Studie

Enterprise Risk Management

Risikomanagement im Spiegel deutscher Fachbücher

Jan Braunschmidt | Christina Trageser | Leonhard Knoll17.11.2017, 10:10

Risikomanagement hat als Subdisziplin im Grenzbereich zwischen Betriebswirtschaftslehre und angewandter Mathematik/Statistik seit der Jahrhundertwende eine immer größere Bedeutung erlangt. Dies gilt auch für die Praxis: Gab es vor zehn Jahren in deutschen Unternehmen noch praktisch keinen "Chief Risk Officer" (CRO), so ist er heute zumindest bei Großkonzernen bereits eher die Regel als die Ausnahme.

Eine solche Entwicklung kann nicht ohne Rückwirkung auf die Aus- und Weiterbildung in dem entsprechenden Bereich stattfinden, und so liegt es nahe, den Stand dieser noch jungen (Sub-)Disziplin anhand des Inhalts ihrer aktuellen Literatur zu untersuchen. Dies erfordert angesichts des rapiden Anwachsen von Fachliteratur auch in diesem noch relativ jungen Segment zunächst eine Eingrenzung des Untersuchungsfelds in Form einer Auswahl der zu referierenden Werke. Für vorliegende Studie wurden zwölf deutschsprachige Lehrbücher und ein Praxishandbuch für einen Vergleich von Inhalt und Darstellung herangezogen, um eine Indikation dafür zu erhalten, was aktuell unter "Risikomanagement" verstanden wird.

Literaturauswahl

Die tragende Idee für die Literaturauswahl bestand darin, Werke zu untersuchen, die im Wesentlichen schon für sich betrachtet, das Gebiet weitgehend abdecken wollen, also allgemeine Lehrbücher und Handbücher. Damit schieden Fachartikel aber auch Dissertationen aus, die genregemäß meist einzelne Aspekte des Risikomanagements betrachten. Dass nur deutschsprachige Bücher untersucht wurden, liegt im Wesentlichen daran, dass die Praxis hierzulande noch eindeutig von der Muttersprache dominiert wird, wie auch die Inhalte der beiden wichtigsten universitär angebotenen Weiterbildungsangebote unabhängig vom jeweils vergebenen Titel zeigen (Vgl. hierzu die Programme der Universität Würzburg und der Universität Augsburg).

Der Fokus der Untersuchung liegt eindeutig auf allgemeinen Lehrbücher in ihrer aktuellen Auflage seit 2008, also der Zeit, als die Subprime-Krise die Bedeutung des Risikomanagements geradezu potenzierte und gleichzeitig die Risiken des Finanzsektors in den Vordergrund rückte. Ausgangspunkt waren dabei natürlich die jeweiligen Titel der Bücher, wobei Spezifikationen auf ihre inhaltliche Bedeutung für eine Ausgrenzung berücksichtigt wurden. Dabei erschien eine Vollerhebung zu ambitioniert und selbst eine vorselektierte Stichprobe stieß in der Bearbeitung immer wieder auf Probleme (beispielsweise wurden verschiedene Bücher während der Bearbeitungszeit neu aufgelegt, was zu einem entsprechenden Anpassungsbedarf und -aufwand führte. Angesichts der dabei gemachten Erfahrungen wurde Diedrichs, Risikomanagement und Risikocontrolling, 3. Aufl. München 2012, nicht berücksichtigt, weil bei Abschluss des Manuskripts bereits die 4. Auflage im Buchhandel angekündigt war) – einer von mehreren Gründen, weshalb die Nichterfassung von Werken nicht als Qualitätsurteil zu interpretieren ist. Als Ergebnis des Auswahlprozesses blieb eine den Gesamtmarkt sicher gut abdeckende Stichprobe der folgenden zwölf Lehrbücher übrig, von denen Ellert/Heinrich/Perrot/Reif (Hrsg.) sich selbst allerdings im Titel eher als Nachschlagewerk versteht:

