News

Kolumne

Zehn Überraschungen des Jahres 2013

Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.20.12.2012, 07:35

Überraschungen sind keine Prognosen. Prognosen sind Entwicklungen und Ereignisse, die man für wahrscheinlich hält und auf die man sich einrichtet. Überraschungen sind das Gegenteil. Mit ihnen rechnet man nicht und stellt sich nicht auf sie ein.  

Seit acht Jahren schreibe ich nun diese "Überraschungen" des kommenden Jahres. Meist treffen ein oder zwei ein, manchmal auch erst Jahre später. Die Vorhersagequalität dieser "Überraschungen" ist damit eher mager. Das liegt einmal daran, dass das Potenzial der Überraschungen praktisch unendlich ist. Hier kann man alles aufführen, was einem einfällt. Ich greife aber nur zehn Möglichkeiten heraus. Zum anderen zeigt es aber auch, dass die üblichen Prognosen – entgegen allem, was gesagt wird – doch gar nicht so schlecht sind. Je besser die Prognosen, umso weniger Überraschungen gibt es.

Eigentlich wollte ich in diesem Jahr keine "Überraschungen" mehr schreiben. Wenn man etwas zu lange macht, droht es zur Routine zu werden. Aber dann haben mich viele Leser doch gedrängt. Zwei schickten mir, vielleicht um mich zu motivieren, sogar eigene Vorschläge für Überraschungen. Ich danke ihnen dafür (und habe sie zum Teil auch übernommen). Es scheint also doch ein Interesse an solchen Thesen zu geben. In Technik und Natur tun wir alles, um Überraschungen zu vermeiden. Niemand möchte davon überrascht werden, dass eine Brücke einstürzt. Im wahren Leben (und in der Ökonomie) ist das anders. Hier ist die Suche nach Überraschungen (so sehr sie das Geschäft von Unternehmern, Politikern und Anlegern erschwert) vielleicht auch ein Teil der Lust am Leben. Wie langweilig wäre das Frühstück, wenn die tägliche Zeitung keine Neuigkeiten brächte.

Hier also zehn Punkte, die im Jahr 2013 eintreten könnten.

Erstens: Der amerikanische Präsident gibt seinen Friedensnobelpreis zurück. Er zeigt damit, dass sich die Hoffnungen, die sich an das "Yes we can" knüpften, weder in den USA noch für die Welt als Ganzes erfüllt haben (oder sich überhaupt erfüllen lassen).

Zweitens: Der russische Energiekonzern Gazprom übernimmt eine Beteiligung am deutschen Versorger RWE. Unternehmerisch ist das eine gute Kombination, zumal die Aktien von RWE so stark gesunken sind. Die Bundesregierung versucht es mit allen Mitteln zu verhindern, um die Abhängigkeit von russischer Energie nicht zu groß werden zu lassen.

Drittens: Viele glauben, dass das Problem Griechenland im Euroraum gelöst ist. Könnte es sein, dass die sozialen Unruhen in Athen zunehmen, die Regierung Samaras zurücktreten muss und die Antieuropäer bei der Oppositionspartei Siriza durchsetzen, dass das Land die Union doch verlässt?

Viertens: In Europa wird ein Nachfolger für den bisherigen Präsidenten Van Rompuy gesucht. Die deutsche Bundeskanzlerin wird dafür ins Gespräch gebracht, weil sie als eine der dienstältesten Regierungschefs in Europa über die meiste Erfahrung verfügt, weil sie von allen geschätzt wird (und vielleicht auch weil mancher glaubt, mit einem Nachfolger in Berlin "ein leichteres Spiel" zu haben). Frau Merkel überlegt sich das. In Berlin beginnt die Suche nach Nachfolgern.

Fünftens: In der arabischen Welt, vor allem in Ägypten und Syrien hält die Eskalation noch eine Weile an, dann entspannt sich die Situation aber. Der arabische Frühling, kommt wieder. Die Eskalation zeigt, wie schwierig und blutig der Weg zu Demokratie ist. Vor allem aber dauert er länger, als viele meinen.

