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Rohstoffrisiken für die Industrie

Dr. Hubertus Bardt, Institut der deutschen Wirtschaft Köln02.11.2011, 19:56

Aus der öffentlichen Wahrnehmung waren Rohstoffe so gut wie verschwunden. Einzig die Preisanstiege der letzten Jahre haben es in die Schlagzeilen geschafft. Die Rohstoffversorgung ist aber nicht nur aufgrund von Preissteigerungen relevant. Steigende und schwankende Preise sind insbesondere für Massenrohstoffe ein Problem, die in großen Mengen und zu hohen Kosten eingeführt und verarbeitet werden müssen. Gerade auch Rohstoffe, die nur in kleinen Mengen verbraucht werden und nicht unbedingt einen hohen Kostenfaktor darstellen, können mit verschiedensten Risiken verbunden sein.

Für eine moderne industrielle Produktion sind zahlreiche Rohstoffe notwendig. Dies gilt insbesondere für moderne Technologien wie Elektronikanwendungen und Elektroautos, aber auch Solarzellen und Windräder. Geologisch sind genügend Rohstoffe vorhanden. Die natürliche Verfügbarkeit ist nur in wenigen Fällen ein Problem. Es gibt genügend Metalle auf der Erde. Das reicht für eine sichere Versorgung der Industrie aber nicht aus. Die Risiken sind in den letzten Jahren deutlich gewachsen, ohne dass dies in Deutschland ausreichend bemerkt wurde:

  • Oftmals verfügen nur wenige Länder über wirtschaftlich abbaubare Rohstoffvorräte. Dies trifft beispielsweise auf die Gruppe der sogenannten Seltenen Erden zu. Bis zu 95 Prozent dieser Stoffe stammen aus China.
  • Viele Rohstoffe werden nur von wenigen Unternehmen angeboten; das treibt die Preise nach oben. So stammen etwa zwei Drittel des frei gehandelten Eisenerzes aus den Minen von nur drei Anbietern.
  • Viele Länder, die über wichtige Rohstoffvorkommen verfügen, sind politisch instabil. Im Kongo findet man etwa Tantal, das zur Herstellung von Kondensatoren für Mobiltelefone benötigt wird. Wer sich in den politisch unsicheren Ländern als Investor niederlassen und den Abbau der Rohstoffe vorantreiben will, muss um die Sicherheit seiner Investitionen fürchten.
  • Insbesondere China, aber auch andere Länder behindern die Ausfuhr von Rohstoffen durch vielfältigen Protektionismus. Die Protektionspalette reicht von spezifischen Ausfuhrsteuerungen und finanziellen Förderungen heimischer Weiterverarbeiter über die Einführung von Exportmonopolen und die Verweigerung der Mehrwertsteuererstattung beim Export von Rohstoffen bis hin zur Vergabe von Exportlizenzen und zur Verhängung von Exportverboten. Ziel dieser strategischen Industriepolitik ist es, die Weiterverarbeitung der Rohstoffe ins eigene Land zu holen – zum Schaden der Produktion in Industrieländern wie Deutschland.


Die deutsche Wirtschaft sieht insbesondere in steigenden und schwankenden Preisen ein wesentliches Rohstoffrisiko. Nahezu 75 beziehungsweise 65 Prozent der befragten Umweltexperten der Wirtschaft nannten dieses Risiko als wesentlich. Der Hintergrund hierfür liegt vor allem in der steigenden Nachfrage, die rund 61 Prozent für problematisch halten. Marktmacht der Anbieter und die Konzentration auf wenige Lieferländer wird von zirka 49 beziehungsweise 35 Prozent kritisch gesehen. Grenzen der wirtschaftlichen und geologischen Fördermöglichkeiten sehen ungefähr 30 beziehungsweise etwa 23 Prozent der Experten als problematisch an. Protektionismus und andere politische Risiken werden noch von rund 18 und 22 Prozent als bedeutsames Risiko gesehen (Abbildung 1).

Abbildung 1: Rohstoffrisiken aus Unternehmenssicht [Quelle: IW-Umweltexpertenpanel 3/2010 (Befragung von 141 Umweltexperten der Wirtschaft im Juni 2010), IW Köln], Angaben in Prozent
Abbildung 1: Rohstoffrisiken aus Unternehmenssicht [Quelle: IW-Umweltexpertenpanel 3/2010 (Befragung von 141 Umweltexperten der Wirtschaft im Juni 2010), IW Köln], Angaben in Prozent


Bedeutung für das Risikomanagement im Unternehmen

Entscheidend für einzelne Unternehmen ist zunächst einmal, die jeweiligen Risiken der eigenen Rohstoffversorgung zu analysieren, um daraufhin entsprechende Maßnahmen planen zu können. Zu diesem Zweck sind zunächst die Wertschöpfungsketten zu identifizieren, die kritische Rohstoffe beinhalten. Auch in Vorprodukten können Stoffe mit einer kritischen Versorgungssituation enthalten sein. Szenarien für den Ausfall einzelner Stoffe könnten den Handlungsbedarf signalisieren. Rohstoffrisiken stehen neben anderen unternehmerischen Risiken. Mit ihnen kann man umgehen – dazu muss man sie aber kennen.