  • Albrecht, Peter/Maurer, Raimond: Investment- und Risikomanagement, 4. Auflage, Schäffel-Poeschel Verlag, Stuttgart 2016.
  • Brauweiler, Hans-Christian: Risikomanagement in Unternehmen – Ein grundlegender Überblick für die Management-Praxis, Springer Fachmedien, Wiesbaden 2015.
  • Broll, Udo/Wahl, Jack E.: Risikomanagement im Unternehmen – Real- und finanzwirtschaftlicher Ansatz für internationale Unternehmen und Finanzintermediäre, Springer Fachmedien, Wiesbaden 2012.
  • Cottin, Claudia/Döhler, Sebastian: Risikoanalyse – Modellierung, Beurteilung und Management von Risiken mit Praxisbeispielen, 2. Auflage, Springer Fachmedien, Wiesbaden 2013.
  • Ehrmann, Harald: Risikomanagement in Unternehmen – Mit Basel III, 2. Auflage, NWB Verlag GmbH & Co. KG, Herne 2012.
  • Eller, Roland/Heinrich, Markus/Perrot, René/Reif, Markus (Hrsg.): Kompaktwissen Risikomanagement – Nachschlagen, verstehen und erfolgreich umsetzen, Gabler Verlag / Springer Fachmedien, Wiesbaden 2010.
  • Gleißner, Werner: Grundlagen des Risikomanagements – Mit fundierten Informationen zu besseren Entscheidungen, 3. Auflage, Franz Vahlen GmbH, München 2017.
  • Möbius, Christian/Pallenberg, Catherine: Risikomanagement in Versicherungsunternehmen, 3.Auflage, Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg 2016.
  • Romeike, Frank/Hager, Peter: Erfolgsfaktor Risikomanagement 3.0 - Methoden, Beispiele, Checklisten, Praxishandbuch für Industrie und Handel, 3. Auflage, Springer Fachmedien, Wiesbaden 2013.
  • Sartor, Franz J./Bourauel, Corinna: Risikomanagement kompakt – In 7 Schritten zum aggregierten Nettorisiko des Unternehmens, Oldenbourg Wissenschaftsverlag GmbH,  München 2013.
  • Wengert, Holger/Schittenhelm, Frank A.: Corporate Risk Management, Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg 2013.
  • Wolke, Thomas: Risikomanagement, 3. Auflage, Walter de Gruyter GmbH, Berlin / Boston 2016.

Größere Unterschiede zwischen diesen Büchern zeigen sich bereits in der Spanne ihrer Seitenzahlen:

Brauweiler liefert mit nur 23 Seiten die kürzeste Veröffentlichung, während die Ausführungen von Albrecht/Maurer zu Investment- und Risikomanagement 1108 Seiten betragen. Abb. 01 gibt einen Überblick über alle zwölf untersuchen Lehrbücher; Stichwort- und Gesamtliteraturverzeichnisse wurden in diesen quantitativen Vergleich nicht aufgenommen, Anhänge, die zusätzliche risikorelevante Inhalte vermitteln, hingegen als essentielle Teile des Lehrtextes bezüglich ihres Umfangs berücksichtigt.

Abb. 01: Seitenzahlen der untersuchten Bücher

Abb. 01: Seitenzahlen der untersuchten Bücher

Mit 23 Seiten qualifiziert sich die Veröffentlichung von Brauweiler nicht als Lehrbuch oder Nachschlagewerk im eigentlichen Sinne, wenngleich grundlegende Inhalte vermittelt werden. Als Teil der Essentials-Reihe des Springer-Verlages wird jedoch der Anspruch erhoben, "die Essenz dessen, worauf es als State-of-the-Art in der gegenwärtigen Fachdiskussion oder in der Praxis ankommt" [Brauweiler 2015b, S. II ) zu vermitteln, sodass eine Aufnahme in diesen Review sinnvoll erscheint. Zunächst kann natürlich keine Bewertung der Bücher anhand ihres Umfangs vorgenommen werden. Berücksichtigt man jedoch den Mittelwert der übrigen Veröffentlichungen – exklusive des anderen "Extremfalls" Albrecht / Maurer – in Höhe von knapp 300 Seiten, so ist es durchaus angebracht, an der Erfüllung dieses recht hochgesteckten Anspruchs zu zweifeln.

Der große Umfang bei Albrecht/Maurer lässt sich zu Beginn vor allem dadurch erklären, dass, wie bereits am Titel zu erkennen ist, eine umfassende theoretische Ausführung zu Themen des Investitionsmanagements, die zwar Überschneidungen zum Risikomanagement aufweisen, jedoch eine selbstständige Disziplin darstellen, wesentlicher Bestandteil des Lehrtextes ist. Umfassendere Analysen sind Gegenstand der folgenden Kapitel.

