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RiskNET Summit 2017: Nachlese, 1. Tag

Vom gelebten Risikomanagement …

Redaktion RiskNET25.10.2017, 06:30

"Es könnte alles so einfach sein …" sang die Gruppe "Die Fantastischen Vier" schon vor Jahren. Und die Jungs folgern in ihrem Song: "Ist es aber nicht". Das Lied verrät viel über das Leben voller Unsicherheiten, voller Komplexität im privaten wie im beruflichen Umfeld. Gerade Unternehmen müssen sich mit vielfältigen und komplexen Fragestellungen auseinandersetzen – in einer dynamischen, unsicheren und nicht vorhersehbaren Welt im Umbruch.

Im Rahmen der Eröffnung des RiskNET Summit 2017 sprach Frank Romeike, Geschäftsführer von RiskNET, von einer kunterbunten Welt für Risikomanager. Die Beherrschung der bunten Bandbreite an Risikofaktoren setzt ein fortschrittliches Risikomanagement voraus. Eigentlich, gäbe es nicht die vielen leeren Werkzeugkoffer im Risikomanagementumfeld. Doch mit welchen Werkzeugen sollte ein solcher Koffer gefüllt werden? Eine der drängenden Fragen und Herausforderungen für Risikomanager in Unternehmen jeder Größe, im globalen Maßstab. Für Romeike sind es vor allem drei Themen, mit denen sich Risikomanager und Entscheider beschäftigen sollten, um besagten Werkzeugkoffer optimal zu bestücken und vor allem zu beherrschen. Hierzu gehören die eigene Organisation, das methodische Arbeiten und die Risikokultur. Letzteres ist wichtig, um die Begeisterung für das Thema Risikomanagement zu wecken. Frank Romeike beschreibt es als "Fans für das Risikomanagement schaffen". Hierzu zählt vor allem, Silos der unterschiedlichen Disziplinen aufzubrechen und die Kommunikation in der gesamten Organisation auszuweiten. Die Vision sollte für Unternehmen ein "Enterprise Risk Management" sein, in dem Risikomanagement in einem hohen Reifegrad praktiziert und gelebt wird – über alle Unternehmensbereiche und Hierarchiestufen hinweg.

Frank Romeike skizziert fünf Reifegrade im Risiko- und Chancenmanagement Frank Romeike skizziert fünf Reifegrade im Risiko- und Chancenmanagement

Risk-Off, Populismus und Resilienz

Ein wesentlicher Faktor in der Gesamtbetrachtung des Risikomanagements ist die interkulturelle Kompetenz, um über den eigenen Tellerrand zu blicken und die eigene Risiko- und Chancensicht zu schärfen. Den großen Blick wagte Dr. Martin Hüfner, Chief Economist, vom Unternehmen Assenagon Asset Management. Er referierte zum Thema: "Die volkswirtschaftliche Risikolandkarte" und stellt fest, dass wir in einer Phase von "Risk- Off" leben. Ein globaler Trend nach Hüfners Sicht: "Wir befinden uns in einem Aufschwung der Weltwirtschaft, der schon lange anhält und außerordentlich dynamisch ist." Das interessante sind die Emerging Markets mit einem Turn-Around im Jahr 2016 sowie Strukturreformen, die sich auszahlen. Dies zeige sich nach Hüfners Worten beispielsweise in China, Indien, Brasilien oder Russland. Und doch geht es nicht ohne Risiken. So verschiebe sich das transatlantische Verhältnis.

