News

Blasenhafte Übertreibungen

Scharfe Kritik an EZB-Geldpolitik

Redaktion RiskNET11.03.2016, 17:06

Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) hat vor zunehmenden Negativfolgen der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) gewarnt. "Die ultraexpansive Geldpolitik im Euroraum droht immer weitreichendere Verzerrungen in den Preis- und Produktionsstrukturen zu provozieren", schrieben die Kieler Ökonomen in ihrem jüngsten Konjunkturausblick, der am Donnerstagvormittag veröffentlicht wurde.

Die Absicht der Geldpolitik, durch niedrige Zinsen Spielräume für Strukturreformen und Haushaltskonsolidierung zu erkaufen, habe in den Ländern, wo diese Politik am dringendsten geboten wäre, "kaum bis gar nicht" gefruchtet. "Damit steigt die Gefahr, dass die Geldpolitik letztlich hinsichtlich ihrer Ziele ins Leere läuft, zugleich aber die mit dieser Politik einhergehenden Risiken von Tag zu Tag zunehmen", warnte das IfW.

Für Deutschland zeigten sich die Nebenwirkungen der extrem expansiv ausgerichteten Geldpolitik derzeit vor allem in merklich anziehenden Hauspreisen. "Blasenhafte Übertreibungen können in diesem Bereich immer weniger ausgeschlossen werden", konstatierten die Forscher. Ein durch Negativrenditen bei risikoarmen Anleihen herbeigeführter "Anlagenotstand" kann nach ihrer Überzeugung dazu führen, dass bei der Suche nach renditeträchtigen Anlageobjekten die Risikoneigung steigt. Wann sich die Risiken einer solchen Politik materialisieren und wo sie konkret bestehen, sei aber schwer zu sagen.

Kieler Ökonomen sehen erhebliches Störpotenzial

Ein ausgeprägter allgemeiner Investitionsboom sei in Deutschland trotz extrem günstiger Finanzierungsbedingungen bisher ausgeblieben. Allerdings wälze sich die Wirkung der nun schon seit sechs Jahren bestehenden Niedrigzinspolitik "nach und nach durch immer mehr Finanzierungsinstrumente und Güterpreise". Damit gehe eine Verzerrung der Produktionsstrukturen einher, etwa in Folge eines zu schwachen Außenwertes der Währung. "Je länger dieser Prozess andauert, desto schwerwiegender wird eine spätere Korrektur," erklärten die Forscher des IfW.

Von der Geldpolitik in den großen Währungsräumen geht nach der Analyse der Ökonomen insgesamt "ein erhebliches Störpotenzial auf die Weltwirtschaft und in der Folge auf die deutsche Konjunktur aus". Insbesondere bestehe die Gefahr "erratischer Wechselkursreaktionen", sobald eine der großen westlichen Zentralbanken die längst gebotene Normalisierung ihrer Zinspolitik einleite.

Aber auch ein Zurückschrecken davor sei riskant, weil sich so die Verzerrungen in der Weltwirtschaft immer weiter fortsetzten. "Insgesamt haben sich die westlichen Zentralbanken mit ihrer ultraexpansiven Geldpolitik in eine höchst fragile Lage manövriert, aus der sie derzeit nicht wieder herausfinden", stellten die Volkswirte des Kieler Instituts fest.

Kritik auch vom ifo-Institut aus München: EZB rettet Zombie-Banken

Auch Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn hat die Entscheidungen der Europäischen Zentralbank (EZB) kritisiert. "Dass die EZB nun beschlossen hat, den konkursgefährdeten Banken Südeuropas Langfristkredite zu einem negativen Zins von 0,4 Prozent zu geben, beweist einmal mehr, dass sie eine fiskalische Umverteilungspolitik zur Rettung von Zombiebanken und fast konkursreifen Staaten betreibt. Diese Umverteilungspolitik ist keine Geldpolitik, und es fällt der EZB immer schwerer, sie als eine solche zu verkaufen. Da sie sich durch den Europäischen Gerichtshof gedeckt sieht, wagt sich die EZB immer weiter über die Grenzen ihres Mandats hinaus", sagte er am Donnerstag.

"Gleichwohl bereitet die EZB weitere Schritte dieser Art vor, indem sie den 500-Euro-Schein abschaffen will, damit das Ansammeln von Bargeld noch teurer wird. Das ist eine völlig verfehlte Politik.“ Auch die Ausweitung der Anleihekäufe von 60 auf 80 Milliarden Euro pro Monat bemängelte er: „Mehr Wasser hilft nicht, wenn die Pferde nicht saufen wollen", sagte Sinn. "Die EZB scheint am Ende ihres Lateins angekommen."

[ Bildquelle: © Foto-Ruhrgebiet - Fotolia.com ]


Kommentare zu diesem Beitrag

Keine Kommentare

Themenverwandte Artikel

Kolumne

Digital, digitaler, disruptiv

Wahrnehmungs- und Arroganzrisiko

Andreas Kempf | Frank Romeike28.04.2017, 16:51

Der Begriff "Disruption" –Wirtschaftswort und Unwort des Jahres 2015 – ist in der aktuellen Diskussion um die Digitalisierung allgegenwärtig. Mit Unternehmen wie Uber, AirBnB, Netflix oder...

Interview

Verharren in der Komfortzone als Risiko

Mehr Speed – weniger Risiko

Redaktion RiskNET18.04.2017, 08:00

Risiken bewältigen, Entscheidungen treffen, Führungsrollen übernehmen, im Team kooperieren, Ziele setzen, durchhalten und vielleicht auch mal der Mut zur Umkehr sind Situationen, die sich im...

Interview

Digitalisierung, Cybersicherheit, disruptive Innovationen

Risiken in Zeiten des digitalen Bankschalters

Redaktion RiskNET23.03.2017, 20:32

Digitalisierung, Cybersicherheit, disruptive Innovationen und neue Geschäftsmodelle – die Bankenwelt müht sich mit vielen Themen. Vor allem klassische Banken müssen ihre Geschäftsmodelle überdenken,...

Kolumne

Schutz vor physischen Bedrohungen

Physical Security Management als integraler Bestandteil des Risikomanagements

Jörg Hensen | Sebastian Schmitz19.03.2017, 10:45

Sicherheitsthemen sind branchenübergreifend präsenter denn je. Aber es sind nicht ausschließlich die Gefährdungen im allgegenwärtigen Cyberraum, denen wir heute gegenüberstehen und in deren...

Kolumne

Methodische Defizite im Risikomanagement

Im Blindflug in die Pleite

Frank Romeike [Chefredakteur RiskNET]23.02.2017, 15:28

Folgt man den Sprachaufsehern des Duden, so ist eine Strategie ein "genauer Plan des eigenen Vorgehens, der dazu dient, ein militärisches, politisches, psychologisches, wirtschaftliches o.ä....