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Global Governance und Risikomanagement

Welt mit Zukunft: Überleben im 21. Jahrhundert

Frank Romeike [Chefredakteur RiskNET]22.10.2012, 23:43

Vor rund 40 Jahren erschütterte eine Analyse den Fortschrittsglauben der Menschheit in den Industrieländern: Der Bericht "Die Grenzen des Wachstums" an den Club of Rome. "Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht", lautete seine zentrale These. Die Studie zeigt auf, dass das aktuelle individuelle lokale Handeln Aller globale Auswirkungen hat, die jedoch nicht dem Zeithorizont und Handlungsraum der Einzelnen entsprechen. Die Ergebnisse basieren auf einer am Jay W. Forresters Institut für Systemdynamik am Massachusetts Institute of Technology (MIT) durchgeführten Computersimulation verschiedener Szenarien. Das verwendete Weltmodell diente der Untersuchung von fünf Tendenzen mit globaler Wirkung: Industrialisierung, Bevölkerungswachstum, Unterernährung, Ausbeutung von Rohstoffreserven und Zerstörung von Lebensraum.

Die Ergebnisse des Reports glichen einer Revolution und machten das Buch zu einem Weltbestseller mit über 30 Millionen verkauften Exemplaren. Seit der Veröffentlichung hat sich die Welt rasant gewandelt. 20 Prozent der Weltbevölkerung besitzt rund 80 Prozent des Weltvermögens und produziert zwei Drittel der Weltverschmutzung, darüber hinaus liegt der ökologische Fußabdruck, den die Menschheit auf dem Planeten hinterlässt, aktuell bei 1,4. Das bedeutet, dass wir 1,4-mal die Fläche unserer Erde bräuchten, um die Verschmutzung, die wir produzieren, zu neutralisieren – Tendenz steigend.
Was bedeutet es, wenn Milliarden Menschen heute so leben wollen wie die Menschen in den Industrieländern? Wenn nur rund ein Fünftel der Menschheit auf alle Ressourcen zugreift, dann ist das eine komfortable Situation. Wenn jedoch sieben Milliarden Menschen in eine ressourcenintensive Wirtschaft wechseln, dann warten in der Zukunft gewaltige Herausforderungen auf uns, möglicherweise geprägt von sozialen Unruhen und zahlreichen Umbrüchen.
Franz Josef Radermacher (* 20. März 1950 in Aachen) ist Professor für Informatik an der Universität Ulm und Leiter des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung. Bekannt geworden ist er u.a. durch sein Eintreten für eine weltweite Ökosoziale Marktwirtschaft und durch sein Engagement in der Global Marshall Plan Initiative, die sich seit 2003 für eine gerechtere Globalisierung, für eine Doch in jedem Risiko steckt auch eine Chance, so Prof. Dr. Franz J. Radermacher (Foto) in seinem Vortrag "Welt mit Zukunft – Überleben im 21. Jahrhundert" auf der RMA Jahreskonferenz 2012. Der Globalisierungsexperte, Mathematiker und Mitglied des Club of Rome zeigte in seinem Vortrag die wesentlichen Risiken auf, mit denen die Menschheit in der Zukunft konfrontiert sein wird. So werden bis zum Jahr 2050 weitere drei Milliarden Menschen auf der Erde leben. Hierbei werden die armen Menschen über die modernen Medien sehr schnell erfahren, wie Menschen in den Industrieländern leben.

Verlust des Primats der Politik

Die Welt befindet sich aktuell in einer brisanten Situation. Als Folge der ökonomischen Globalisierung befindet sich das weltökonomische System in einem Prozess zunehmender Entfesselung und Entgrenzung im Kontext des Megatrends "explosive Beschleunigung". Diese Entwicklung findet unter teilweise inadäquaten weltweiten Rahmenbedingungen statt, so Radermacher. "Heute hungern rund eine Milliarden Menschen. Wie kann es sein, dass eine Milliarden Menschen hungern, wenn wir global Nahrungsmittel für 13 Milliarden Menschen produzieren?", fragt Radermacher.