Während Europa skeptisch auf die USA und die aktuelle politische Situation blickt, verändert sich die Stimmung innerhalb des Landes gegenüber US-Präsident Trump zum Positiven. Apropos positiv: Chefökonom Hüfner sieht Europa auf einem guten Weg mit einem Wachstum von über zwei Prozent, was für Europa sehr viel bedeute. Zudem sinkt die Arbeitslosigkeit und Spanien, Irland sowie Portugal sind aus dem Sparprogramm entlassen. Innerhalb der EU werden neue Projekte in Angriff genommen, wie der Europäische Währungsfonds oder die Weiterführung der Bankenunion. Mit Blick auf den aktuell abgewehrten Populismus warnt Hüfner gleichzeitig davor. Denn der Populismus sei momentan zwar zurückgedrängt, aber nicht weg. Sorgen bereiten ihm, dass populistische Kräfte die Stützpfeiler in den Gesellschaften zerstören. Zu erleben ist dies an den radikalen Kräften in Ungarn, Polen, Österreich aber auch in Deutschland. Und auch die Unabhängigkeitsbewegungen in Spanien oder Italien tun ihr übriges, um die Stützen des gesellschaftlichen Zusammenhalts zum Einsturz zu bringen.

Chefökonom Hüfner sieht Europa auf einem guten Weg Chefökonom Hüfner sieht Europa auf einem guten Weg

Welche Auswirkungen unsere moderne und zugleich risikobehaftete Welt auf Menschen haben können, verdeutlichte Professor Raffael Kalisch vom Deutschen Resilienz Zentrum (DRZ) an der Universitätsmedizin Mainz. In seinen Ausführungen zu "Der resiliente Mensch – Wie wir Krisen erleben und bewältigen" zeigte er auf, dass stressbedingte Erkrankungen wie Depressionen, chronische Schmerzen oder

Angsterkrankungen zunehmen. Alleine die Herz-Kreislauf-Erkrankungen lagen 2008 bei rund 763.000 Menschen in Deutschland. Die geschätzten Kosten liegen bei rund 300 Milliarden Euro pro Jahr in Europa (direkte und indirekte wirtschaftliche Kosten). Kalisch, Autor des Buchs "Der resiliente Mensch" führt an, dass man von Menschen lernen könne, die nicht krank werden. Um mit Stress besser umgehen sowie die eigene Widerstandsfähigkeit zu erhöhen, kann beispielsweise ein gutes soziales Umfeld helfen. Nach Kalischs Worten brauchen wir Stress, aber nicht zu viel. Sonst erschöpfen sich die eigenen Ressourcen. Er weist aber auch darauf hin, dass sich die kognitiv-psychologische und neurobiologische Erforschung noch in den Anfängen befindet und eine übergreifende Theorie bis dato fehle.

Raffael Kalisch und seine Ausführungen zum resilienten Menschen Raffael Kalisch und seine Ausführungen zum resilienten Menschen

Vom gelebten Risikomanagement

Das Thema Risikomanagement und Unternehmenskultur stand im Fokus von Ulrich Meyer, Group Risk Manager bei der IKEA Group. In seinem Vortrag: "Risikomanagement erfolgreich in die Unternehmenskultur integrieren" gab Meyer den Zuhörern einen Einblick in die Organisation mit ihren über einer Milliarde Besuchern pro Jahr in den Geschäften und eigenen Shopping Centre. Mehr als 9.500 Produkte bei IKEA sowie eine Vielzahl von Neuentwicklungen sind für das Risikomanagement des Konzerns eine große Herausforderung. Hinzu kommen Expansionspläne, die nicht immer reibungslos verlaufen, wie Risikomanager Meyer am Beispiel Russlands und den Baummängeln an den dortigen IKEA-Gebäuden verdeutlichte. Und auch in puncto des nach außen vertretenen hohen Wertesystems bestehen Fallstricke.

Sei es bei ethischen Standards, Umweltstandards oder der Diskussion um die Steuerzahlungen der Gruppe. Nach Meyers Worten passe das am Beispiel des Steuerthemas nicht zusammen. Deshalb hat sich IKEA dazu entschlossen, seine Steuerzahlungen öffentlich zu machen. Somit wird eine hohe Transparenz geschaffen. Für das Unternehmen ist es darüber hinaus wichtig, dass Risikomanagement gelebt wird. Nicht umsonst wurde das Risikomanagement bei IKEA auf höchster Ebene in die Firmenstrategie verankert.

