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Wann wird die Versicherung selbst zum Risiko?

Trügerische Sicherheit

Frank Romeike [Chefredakteur RiskNET]06.10.2017, 12:04

Hinter dem Versicherungsprinzip steckt im Kern ein trivialer Gedanke: Viele Gleichgesinnte zahlen einen vergleichsweise geringen Beitrag in einen gemeinsamen "Topf", auf den sie im Notfall zurückgreifen können. Finanzielle Risiken Einzelner werden so auf mehrere Schultern verteilt und verlieren ihre existenzielle Bedrohung. Doch wo liegen die Grenzen? Wann werden Versicherungen selbst zu einem Risiko?

Wer das Risiko scheut, der streut, dachten sich wohl phönizische Händler, als sie sich 3000 v. Chr. zu Schutzgemeinschaften zusammenschlossen, die ihren Mitgliedern verlorengegangene Schiffsladungen ersetzen sollten. Diese frühe Schutzgemeinschaft ist äußerst ungewöhnlich, denn sowohl im Altertum als auch im Mittelalter glaubten die Menschen an eine festgelegte kosmische Ordnung: Sowohl die Natur(-katastrophen) wie auch das Schicksal der Menschen wurden von Gott (beziehungsweise im Altertum von einer Vielzahl von Göttern) gelenkt. Wenn etwa in der Antike die Griechen eine Vorhersage über künftige Ereignisse suchten, wandten sie sich an ihre Orakel – quasi eine frühe Form der Strategieberatung. Erst als man sich bewusst war, dass man sein Schicksal selbst bestimmen und Zukunft aktiv gestalten kann, entwickelte sich ein modernes Verständnis von Risiko.

Die Klippen, die es zu umschiffen gilt …

Während der Renaissance, also der Umbruchphase zwischen Mittelalter und Neuzeit im 15. und 16. Jahrhundert, wurde Zukunft zum Risiko. Das Vertrauen auf Gott und die orientierende Funktion der Religion gingen verloren. Damit war das Fundament für die Gründung der ersten Versicherungen gelegt. Die Wortgeschichte des modernen Risikobegriffs zeigt, dass das italienische Wort risico, frei übersetzt mit "Klippe, die es zu umschiffen gilt", eng mit der Entstehung des Seehandels in Genua und anderen Seehandelsplätzen Italiens verbunden ist. Dabei bezog sich die "Klippe, die es zu umschiffen gilt" auf die Unwägbarkeiten, mit denen ein Händler rechnen musste – Piraten, Sturm, Meuterei etc. –, bevor er den Gewinn aus seiner Schiffsladung einstreichen konnte. Auf Grund der sich über einen längeren Zeitraum erstreckenden Beobachtungen der Unfälle von Handelsschiffen konnten die Kaufleute Aussagen über die Häufigkeit eines solchen Verlustes treffen und so das Risiko ermitteln. So kam es, dass man damals eine Prämie von 12 bis 15 Prozent des Werts der Schiffsladung zur Abdeckung des Risikos verlangte. Aus dieser Zeit stammt auch das folgende Zitat: "Seit Menschengedenken ist es unter Kaufleuten üblich, einen Geldbetrag an andere Personen abzugeben, um von ihnen eine Versicherung für seine Waren, Schiffe und andere Sachen zu bekommen. Demzufolge bedeutet der Untergang eines Schiffes nicht den Ruin eines einzelnen, denn der Schaden wird von vielen leichter getragen als von einigen wenigen."

