Studie

Stresstest-Ergebnisse erhöhen Druck

Zahnloser Tiger oder sinnvolles Instrument?

Redaktion RiskNET01.08.2016, 06:18

Die Ergebnisse des Stresstests der Europäischen Bankenaufsicht EBA werden nach Einschätzung von Experten den Druck auf Europas Banken weiter erhöhen. Ein Analyst des Beratungshauses PwC schätzt, das bis zu neun der getesteten Banken bis zu 20 Milliarden Euro an frischem Kapital aufnehmen müssen, um ihre Bilanzen aufzubessern. Andere Experten monierten, dass es unklar bleibe, ob und wie der Test in konkrete Kapitalanforderungen übersetzt werde. Derweil wiederholte Bundesbank-Vorstandsmitglied Andreas Dombret in einem Zeitungsinterview die Forderung seines Chefs Jens Weidmann, die deutschen Banken müssten sich Gedanken um ihr Geschäftsmodell machen.

Strategy&, die Strategieberatung von PwC, rechnet mit beträchtlichen Auswirkungen auf die getesteten Banken. "Unsere Analyse der Stresstestergebnisse deutet darauf hin, dass sich voraussichtlich bis zu neun von 51 Banken zusätzliches Kapital beschaffen müssen", sagte Philipp Wackerbeck, der Leiter der Financial Services Practice bei Strategy& am Wochenende. Um welche Banken es sich im einzelnen handelt, wurde in der Pressemitteilung von PwC jedoch nicht weiter ausgeführt. Eine Sprecherin von PwC war am Wochenende zunächst nicht für eine weiterführende Stellungnahme erreichbar.

Kapitalbedarf von bis zu 20 Milliarden Euro

"Auf europaweit aggregierter Basis kann bei Eintreten des adversen Szenarios ein Kapitalbedarf von 16 bis 20 Milliarden Euro auftreten", so Wackerbeck weiter. Da die Banken derzeit aber deutlich niedrigere Renditen als vor der Finanzkrise erzielten, sei zu erwarten, "dass die Kapitalmärkte den betroffenen Banken nur zögerlich zusätzliche Finanzierungsmöglichkeiten anbieten werden", so Wackerbeck.

Die EBA und die Europäische Zentralbank hatten sich dagegen zufrieden mit den Ergebnissen der Banken im Stresst gezeigt. In einer Mitteilung lobte die Eba den europäischen Bankensektor als widerstandsfähig. Die EZB ließ verlauten, die Banken könnten heute besser mit wirtschaftlichen Schocks umgehen als im Stresstest von 2014. "In dem Ergebnis des Stresstests kommen die beträchtliche Kapitalaufnahme und die zusätzlichen Maßnahmen zum Ausdruck, welche die Banken in den vergangenen zwei Jahren zur Sanierung ihrer Bilanzen durchgeführt haben", wurde Daniele Nouy, Vorsitzende des Aufsichtsgremiums der EZB, zitiert.

Die großen deutschen Bankenverbände äußerten sich ebenfalls in einer ersten Reaktion zufrieden mit den Ergebnissen der deutschen Institute beim Stresstest der EBA und warnten vor einer "Überinterpretation" der Ergebnisse. Insbesondere mit Bezug auf den künftigen Kapitalbedarf der beteiligten Banken müssten die Ergebnisse "durch die Bankenaufsicht individuell interpretiert werden", hieß es am Wochenende in einer gemeinsamen Erklärung der deutschen Kreditwirtschaft. Es sei nicht möglich, "aus den bankindividuellen Ergebnissen direkt auf einen bestimmten Kapitalbedarf zu schließen."

Experten: Zahnloser Tiger

Genau diesen Punkt kritisierten Ökonomen und Politiker am Wochenende. Isabel Schnabel, Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung, missfällt die Tatsache, dass keine Konsequenzen aus dem Test gezogen werden. "Es bleibt intransparent, wie und ob die Stresstest-Ergebnisse in regulatorische Kapitalanforderungen übersetzt werden", sagte sie dem Berliner Tagesspiegel. Das mache "den Stresstest zu einem zahnlosen Tiger."

Lars P. Feld, ebenfalls Mitglied im Sachverständigenrat sagte, die Banken hätten noch einen weiten Weg vor sich. "Es wird noch einige Zeit dauern, bis alle faulen Kredite abgeschrieben sind." Und Lothar Binding, finanzpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, kritisierte, dass im Test die Risiken der Staatsanleihen in den Bankbüchern außen vor geblieben seien. "Das ist in der derzeitigen Situation Europas mehr als heikel", sagte er dem Tagesspiegel.

