Rezension

Grundlagen der neuen Versicherungsaufsicht

Solvency II – Eine Einführung

Frank Romeike [Chefredakteur RiskNET]29.04.2015, 15:25

Die ersten Versicherungsverträge sind sehr eng mit der Seefahrt und der Entstehung des modernen Risikobegriffs verbunden und wurden Ende des 14. Jahrhunderts in Genua und anderen Seeplätzen Italiens geschlossen. Das Geschäftsmodell eines Versicherungsunternehmen basiert seit jeher im Kern auf der Übernahme von versicherungstechnischen und kapitalmarktorientierten Risiken. Seit Gründung der ersten Versicherungsunternehmen wird der langfristige Erfolg im Versicherungsgeschäft über die Qualität des Risikomanagements definiert.

So wie damals wird auch heute der Wert eines Versicherungsunternehmens von den zukünftigen, über den Substanzwert sowie die Erwirtschaftung der Kapitalkosten hinausgehenden Erträgen und den damit verbundenen Risiken determiniert. In der Konsequenz werden Versicherungsunternehmen, die über angemessene und effiziente Instrumente zur Messung und Steuerung ihrer Risiken verfügen, sich einen bedeutenden Wettbewerbsvorteil verschaffen. Um die Risiken in Chancen umzuwandeln, ist ein präventives, aktives und unternehmensintegriertes Risikomanagement unerlässlich.

Seit nunmehr rund 18 Jahren diskutieren die EU sowie die gesamte Branche über die Neugestaltung und Harmonisierung der EU-Versicherungsaufsicht. Mit Solvency II wird nun ab 2016 ein neues, in seinen Rahmenbedingungen komplett verändertes, quantitatives sowie qualitatives Aufsichtsregime das Geschäftsmodell sowie das Risikomanagement der Versicherungswirtschaft  nachhaltig beeinflussen. Veränderte Aufbau- und Ablauforganisationen müssen Risiko- und Wertorientierung in den Geschäftsprozessen abbilden und verlangen somit einen risikoorientierten und integrativen Steuerungsansatz in der Assekuranz. Solvency II, so die Autoren, ist eine neue Antwort auf die Frage, welche und wieviel Regulierung der Versicherungssektor benötigt.

Die Umsetzung der Solvency II-Vorgaben ist sowohl für die Versicherungsunternehmen und -gruppen als auch für die Aufseher in der EU eine große Herausforderung. Dabei zeigt sich, dass hoher Einführungs- und Umsetzungsaufwand des neuen ökonomischen, risikobasierten Aufsichtsregimes gerade an Stellen lauert, an denen dieser nicht vorrangig vermutet wurde und auch nicht mit dem Risikoprofil begründet werden kann.

Hohe Aufmerksamkeit genossen im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts quantitative Säule I-Vorschriften, insbesondere zum sog. Standardansatz (auch als Standardformel bezeichnet). Weitere Bereiche sind die qualitativen Anforderungen an das Risikomanagement aus Säule II und speziell auch Säule III-Berichtspflichten zur Marktdisziplin durch Transparenz. Diese sind erst nach Veröffentlichung der Solvency-II-Richtlinie im Jahre 2009 verstärkt in den Vordergrund gerückt.

Die Verzögerungen im politischen Prozess haben dazu geführt, dass die (nationale) Scharfschaltung von Solvency II nicht bereits zum 1. November 2012 (Frist in der ursprünglich verabschiedeten Solvency II-Richtlinie) bzw. zum 1. Januar 2014 (Frist nach der Quick-fix-I-Richtlinie) erfolgte, sondern am 1. Januar 2016 Solvency II scharf geschaltet wird. Allerdings wird Solvency II mit teilweise lang geltenden Übergangsregeln starten.

Neben den unterschätzten Governance-Anforderungen (u. a. über die MaRisk hinausgehende Anforderungen an die unternehmenseigene Risiko- und Solvabilitätsbeurteilung, ORSA) als Teil der Säule II und neben den ausufernden Säule III-Berichtspflichten gegenüber Aufsehern und Öffentlichkeit sind die Gruppenanforderungen, speziell die Gruppensolvenzberechnungen, ein Feld, das in Theorie und Praxis eher (zu) wenig beachtet wurde.

Damit sind die Themenfelder des vorliegenden Buches bereits benannt. Einer Einführung entsprechend werden die Grundlagen zu den Säulen I, II und III sowie zur Gruppenaufsicht behandelt. Vorangestellt ist diesen Inhalten eine Einführung in die Ziele und in den (europäischen) Rechtsrahmen von Solvency II. Die Autoren weisen darauf hin, dass weniger auf die konkreten Detailregelungen eingegangen wird, da sich diese (noch) in der rechtlichen und praktischen Ausgestaltung befinden. Wie in der prinzipienbasierten Solvency II-Rahmenrichtlinie (SII RRL) wird in den jeweiligen Themenfeldern der Schwerpunkt auf die wesentlichen Konzepte und die damit verfolgten Ziele gelegt.

Die Autoren weisen darauf hin, dass der Leser sich keine große Hoffnungen auf einen zukünftigen dauerhaft festen Stand des Solvency-II-Regelwerks machen sollte: Sobald die Einführung erfolgt ist, sind auch schon die ersten Überprüfungsverfahren (u. a. bis Dezember 2018, vgl. Erwägungsgrund 150 der delegierten Verordnung) zu erwarten und damit mit hoher Wahrscheinlichkeit die ersten Änderungen. Beispielsweise wird EIOPA die Möglichkeit haben, bereits nach einem Übergangszeitraum von zwei Jahren Aktualisierungsvorschläge für bestimmte delegierte Rechtsakte der Europäischen Kommission vorzulegen. Änderungen könnten sich auch aus der Überprüfung der drei europäischen Aufsichtsbehörden EIOPA, EBA und ESMA (zusammen ESAs) sowie des Europäischen Ausschusses für Systemrisiken (ESRB)ergeben. Zudem sind die Diskussionen zur Kapitalunterlegung von langfristigen Investitionen (in Infrastrukturprojekte) nicht abgeschlossen.

Ein wichtiges Kennzeichen des neuen Aufsichtssytems wird sein, dass es viel häufiger Änderungen unterliegen wird als das bisherige Solvency I-Aufsichtssystem. Druck erzeugen auch insbesondere weltweite Überlegungen zur Beaufsichtigung von Versicherungsunternehmen, die durch die weltweite Vereinigung der Versicherungsaufseher, IAIS (International Association of Insurance Supervisors), vorangetrieben werden. Zu nennen sind insbesondere die Überlegungen zu globalen Standards für international aktive Gruppen (sog. ComFrame) und ein weltweiter Kapitalstandard (sog. "basic capital requirement", BCR). Damit nähert sich die Solvency-II-Welt einer IFRS-Welt an, die auch international und dynamisch ist.

Das kompakte Buch liefern sowohl für Praktiker als auch für Studierende in den Versicherungswissenschaften eine aktuelle, kompakte und gut strukturierte Einführung in das komplexe und teilweise "staubtrockene" Thema Solvency II. Kritisch zu bewerten sind einzelne Abbildungen. Die Abbildung zum SCR (Seite 45) enthält beispielsweise weder eine Beschriftung der Ordinatenachse, noch eine klare Darstellung der relevanten Flächen (stattdessen wird mit einem Pfeil eher der Eindruck eines einzelnes Punktes in der Verteilung suggeriert).



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