Neben Lehr- sind vor allem Handbücher gängige Formen für Gesamtdarstellungen eines Fachgebiets. Solche Handbücher entstehen allerdings in der Anfangsphase neuer Fachrichtungen sehr sporadisch und weisen mitunter große Abweichungen zueinander auf. Im Bereich Risikomanagement kann nach den bereits für die Lehrbücher beschriebenen Kriterien nur das 2015 von Gleißner/Romeike herausgegebene "Praxishandbuch Risikomanagement Konzepte – Methoden – Umsetzung" in Frage (das einzige vergleichbare Werk mit allgemeiner Ausrichtung wurde von Johanning/Rudolph bereits im Jahr 2000 herausgegeben). Mit nach gleicher Konvention wie oben gezählten 934 Seiten weist es eine Größe auf, die, auch angesichts der weiterführenden Literaturhinweise am Ende der jeweiligen Beiträge, für die tendenziell gegenläufigen Anforderungen von Vollständigkeit und Kompaktheit einen vernünftigen Kompromiss für diese Publikationsgattung darstellen kann (für alle untersuchten Bücher gilt im Folgenden die Zitierkonvention, dass der Bezug durch die – ggf. mit Schrägstrich verbundenen – Namen ohne die Jahreszahl erfolgt. Beim Praxishandbuch kommt hinzu, dass auf das Kürzel (Hrsg.) verzichtet wird und immer nur auf das gesamte Buch und nicht auf die einzelnen Beiträge verwiesen wird. Diese können im Bedarfsfall über die angegebenen Seitenzahlen identifiziert werden).

Für alle Bücher lassen sich nach deren eigenen Angaben drei wesentliche Zielgruppen ausmachen: Studierende, Praktiker und Wissenschaftler, wobei letztere weniger in ihrer forschenden als in ihrer lehrenden Tätigkeit adressiert werden. Privatpersonen, wie sie bei Eller/Heinrich/Perrot angesprochen werden, sind nicht von Belang. Mit Broll/Wahl und Möbius/Pallenberg richten sich lediglich zwei Bücher ausschließlich an Studierende, nur drei praktisch exklusiv an Praktiker (Brauweiler, Gleißner und Romeike/Hager). Alle anderen richten sich mindestens an diese beiden Zielgruppen, Albrecht/Maurer, Cottin/Döhler und Eller/Heinrich/Perrot wollen alle drei genannten Zielgruppen ansprechen.

Gleißner/Romeike sind qua Titel schon auf Praktiker fixiert, wobei Handbücher bekanntlich auch in der akademischen Aus- und Weiterbildung oft dadurch zum Einsatz kommen, dass ihre Beiträge als Einstieg in jeweilige Teilgebiete verwendet werden.

Diese unterschiedliche Adressierung impliziert einen gewissen Anspruch an die Ausrichtung des Textes. Studierende sind in erster Linie Konsumenten wissenschaftlicher Forschung, leider wird Fachliteratur oft nur dann gelesen, wenn explizit dazu aufgefordert wurde. Aufgabe der Lehrenden ist es hingegen primär, die Bücher zu bewerten und auf ihre Tauglichkeit für entsprechende Lehrveranstaltungen hin zu prüfen [vgl. etwa Swales 1995, S. 4]. Praktiker hingegen sind an konkreten Methoden sowie Anwendungen von Theorien in der Unternehmenspraxis interessiert. Entsprechend bieten sich als erste Vergleichskriterien zwischen den Büchern der regelmäßig in Vorworten und/oder Eingangskapiteln formulierte eigene Anspruch sowie die disziplinäre Ausrichtung an, bevor die Inhalte konkreter untersucht werden.

Eigener Anspruch und disziplinäre Ausrichtung

Einige Autoren formulieren explizit einen Eigenanspruch an ihren Text, siehe hierzu Tab. 01.

AutorenEigenanspruchQuelle
Albrecht/Maurer"in sich geschlossene, umfassende und methodisch fundierte Einführung in das moderne, quantitativ geprägte Investitions- und Risikomanagement"S. VII
BrauweilerEinführung in aktuelle Themen des RisikomanagementsS. II
Broll/WahlSchließen einer Lücke zwischen Bachelor- und MasterstudiumS. 2
Cottin/Döhler"praxisorientierte Einführung in die mathematischen Aspekte der Risikoanalyse und des Risikomanagements"S. V
Ehrmann"Anregung und Anleitung zu intensiver Beschäftigung mit den Chancen und Risiken des Unternehmens"S. 7
Eller/Heinrich/Perrot/Reif "Überblick über häufig verwendete Begriffe"S. 8
Gleißner"Vorstellung methodischer Grundlagen, Verfahren, Instrumente, Wege zur Etablierung eines Risikomanagements im Unternehmen und Nutzung von Risikoinformationen bei unternehmerischen Entscheidungen (risikogerechte Bewertung)"S. VI
Möbius/Pallenberg"Überblick über sämtliche Grundlagen, Nachschlagewerk"S. IX
Romeike/Hager"Analog zu den Vorauflagen erläutern wir auch in "Erfolgsfaktor Risiko-Management 3.0" praxisnah, welche Verfahren in den einzelnen Unternehmensbereichen wie etwa Produktion, Vertrieb, Finanzen et cetera anwendbar sind."S. IX
Sartor/Bouranel"Kompakte Gesamtübersicht der einzelnen Phasen des Risikomanagementprozesses"S. V
Wengert/Schittenhelmkeine Angaben
Wolke"Vermittlung von "langfristig notwendigem Grundlagenwissen, aktuellen risikospezifischen Fragestellungen, praktischen Anwendung anhand von Zahlenbeispielen sowie Schlussfolgerungen"S. XII
Gleißner/Romeike"Abdeckung der wesentlichsten Facetten des Risikomanagements. Darstellung des ökonomischen Mehrwerts einer risikoorientierten Unternehmensführung" S. 7