Durch angemessenes Hedging können zumindest finanzielle Risiken reduziert werden. Dies führt jedoch nicht zu einer Abkoppelung von der längerfristigen Preisentwicklung. Zudem müssen entsprechende Kompetenzen zur Risikosteuerung auf den Finanzmärkten aufgebaut werden. Auch mit Hilfe von langfristigen Lieferverträgen können Unsicherheiten bezüglich der Versorgung und der Preise reduziert werden. In langfristigen gegenseitigen Verpflichtungen liegt ein Schlüssel für eine sichere Versorgung.

Unternehmen können natürlich auch versuchen, den Einsatz von Rohstoffen zu verringern, indem sie effizienter mit kritischen Stoffen umgehen. Und sie können versuchen, vermehrt andere Stoffe einzusetzen, die weniger kritisch sind, aber dieselbe Funktion erfüllen. Auch wenn gerade die Materialeffizienz bei Unternehmen eine hohe Priorität hat (Abbildung 2), stoßen diese Strategien doch an technische Grenzen. Daher ist die Stärkung von Forschung und Entwicklung auf Unternehmensebene einer der wichtigsten Lösungsansätze.

Abbildung 2: Unternehmerische Reaktionen auf Rohstoffrisiken [Quelle: IW-Umweltexpertenpanel 3/2010 (Befragung von 141 Umweltexperten der Wirtschaft im Juni 2010), IW Köln], Angaben in Prozent
Abbildung 2: Unternehmerische Reaktionen auf Rohstoffrisiken [Quelle: IW-Umweltexpertenpanel 3/2010 (Befragung von 141 Umweltexperten der Wirtschaft im Juni 2010), IW Köln], Angaben in Prozent


Eine weitere Maßnahme zur Rohstoffsicherung stellt die sogenannte vertikale Integration dar. Das Unternehmen kauft oder beteiligt sich an Zulieferern, die direkten Zugang zu einer Abbauquelle haben. So ist die eigene Rohstoffversorgung gesichert. Als Einzelunternehmen kommt dieses Unternehmen natürlich nur dann in Frage, wenn es hinreichend groß ist und relativ große Mengen von dem jeweiligen Rohstoff verbraucht. Dieser Ansatz ist jedoch mit einer Reihe von Problemen behaftet: Er ist teuer; er bringt Risiken in Märkten mit sich, in denen sich die Industrie nicht auskennt; er kann nur für einzelne Rohstoffe verfolgt werden. Insgesamt ist dies höchstens eine Möglichkeit für wenige große Unternehmen, die zumeist Erze direkt weiterverarbeiten.

Mehrere Fliegen mit einer Klatsche schlagen

Vielfach können Unternehmen im Verbund mehr tun, als wenn sie nur alleine tätig sind. Gemeinsam mit anderen Unternehmen und Forschungseinrichtungen sollte Forschung zur Steigerung der Rohstoffeffizienz und zur Entwicklung von Substitutionsstoffen betrieben werden. Diese Zusammenschlüsse wären aus Kostensicht sinnvoll. Es könnten sich sogar kleinere Unternehmen, für die sich Einzelforschung nicht lohnt, zusammenschließen und für ein gemeinsames Ziel forschen. Solche wissensorientierten Netzwerke wirken sich oftmals positiv auf den Geschäftserfolg aus. Bestenfalls könnten somit mehrere Fliegen mit einer Klatsche geschlagen werden: Die Kosten für die Erforschung von Effizienzpotenzialen und Substitutionsstoffen wären geringer, durch den Austausch könnten schneller Ergebnisse erzielt werden und die Erfolgsperspektive des Unternehmens wäre grundsätzlich verbessert.

Ein gemeinsames Vorgehen von Unternehmen und Regierung ist bei der Stärkung des Recyclings sinnvoll. Die Nutzung von Rohstoffquellen in den Abfällen unserer Städte – man spricht daher vom Urban Mining – verringert den Bedarf an Erzen aus unsicheren Quellen. Die Recyclingpotentiale sind groß. Aber auch hier sind technische und organisatorische Innovationen und damit verbunden sinkende Recycling-Kosten notwendig, um die Chancen zu nutzen. Privatwirtschaftliche Initiative und staatliche Rahmensetzung sind notwendig, um wirksame Konzepte zu entwickeln und zu realisieren. Aber auch dies hat Grenzen. So ist auch bei Schrotten vielfach Protektionismus zu beobachten.

