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Kettenreaktionen an den Finanzmärkten

Systemische Risiken: Schmerzhaftes Erwachen an den Finanzmärkten

Stefan Hirschmann11.03.2009, 08:53

Basel II und Solvency II fokussieren vor allem eine Portfoliosicht innerhalb des Banken- bzw. Versicherungssektors. Systemische Risiken, etwa nicht mehr beherrschbare Kettenreaktionen an den Finanzmärkten, wurden in der Vergangenheit weitgehend ausgeblendet. Gefragt, ob sich darin ein grundlegendes Problem verbirgt, antwortet Wolfgang Hartmann, Mitglied des Vorstands und Chief Risk Officer der Commerzbank AG: "Nein. Ich halte die Gefahr, die von systemischen Risiken ausgeht, für übertrieben. In der Tat besteht eine theoretische Anfälligkeit, doch hat die Vergangenheit gezeigt, dass auch Risiken von volkswirtschaftlicher Tragweite, die wie beispielsweise in Japan das ganze Banken- und Finanzsystem betroffen haben, nicht alles in den Abgrund reißen." Wolfgang Hartmann, Vorstand CommerzbankDies sagte Risikoprofi Hartmann in einem 2005 veröffentlichten Interview. Doch spätestens seit der Lehman-Pleite im vergangenen Jahr ist aus der theoretischen Anfälligkeit ein praktisches Risiko geworden. Das systemisches Risiko ist plötzlich Realität geworden – eine krasse Fehleinschätzung vieler Risikomanager, nicht nur von Wolfgang Hartmann.

Fed-Chairman Ben Bernanke, der übrigens ebenfalls die Gefahr systemischer Risiken lange Zeit massiv unterschätzt hatte, plädiert nun für eine Kehrtwende. Vor dem Council on Foreign Relations in Washington schlug er jetzt vor, dass der Federal Reserve eine größere Rolle bei der Aufsicht von systemischen Risiken zukommen könne. "Systemische Risiken effektiv zu identifizieren und anzugehen würde wohl eine Mitwirkung der Federal Reserve in einer bestimmten Kapazität voraussetzen, wenn nicht sogar in einer Führungsrolle", sagte Bernanke. Ob die Fed diese Rolle übernehme, hänge von dem US-Kongress ab. Die Schuld an den globalen Problemen gab der Fed-Chairman aber primär den USA und anderen großen Volkswirtschaften. In diesen sei versäumt worden, die anschwellenden Kapitalströme "umsichtig" zu investieren. Das habe zu einer "starken Umkehr des Marktsentiments" geführt und dabei geholfen, die Kreditmärkte einzufrieren.

Stabile Finanzmärkte sind nach Einschätzung von Bernanke eine Voraussetzung für eine Erholung der US-Wirtschaft. "Eine nachhaltige Wirtschaftserholung bleibt außer Reichweite, bis wir unser Finanzsystem stabilisiert haben", sagte Bernanke in Washington. Daher rief er die Regierungen weltweit auf, ihre Anstrengungen zur Wiederherstellung der Finanzmärkte gemeinsam fortzusetzen. "Kurzfristig müssen die Regierungen in der Welt weiterhin schlagkräftige und, wenn nötig, koordinierte Maßnahmen ergreifen, um die Funktion der Finanzmärkte und den Kreditfluss wieder herzustellen", sagte der Fed-Chairman. In den USA seien die Behörden entschlossen, "dass alle systemisch wichtigen Finanzinstitute weiterhin ihren Verpflichtungen nachkommen", sagte er. Die Rezession habe in ihrer Tiefe überrascht, so Bernanke. Eine Wirtschaftserholung sei im weiteren Jahresverlauf möglich, wenn es gelinge, die Banken zu stabilisieren. Dazu müsse allerdings die Problematik mit dem Umgang von illiquiden Vermögenswerten angegangen werden, sagte der Fed-Chairman. Eine Deflation ist seiner Einschätzung nach nicht zu erwarten.

Doch auch wenn kurzfristig eine Stabilisierung der Märkte im Vordergrund steht, ist nach Einschätzung von Bernanke nun langsam die Zeit gekommen, um über langfristige Reformen nachzudenken. Nur so könnten ähnliche Krisen in Zukunft vermieden werden. Der Fed-Chairman verwies in diesem Zusammenhang auf Reformen bei systemisch relevanten und grenzüberschreitenden Unternehmen, der finanziellen Infrastruktur, der Regulierung und der Handhabung der systemischen Risiken durch eine Aufsichtsbehörde. Bernanke zufolge sollte jedes Unternehmen, dessen Zusammenbruch ein systemisches Risiko darstellen würde, einer "besonders strengen Aufsicht" unterliegen, vor allem hinsichtlich der Risikoübernahme, des Risikomanagements und der Finanzlage. Plötzlich erlangt das systemisches Risiko wieder oberste Priorität.

[Bildquelle oben: Pixelio.de/DominoXL]



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