Tab. 01: Übersicht der Eigenansprüche der Autoren

Während sich bei vielen Autoren die Anforderungen an ihr Lehrbuch mit den durch die gewählte Zielgruppe implizierten decken, sollten dennoch einige Beispiele näher beleuchtet werden, die dann zusammen mit anderen im abschließenden Kapitel dieses Beitrags nochmals aufgegriffen werden.

Wie bereits erwähnt, beansprucht das Buch von Brauweiler für sich, "die Essenz dessen, worauf es als State-of-the-Art in der gegenwärtigen Fachdiskussion oder in der Praxis ankommt" zu vermitteln. Hierbei handelt es sich jedoch weniger um eine Einschätzung des Autors selbst, sondern um die Produktbeschreibung der Essentials-Reihe des Springer-Verlages. Dem geringen Umfang geschuldet wird jedoch exakt dies kaum berücksichtigt, vielmehr werden lediglich traditionelle Methoden wie ein internes Berichtswesen mit Warnschwellen zur Risikoidentifikation (S. 7), das Risikoinventar und die Risk-Map, die vielfältiger Kritik ausgesetzt sind, als Werkzeuge der Bewertung (S. 8), Vermeidung, Überwälzung und Diversifikation der Risiken mithilfe von Standardlösungen zur Risikosteuerung (S. 11 f.) sowie das Risikohandbuch zur internen und externen Kommunikation (S. 13 f.) vorgestellt. Das Buch von Brauweiler eignet sich somit höchstens als rudimentäre Einführung in die Thematik.

Broll und Wahl betiteln ihr Werk selbst als "Studientext", der laut S. 2 dem Anspruch genügen soll, "eine Lücke im wirtschaftswissenschaftlichen Bachelorstudium und Masterstudium zu schließen, indem er ein real- und finanzwirtschaftliches Risikomanagement für internationale Unternehmen und Finanzintermediäre in den Mittelpunkt der einzelnen Beiträge stellt." Gerade letztere Formulierung stellt klar, dass die Veröffentlichung nicht als in sich geschlossenes Lehrbuch verstanden werden will. Vielmehr sollen die Kapitel im Rahmen verschiedener Lehrveranstaltungen oder Abschlussarbeiten im Selbststudium "für sich erarbeitet werden" (ebd.). Dieser Anspruch führt allerdings zu Einbußen bei der Kohärenz (ebd.). Da jedes Kapitel jeweils eine abgeschlossene Einheit bildet, kommt es zu zahlreichen Wiederholungen bei den Ausführungen.

Bei Sartor/Bouranel finden sich im Einklang mit ihrer Maxime, eine kompakte Gesamtübersicht zu liefern, eine angemessene Anzahl an Methoden und Werkzeugen, die im Risikomanagementprozess von hoher Relevanz sind, ebenso werden wichtige Grundlagenkenntnisse vermittelt, sodass auch Studierende ohne umfassendes Vorwissen in den Themenkomplex "Risikomanagement" einsteigen können. In Bezug auf die mathematische Terminologie unterlaufen den Autoren jedoch einige Ungenauigkeiten, die zu Missverständnissen führen können (S. 63, 78 und 122).

Disziplinäre Ausrichtung

Risikomanagement ist ein sehr weitläufiges, interdisziplinäres Gebiet. Es umfasst fast alle betriebswirtschaftlichen Bereiche und stellt somit juristische, mathematische, ökonomische und versicherungstechnische Anforderungen [vgl. bereits Gahin 1967, S. 2]. Um dieses breitgefächerte Risikospektrum etwas einzugrenzen, befassen sich die meisten Autoren nur mit einem bestimmten Teilbereich des Risikomanagements. Bei den ausgewählten allgemeinen Lehrbüchern ist dies nicht der Fall, jedoch lassen sich gewisse Tendenzen ausmachen.