Ulrich Meyer von IKEA: Risikomanagement muss gelebt werden Ulrich Meyer von IKEA: Risikomanagement muss gelebt werden

… und besseren Entscheidungen

Dr. Klaus Möckelmann, langjähriges Aufsichtsratsmitglied in unterschiedlichen Branchen, sprach im Rahmen des Einstiegs zur Diskussionsrunde mit  Stefan Koppold von MAN, Ulrich Meyer (IKEA) und Marcus Noetzel von avedos, vom "höchsten Wert des Risikomanagements im Unternehmen". So viel zur Theorie bei der Rolle des Risikomanagements aus Vorstandsperspektive. Denn die Praxis sieht vielfach anders aus. Das Ziel in Unternehmen ist es, mithilfe des Risikomanagements zu besseren Entscheidungen zu gelangen. Doch warum ist es dann so schwer, Risikomanagement in Organisationen einzuführen? Nach Möckelmanns Worten, mangele es vielfach an  Einigkeit auf Vorstandsebene. Es handele sich um einen "Haufen von Herren", die sehr unterschiedliche Interessen verfolgen. Weitere Schwierigkeiten liegen nach Ansicht der Podiumsteilnehmer in handwerklichen Schwächen im Risikomanagement mit einer Risikobuchhaltung, einer reinen Risikosicht (ohne Chancen zu berücksichtigen) sowie dem Misstrauen der Vorstandsebene gegenüber der operativen Ebene in der Organisation. Ulrich Meyer unterstrich zudem die Notwendigkeit, dass Risikomanagement strategisch einen Mehrwert leisten müsse. Darum ist es wichtig, den Nutzen von Risikomanagement dem Vorstand klar zu vermitteln. Darauf verwies ein Konferenzteilnehmer. Und ein anderer fügte an, dass vielfach eine eher intuitive Unternehmenssteuerung im Mittelstand vorherrscht. Im Klartext heißt das: Solange nichts passiert, ist es schwierig über Hypothesen zu sprechen.

Ulrich Meyer, Marcus Noetzel, Dr. Klaus Möckelmann und Stefan Koppold während der Podiumsdiskussion (von links) Ulrich Meyer, Marcus Noetzel, Dr. Klaus Möckelmann und Stefan Koppold während der Podiumsdiskussion (von links)

Irrwege, Auswege und menschliche Fehler

Mit der Statistik als Mittel der Entscheidungsfindung setzte sich Katharina Schüller (Geschäftsführung, STAT-UP) in ihrem Vortrag "Statistik und Intuition" auseinander. Im Statistikumfeld gibt es immer mehrere Wege, nämlich Irrwege und Auswege. Nach Ansicht von Schüller sind typische Statistik-Fehler Denkfehler. Der Kopf sagt: Steht irgendwo eine Zahl, dann stimmt sie, weil gemessen. Das ist ein Irrtum, da statistische Analysen eine scheinbare Sicherheit schaffen. Und Schüller fügt an: "Dieses Problem wird mit Big Data noch zunehmen." Die Statistik-Expertin weist darauf hin, dass Statistik nur ein Mittel zu komprimierten Informationen sei. Deshalb ist ein guter Statistiker auch ein Kommunikationsprofi.

Subjektivität und Unsicherheit gehören dazu. Für Schüller tun Statistiker gut daran, mit Ambivalenzen offen umzugehen. Es muss auch darum gehen, Fehlinterpretationen zu vermeiden. Denn Signifikanz ist nicht gleich Relevanz. Im Umkehrschluss sollte unter anderem ein Fokus auf die Relevanz der Ergebnisse gelegt werden. Statistische Berechnungen entbinden niemanden davor, Entscheidungen zu treffen. Es braucht Transparenz bei Statistiken, bei denen nichts verschwiegen werden darf. Zudem gibt es nicht die eine wahre Lösung. Eine simple Methode: "Man sollte bei Statistiken nie den gesunden Menschenverstand ausschalten", resümiert Schüller.