Die skizzierten Entwicklungen korrespondieren mit einem eingetretenen Verlust des Primats der Politik, weil die politischen  Kernstrukturen nach wie vor national oder, in einem gewissen Umfang, kontinental, aber nicht global sind. "Die beschriebenen Entwicklungen beinhalten zwar gewisse Chancen für Entwicklung, laufen aber gleichzeitig wegen fehlender internationaler Standards und durchsetzbarer Regulierungsvereinbarungen und der daraus resultierenden Fehlorientierung des Weltmarktes dem Ziel einer nachhaltigen Entwicklung entgegen", ergänzt Radermacher. Die Entwicklungen erfolgen teilweise zu Lasten des sozialen Ausgleichs, der Balance zwischen den Kulturen und der globalen ökologischen Stabilität. Wo liegen dabei die ganz großen Herausforderungen?

Der Bumerang-Effekt

Der Ressourcendruck verschärft sich gleich von mehreren Seiten. Hinzu kommt, dass große Teile der Eliten eine Bewältigung dieser Herausforderungen bisher nicht als ihre zentrale Aufgabe ansehen. Insofern sind neue – nämlich globale wie einem universellen Nachhaltigkeitsprinzip verpflichtete – Bildungsprozesse weltweit zu initiieren, die globalen Entscheidern übernationale wie interkulturelle und interreligiöse Motivationen vermitteln.

Die Frage der Limitation des Verbrauchs nicht erneuerbarer Ressourcen und der Begrenzung der Umweltbelastungen in einer globalen Perspektive muss in das Zentrum aller Versuche zur Erreichung zukunftsfähiger Lösungen treten, fordert Rademacher auf der RMA Jahreskonferenz in Würzburg. Der technische Fortschritt alleine, so sehr er die Umweltbelastungen pro produzierter Einheit zu senken vermag, führt aufgrund des so genannten Bumerangeffekts in der Summe zu eher mehr als zu geringeren Gesamtbelastungen der ökologischen Systeme. Mit jeder Frage nach Begrenzung stellt sich sofort die weltweite und bis heute unbeantwortete Verteilungsproblematik in voller Schärfe. 

Finanzsektor als ein "Enabler"

In seinem Vortrag beschäftigte sich Radermacher auch mit der Entgrenzung des Finanzsektors: Geld vagabundiert unkontrolliert um den Globus, sucht nach immer höheren Renditen, setzt Regierungen unter Druck und entsteht fast aus dem Nichts. Die Modifikationen der Finanzmarktregulierungen der letzten Jahre erlauben kleinen Gruppen von Premium-Akteuren die Generierung von Geld quasi aus dem Nichts durch neue Formen der Geldwertschöpfung unter Nutzung innovativer Finanzierungsinstrumente und bestimmter Formen von Schuldverschreibungen.

Gleichzeitig ermöglicht die Verlagerung von Arbeit Gewinne bei wenigen zu Lasten hoher Verluste bei vielen. Mittlerweile kommt es zum Rückbau der Sozialsysteme in reichen Ländern, zu einer "Ausplünderung" des Mittelstandes und zu erheblichen Reduktionen bei den Steuereinnahmen der Staaten. Insgesamt ist dies eine Entwicklung, bei der die Stabilität durch immer größere Kurzfristigkeit gefährdet wird, auch zu Lasten der Zukunft.

Dies hat sich für alle in der aktuellen Weltfinanz- und Weltwirtschaftskrise gezeigt. Rademacher: "Der Finanzsektor muss ein Katalysator für die Realwirtschaft sein. Die Finanzkrise ist jedoch darauf zurückzuführen, dass es für Marktteilnehmer höchst attraktive Abkürzungswege gibt." Geld wurde über Gelddrucken produziert und nicht über den Umweg der Realwirtschaft.

Drei Szenarien vorstellbar

Richtet man den Blick auf das weltweite Geschehen und blickt in die Zukunft der nächsten 50 Jahre, so resultieren aus dem beschriebenen Gesamtbild, d. h. den Risiken bezüglich Umwelt und Ressourcen einerseits und den Risiken bezüglich sozialer und kultureller Balance andererseits, drei potenzielle Zukünfte. Zwei davon gelten als extrem bedrohlich und sind nicht mit Nachhaltigkeit vereinbar.