Während beispielsweise Albrecht/Maurer eine fundierte entscheidungsorientierte Betrachtung mit starkem Bezug auf finanzwirtschaftliche Fragestellungen vornehmen, legen Broll/Wahl ihren Schwerpunkt auf bankbetriebliche Aspekte und Möbius/Pallenberg tendieren zu versicherungstechnischen Themen.

Analog zu ihrem selbst formulierten Anspruch wird bei Cottin/Döhler das Risikomanagement lediglich in seinem mathematisch-statistischen Charakter beleuchtet. Zwar findet sich im Kapitel "Risikoentlastungsstrategien" offensichtlich eine große Anzahl an ökonomischen Modellen, zu denen auch geeignete Interpretationen in der betriebswirtschaftlichen Praxis geliefert werden, allerdings liegt auch hier der Fokus auf einer stringenten Herleitung und mathematisch sauberen formalen Darstellung der vorgestellten Sachverhalte.

Ehrmann vertritt dagegen die Auffassung, dass die Aufgaben des Risikomanagements vom Zentralcontrolling, das als Zentralisierung aller Controllingaufgaben in einem System aus institutionaler Sicht eng mit dem konventionellen Controlling verbunden ist, übernommen werden sollten (S. 176).

Eller/Heinrich/Perrot liefern wie beschrieben nach eigenem Anspruch kein Lehrbuch im engeren Sinne. Vielmehr stellt ihr Buch ein erweitertes Glossar dar, das einen anwendungsorientierten Überblick über Grundbegriffe und Branchenspezifika des Risikomanagements liefert. Dabei werden neben psychologischen Effekten auch volkswirtschaftliche Aspekte betrachtet, die jedoch kaum über Grundlagenwissen hinausgehen (S. 181).

Romeike/Hager verknüpfen im Rahmen eines kohärenten Risikomanagementsystems unter anderem Erkenntnisse der Spieltheorie zur Erkennung strategischer Risiken (S. 174), des Supply Chain Managements (S. 234) oder des Markenmanagements (S. 355). Ferner werden am Rande kultur- und sozialwissenschaftliche sowie psychologische Effekte (S. 78 ff.) auf die Risikowahrnehmung vorgestellt.

Die übrigen Autoren übernehmen eine zu Romeike/Hager ähnliche Ausrichtung mit jeweils unterschiedlichen Gewichtungen.

Eine den Lehrbüchern entsprechende Varietät ist auch im Praxishandbuch zu finden. Viele Beiträge weisen eine branchenspezifische Ausrichtung auf, wie beispielsweise in Kapitel 4 der Artikel "Steuerliches Risikomanagement" von Egner/Henselmann oder in Kapitel 7 der Beitrag "Besonderheiten des Risikomanagements im Konzern" von Kajüter. Andere Autoren beziehen sich ausschließlich auf bestimmte Phasen des Risikomanagementprozesses, hier sind beispielsweise Gleißner/Wolfrum mit "Risiko- und Performancemaße" in Kapitel 3 zu nennen. Ebenso wird den rechtlichen Rahmenbedingungen in Kapitel 2 besondere Beachtung geschenkt. Somit erhalten allgemeine aber auch spezifische Aspekte des Risikomanagements Einzug in das Buch und geben einen guten Gesamtüberblick.

Inhaltsvergleich: Quantitative Untersuchung

Zunächst wird ein quantitativer Vergleich der Schwerpunkte der einzelnen Werke vorgenommen. Hierzu wird der jeweilige prozentuale Anteil der behandelten Themen gemessen am Gesamtumfang ermittelt und ausgewertet. Dabei muss zuerst eine Systematisierung der Themen vorgenommen werden.

Bei der quantitativen Begutachtung werden die einzelnen Phasen des Risikomanagementprozesses gemäß des BaFin-Rundschreibens 10/2012 AT 4.3.2 Tz. 1 in Identifizierung, Beurteilung, Steuerung und Überwachung/Kommunikation der Risiken unterteilt und ihr prozentualer Anteil am Buch nach den folgenden Kategorien bestimmt:

Identifikation dient der Erkennung und Dokumentation von möglich auftretenden Risiken. Unter Bewertung werden alle relevanten Werkzeuge verstanden, die zur Bemessung und Beurteilung der vorher identifizierten Risiken beitragen, um die Risikolage des Unternehmens transparent darzustellen [Gleißner/Romeike 2015, S. 808], sowie mathematische Anhänge und Ähnliches. Steuerung beinhaltet die Methoden zur Risikobewältigung, also entweder Reduktion, Begrenzung oder Absicherung. Diese Schritte müssen von sogenannten "Risk-Owner" überwacht werden, was zumeist durch Risikoreports geschieht und hier unter Überwachung zusammengefasst wird [Gleißner/Romeike 2015, S. 537 f.]. Neben den vier Abschnitten der Aufteilung des Risikomanagementprozesses werden als letzter Punkt rechtliche Normen, beispielsweise das KonTraG oder die ISO 31000, bei der Untersuchung berücksichtigt.