Statistik als Mittel der Entscheidungsfindung, vorgestellt von Katharina Schüller Statistik als Mittel der Entscheidungsfindung, vorgestellt von Katharina Schüller

Manfred Müller, Flugkapitän und Leiter der Flugsicherheitsforschung der Deutschen Lufthansa, stellte den Mensch in den Mittelpunkt der Entscheidungen. Sein Vortrag: "Der Mensch macht Fehler!" zeigt, dass Menschen prinzipiell nicht so viel Sicherheit wollen. Voraussetzung dafür ist, dass wir die Prozesse selbst steuern können. Müller umschreibt dies als hohe Risikoakzeptanz bei subjektiv hoher Selbstbestimmung. So hängt das Sicherheitsniveau in erster Linie von der Risikoakzeptanz der handelnden Personen ab.

Beispielsweise nimmt der Mensch, sofern er selbstbestimmt agiert (oder zumindest glaubt dies zu tun), sehr große Risiken in Kauf. Extremsportarten haben oft ein Risiko von über 10 Prozent (Beispiel: 40 Prozent aller Extremkletterer überleben mittelfristig ihren Sport nicht). Sind Menschen dagegen fremdbestimmten Risiken ausgesetzt, so wird eine fast 100-prozentige Sicherheit vorausgesetzt. Diese minimale Risikoakzeptanz bei fremdbestimmter Bedrohung zeigt sich unter anderem beim Bergsteiger. Gerade hat er noch am Berg sein Leben freiwillig aufs Spiel gesetzt. Im Flugzeug zeigt er bei der Rückholung nach einem Absturz Flugangst und sieht das Fliegen per se als Risiko an. Dies geht oft mit einem Aberglauben einher. So sind Menschen bei einem Freitag den 13. abergläubig – ein Grund warum es in Flugzeugen keine 13. Sitzreihe gibt. Dieser Aberglaube geht soweit, dass viele Menschen zwar nicht an böse Geister glauben, aber mehr als 90 Prozent an einen Schutzengel. Die restlichen 10 Prozent hoffen zumindest, dass es einen solchen gibt. Im Grunde geht es für Müller um Fakten. So habe die Unfallstatistik in der Luftfahrt gezeigt, dass eine optimierte Teamarbeit im Cockpit in den letzten zwei Jahrzehnten einen größeren Einfluss auf die Flugsicherheit gehabt habe, als die Verbesserung der Flugzeugtechnik. Ein wichtiger Baustein ist eine gegenseitige Überwachung, Diese ist aber nur möglich, wenn sich das gesamte Team zu einem transparenten Arbeitskonzept verpflichtet. Eine potentiell sicherheitskritische Aufgabe sollte deshalb im Regelfall von einem zweiten Menschen überwacht werden ("Vier-Augen-Prinzip"). Das erfordert ein Umdenken aller Mitarbeiter – auch des Managements. Müller: "Wird eine Erhöhung der Sicherheit angestrebt, muss zunächst die grundsätzliche Haltung zu erkannten Fehlleistungen verändert werden."

Die Aussage: "...aber es ist doch noch mal gutgegangen!" sollte ersetzt werden durch die Frage: "Welche Mechanismen (Bedrohungen) haben zur Entstehung dieses Vorfalls (zum Beispiel Regelabweichung) beigetragen und welche Abwehrmaßnahmen könnten eine Wiederholung verhindern (Stichwort: Kreislauf im Risikomanagement).

Manfred Müller: In seinem Vortrag ging es unter anderem um die hohe und minimale Risikoakzeptanz von Menschen Manfred Müller: In seinem Vortrag ging es unter anderem um die hohe und minimale Risikoakzeptanz von Menschen


[ Bildquelle: Stefan Heigl / RiskNET GmbH ]

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