Aufgaben der Politik

Es kann nicht Aufgabe der Politik sein, zur Sicherung der Rohstoffversorgung billige Importe zu garantieren, Preissignale zu verzerren oder eine Abkoppelung von Weltmarktzusammenhängen voranzutreiben. Auch eine einseitige Bindung einzelner Rohstoffländer an einzelne Industriestaaten ist mit einer auf Wettbewerb ausgerichteten globalen Wirtschaftsordnung nicht zu vereinbaren. Stattdessen muss die Politik den freien Zugang zu den Rohstoffquellen und den Unternehmen der Rohstoffwirtschaft sichern, protektionistischen Tendenzen entgegentreten und auf einen Abbau von Exportsteuern und ähnlichen marktwidrigen Instrumenten pochen. Auch kann die Politik zu einer internationalen Vertrauenskultur beitragen, auf deren Basis Rohstoffe frei gehandelt werden können.

Zur Sicherung der Rohstoffversorgung ergibt sich für eine marktwirtschaftliche Politik eine Reihe von Anknüpfungspunkten:

Freihandel: Im Rahmen internationaler Freihandelsabkommen müssen bestehende Handelshemmnisse und Wettbewerbsverzerrungen auf den Rohstoffmärkten abgebaut werden, so wie dies für Industriegüter schon weitgehend geschehen ist. Hier kann nur der Staat in bilateralen und multilateralen Verhandlungen tätig werden, insbesondere auch auf Ebene der Welthandelsorganisation. Auch die Sicherung der Märkte gegen private Wettbewerbsbeschränkungen in Form von Angebotskartellen oder Fusionen ist eine zentrale staatliche Aufgabe.

Investitionsbedingungen: Investitionen in Rohstoffländer müssen ermöglicht und gesichert werden. Hier können die Einrichtungen der Entwicklungshilfe einen wichtigen Beitrag leisten, indem entsprechende Institutionen entwickelt werden. Gleichzeitig steigen damit die Chancen, Rohstoffe direkt bei den Produzenten kaufen zu können. Umgekehrt gilt aber auch: Wenn wir andere Länder von offenen Märkten überzeugen wollen, dürfen wir unsere Märkte nicht abschotten, auch nicht gegen ausländische Investoren. Staatsfonds dienen den Ressourcenländern dazu, ihre Einnahmen zu investieren und ihre wirtschaftliche Entwicklung auf eine solide Grundlage zu stellen. Das muss auch in unserem Interesse sein.

Diplomatie: Zur Sicherung der Rohstoffversorgung ist es essentiell, gute diplomatische Beziehungen vor Ort zu unterhalten. So kann das Risiko verringert werden, dass Rohstoffe exklusiv an Drittländer gehen, Investitionen gefährdet werden oder protektionistische Maßnahmen ergriffen werden. Oftmals sind persönliche Kontakte zu Entscheidungsträgern vor Ort notwendig, um die Umsetzungschance von Anliegen ausländischer Unternehmen zu erhöhen. Generell gilt: Je besser die Kontakte vor Ort sind, desto reibungsloser läuft das Geschäft der Unternehmen, die für die Rohstoffversorgung Verantwortung tragen. Notwendig ist zudem eine bessere Koordinierung der Rohstoff-Außenpolitik auf europäischer Ebene, um in internationalen Verhandlungen ein angemessenes Gewicht zu haben.

Forschungsförderung: Eine Stärkung der Forschung ist unumgänglich, um effizienter mit Rohstoffquellen umgehen zu können. So kann die Politik auch einen Beitrag leisten, um durch technologische Entwicklungen die Rohstoffsicherung in Deutschland zu verbessern. Eine zielorientierte Grundlagenforschung würde Optionen zur Reduktion der Rohstoffrisiken schaffen. Zudem würde damit den Unternehmen signalisiert, dass die Gefahren erkannt worden sind und größere Anstrengungen unternommen werden, um sie – wenn nicht zu bannen – dann doch zu lindern.

Die zukünftige Versorgungslage mit Rohstoffen für das Industrieland Deutschland stellt eine immer noch unterschätzte Herausforderung dar. Auf diese kann nur mit einem differenzierten Ansatz von Unternehmen und politischen Institutionen reagiert werden. Alle müssen ihre Hausaufgaben machen, um die Risiken beherrschen zu können. Das Ziel muss es dabei weiterhin bleiben, auf unternehmerischer Basis eine Rohstoffversorgung auf offenen Märkten zu sichern.

 

Dr. Hubertus BardtAutor:

Dr. Hubertus Bardt
ist seit 2009 stellvertretender Leiter des Wissenschaftsbereichs II wirtschaftspolitik und Sozialpolitik beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln.

Außerdem ist er Leiter der Forschungsstelle Umwelt- und Energieökonomik sowie Redakteur des IW Umwelt-Service.

Er studierte Volkswirtschaftslehre und Betriebswirtschaftslehre in Marburg und Hagen und promovierte an der Philipps-Universität in Marburg.

Weitere Informationen unter www.iwkoeln.de

 

[Bildquelle oben: iStockPhoto]



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