Die Untersuchung liefert die in Tab. 02 zusammengefassten Ergebnisse.

Lehr-/HandbuchIdentifikationBewertungSteuerungÜberwachungrechtliche Normen
Albrecht/Maurer0,0%58,1%41,9%0,0%0,0%
Brauweiler12,5%18,8%18,8%6,3%43,8%
Broll/Wahl0,0 %11,6%84,4%0,0%4,0%
Cottin/Döhler0,0%75,7%22,7%0,0%1,7%
Ehrmann19,3%27,5%27,9%4,9%20,5%
Eller/Heinrich/Perrot/Reif10,6%5,4%22,2%2,7%59,1%
Gleißner12,2%54,0%9,7%19,3%4,8%
Möbius/Pallenberg0,0%9,7%83,6%0,0%6,7%
Romeike/Hager16,8%55,7%18,6%0,0%8,9%
Sartor/Bouranel9,8%66,7%14,7%2,0%6,9%
Wengert/Schittenhelm10,1%42,2%22,9%7,3%17,4%
Wolke0,8%62,5%29,0%0,8%6,9%
Gleißner/Romeike8,7%47,2%17,1%8,8%11,5%

Tab. 02: Prozentualer Anteil der Inhalte

Wie aus Tab. 02 erkennbar ist, wird bei den meisten Autoren die Bewertung, also die Risikoanalyse und Risikoaggregation sehr stark gewichtet und macht bis zu zwei Drittel des Gesamtumfangs aus. Auch auf die Steuerung wird ein großes Augenmerk gelegt, in der Regel mit einem Umfang um die zwanzig Prozent. Bei Broll/Wahl wird diesem Bereich mit über achtzig Prozent sogar eine deutlich höhere Bedeutung beigemessen. Hingegen findet die Identifikation nur geringe bis hin zu gar keiner Beachtung. Und auch die Überwachung wird nur wenig berücksichtigt und bei fünf Autoren sogar komplett vernachlässigt.
Im Praxishandbuch ist eine Zuordnung wegen der eigenständigen Beiträge innerhalb der Gliederungspunkte nur mit größerer Unschärfe vorzunehmen. Vorbehaltlich dessen lässt sich eine ähnliche prozentuale Aufteilung erkennen wie in den Lehrbüchern, jedoch spielt hier im Gegensatz zu den Lehrbüchern die Überwachung eine wesentliche Rolle mit knapp neun Prozent. Bei allen Autoren wird erwähnt und teilweise sogar sehr ausführlich beschrieben, vgl. Eller/Heinrich/Perrot oder Brauweiler, die rechtlichen Normen und Regelungen diesem Prozess zu Grunde liegen.

Qualitative Untersuchung: Risikoschwerpunkte

Für eine qualitative Untersuchung bietet sich als Ausgangspunkt an, welche Schwerpunkte die einzelnen Bücher haben und dafür ist zunächst zu klären, auf welche Weise die verschiedenen Autoren Risiken kategorisieren. Die meisten von ihnen verwenden eine Einteilung in "Finanzrisiken" und "operationelle" oder (seltener) "operative" Risiken. Teilweise werden operationelle Risiken noch nach strategischen und operativen Risiken getrennt, wie beispielsweise von Romeike/Hager (S. 91). Es sind aber auch andere Unterteilungen üblich. Beispielsweise gibt es bei Sartor/Bouranel zusätzlich die Kategorie der Geschäftsrisiken, die sich aus leistungswirtschaftlichen und interaktionsbezogenen Risiken zusammensetzt (S. 11). Eine wesentlich feingliedrigere Segmentierung in strategische, finanzwirtschaftliche, politische, rechtliche und gesellschaftliche Risiken, Leistungsrisiken, Marktrisiken sowie Risiken aus Corporate Governance nehmen Gleißner (S. 124 f.) und Ehrmann (S. 26) vor. Daneben existieren auch die von der BaFin herausgegebenen Standards: Adressenausfallrisiken, Marktpreisrisiken, Liquiditätsrisiken und operationelle Risiken, wobei sich gerade an dem gegenüber dem in den Lehrbüchern ansonsten gezeigten Verständnis von "operationell" zeigt, welche Problematik dieser Begriff in sich trägt. Ansonsten werden noch speziellere Risiken wie Reputationsrisiken oder versicherungstechnische Risiken als eigene Risikoklassifikation beschrieben.

