Rezension

Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik

Wahr oder wahrscheinlich?

Redaktion RiskNET24.10.2016, 11:36

Marcel Reich-Ranicki, einer der einflussreichsten Literaturkritiker, wird das folgende Zitat zugeschrieben: "Mit Statistik kann man alles beweisen, sogar die Wahrheit. Also bin ich für Statistik."

Statistiken begleiten uns im täglichen Alltag, etwa bei der Zeitungslektüre oder bei den abendlichen Nachrichten. Doch was sagen sie tatsächlich aus? Wer erstellt sie, und mit welcher Absicht, in wessen Interesse geschieht das? Wo lauern Manipulation und Effekthascherei?

In der Informationsgesellschaft finden sich zu allem und jedem Aussagen, Prognosen, Warnungen und Empfehlungen: die höchste Kriminalitätsrate, das gesündeste Gemüse, die beste Hochschule. Die Befunde werden mit Prozentwerten untermalt, mit Statistiken belegt oder anhand von Grafiken einfach und verständlich visualisiert. Im Dschungel der Zahlen und Werte öffnet sich indes breiter Raum für Manipulationen, Effekthascherei und Panikmache: Dann nämlich, wenn etwa die Bezugsgrößen der Statistik nicht stimmen oder die Adressaten die mathematischen Hintergründe der präsentierten Daten nicht durchschauen (sollen). Das kleine kompakte Büchlein von Thomas K. Bauer (Vizepräsident des RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung e.V.), Gerd Gigerenzer (Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung) und Walter Krämer (Fakultät Statistik, TU Dortmund) geht ebenso unterhaltsam wie nachdrücklich statistischen Taschenspielertricks auf den Grund und entlarvt so manche Aussage als informationelle Seifenblase. Auf diese Weise sensibilisiert es für die kritische Auseinandersetzung mit Informationen und ihren Belegen.

Das Buch sollten die Leser daher als "Beipackzettel" verstehen, als "Rote Liste" für Statistiken. Anhand zahlreicher Beispiele aus den Medien führen die Autoren die Nebenwirkungen falsch angewandter Statistiken vor. Denn die Nebenwirkungen können dramatische Auswirkungen haben.

Es wird oft behauptet, unser Gehirn sei unfähig, Risiken und Wahrscheinlichkeiten zu verstehen, so die Autoren in ihrem Vorwort. Die weit verbreiteten Probleme im Umgang mit Risiken haben nach Ansicht der Autoren andere Gründe:

  • "Erstens lernen unsere Kinder in der Schule immer noch vorwiegend die Mathematik der Sicherheit (wie Algebra, Geometrie) und eher weniger über die Mathematik der Unsicherheit, wie statistisches Denken. Wenn wir Kindern das Lesen und Schreiben nicht beibringen würden, dann bräuchten wir uns auch nicht zu wundern, wenn sie es später nicht können. Daher: Wir müssen die Lehrinhalte der Schule revolutionieren.
  • Zweitens wird Information in den Medien oft irreführend vermittelt. Wenn wir nicht gelernt haben, dies zu erkennen, sind wir mit unseren Ängsten und Hoffnungen nur allzu leicht manipulierbar.
  • Drittens vollzieht unser Gehirn Schnellschüsse, die in der Menschheitsgeschichte dem Überleben dienten, aber heute nicht immer nützlich sind. Das Mustersuchen im Kaffeesatz, das überstürzte Schließen von Mini-Stichproben auf große Grundgesamtheiten, das Ziehen schneller, aber zuweilen ungeeigneter Vergleiche und das Überbetonen extremer Ereignisse gehören dazu."

Die Gründe liegen – nach Ansicht der Autoren vor allem darin – dass viele Menschen nicht  gelernt haben, Zahlen richtig zu verstehen. Oder weil Menschen Zahlen nicht verstehen wollen. "Mit dieser Einsicht beginnt zugleich die Therapie", so die Autoren weiter. "Vielleicht sollten wir einfach mal aufhören, auf unser Unvermögen im Umgang mit Zahlen und Fakten auch noch stolz zu sein. Und den Mut haben, unsere Welt nicht so zu sehen, wie wir sie gerne hätten, sondern wie sie wirklich ist." Daher hat sich das Autorentrio das Ziel gesetzt durch viele Negativbeispiele den einen oder anderen Schleier zu lüften und uns zu sensibilisieren, damit wir zukünftig kritisch mit Informationen und statistischen Taschenspielertricks umgehen.

Fazit: Ein unterhaltsam und verständlich geschriebenes Buch, das in einer kompakten Form uns zu einem fundierten Umgang mit Statistiken und statistisch gestützten Informationen befähigt.



Kommentare zu diesem Beitrag

Keine Kommentare

Themenverwandte Artikel

Kolumne

Der Wind dreht sich

Ende der Austerität?

Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.21.09.2018, 07:45

Eine der erfreulichsten Entwicklungen der letzten Jahre war die Konsolidierung der Staatsfinanzen in vielen Industrieländern. Im Euroraum hat sich der Fehlbetrag in den öffentlichen Haushalten von...

Kolumne

BCM Kompass 2018

Herausforderungen im Business Continuity Management

Christof Born | Marc Daferner06.09.2018, 14:03

Der BCM Kompass 2018 stieß auch mit seiner 9. Auflage auf gewohnt breites Interesse bei den BCM Verantwortlichen aus 29 teilnehmenden Instituten. Das Teilnehmerfeld umfasst unter anderem sechs der...

Kolumne

Chancen- und Risikoanalyse

Das "neue Deutschland"

Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.06.09.2018, 13:14

Normalerweise schätze ich die britische Wochenzeitung "Economist" für ihre klaren Analysen und für ihr gutes Gespür für Trends in Wirtschaft und Gesellschaft. Aber selbst gute Journalisten...

Kolumne

Künstliche Intelligenz

Deep Learning in der Cashflow-Modellierung

Daniel Klinge | Lars Holzgraefe [Sopra Steria Consulting]14.08.2018, 07:19

Für die Bewertung optionaler Komponenten in der Cashflow-Modellierung von Kreditgeschäften greifen Banken in der Praxis in der Regel auf zwei Methoden zurück: Entweder baut ein Institut Zahlungen,...

Kolumne

Frühwarnsysteme

"Vorwarnungen" für die Früherkennung von Risikotrends

Robert Brunnhuber MSc02.08.2018, 09:00

Im modernen Risikomanagement begegnet man in der Praxis gerne dem Argument, wonach Krisen ohne Vorwarnungen auftreten würden. Dies ist definitorisch fragwürdig, da Krisen sowohl geeignete Bedingungen...