Doch nicht nur im Seehandel machte sich die Erkenntnis breit, dass den existenziellen Bedrohungen der unternehmerischen Tätigkeit eine Systematik zugrunde liegt. So erkannten bereits Ende des 16. Jahrhunderts eine Reihe von Brauereibesitzern in Hamburg, dass sie dem Risiko, nach einem Brand bankrott zu gehen, entkommen können, indem sie es auf mehrere Schultern verteilen. Aus einer im Jahr 1591 gegründeten Interessengemeinschaft von Brauereibetrieben ging im Jahr 1676 die noch heute existierende Hamburger Feuerkasse als erstes Versicherungsunternehmen der Welt mit einer breiten finanziellen Grundlage und soliden Risikomanagementansätzen hervor. Die Solidargemeinschaft zahlte in einen Topf ein, um die Brauereien wieder aufbauen zu können, die durch ein Feuer einen Schaden erleiden. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Hamburger Feuerkasse bereits Risiken zu vermeiden suchte, welche die Risikotragfähigkeit überschreiten könnten. So war der Eintritt in die Hamburger Feuerkasse freiwillig, der Austritt hingegen war genehmigungspflichtig. Eine negative Risikoselektion, bei der nur noch die hohen Risiken im Portfolio bleiben, konnte durch diese Maßnahme vermieden werden. Außerdem wurde mit den Mitgliedern neben festen Beiträgen auch eine unbegrenzte Nachschusspflicht vereinbart. Dank solcher Maßnahmen konnte die Risikotragfähigkeit, also das Verhältnis zwischen risikotragendem Kapital und eingegangenen Risiken, flexibel an die tatsächliche Risikosituation angepasst werden. Die Hamburger Feuerkasse war schließlich so robust aufgestellt, dass sie auch den großen Hamburger Brand im Mai 1842 überlebte, bei dem mehr als ein Viertel des damaligen Stadtgebietes verwüstet wurde.

Von der Solidargemeinschaft zum Kapitalmarkt

Seitdem hat sich viel getan, was sich bereits an der Unmenge an Versicherungslösungen sehen lässt, die mitunter ziemlich skurril sind. So kann man sich heute für ein paar Euro gegen ein "Nein" vor dem Traualtar versichern. Als Entschädigung erhält man ein pauschales Schmerzensgeld. Oder haben Sie schon mal über das Szenario nachgedacht, dass sie von einem Außerirdischen entführt werden? Eine solche Außerirdischen-Versicherung zahlt jedoch nur, wenn sie zur Erde zurückkehren und diesen Ausflug auch noch beweisen können. Versichern können Sie sich heute auch gegen das Steckenbleiben im Fahrstuhl oder einen Ohnmachtsanfall im Kreissaal. Fußballvereine können eine Prize-Indemnity-Versicherung abschließen, die bei einem Abstieg Einnahmeausfälle wie entgangene Sponsoren- oder Fernsehgelder ersetzt. Falls Sie sich bei ihrer Fahrt mit dem Zug oder dem Pkw immer mal wieder über Funklöcher aufregen oder an der Krankheit "No Mobile Phone Phobia" leiden, sollten Sie über den Abschluss einer Funkloch-Versicherung nachdenken. Vom "Versicherungsschutz" gegen Wespennester über steckengelassene Wohnungsschlüssel bis hin zum Schutz gegen eine plötzlich auftauchende Prohibition gibt es so ziemlich alles im Bauchladen des Versicherungsverkäufers.

Dies alles legt nicht nur Zeugnis von der Kreativität der Versicherungswirtschaft ab, sondern verweist auf einen grundlegenden Unterschied zwischen den ersten und den heutigen Versicherungen: So waren die ersten Versicherungen als Solidargemeinschaft organisiert, deren Sinn und Zweck einzig darin bestand, die Mitglieder gegen existenzielle Risiken abzusichern. Bei allen anderen Ereignissen mussten die Kosten selbst getragen werden. Heute hingegen ist der ursprüngliche Versicherungsgedanke dem Ziel der Gewinnmaximierung des jeweiligen Versicherungsunternehmens untergeordnet. Insofern verweisen die obigen Beispiele auch nicht auf ein gestiegenes Risiko, sondern haben mit der Suche der Versicherungswirtschaft nach neuen Umsatzquellen zu tun.

[...]

Lesen Sie den kompletten Artikel in Ausgabe 04/2017 des philosphischen Wirtschaftsmagazins agora42

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