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Zehn Überraschungen des Jahres 2014

Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.17.12.2013, 20:17

Eigentlich dürfte es im nächsten Jahr gar keine Überraschungen geben. Selten gab es einen Jahreswechsel, an dem sich die Analysten so einig waren über den weiteren Gang der Entwicklung. 2014 wird sich die Konjunktur erholen. Die Geldentwertung wird niedrig bleiben. Die Zinsen werden leicht ansteigen. Wo ist da noch Raum für Überraschungen?

Man könnte es aber auch umgedreht sehen. In einer Zeit relativer Sicherheit über die weitere Entwicklung sind Überraschungen besonders gefragt. Ich bekam diesmal wieder viele Nachfragen nach dieser Zusammenstellung von zehn Überraschungen – und wieder eine große Anzahl von Anregungen. Es waren so viele dass ich sie gar nicht alle verwenden konnte. Vielen Dank für die Hilfe.

Hier also wie in den vergangenen Jahren zehn Entwicklungen, die so niemand auf der Rechnung hat, die aber auch keiner ausschließen kann. Die einzelnen Szenarien sind keineswegs konsistent. Wie üblich sind es – Gott behüte – keine Prognosen.

Erstens: Je näher das Ende der Eurokrise rückt, umso mehr bildet sich eine Aufbruchsstimmung in den Peripherieländern. Das Wachstum im Euroraum beschleunigt sich auf real 3 Prozent. Das ist mehr als in den USA. Das hat es bisher noch nicht gegeben. Es stärkt das Selbstbewusstsein der Europäer und macht die "alte Welt" in der "neuen Welt" wieder attraktiver.

Zweitens: In der Europäischen Zentralbank gibt es Streit (dessen Gründe niemand so richtig versteht). EZB-Präsident Draghi tritt in einem Eklat zurück. Nachfolger wird der deutsche Bundesbankpräsident Weidmann. Eine seiner ersten Amtshandlungen ist die Anhebung der Zinsen. Griechenland überlegt, ob es jetzt nicht doch endlich aus der Gemeinschaft austreten soll. Es wird aber von den guten Wachstumsaussichten zurückgehalten.

Drittens: In Frankreich saugt Präsident Hollande Zuversicht aus seinen Erfolgen bei den militärischen Interventionen in Afrika. Seine Zustimmungswerte in der Bevölkerung steigen unerwartet an. Er nutzt die Gunst der Stunde, erhöht das Rentenalter auf 70 Jahre und flexibilisiert den Arbeitsmarkt. Das stärkt sein Standing auch in der EU. Er verdrängt die deutsche Bundeskanzlerin Merkel als Krisen-Manager im Europäischen Rat.

Viertens: In Großbritannien stürzt Premierminister Cameron. Die Banken in der City setzen durch, dass das Land der Währungsunion beitritt und seine Währung Pfund aufgibt. Der Preis: Die Europäische Zentralbank muss von Frankfurt nach London umziehen. Prinz William verzichtet auf seine Ansprüche auf die Thronfolge und kandidiert als Präsident des Europäischen Rats. Die bayerische Staatsregierung macht eine Eingabe, dass Europa eine Monarchie wird. Die Menschen könnten sich dann eher mit dem Euro anfreunden.

Fünftens: In Deutschland kommt es zu einem Blackout, bei dem vier Millionen Haushalte ohne Strom sind. Um eine Wiederholung zu verhindern, beschließt die Bundeskanzlerin, die Energiewende rückgängig zu machen. Es gibt wieder Atomstrom. Sie gibt den beiden Versorgern E.ON und RWE die Schuld an dem Blackout. Beide Unternehmen sollen wegen "marktwidrigen" Verhaltens verstaatlicht werden.

Sechstens: Die Große Koalition in Deutschland stößt in der Öffentlichkeit immer mehr auf Ablehnung, weil sie keine Reformen wagt. Deutschland fällt beim Wachstum in der Währungsunion zurück und landet auf einem der letzten Plätze. SPD-Chef Sigmar Gabriel erkennt die Gefahren. Er zieht die Notbremse und schlägt gegen den Widerstand von Kirchen und Gewerkschaften vor, die Ladenöffnungszeiten in Deutschland auch auf Sonntage zu erweitern. Das soll den Konsum ankurbeln. Die Bundeskanzlerin drängt, dass Gabriel aus dem Kabinett entlassen wird.

Siebtens: In Russland kommt Präsident Putin bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Sein Nachfolger liberalisiert die Märkte und fördert die Wirtschaft. Russland soll unabhängiger werden von der Ölgewinnung und auch andere Produkte produzieren. Das Wirtschaftswachstum zieht an. Am Ende wird Russland einen Antrag auf Assoziierung bei der Europäischen Gemeinschaft stellen.

