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Risiken im Blick, aber nicht immer abgesichert

Studie: Bedeutung des Risikomanagements steigt

Redaktion RiskNET04.05.2013, 20:29

Obwohl altbewährte finanzwirtschaftliche Muster im aktuellen Kapitalmarktumfeld weniger greifen, wurde die Anlage von Pensionsvermögen in den letzten Jahren bislang noch wenig verändert, zeigt die Studie "Pension Risk Management und Anlage von Pensionsvermögen" von Towers Watson. Innerhalb der einzelnen Anlageklassen haben Unternehmen zwar umgeschichtet oder umstrukturiert; insgesamt blieb die Anlagestrategie aber weitgehend bestehen. Da die Investmentziele der Unternehmen jedoch meist höher liegen als die mit einem durchschnittlichen Portfolio erzielbare Rendite, werden künftig weitere Anpassungen erforderlich werden. Gleichzeitig setzen viele Investoren auf ein verstärktes Risikomanagement. Zwei Drittel (68 Prozent) legen besonderen Wert auf die Einschätzung, Beurteilung und den Schutz vor Extremrisiken. Allerdings hat nur ein knappes Drittel (29 Prozent) tatsächlich Absicherungsmaßnahmen gegen Tail-Risiken implementiert. Towers Watson untersucht regelmäßig das Pension Management führender multinationaler Unternehmen in Deutschland. Die Studienteilnehmer halten insgesamt rund 100 Milliarden Euro an Plan-Assets – dies entspricht etwa 52 Prozent der gesamten Plan-Assets deutscher DAX-Unternehmen.

Portfoliokonstruktion und Renditeziele passen nicht immer zusammen

Rentenportfolios bestehen weiterhin zum größten Teil aus Staats- und Unternehmensanleihen. Sowohl innerhalb des Renten- als auch des Aktienportfolios der befragten Investoren zeichnet sich ein Trend zu einer stärkeren Diversität ab. "Angesichts der Situation an den Finanzmärkten hätten wir jedoch eine grundsätzliche Überarbeitung der Portfoliokonstruktion sowie deutlich stärkere Umstrukturierungen innerhalb der einzelnen Anlageklassen erwartet", berichtet Studienautor Nigel Cresswell, Leiter Investment Consulting, und ergänzt: "Basierend auf dem durchschnittlichen Portfolio aus der Studie lässt sich auf Basis des Towers-Watson-Investment-Modells eine erwartete Rendite von ca. 3,5 Prozent über die nächsten zehn Jahre errechnen. Jedoch sind die Investment-Ziele meist deutlich höher gesteckt. Investoren sollten daher entweder ihre Portfoliokonstruktion oder ihre Investment-Ziele anpassen. Dabei sollten sie auch, über alternative Anlageformen außerhalb des festverzinslichen Bereichs nachdenken."

Governance: Noch Nachholbedarf

Mit der gestiegenen Unsicherheit an den Kapitalmärkten sind die Anforderungen an die Steuerung von Pensionsvermögen deutlich gewachsen. "Viele Anleger beschäftigen sich derzeit verstärkt mit ihren Governance-Strukturen. Dieser Trend dürfte sich aufgrund der Situation an den Kapitalmärkten künftig noch verstärken", sagte Cresswell. Das unternehmensinterne Governance-Budget (Fachwissen zu Investmentthemen, vorhandene Ressourcen und Prozesse zur Entscheidungsfindung) wurde von 70 Prozent der Befragten als "mittel" eingestuft. Folgerichtig werden immer häufiger externe Berater hinzugezogen, insbesondere bei der Festlegung der strategischen Asset-Allokation (68 Prozent) und der Auswahl der Manager (73 Prozent).

