Studie

Risiko- und Marktprognose 2016

Terror, Cyber, Wetter

Redaktion RiskNET22.01.2016, 16:45

Deutschen Unternehmen drohen in diesem Jahr Höchstschäden, so das Ergebnis einer aktuellen Marktprognose des Versicherungsmaklers Aon. Islamistischer Terror, Cyber-Angriffe und Wetter-Katastrophen – das werden die Themen sein, die auf der Agenda der Risikomanager ganz oben stehen werden.

Cyber-Risiken erhöhen die Verletzlichkeit der Unternehmen

Industrie 4.0 und Internet der Dinge bezeichnen eine fortschreitende Vernetzung und Automatisierung von Produktions- und Logistikabläufen. Die Nutzung von miteinander kommunizierenden Maschinen in betrieblichen Produktions- und Bestellprozessen nimmt zu. Das hat Einfluss darauf, wie Güter hergestellt, transportiert und geliefert werden. Diese Entwicklung hat weitreichende Folgen für die Haftung von Unternehmen, so die Aon-Experten in ihrer Analyse. Jedes Unternehmen, das Teil einer Produktions- oder Lieferkette ist, muss prüfen, ob sie aufgrund ihrer bestehenden Haftpflichtdeckungen auch künftig noch einen Versicherungsschutz genießen wird. Zwischen den Unternehmen wird es im Zuge dessen zu Anpassungen der getroffenen vertraglichen Vereinbarungen kommen. Auch der Versicherungsmarkt wird reagieren: Es ist damit zu rechnen, so die Aon-Experten weiter, dass es neue Lösungen zur Absicherung der mit dem Internet der Dinge einhergehenden Risiken geben wird.

Nach Ansicht der Autoren stellen Industrie 4.0 und Internet der Dinge eine besondere Herausforderung für die Datensicherheit dar. Schon im vergangenen Jahr stellte die Versicherungswirtschaft eine deutliche Wende im Umgang mit Cyber-Risiken fest.

Rund die Hälfte aller deutschen Unternehmen ist laut einer Bitkom-Umfrage aus 2015 innerhalb der vorangegangenen zwei Jahre Opfer von Computer-Kriminalität (Datendiebstahl, Wirtschaftspionage oder Sabotage) geworden. Der dadurch entstandene Schaden für die gesamte deutsche Wirtschaft wird dabei auf rund 51 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Die Folgen von Cyber-Kriminalität sind dabei gravierend.

Spektakuläre Hackerangriffe auf die deutsche Industrie – wie beispielsweise die Attacke auf einen Stahlhersteller – sorgten dafür, dass Cyber-Risiken in den Fokus der Unternehmen rückten. Nach Aussagen des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnologie (BSI) führten die Ausfälle im Stahlwerk dazu, dass ein Hochofen nicht geregelt heruntergefahren werden konnte und sich in einem undefinierten Zustand befand. Die Folge waren massive Beschädigungen der Anlage. Die Zahl der Abschlüsse von Cyber-Versicherungen stieg nach diesem Ereignis deutlich an, so die Industrieversicherungsprofis bei Aon. Industrie 4.0 und Internet der Dinge werden diesen Trend beschleunigen. Denn die fortschreitende Vernetzung und Automatisierung erhöhen die Verletzlichkeit der Unternehmen. Und einen hundertprozentigen präventiven, im Wesentlichen rein technischen oder organisatorischen Schutz gegen Hackerangriffe wird es auch im Jahr 2016 nicht geben können. Die Versicherungsbranche wird somit künftig noch stärker gefordert sein, den Unternehmen ein effektives (proaktives) Risikomanagement kombiniert mit passenden (reaktiven) Versicherungslösungen anzubieten.

Terrorismus ist eine globale Herausforderung

Deutschland ist Teil der Allianz gegen den Terror, denn deutsche Tornados beteiligen sich mit Aufklärungsflügen am Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS). In den vergangenen Jahren war es häufig der Wachsamkeit der Sicherheitsbehörden oder glücklichen Umständen zu verdanken, dass Deutschland von großen islamistischen Terroranschlägen verschont blieb, so die Erkenntnis der Autoren. Sie führen weiter aus: "Doch die Ziele der Terroristen sind hierzulande die gleichen wie in Frankreich, in der Türkei und in Indien: Ereignisse mit großen Menschenansammlungen, Verkehrsknotenpunkte, sensible Infrastrukturen. Behörden und Unternehmen in deutschen Großstädten wie Berlin als Hauptstadt, Hamburg, München und Frankfurt als wichtiger Finanzdienstleistungsstandort werden daher im Jahr 2016 ein besonderes Augenmerk auf das Thema Sicherheit legen." Das Ziel der Terroristen ist nach Ansicht der Experten klar: Medienwirksam sollen mit Anschlägen unermessliches Leid und massive Schäden verursacht werden, um westliche Werte zu erschüttern. Die Anschläge können jedes Unternehmen treffen – direkt oder indirekt. Anschläge können zu massiven Schäden an Gebäuden oder zu an der Infrastruktur führen, die Unternehmen dringend benötigen, um beispielsweise ihre Produktionsprozesse aufrechtzuerhalten. Nicht selten werden nach Anschlägen für bestimmte Gebiete auch Zugangsbeschränkungen erlassen, die zusätzlich den regulären Betriebsablauf von Unternehmen beeinträchtigen.