Achtens: Der Ölpreis (derzeit 110 Dollar je Barrel) sinkt wegen des zusätzlichen Angebots der Amerikaner und des Iran. Der Verbraucherpreisindex in Europa geht zurück. Es kommen Deflationsbefürchtungen auf. Die Staats- und Regierungschefs in Brüssel diskutieren die Idee, die Internetwährung Bitcoin als offizielles Zahlungsmittel anzuerkennen, um die Liquidität auf den Märkten zu erhöhen.

Neuntens: Die EZB führt negative Zinsen auf Bankeinlagen ein. Die Kreditwirtschaft gibt dies an ihre Kunden weiter. Es kommt zu einem "Bank Run": Die Menschen stürmen in einem Maße in ihre Filialen, um Bargeld abzuheben, dass der Gesamtbestand an Münzen und Noten in Europa nicht mehr ausreicht. Die Banken verteilen Gutscheine, die einen Anspruch auf Bargeld verbriefen. Das wird eine Konkurrenz zum Euro.

Zehntens: Slowenien bittet den Rettungsschirm ESM um Hilfe. Die Finanzminister lehnen das Gesuch jedoch mit Hinweis auf die "No-Bailout-Klausel" ab. Es kommt zum ersten Staatsbankrott in der Gemeinschaft. Alle sind überrascht, dass die Währungsunion trotzdem nicht Schaden nimmt. Im Gegenteil: Ausländische Investoren legen noch mehr Geld in Europa an. Andererseits denkt mancher, ob es nicht auch anderswo Schuldenschnitte geben könnte.

 

Autor: Dr. Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.

 



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RiskNET Redaktion/18.12.2013 10:42
+++ Menke (BaFin) spricht sich gegen Regulierungspause aus +++

Die deutsche Finanzaufsicht hält derzeit nichts von einer Regulierungspause für die Kreditwirtschaft. "Man muss sehen, dass die Banken in den vergangenen Jahren viel Vertrauen verspielt haben, das noch nicht wiederhergestellt ist. Deshalb finde ich es folgerichtig, über weitere Regulierung zu sprechen", sagte Frauke Menke, Leiterin der Aufsicht über private Groß- und Auslandsbanken bei der BaFin, dem Handelsblatt.

Die einflussreiche Abteilungspräsidentin stellt sich damit auf die Seite von Finanzminister Wolfgang Schäuble. Der CDU-Politiker hatte Anfang Dezember gerügt, dass Banken fünf Jahre nach dem Höhepunkt der Finanzkrise immer noch sehr "kreativ" dabei seien, Vorschriften zu umgehen. Deutsche-Bank-Chef Jürgen Fitschen hatte dies zurückgewiesen und Schäubles Äußerungen populistisch genannt, was den CDU-Politiker wiederum zu der Kritik veranlasst hatte, Fitschen habe sich im Ton vergriffen.

Geht es nach Menke, werden die Grenzen der Regulierung eng gezogen: "Man könnte über ein Verbot bestimmter besonders risikoträchtiger Geschäfte nachdenken." Idealerweise sollte das auf Basis international harmonisierter Regeln erfolgen. Menke warnt die Aufseherkollegen und die Politik aber auch, sich mit zu komplexen Vorschriften zu verzetteln: "Wir brauchen daher dringend ein schlagkräftiges, aber einfaches Regelwerk."

Die Bankenaufseherin, deren Abteilung unter anderem für die Deutsche Bank und die Commerzbank zuständig ist, nahm auch Stellung zu den laufenden Ermittlungen über mögliche Manipulationen an den Märkten. "Das Thema Benchmarks beziehungsweise Preisfestsetzungen insgesamt, also Libor, Devisenhandel sowie Gold- und Silberfixing, nehmen wir sehr ernst. Wir betreiben alle Untersuchungen sehr intensiv. Solange eine Untersuchung nicht endgültig abgeschlossen ist, kann man weder sagen, ob das Senior Management involviert war, noch, ob es nicht involviert war."

Problematisch seien die vielen Kommunikationssysteme der Händler. "Hier wird man sich etwas überlegen müssen, damit nachträgliche Prüfungen leichter werden. Wenn man für die Wiederherstellung der Aufzeichnungen Monate braucht, dann ist das zu lang", sagte Menke.

Die BaFin-Aufseherin gehört laut Handelsblatt zum engen Favoritenkreis als Nachfolgerin für Bundesbank-Vizepräsidentin Sabine Lautenschläger. Zum Kandidatenkreis für die Nachfolge gehöre auch die Wirtschaftsweise Claudia Buch. Wunsch der Bundesregierung sei es, dass wieder eine Frau in den Vorstand der Bundesbank einzieht, berichtet das Blatt unter Berufung auf Kreise aus Bundesregierung und Bundesbank. Eine Entscheidung sei noch nicht gefallen. Bei Bundesregierung und Bundesbank war zunächst niemand für eine Stellungnahme zu erreichen.
RiskNET Redaktion/30.12.2013 09:26
+++ Mittelstand erwartet "rundum gutes" Jahr 2014 +++

Der deutsche Mittelstand will im Jahr 2014 "kräftig investieren und zusätzliche Mitarbeiter einstellen". Das zeigt eine Umfrage des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW), die Verbandspräsident Mario Ohoven in Berlin vorstellte. "Der Mittelstand geht optimistisch in das neue Jahr", sagte er bei einer Pressekonferenz. "Die Ergebnisse lassen ein rundum gutes 2014 erwarten." Komme es zu keinem Wiederaufflammen der Eurokrise, seien 1,8 Prozent Wirtschaftswachstum "sehr realistisch".