Investmentstrategie: Festlegung vor allem anhand quantitativer Modelle

Die strategische Asset-Allokation richten drei Viertel der befragten Unternehmen an der Struktur der Pensionsverpflichtungen aus. Viele Investoren setzen bei der Festlegung der Investmentstrategie immer noch verstärkt auf mathematische bzw. quantitative Modelle. Qualitative Aspekte werden von Investoren zwar bereits heute schon berücksichtigt, jedoch nur mit niedriger Priorität. So halten erst 64 Prozent der befragten Unternehmen qualitative Ansätze zur Risikoeinschätzung für einen wichtigen Baustein bei der Bestimmung der Investmentstrategie. Cresswell betont jedoch: "Angesichts der aktuellen Entwicklungen ist es unerlässlich, dass die Ergebnisse quantitativer Analysen stärker durch qualitative Einschätzungen ergänzt werden."

Risiken im Blick, aber nicht immer abgesichert

Auch in puncto Risikomanagement setzen die meisten Unternehmen bislang überwiegend auf quantitative Modelle. Der Risiko-Management-Spezialist Cresswell empfiehlt auch hier, qualitative Methoden stärker einzubeziehen: "Wichtig ist ein ganzheitlicher Ansatz bei der Betrachtung und Steuerung von Risiken an, der sowohl die Größe, die Eintrittswahrscheinlichkeit, die Höhe der Auswirkung für die Bilanz als auch Signifikanz in Bezug auf die Investment-Zielsetzung einbezieht." Insgesamt haben die Anleger von Pensionsvermögen etwaige Risiken für ihr Portfolio sorgsam im Blick, ohne jedoch jedes einzelne Risiko abzusichern. Das größte Gefährdungspotenzial sehen die befragten Unternehmen im dauerhaften Niedrigzinsumfeld (77 Prozent). Jedoch haben nur 43 Prozent der Investoren einen Absicherungsmechanismus gegen fallende Zinsen umgesetzt. Auf die Einschätzung, Beurteilung und den Schutz vor Extremrisiken legen 68 Prozent der befragten Investoren großen Wert.

Allerdings hat nur ein knappes Drittel (29 Prozent) tatsächlich Absicherungsmaßnahmen gegen Tail-Risiken implementiert. "Viele Unternehmen halten die Absicherung von Tail-Risiken aufgrund der geringen Eintrittswahrscheinlichkeit für zu teuer", berichtet Cresswell. Er gibt jedoch zu bedenken, dass eingetretene Tail-Risiken einen übermäßigen Schaden in der Kapitalanlage verursachen können. "Portfolios sollten grundsätzlich robust gegenüber solchen Risiken aufgestellt werden", so der Experte.

Empfehlungen für Investoren

Den dringendsten Handlungsbedarf für Investoren sieht Cresswell in den folgenden Punkten: "Erstens: Investmentziele, Portfoliokonstruktion, Asset-Allokation und Diversifizierung im Portfolio sollten aufgrund des anhaltenden Niedrigzinsumfelds nachjustiert werden. Zweitens sollte das überwiegend quantitative Risikomanagement künftig durch qualitative Methoden flankiert werden, um Risiken umfassend einschätzen und steuern zu können. Drittens sollten die vorhandenen Ressourcen zur Steuerung der Kapitalanlage überprüft und der Ressourceneinsatz gegebenenfalls optimiert werden, gerade um die Themen ‚Umstrukturierung im Portfolio’ und ‚Umdenken im Risikomanagement’ gut steuern zu können. Bei Zukauf externer Ressourcen sollten die intern vorhandenen Ressourcen zum Controlling der ausgelagerten Prozesse eingesetzt werden."



[Bildquelle: © Marco2811 - Fotolia.com]



Kommentare zu diesem Beitrag

sabine/06.05.2013 06:15
Was verstehen die Autoren konkret unter "qualitativen Methoden". Das Zitat "... Eintrittswahrscheinlichkeit, die Höhe der Auswirkung für die Bilanz ...." bezieht sich ja dann wieder auch quantitative Methoden. Ist mit qualitativen Methoden die Expertenschätzung gemeint??

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