Die Autoren sind davon überzeugt, dass neue und innovative Ansätze zum präventiven Terrorismus-Risikomanagement sowie Risikomodelle mit Höchstschaden-/Schwachstellenanalysen die Basis für Versicherungskonzepte bilden müssen.

Naturgewalten als weiterhin große Herausforderung

Wetter-Risiken stellen, so die Aon-Prognose, die dritte große Gefahr für Unternehmen dar. Nach Ansicht des globalen Versicherungsmakler sind die Versicherer sind nur begrenzt bereit, Versicherungsschutz in einem ausreichenden Umfang zu gewähren. Und wenn sie dazu bereit sind, lassen sie es sich teuer bezahlen, so die Autoren. Die Unternehmen werden daher bei der Suche nach Deckungsschutz sehr strategisch und zielorientiert vorgehen müssen.

Eine besondere Herausforderung ist dabei die Festlegung passender Entschädigungsgrenzen. Die Autoren weiter: "Denn während zum Beispiel für die Gefahr eines Feuers ein wahrscheinlicher Höchstschaden wegen der Standortbezogenheit vergleichsweise einfach bestimmt werden kann, ist dies für die Naturgefahren sehr viel schwieriger. Schließlich können auch weit auseinanderliegende Standorte eines Unternehmens durch dieselbe Naturgewalt zu Schaden kommen. Beispielsweise kann ein Sturm eine Hunderte Kilometer lange Schneise der Verwüstung hinterlassen."

Diese Umstände machen die Ermittlung passender Jahreshöchstentschädigungen für die Naturgefahren zu einer komplexen Rechenaufgabe. Mit den hierfür zur Verfügung stehenden Computersimulationsprogrammen sind aufwendige Wertverteilungen zu berücksichtigen und zahlreiche potenzielle Zukunftsszenarien durchzuspielen.

Auf der Versicherungsseite sollten die Versicherungsmanager und Risikomanager u.a. die folgenden Szenarien für das Jahr 2016 auf dem Radar haben:

  • Von der Produktschutzversicherung bis zur Vermögensschaden-Haftpflichtversicherung für Manager: Die Vorhersagen für Sparten, in denen sich Nennenswertes entwickeln wird. Für Manager wird 2016 ein gutes Jahr – zumindest in Bezug auf ihre Möglichkeiten, eine gute und günstige Vermögensschaden-Haftpflichtversicherung (D&O) zu erhalten. Die Tendenz, hier höhere Versicherungssummen abzuschließen, wird daher weiter anhalten. Das Risiko, dass die Versicherung in Anspruch genommen werden muss, steigt allerdings.
  • Bei Produktschutzversicherungen werden die Versicherer künftig genauer hinschauen: Im vergangenen Jahr gab es weltweit mehr Produktrückrufe als in den Vorjahren – sowohl im Nahrungsmittel- und Getränke als auch im Non-Food-Bereich. Schäden oberhalb von eine Million Euro sind inzwischen die Regel. Im Jahr 2016 werden die Versicherer daher die Prämien erhöhen und höhere Selbstbehalte von den Unternehmen fordern. Vor der Zusage für eine Produktschutzversicherung werden viele Versicherer auf die Durchführung von Betriebsbesichtigungen und die Einholung von Sachverständigengutachten bestehen.
  • Rechtsschutzversicherungen werden für Unternehmen im Jahr 2016 teurer – besonders die Absicherung der Kostenrisiken im Zusammenhang mit preis- und wettbewerbsbeschränkenden Absprachen. Der Grund sind Bestrebungen zur Reform des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen und der damit einhergehenden Angleichung der Bußgeldbemessung an das europäische Recht.
  • Für Unternehmen, die durch eine Technische Versicherung mögliche Höchstschäden versichern möchten, wird der Deckungsschutz im Jahr 2016 teurer – oder es wird eine intensive technische Prüfung vorausgehen. Gleiches gilt für Firmen, die bereits in der Vergangenheit hohe Versicherungsschäden hatten. Auch mit höheren Selbstbehalten oder Einschränkungen der Versicherungsbedingungen müssen diese rechnen.
  • Die Preise für die Warentransportversicherung werden im Jahr 2016 steigen – als Folge der über die Jahre kontinuierlich gesunkenen Erträge der Versicherer. Gesetzliche Vorgaben zwingen die Versicherer außerdem dazu, die Risiken detaillierter zu analysieren und mit Kapital zu unterlegen.

[Text basierend auf "Marktprognose 2016", die vom Versicherungsmakler Aon veröffentlicht wurde]

[ Bildquelle: © Artur Marciniec - Fotolia.com ]


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