Trotz aller beschriebenen Probleme einschließlich der sehr unterschiedlichen Interpretation von "operationell" wurde in Tab. 03 eine Identifikation des Risikoschwerpunkts für die betrachteten Lehrbücher anhand der zumeist verwendeten Zweiteilung vorgenommen.

Operationelle RisikenFinanzrisiken
BrauweilerAlbrecht/Maurer
EhrmannBroll/Wahl
GleißnerCottin/Döhler
Romeike/HagerEller/Heinrich/Perrot/Reif
Sartor/BouranelMöbius/Pallenberg
Wengert/SchittenhelmWolke

Tab. 03: Schwerpunktidentifikation bei binärer KlassifizierungEin vergleichbar heterogenes Bild ergibt sich für das Handbuch Risikomanagement. Je nach Beitrag ist eine stärkere Zuordnung zu einer der beiden Hauptkategorien zu beobachten. Außerdem kommt es auch hier immer wieder zu alternativen Definitionen, die dem Zweck des jeweiligen Beitrags folgen.

Qualitative Untersuchung: Aufbau

Neben dem gewählten Schwerpunkt ist vor allem die formale Gliederung der Bücher interessant. Im Folgenden soll die Struktur aufgezeigt und die Bücher anhand ihres Aufbaus klassifiziert werden.

Zunächst die Gruppe derjenigen Bücher betrachtet, deren Aufbau im Wesentlichen der von der BaFin vorgegebenen Struktur des Risikomanagementprozesses folgt. Zunächst fällt auf, dass die Gliederung der Vorauflage von Gleißner beinahe identisch von Ehrmann übernommen wurde, jedoch um ein Kapitel der risikobezogenen gesetzlichen Richtlinien erweitert, wobei den Richtlinien des Baseler Ausschusses besonders viel Relevanz trotz bankspezifischer Inhalte zugesprochen wird. Außerdem wurde die Risikosteuerung in die Teilabschnitte "Bildung der Maßnahmen" und den Vorgang der eigentlichen "Risikohandhabung" unterteilt. Im Rahmen der Risikoanalyse zeigt sich, dass zum einen Risikofelder jeweils anderen Kapiteln zugeordnet werden, zum anderen Gleißner erhöhten Wert auf die Methoden der Risikoaggregation legt (diese methodische Betonung wird in der aktuellen Auflage noch verstärkt und bei der Quantifizierung von Risiken den in der Praxis allgegenwärtigen "Datenproblemen" sowie der Notwendigkeit der Verwendung subjektiver Einschätzungen von Risiken besondere Beachtung geschenkt). Sartor/Bouranel wiederum unterscheiden wie Gleißner bei der Risikoaggregation zwischen Brutto- und Nettorisiken, wobei die Aggregation ersterer vor dem Prozess der Risikosteuerung steht, die der letzteren danach. Bei der Ermittlung des Gesamtrisikos müssen die nach einer getroffenen Steuerungsstrategie verbleibenden Restrisiken mit analogen Mitteln erneut aggregiert werden. Ein Vergleich der Brutto- und Nettowerte liefert Aufschluss über den Erfolg der eingeleiteten Maßnahmen (S. 88).

Wengert/Schittenhelm trennen strategisches und operatives Risikomanagement, welches dem Risikomanagementprozess im Sinne der BaFin entspricht. Ersteres deckt sich in seiner Herangehensweise mit dem sechsten Kapitel bei Gleißner. Ähnlich wie Ehrmann widmen die Autoren den Aufsichtssystemen der Finanzwelt ein gesondertes Kapitel. Einen ähnlichen Aufbau weist das Buch von Cottin/Döhler auf, allerdings wird hier vollständig auf die Identifikation und Steuerung von Risiken verzichtet. Ihre Kapitel zu Abhängigkeitsmodellierung, Modellwahl und -überprüfung sowie Simulationsmethoden können unter dem Begriff "Risikoaggregation" zusammengefasst werden. Da keine Unterscheidung in Brutto- und Nettorisiken vorgenommen wird, ist die Positionierung nach den Risikoentlastungsstrategien kritisch zu sehen.

Daneben wählen einige Autoren eine Gliederung, die den einzelnen Anwendungsfeldern des Risikomanagements folgt. Eine eindeutige Struktur ist hierbei jedoch nicht gegeben. Eller/Heinrich/Perrot liefern gewissermaßen eine Mischform, die sowohl Risikofelder als auch verschiedene institutionelle Anwendungsbereiche umfasst, während Romeike/Hager gezielt auf die risikorelevanten Unternehmensbereiche sowie der dort vorkommenden Subsysteme des Risikomanagementprozesses abzielen. Das Buch von Wolke hingegen folgt ebenfalls einer Mischform aus zwei Teilprozessen des Risikomanagements und jeweils einem Kapitel bezüglich der beiden wesentlichen Risikoarten.