Durch Machteinsatz zu Gunsten weniger, zu Lasten vieler – dann finden wir uns in einer Ressourcendiktatur und dazu korrespondierend in der Brasilianisierung wieder. Nur im Fall von Konsens landen wir in einem Modell mit Perspektive, einer weltweiten Ökosozialen  Marktwirtschaft. Konkret ergeben sich also drei Perspektiven: 1. Business as usual führt letztlich zum ökologischen Kollaps; 2. Brasilianisierung als wahrscheinlichste Lösung; 3. Weltweite Ökosoziale Marktwirtschaft als Perspektive.

Für ein erfolgreiches und effizientes Risikomanagement ist es wichtig, soweit wie möglich alle drei potenziellen Szenarien gleichzeitig im Blick haben und dabei politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Aspekte simultan zu analysieren.

Ein Lösungsweg: Global Marshall Plan Initiative

Die Wahrscheinlichkeit der Brasilianisierung der Erde, also das Verschwinden der Mittelschicht und Aufteilung der Bevölkerung in wenig Reiche und viele Arme liegt laut Radermacher bei 50 Prozent, die des Kollapses bei 15 Prozent. "Lenken wir aber jetzt ein, können wir unsere 35-prozentige Chance auf eine Welt mit Zukunft nutzen." Schlüssel zum Erfolg sei die Etablierung einer ökosozialen Marktwirtschaft, unter anderem mit gemeinsamen Investitionen in umweltschonende Zukunftstechnologien und Regulierung der Finanzmärkte sowie ein globaler Marshall-Plan der Quersubventionierung.

Wie benötigen eine bessere Global Governance, so die Forderung von Radermacher. Das wird nur funktionieren, wenn die reichen Länder die armen Länder unterstützen. Wie können erste Schritte in Richtung auf eine faire und globale Governancestruktur aussehen? Der frühere US-Vizepräsident und Friedensnobelpreisträger Al Gore skizzierte den Global Marshall Plan wie folgt: "Wir brauchen heute einen Global Marshall Plan, um die Welt zu retten und Milliarden besitzlosen Menschen die Möglichkeit zu geben, wirklich an der Wirtschaft teilzuhaben. Bedenken Sie, dass das Richtige richtig bleibt, auch wenn niemand das Richtige tut. Und das Falsche falsch bleibt, auch wenn alle es tun."

Das Ziel der Global Marshall Plan Initiative ist die Etablierung eines mit Nachhaltigkeit kompatiblen Ordnungsrahmens für die Weltwirtschaft: Eine weltweite Ökosoziale Marktwirtschaft. Dies bedingt eine Veränderung im Denken und in der Wahrnehmung. Ein Global Marshall Plan, d. h. ein Konzept für eine Welt in Balance, ist eine Antwort auf diese Situation.

[Bildquelle: © Sergej Khackimullin - Fotolia.com]






Kommentare zu diesem Beitrag

Sven/23.10.2012 10:33
Glückwunsch - exzellenter Text. Spannendes Thema. Die 35%ige Chance bewerte ich jedoch eher extrem optimistisches Szenario. Das Verschwinden der Mittelschicht und die Aufteilung der Bevölkerung in wenig Reiche und viele Arme ist aus meiner Sicht ein fast sicheres Szenario ... mit allen Konsequenzen die daraus folgen ;-(
Judith/23.10.2012 13:09
Es ist immer gefährlich, wenn wir aus der Perspektive eines Industrielandes über die Zukunft diskutieren. Das Konzept setzt auf einer ökosozialen Marktwirtschaft, d. h. einer gezähmten Form des Kapitalismus. Aus der Sicht eines "Schwellenlandes" werden potenzielle Zukunftsszenarien jedoch völlig anders bewertet.
markus/24.10.2012 08:30
spannendes thema ... beindruckender und interdisziplinär Vordenker ...

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