News

Schienenkartell

ThyssenKrupp: Compliance-Risiko kostet 150 Millionen Euro

Redaktion RiskNET20.11.2013, 08:30

Der Stahlkonzern ThyssenKrupp zahlt für das jahrelange Schienenkartell laut einem Zeitungsbericht mehr als 150 Millionen Euro Schadensersatz an die Deutsche Bahn. Darauf hätten sich der Industriekonzern und das Staatsunternehmen jetzt verständigt, berichtet die Süddeutsche Zeitung ohne Quellen zu nennen.

ThyssenKrupp und andere Stahlbetriebe sollen die Bahn und andere Abnehmer von Gleisen und Weichen mit abgesprochenen, überhöhten Preisen geprellt haben. Ein anderes Kartellmitglied, die österreichische Voestalpine, hat bereits rund 50 Millionen Euro an die Bahn gezahlt.

Eingebunden in den Vergleich von Bahn und ThyssenKrupp seien die Bundesregierung und die Länder, die das Schienennetz weitgehend finanzieren und zu deren Lasten die überhöhten Preise größtenteils gegangen waren. Das Blatt zitiert Regierungskreise in Berlin, wonach vereinbart worden sei, dass die Schadensersatzsumme nicht im Staatshaushalt verschwinde, sondern in Schienenprojekte investiert werde.

Mit dem Vergleich sei eine vor einem Jahr von der Bahn eingereichte Schadensersatzklage teilweise hinfällig. Die Bahn hatte, inklusive Zinsen, von mehreren Stahlunternehmen insgesamt 850 Millionen Euro für das vergangene Jahrzehnt eintreiben wollen, in dem die Taten noch nicht verjährt waren. Auf ThyssenKrupp wären 400 bis 500 Millionen Euro entfallen, da der Essener Konzern mehr als die Hälfte der überteuerten Schienen geliefert haben soll.

Mit der Schadensersatzzahlung von mehr als 150 Millionen Euro könne ThyssenKrupp halbwegs leben, schreibt das Blatt. Der Konzern habe mit einer Rückstellung vorgesorgt. Einen Teil des Geldes könne er sich womöglich bei der für das Management abgeschlossenen Haftpflichtversicherung zurückholen. Die Police belaufe sich auf 130 Millionen Euro.

Nun stünden beim Schienenkartell noch Schadensersatzzahlungen an kommunale Verkehrsbetriebe aus ganz Deutschland aus. Der Betrag hierfür dürfte niedriger liegen als bei der Bahn. Inklusive Bußgeldzahlungen dürfte ThyssenKrupp das Schienenkartell gut 400 Millionen Euro kosten, abzüglich eventueller Versicherungsleistungen.

Das Unternehmen, das am Donnerstag die Zahlen für das Geschäftsjahr 2012/13 vorlegen wird, wollte sich zu den Informationen nicht äußern.

Theorie wird von Realität eingeholt

Glaubt man den Ausführungen des Geschäftsberichts von Thyssen Krupp sowie den Darstellungen zur Corporate Governance – also den definierten Grundsätzen einer guten Unternehmensführung – so hätte es den Compliance-Verstoß eigentlich nicht geben dürfen. Aber Papier ist bekanntlich geduldig. So definiert Thyssen Krupp Compliance als Maßnahmen zur Einhaltung von Recht, Gesetz und unternehmensinternen Richtlinien sowie deren Beachtung durch die Konzernunternehmen. Sie soll bei Thyssen Krupp eine wesentliche Leitungs- und Überwachungsaufgabe sein. Bereits unmittelbar nach der Fusion der Vorgängerkonzerne Thyssen und Krupp im Jahr 1999 wurde ein Compliance-Programm mit einem Schwerpunkt auf die Bereiche Kartellrecht und Korruptionsbekämpfung eingeführt. Kartellverstöße oder Verstöße gegen die Vorschriften zur Korruptionsbekämpfung werden in keiner Weise geduldet und führen zu Sanktionen gegen die betroffenen Mitarbeiter, so die Theorie im Corporate Governance Bericht. Verantwortung und persönliche Integrität sollen als Leitbild und Maßstab des Handelns gelten.

Soweit die Theorie, die im Mai 2011 von der Realität eingeholt wurde, als das Bundeskartellamt und die Staatsanwaltschaft Bochum Ermittlungen gegen Unternehmen der Gleistechnikbranche, darunter auch ThyssenKrupp, aufgenommen hatten.

 

 

[Bildquelle:© Trueffelpix - Fotolia.com]

 

 

 



Kommentare zu diesem Beitrag

Keine Kommentare

Themenverwandte Artikel

Studie

Qualitative Evaluationsstudie

Risikomodellierung, Predictive Analytics und Big Data

Frank Romeike | Stefan Trummer19.06.2018, 08:07

Das Banken- und Versicherungsumfeld ist seit vielen Jahren im Umbruch. Dazu haben in nicht unerheblichem Maße die Aufsichtsbehörden und Standardsetter beigetragen. Wurden bis Mitte der 2000er...

Interview

Mundus vult decipi

Was tun mit Fake News?

Redaktion RiskNET06.06.2018, 14:24

Wahrheit oder Lüge? Wer kann das in unseren digitalen Zeiten noch beantworten? Umso wichtiger sind klare Parameter und ein methodisch sauberes Vorgehen, um Fake News zu enttarnen. Dafür plädiert...

Kolumne

Machine Learning-basierte Klassifikation von Marktphasen

Krisen frühzeitig identifizieren

Dimitrios Geromichalos [RiskDataScience]23.05.2018, 12:30

Wie in der Vergangenheit immer wieder beobachtet werden konnte, verhalten sich Märkte oftmals irrational und zeichnen sich – neben dem "Normal-Zustand" – durch Phasen im Krisen- und...

Kolumne

Geopolitik und Ökonomie

Über den Einfluss politischer Krisen

Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.16.05.2018, 11:45

Mehr als sonst ist in den Börsenkommentaren in diesem Jahr nicht nur von ökonomischen Faktoren die Rede. Immer mehr Raum wird den politischen Krisenherden in der Welt eingeräumt. Da geht es um Iran...

Kolumne

CFO Survey Frühjahr 2018

Fachkräftemangel und Protektionismus dominieren Risikolandkarte

Redaktion RiskNET11.05.2018, 14:32

Der Deloitte CFO Survey reflektiert die Einschätzungen und Erwartungen von CFOs deutscher Großunternehmen zu makroökonomischen, unternehmensstrategischen und finanzwirtschaftlichen Themen sowie...