Nach der repräsentativen Umfrage unter knapp 3.300 Unternehmen vom 9. bis zum 11. Dezember schätzen über 90 Prozent der Klein- und Mittelbetriebe ihre momentane Geschäftslage als befriedigend oder besser ein, und fast 38 Prozent erwarten Umsatzsteigerungen im ersten Halbjahr 2014. Dies sind nach Angaben des Verbandes zehn Prozentpunkte mehr als vor einem Jahr.

Knapp 32 Prozent planen 2014 mehr Investitionen als in den vergangenen zwölf Monaten, und fast 35 Prozent der Mittelständler wollen im kommenden Jahr zusätzliche Mitarbeiter einstellen. Ohoven rechnete mit mittelständischen Investitionen von 180 bis 190 Milliarden Euro und damit 20 bis 30 Milliarden mehr als in diesem Jahr sowie "bis zu 250.000 neuen Jobs, wenn die Rahmenbedingungen stimmen".

Für 2014 rechnen demnach gut 42 Prozent der Unternehmer mit einem Wirtschaftsaufschwung in Deutschland. Die größten Sorgen bereiten ihnen laut Ohoven die Steuerlast, die Energiekosten und der Fachkräftemangel. "Eine tiefgreifende Steuerreform ist überfällig", konstatierte er. Dies forderten 62 Prozent der Mittelständler von der Bundesregierung. Die Unternehmer erwarteten "investitionsfreundlichere Rahmenbedingungen, insbesondere in der Steuerpolitik". Als ersten Schritt verlangte Ohoven eine steuerliche Freistellung aller im Betrieb verbleibenden Gewinne. Er forderte zudem einen "Neustart" in der Energiepolitik und kritisierte allgemein den Koalitionsvertrag.

Die Erhebung des Mittelstandsverbands stützt weithin positive Einschätzungen von Unternehmen und Ökonomen für die künftige Wirtschaftslage. Erst am Donnerstag hatte das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) seinerseits eine Umfrage veröffentlicht, nach der die Unternehmen "optimistisch ins kommende Jahr" blicken. "Der Aufwärtstrend in der deutschen Wirtschaft setzt sich weiter fort." In 34 von 48 Wirtschaftszweigen rechnen die Unternehmen demnach mit einem Produktionsanstieg und höheren Umsätzen. "Schon lange nicht mehr hat die deutsche Wirtschaft so positiv in die Zukunft geschaut," betonte IW-Direktor Michael Hüther.

Der Optimismus der Verbände stützt sich vor allem auf eine robuste Binnenkonjunktur, aber auch auf bessere Aussichten außerhalb Deutschlands. Die meisten Wirtschaftsforscher haben jüngst positive Prognosen für die deutsche Wirtschaftsentwicklung gestellt. Zuletzt sagte das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) ein Wachstum im kommenden Jahr von 1,7 Prozent und im Jahr 2015 sogar von 2,5 Prozent voraus. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) bewertete die binnenwirtschaftliche Entwicklung als "sehr gut".

Auch das Bundesfinanzministerium betonte, die deutsche Wirtschaft weise "insgesamt eine gute Konstitution" auf. "Die vorlaufenden Indikatoren signalisieren, dass sich die konjunkturelle Erholung zum Jahresende fortsetzen dürfte." Die Bundesbank erwartet 2014 ein Wachstum von 1,7 Prozent und 2015 von 2,0 Prozent.

Es gibt aber auch negative Stimmen. So hat das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) eine deutlich niedrigere Wachstumserwartung angesetzt und rechnet 2014 noch nicht mit einem selbsttragenden Aufschwung. Das Bruttoinlandsprodukt wird nach der Prognose der Düsseldorfer Ökonomen nächstes Jahr nur um 1,2 Prozent zulegen. Auch das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) hat seine Prognose gesenkt.

Eine positive Wirtschaftsentwicklung im kommenden Jahr würde Hoffnungen der Großen Koalition auf ausreichenden konjunkturellen Rückenwind stützen. Die Regierung will geplante Mehrausgaben von 23 Milliarden Euro durch Haushaltsüberschüsse und Budgetreserven finanzieren und plant 2015 einen Haushalt ohne neue Schulden. Sie ist deshalb darauf angewiesen, dass die Konjunktur gut läuft. Sonst könnte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) ein Budgetproblem drohen.

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