Banken müssen Geschäftsmodelle überprüfen

Unabhängig von der Kapitalausstattung hat sich mit den Ergebnissen des Stresstests laut Experten der Druck auf die Banken erhöht, ihre Erträge zu verbessern und die Abhängigkeit von Zinserträgen zu verringern, so PwC. In dieses Horn stieß am Wochenende auch Bundesbank-Vorstandsmitglied Andreas Dombret. Die Rahmenbedingungen, unter denen Banken heute arbeiteten, hätten sich angesichts von Digitalisierung, niedrigen Zinsen und strengerer Regulierung deutlich verändert, wird Dombret in einem vorab verbreiteten Interview mit der Bild-Zeitung (Montagsausgabe) zitiert. "Die Banken müssen sich dringend Gedanken darüber machen, wie sie ihre Geschäftsmodelle darauf ausrichten", so Dombret. Sie würden angesichts anhaltend niedriger Inflationsraten in Europa wohl "noch eine Weile mit niedrigen Zinsen leben müssen", so der Bundesbank-Vorstand.

Bereits am Samstag hatte Bundesbank-Präsident Jens Weidmann ähnlich argumentiert. Die Institute müssten gerade im derzeitigen Niedrigzinsumfeld weiterhin kontinuierliche ihre Geschäftsmodelle überprüfen, mögliche Konsolidierungen in der Branche nutzen, ihre Kosten senken und sich dem verschärften Wettbewerb in der Branche stellen, so der Präsident der Deutschen Bundesbank.

Wie wetterfest sind die Banken

Die Eba hatte in den vergangenen Monaten zusammen mit der EZB geprüft, wie kapitalstark und damit wetterfest die Banken bei einer Krise sind. Europas 51 wichtigste Banken bekamen dabei weitgehend eine ordentliche Kapitalausstattung im Falle von Krisen bescheinigt. Die Ergebnisse schwanken jedoch von Region zu Region und von Institut zu Institut: den skandinavischen Musterschülern stehen Sorgenkinder vor allem aus Italien und Irland gegenüber. Die deutschen Spitzeninstitute Deutsche Bank und Commerzbank gehören trotz einer robusten heimischen Wirtschaft zu den Schlusslichtern in Europa. Allerdings haben beide deutsche Privatbanken Fortschritte gegenüber dem letzten Stresstest von vor zwei Jahren gemacht.

Größter Ausreißer nach unten war beim Stresstest die italienische Banca Monte dei Paschi die Siena, die "älteste Bank der Welt". Sie wies im Stresstest-Szenario eine negative Eigenkapitalquote von 2,44 Prozent auf. Das Kapital der Bank wäre somit mehr als aufgefressen. Die Bank, die am Freitagabend einen milliardenschweren Sanierungsplan auf den Weg brachte, war nicht die einzige, die die Hürde von 5,5 Prozent riss, die Banken in einem Krisenszenario mindestens aufweisen sollten. Auch die Allied Irish Banks blieb mit 4,3 Prozent unter der Marke.

Commerzbank trägt die rote Laterne in Deutschland

Die Commerzbank ist im Stresstest der Europäischen Bankenaufsicht das Schlusslicht unter den neun deutschen Banken. Sie erreichte im Stress-Szenario 2018 bei voller Umsetzung der regulatorischen Vorgaben eine harte Kernkapitalquote von 7,4 Prozent. Mit diesem Ergebnis schaffte sie gerade noch den Sprung über die von Analysten angesetzte Mindestgröße von 7 Prozent. Sowohl im Vergleich mit heimischen Instituten als auch dem europäischen Durchschnitt kann die Commerzbank nicht mithalten.
Wie erwartet schnitt auch die Deutsche Bank mit einer Quote von 7,8 Prozent ebenfalls eher bescheiden ab.

Absoluter Ausreißer nach oben ist die NRW Bank mit einer Quote von satten 35,40 Prozent. Sie ist schom beim Stresstest vor zwei Jahren mit einer sehr konservativen Risikostrategie gut gefahren und konnte eine ähnlich hohe Quote vorweisen. Ihr folgen die Landesbank Hessen-Thüringen (10,10 Prozent), Volkswagen Financial Services (9,55 Prozent), DekaBank (9,53 Prozent), LBBW (9,40 Prozent), NordLB (8,62 Prozent) und die Bayerische Landesbank (8,34 Prozent).