Sechstens: Auf den Devisenmärkten steigt der Euro auf USD 1,60. Statt stolz zu sein, dass sich die Gemeinschaftswährung erholt und international wieder geschätzt wird, setzt in Europa allgemeines Wehklagen ein. Der europäische Export leidet und die Anpassungen in den Peripherieländern werden schwerer. Die Amerikaner freuen sich.

Siebtens: Alle rechnen in einer wachsenden Weltwirtschaft mit steigenden Ölpreisen (derzeit 110 Dollar je Barrel Brent). Könnte es sein, dass Energie stattdessen billiger wird, weil in den USA durch das Fracking immer mehr Öl und Gas gefördert wird? Das stärkt die Kaufkraft der Verbraucher und hilft der Konjunktur.

Achtens: Der Goldpreis (derzeit USD 1.700) sinkt kräftig, weil China einen Teil seiner Goldbestände auf den Markt wirft. Ausländische Zentralbanken, die in den letzten Jahren ihre Dollarbestände in Gold getauscht hatten, überlegen, nunmehr die chinesische Währung in ihre Portefeuilles aufzunehmen. Die USA, aber auch private Goldbesitzer stehen im Regen. Die Chinesen freuen sich, weil es die Bedeutung ihrer Währung aufwertet.

Neuntens: Überraschung im deutschen Bundestagswahlkampf. Der Herausforderer von Bundeskanzlerin Merkel stößt in seiner eigenen Partei auf Widerstand. Bei der Bevölkerung gelingt es ihm nicht, genügend Sympathien aufzubauen. Die SPD muss in aller Eile einen neuen Kandidaten küren.

Zehntens: Cyber-Unfall in einer deutschen Großstadt. Für fast eine Woche fallen nicht nur Strom und Heizung aus, sondern alle digitalen Verbindungen. Bei den Menschen macht sich eine tiefe Depression breit, da sie nicht mehr mit anderen kommunizieren, vor allem niemandem von ihrem Unglück erzählen können.

 

Autor: Dr. Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.



[Bildquelle: © Artur Marciniec - Fotolia.com]



Kommentare zu diesem Beitrag

Keine Kommentare

Themenverwandte Artikel

Interview

Garantenpflicht

Haftung eines Risikomanagers

Redaktion RiskNET16.07.2018, 19:30

Der Bundesgerichtshof (BGH) hat in seinem Urteil vom 17.07.2009 (Az 5 StR 394/08) einen Leiter einer Rechtsabteilung und Revision wegen Beihilfe zum Betrug durch Unterlassen zu einer Geldstrafe von...

Studie

Qualitative Evaluationsstudie

Risikomodellierung, Predictive Analytics und Big Data

Frank Romeike | Stefan Trummer19.06.2018, 08:07

Das Banken- und Versicherungsumfeld ist seit vielen Jahren im Umbruch. Dazu haben in nicht unerheblichem Maße die Aufsichtsbehörden und Standardsetter beigetragen. Wurden bis Mitte der 2000er...

Interview

Mundus vult decipi

Was tun mit Fake News?

Redaktion RiskNET06.06.2018, 14:24

Wahrheit oder Lüge? Wer kann das in unseren digitalen Zeiten noch beantworten? Umso wichtiger sind klare Parameter und ein methodisch sauberes Vorgehen, um Fake News zu enttarnen. Dafür plädiert...

Kolumne

Machine Learning-basierte Klassifikation von Marktphasen

Krisen frühzeitig identifizieren

Dimitrios Geromichalos [RiskDataScience]23.05.2018, 12:30

Wie in der Vergangenheit immer wieder beobachtet werden konnte, verhalten sich Märkte oftmals irrational und zeichnen sich – neben dem "Normal-Zustand" – durch Phasen im Krisen- und...

Kolumne

Geopolitik und Ökonomie

Über den Einfluss politischer Krisen

Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.16.05.2018, 11:45

Mehr als sonst ist in den Börsenkommentaren in diesem Jahr nicht nur von ökonomischen Faktoren die Rede. Immer mehr Raum wird den politischen Krisenherden in der Welt eingeräumt. Da geht es um Iran...