News

Fitch Credit Outlook 2016

Unsichere Szenarien

Oliver Everling21.01.2016, 18:29

Die turbulenten Jahre in und nach der Finanzkrise haben auf ruhigere Zeiten hoffen lassen. Tatsächlich wurde aber schon der Jahresanfang 2016 von Turbulenzen an den Börsen überschattet. Clemens Frech, neuer Geschäftsführer der Fitch Deutschland GmbH, skizziert die Herausforderungen, mit denen die Teilnehmer an den Finanzmärkten zu tun haben.

Frech diskutierte die Frage, inwieweit es durch die Politik zu Fehlallokationen in den Volkswirtschaften Europas gekommen ist. Auch in diesem Jahr müsse man sich auf Negativzinsen einstellen. Sinkende Exporte betroffener Schwellenländer, Kapitalabflüsse und viele weitere Faktoren ergeben ein unsicheres Szenario. "Eine sich fortsetzende Destabilisierung der ölexportierenden Länder kann für niemanden von Interesse sein", warnt Frech.

Die griechische Finanzkrise sieht Frech noch nicht als beendet. Ebenso sei der Flüchtlingsstrom noch nicht gestoppt. Daraus ergeben sich verschiedene prinzipielle Fragestellungen, urteilt Frech. "Sollte der Souveränität der Mitgliedsländer nicht wieder ein höherer Stellenwert eingeräumt werden?" Frech fragt nach den Konfliktpotentialen, insbesondere auch im Osten Europas und mit Großbritannien. Neben der vielerorts gelobten Willkommenskultur seien Investitionen notwendig, die positive Impulse auf die Konjunktur setzen könnten. Frech zitiert Prognosen der Wirtschaftsforscher, die 1,7 Prozent bis 1,9 Prozent Wachstum für möglich halten. "Von erheblichen Kursschwankungen muss weiterhin ausgegangen werden", räumt Frech ein, aber wo Risiken seien, da seien auch Chancen.

James McCormack, Global Head of Sovereign Ratings bei Fitch Ratings, skizziert die zyklischen Erscheinungen im US-amerikanischen Arbeitsmarkt. Das Investitionswachstum privater Investitionen außerhalb des Bereichs der Wohnimmobilien habe in den USA das Vorkrisenniveau mit rund 5,5 Prozent erreicht. "Wir sind jetzt in einer Phase, in der reale Zinsen niedriger sind als das reale Wachstum", zeigt McCormack auf. "Die Zinsen sind so niedrig wie noch nie seit den 1980er Jahren."

Europa sei mehr von politische, als von wirtschaftlichen Herausforderungen gekennzeichnet. Migration, Sicherheit und EU-Mitgliedschaft sind die drei maßgeblichen Stichworte dazu. Fiskalischer und ökonomischer Handlungsbedarf beeinflussen die fiskalische Disziplin, die wirtschaftlichen Reformen sowie den Aufbau der Finanzinstitutionen in Europa. "Ein Brexit hätte moderat negative Ratingimplikationen", glaubt McCormack.

Die günstigen Refinanzierungsbedingungen der Staatsverschuldung in Europa geben den Politikern die Chance, die Verschuldungsprobleme anzugehen. "Leider sind wir nicht überzeugt, dass sie das tun werden", warnt McCormack.

Für China bedeute geringeres Kreditwachstum auch geringeres Wirtschaftswachstum. "Niemand spricht mehr von den Wachstumsraten in China", berichtet McCormack. Das Thema seien vielmehr die Wechselkurse, die Inlandsverschuldung sowie der Nettokapitalfluss. Die Chinesen versuchen, die Kapitaldienstbelastungen zu vermindern. "Höhere Zinsen werden daher nicht die Wechselkurse verteidigen, erwarten Sie das nicht!" McCormack skizziert den komplizierten Politikmix, mit dem die chinesische Führung die aktuellen Herausforderungen annehme. "Wir glauben," fasst McCormack zusammen, "dass es die Chinesen schaffen werden."

"Volkswirtschaften können real wachsen, aber wenn ihr US-Dollar-Einkommen sinkt, nutzt es ihnen nichts", macht McCormack die Bedeutung des US-Dollar klar und spricht von Dollar-Rezessionen, die aus der Gegenüberstellung von realen Wachstumsraten und Dollareinkommen ablesbar seien.
Ein stärkerer US-Dollar gehe mit niedrigeren Ratings für Schwellenländer einher. "Sie sehen hier eine sehr starke Korrelation", deutet McCormack auf seine Statistik. Der Druck auf Währungen der Schwellenländer lasse ihre Währungsreserven schwinden. "Der Dollarkurs habe direkt Auswirkungen auf die Währungsreserven, außerdem auf die Zahlungsbilanz."

"Es sollte keine Überraschung sein, dass China im US-Dollar die stärkste Position im Vergleich zu den Schwellenländern hat", sagt McCormack. Entsprechend schneidet China im Rating besser ab als Brasilien, Russland, Türkei, Südafrika oder Indonesien, alle mit BBB- an der Schwelle zum spekulativen Bereich geratet, im Falle von Brasilien sogar mit BB+ bereits spekulativ.

Autor:

Dr. Oliver Everling

[ Bildquelle: © BillionPhotos.com - Fotolia.com ]


Kommentare zu diesem Beitrag

Keine Kommentare

Themenverwandte Artikel

Kolumne

Aus der Geschichte lernen

Vom Schweinchen Schlau und dem Risikomanagement

Frank Romeike [Chefredakteur RiskNET]30.05.2016, 08:30

"Who’s Afraid of the Big Bad Wolf?" Wer kennt sie nicht, die Geschichte von den drei kleinen Schweinchen. Jedes von ihnen baut ein Haus – zwei schnell und einfach aus Stroh und Holz und nur...

Interview

Digitalisierung, Industrie 4.0 und Big Data

Industrie 4.0 versus Wissen 1.0

Redaktion RiskNET25.05.2016, 09:20

Industrie 4.0 ist in aller Munde. Land auf, Land ab, befeuern Wirtschaftsvertreter, Lobbygruppen und Politiker das Thema. Der Grundtenor: Wer nicht mitmacht bei der großen Digitalisierung hat...

Interview

Interview mit Prof. Dr. Michael Huth

Die Risikolandkarte der Logistikbranche

Redaktion RiskNET18.05.2016, 08:00

Der Logistikstandort Deutschland steht vor gewaltigen Herausforderungen. Die Branche plagen nicht nur fehlende Fahrer, sondern auch Konkurrenz- und Termindruck, geringere Margen und eine...

Kolumne

Der Blick in die Zukunft

Predictive Analytics

Frank Romeike | Andreas Eicher [Redaktion RiskNET]13.05.2016, 08:30

Das Orakel von Delphi, ein Kult-Ort voller Mythen, an dem sich das Dasein der Menschen mit der Welt der Götter verknüpfte, war der Mittelpunkt des antiken Griechenlands. Alles was zu jener Zeit Rang...

Kolumne

Chancen- und Risikoanalyse

TTIP, die Lesezimmer und die Veröffentlichungen

Andreas Eicher/Frank Romeike [Redaktion RiskNET]09.05.2016, 18:30

Wer erinnert sich nicht mit einem flauen Gefühl in der Magengegend an seine Schulzeit. Abi-Klausuren wurden meist in schmucklosen Turnhallen oder engen Klassenzimmern geschrieben. Jeder an einem...