos, die billiger sind und mit einer Batterie mehr als 500 km fahren können. Der Absatz übersteigt alle Erwartungen. Deutschland gewinnt seinen Ruf als innovativster Autobauer der Welt zurück. Dafür sind noch nicht einmal staatliche Subventionen nötig.

Neuntens: Der amerikanische Schauspieler George Clooney verkracht sich mit seinem Werbepartner Nespresso. Angesichts des Chaos bei den republikanischen Präsidentschaftsbewerbern bewirbt er sich um das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten. Die Partei ist begeistert. Sie sieht die Möglichkeit, sich endlich von Donald Trump zu lösen.

Zehntens: Die chinesische Regierung ist zunehmend unzufrieden mit der Wirtschaft und den Finanzen des Landes. Schließlich greift sie zu radikalen Mitteln. Sie verhaftet den Chef der Shanghaier Börse. Sie wirft ihm vor, sich nicht genug für den Anstieg der Aktienkurse einzusetzen. Er muss so lange im Gefängnis bleiben, bis der Shanghai Composite-Index wieder auf 5.000 kommt.

Elftens: Die Bildung der Deutschen wird immer schlechter. Vor allem an technischen und mathematischen Fähigkeiten fehlt es. Damit man das nicht so sehr merkt, schaffen die Schulen die "MINT"-Fächer ab. Da kann es dann schon passieren, dass man sich bei den Überraschungen verzählt ...

Autor: 

Dr. Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.

Dr. Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.

[ Bildquelle: © Creativa Images - Fotolia.com ]


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