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Zum 20. Jubiläum

Vom Massenprodukt Smartphone und den Folgen

Redaktion RiskNET16.08.2016, 13:20

Als vor 20 Jahren das erste Smartphone auf den Markt kam, ahnte wohl niemand vom Siegeszug der neuen Technologie. Im Rahmen der CeBIT 1996 verkündete Nokia mit dem "Nokia 9000 Communicator" das Büro für die Westentasche. Das Gerät im "Westentaschenformat" war für die damalige Zeit revolutionär ausgestattet – unter anderem mit Faxfunktion, Adressbuch und Taschenrechner. Gleichzeitig war damit der Startschuss zur steilen Karriere der mobilen Endgeräte unserer Zeit gegeben. Denn aus den klobigen Smartphone-Anfängen von einst sind flache, ultraschnelle und leistungsstarke Endgeräte entstanden. Wahre Technikwunder, die unsere digitale und vernetzte Welt beschleunigen. Mobile Geräte, die den Austausch von Informationen erleichtern und für viele Menschen rund um den Globus nicht mehr aus dem beruflichen und privaten Alltag wegzudenken sind. Und der Vormarsch hält an, wie das Statistik-Portal "statista" vermeldet: "Wurden im Jahr 2010 weltweit noch rund 300 Millionen Smartphones ausgeliefert, waren es im Jahr 2013 bereits mehr als eine Milliarde. Im Jahr 2015 belief sich der Smartphone-Absatz auf mehr als 1,4 Milliarden Geräte." Gewaltige Zahlen, die Marktführer wie Apple und Samsung freuen.

Schnelllebigkeit und Statussymbol

Weniger erfreulich scheint dagegen die enorme Ressourcenverschwendung durch den ungebrochenen Smartphone-Boom. Einer der Hauptgründe liegt nach Expertenmeinung in der enormen Schnelllebigkeit der Geräte. Mit anderen Worten: was heute in, ist morgen out. Manfred Santen von Greenpeace äußert an dieser Praxis Kritik. Der Chemie-Experte der Umweltschutzorganisation Greenpeace: "Die Geschwindigkeit, mit der die Hersteller neue Modelle auf den Markt bringen, ist mit technischem Fortschritt nicht zu rechtfertigen." Das hat Folgen, denn wer möchte ein scheinbar veraltetes Gerät haben. Santen: "Die Menschen wollen nicht das Gefühl bekommen, schon nach einem Jahr ein veraltetes Smartphone zu besitzen."

Ein Knackpunkt: Das Smartphone ist heute ein Statussymbol ganzer Generationen. Wen wundert es, dass Menschen beim Thema Smartphone immer aktuell und vorne dabei sein wollen. Zu günstig sind viele Geräte in der Anschaffung, subventioniert von den Mobilfunkanbietern. Und im Gegensatz zu einem teuren Luxusauto oder der kaum bezahlbaren Penthouse-Wohnung kann sich ein Smartphone fast jeder irgendwie leisten. Das gehört mittlerweile zum "guten Ton". Wer beim Gerätecheck unter Freunden oder Berufskollegen sein Handy zückt, das außer Telefon- und SMS-Funktion nichts bietet, erntet mitleidige bis sorgenvolle Blicke der meisten Umstehenden.

Kaum Recycling

Spaß beiseite. Die Branche freut dieser Gruppen- oder Gesellschaftszwang, denn es geht schlicht und einfach ums Geschäft und die Daten der Kunden. Nicht so optimistisch sehen das die Verfechter eines nachhaltigen Umgangs mit den Ressourcen und Rohstoffen, die einem Smartphone innewohnen. Beispielsweise schreibt das Informationszentrum-Mobilfunk: "Die Rohstoffförderung und Handyproduktion sind sehr ressourcen- und energieaufwändig. Um die Umwelt zu schonen, sollten Handybesitzer ihr Mobiltelefon möglichst lange nutzen. Denn für die Herstellung jedes neuen Handys werden weitere endliche Ressourcen und Energiemengen benötigt." Greenpeace sieht das ähnlich und schreibt: "Die Hersteller verarbeiten große Mengen an Metallen wie Kobalt, Palladium oder Tantal, deren Gewinnung mit großen ökologischen Schäden in Asien, Afrika und Russland verbunden ist." Doch das ist ein hehres Ziel, denn die Zahl der ungenutzten Endgeräte steigt. In diesem Zuge stellt Greenpeace fest: "Die kurze Lebensdauer von Mobiltelefonen stellt zusammen mit steigenden Absätzen und einer extrem niedrigen Recyclingquote ein wachsendes Umweltproblem dar." Und weiter heißt es: "Mobiltelefone werden in Deutschland kaum repariert oder recycelt." Im Rahmen einer Befragung von Greenpeace (durchgeführt vom Meinungsforschungsinstitut Ipsos Mori) unter rund 1000 Menschen aus Deutschland und fünf weiteren Ländern zeigte sich, dass "nur elf Prozent der Befragten (…) ein beschädigtes Mobiltelefon" vom Hersteller haben reparieren lassen. Hierzu passt die Meldung des Digitalverbands Bitkom aus dem vergangenen Jahr, wonach 100 Millionen alte Handys ungenutzt in den eigenen vier Wänden herumliegen. Dass deren Zahl schnell steigt, beweist ein Zahlenvergleich: "Im Jahr 2010 waren es noch 72 Millionen Altgeräte, also rund 39 Prozent weniger als heute", so Bitkom. Und der Verband schreibt weiter: "Aktuell haben 84 Prozent der Bundesbürger mindestens ein unbenutztes Handy oder Smartphone zu Hause (2014: 75 Prozent) (…)"

Zweifelhafte Herkunft der Rohstoffe

Zu den Recyclingproblemen gesellt sich ein weiteres Thema. Hierbei handelt es sich um den zweifelhaften Rohstoffabbau zur Produktion der Smartphones. In vielen Teilen der Welt werden die benötigten Rohstoffe unter erbärmlichsten Bedingungen aus der Erde "gebuddelt". An Sicherheitsvorkehrungen oder erträgliche Arbeitsbedingungen ist dabei vielfach nicht zu denken. Beispiel Kongo. Laut einer Untersuchung von Amnesty International "fehlen vor Ort die hohen technischen Standards, die man in einem Bergwerk braucht. Die Arbeiter holen die Steine mit primitiven Werkzeugen aus harten Wänden - oder auch mit den bloßen Händen. Sie haben keine Sicherheitskleidung mit Stahlkappenschuhen, Helmen oder Mundschutz." Weiterhin sei Kinderarbeit in den Minen weit verbreitet. Und "Die Welt" schreibt: "Die Erträge der primitiven Minen dienen den Warlords der Region dazu, die Folgekonflikte des Bürgerkriegs im Kongo zu finanzieren: Entweder die Arbeiter produzieren direkt für die Kassen der Warlords, oder die Betreiber der Minen müssen Schutzgelder zahlen." Das "DRadio Wissen" fügt in diesem Zusammenhang an:  "Eine Alternative zu den herkömmlichen Smartphone-Produzenten ist zum Beispiel das Fairphone, das einigermaßen gute Arbeitsbedingungen bei der Produktion zumindest als Kriterium aufführt. Und was immer hilft: Möglichst wenige technische Geräte kaufen." Damit wären wir wieder am Anhang der Geschichte und dabei, dass das Risiko der Ressourcenverschwendung und letztendlich des Raubbaus an Mensch und Natur jeder Einzelne mitsteuern kann – auch durch Verzicht. Aber das bedarf des Umdenkens.

[ Bildquelle: © Winai Tepsuttinun - Fotolia.com ]


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