Fortschritte sind sichtbar

Obwohl die Commerzbank das Schlusslicht unter den heimischen Instituten ist, hat die Bank in den vergangenen zwei Jahren doch Fortschritte gemacht. Beim Stresstest im Jahr 2014, der als weniger hart gilt, lag ihre Kernkapitalquote unter vollständiger Anwendung der regulatorischen Vorgaben im Stress-Szenario bei 6,9 Prozent. Die Commerzbank reduziert mit Hochdruck ihre Risiken. In den vergangenen zwei Jahren hat sie in der Bad Bank 54 Milliarden Euro abgebaut und 3,5 Milliarden Euro bilanzielles Eigenkapital aufgebaut. "Die Commerzbank ist widerstandsfähig", sagte Risikovorstand Marcus Chromik. "Auch unter den widrigen Bedingungen des Stress-Szenarios wäre die Stabilität der Bank gewährleistet."

Doch die Investoren sind kritisch. Das Papier der Commerzbank befindet sich seit Jahren auf Talfahrt. Diese hat sich beschleunigt, nachdem die Commerzbank jüngst einen Gewinneinbruch bekannt gegeben hat. Ihre reguläre Kernkapitalquote sank im zweiten Quartal von 12 Prozent auf 11,5 Prozent. Damit erfüllt sie zwar noch die regulatorischen Vorgaben; doch der Markt erwartet jetzt schon das für Ende 2018 geforderte, noch höhere Kapitalniveau von 11,75 Prozent. Da hilft auch die Warnung von Finanzvorstand Stephan Engels nicht, dass die Quote durchaus schwanken kann.

Deutsche Bank hält an Kapitalziel fest

Noch schwieriger gestaltet sich die Lage für die Deutsche Bank. Mit einer Kapitalquote von 10,8 Prozent im zweiten Quartal gehört sie in Europa zu den Schlusslichtern. Sie versucht, das Problem ohne eine Kapitalerhöhung zu lösen.

Aber auch bei der Deutschen Bank ist das Ergebnis im Lichte der erreichten Verbesserungen zu sehen. Die Bank wies darauf hin, dass der Stresstest 2016 erstmals auch sogenannte operationelle Risiken, zu denen unter anderem Rechtsstreitigkeiten gehören, simulierte. Diese Risiken verringerten die Kernkapitalquote der Deutschen Bank im ungünstigen Szenario um 2,2 Prozentpunkte. Unter dem Strich weist die Bank gleichwohl eine höhere Kapitalquote auf als beim letzten Stresstest vor zwei Jahren mit damals 7,0 Prozent. "Dies ist das Ergebnis harter Arbeit und vieler, oft kleiner Schritte", sagte Vorstandschef John Cryan. "Wir sind auf einem guten Weg, bis Ende 2018 eine Kernkapitalquote von mindestens 12,5 Prozent zu erreichen."

Bankenverband testiert hohe Widerstandskraft

Die deutschen Banken sind nach Einschätzung der deutschen Bankenverbände robust und widerstandsfähig für mögliche Krisen aufgestellt. Die größten deutschen Bankenverbände warnten aber davor, die Ergebnisse des von der Europäischen Bankenaufsicht durchgeführten "Stresstests" in ihrer Aussagekraft zu überschätzen: Insbesondere mit Bezug auf den künftigen Kapitalbedarf der beteiligten Banken müssten die Ergebnisse "durch die Bankenaufsicht individuell interpretiert werden."

Die hohe Widerstandskraft der deutschen Banken gehe "vor allem auf eine sehr gute Ausgangslage bei der harten Kernkapitalquote (CET1-Ratio) Ende 2015 zurück", urteilen der Bundesverband deutscher Banken, der Bundesverband Öffentlicher Banken, der Deutsche Sparkassen- und Giroverband und der Verband deutscher Pfandbriefbanken in einer gemeinsamen Presseerklärung. "Die Risikopuffer sind in Deutschland also kräftig aufgestockt worden", heißt es in der am Samstag verbreiteten Stellungnahme. Dass die Kapitalquoten im Stressfalle niedriger ausfallen, liege in der Natur der Sache, die Kernkapitalquote "blieb jedoch bei allen beteiligten (deutschen) Banken verlässlich."

Die vier Verbände warnen jedoch vor einer Überinterpretation der Ergebnisse. Im Rahmen des Stresstests seien aus Gründen der Vergleichbarkeit einheitliche Vorgaben an ganz unterschiedliche Institute gestellt worden. Begrüßt haben es die Verbände, dass die Stresstests nicht zu unmittelbaren bankaufsichtlich gebotenen Kapitalmaßnahmen führten. Es sei nicht möglich, "aus den bankindividuellen Ergebnissen direkt auf einen bestimmten Kapitalbedarf zu schließen."

[ Bildquelle: © krefografie - Fotolia.com ]


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