Alle übrigen Autoren folgen einem eigenen Aufbau, die sich kaum zusammen mit den anderen kategorisieren lässt. So unterteilen Albrecht/Maurer ihr Buch in vier große thematisch in sich abgeschlossene Teile, die sich wiederum in einzelne verwandte Kapitel untergliedern. Im Kontext des Risikomanagements kann folgende qualitative Aussage getroffen werden: Der erste Teil beschäftigt sich, wie auch am Titel zu erkennen ist, mit institutionellen und methodischen Grundlagen der Investitionstheorie und ist somit nicht originär mit dem Risikomanagement verbunden. Die Abschnitte zwei und drei stehen dahingehend mit dem Risikomanagement zusammen, da sie zum einen Gegenstand des Risikomanagements sind, so etwa Aktien und Zinstitel, und zum anderen Derivate unabdingbare Risikosteuerungsmethoden darstellen. Der letzte Abschnitt widmet sich dann weiterführenden und vertiefenden Fragestellungen.

Die Gliederung von Brauweiler zeigt nur einmal mehr, dass in einer derart kurzen Abhandlung der Anspruch, "Sate-of-the-Art-Methoden" zu vermitteln, nicht erfüllt werden kann. Wesentliche Bestandteile des Risikomanagements fehlen vollkommen. Mit einem Kapitel über Liability Management liefern Möbius/Pallenberg einen branchenspezifischen Abschnitt, alles Übrige sollte selbsterklärend sein. Bei Broll/Wahl wird wiederum die Charakterisierung als "Studientext" ersichtlich. Jedes Kapitel stellt einen in sich abgeschlossenen Aspekt des Risikomanagements dar, Zusammenhänge sind nur bedingt erkennbar.

Das Praxishandbuch folgt wiederum dem Risikomanagementprozess und weist insbesondere bei den ersten sieben Kapiteln eine große Überschneidung mit den Gliederungen von Gleißner und Ehrmann auf. Hinzu kommen bei Gleißner/Romeike noch die letzten vier Kapitel "Strategische Aspekte des Risikomanagements und wertorientiertes Management", "IT-gestütztes Risikomanagement", "Praxisbeispiele zum Risikomanagement" und "Ausblick: die Zukunft des Risikomanagements im wertorientierten Management".

Qualitative Untersuchung: Risikomanagementprozess

Wie bereits in der quantitativen Untersuchung erwähnt, übernehmen die meisten Autoren die von der BaFin postulierten Schritte des Risikomanagementprozesses, wobei festzuhalten ist, dass diese BaFin-Vorgaben ihrerseits bereits vor seinem Erscheinen bestehenden Konventionen (auch in damaligen Auflagen von Lehrbüchern) folgen, so dass sich keine nennenswerten Änderungen zum Status quo ante ergeben haben. Daher wird nachfolgend ein Überblick derjenigen Inhalte gegeben, die in einer Mehrzahl der untersuchten Bücher behandelt werden oder ein Standardinstrument des Risikomanagements darstellen.

Qualitative Untersuchung: Identifikation

Bei der Identifikationsphase bietet sich eine Einordnung in Kollektions- und Suchmethoden an, die explizit allerdings nur bei Romeike/Hager (S. 24) durchgeführt wird. Sartor/Bouranel lehnen ihre Übersicht über verschiedene Methoden der Risikoidentifikation an eine Veröffentlichung von Romeike aus dem Jahre 2005 an, sodass sich die dargestellten Instrumente mit denen bei Romeike/Hager decken (vgl. auch Sartor/Bouranel, S. 42).

Ähnlich ausführlich sind die Darstellungen bei Gleißner in diesem Bereich, während Ehrmanns Ausführungen deutlich kürzer bleiben. Albrecht/Maurer, Broll/Wahl, Cottin/Döhler, Eller/Perrot/Heinrich sowie Möbius/Pallenberg liefern, wohl bedingt durch ihre disziplinäre Ausrichtung, keine konkreten Maßnahmen zur Risikoidentifikation.

Angesichts des Vorstehenden wenig überraschend finden sich bei Gleißner/Romeike mehrere Beiträge, in denen Kollektions- und Suchmethoden angesprochen werden.

Qualitative Untersuchung: Bewertung

Die Risikobewertung bekommt sowohl in den Lehrbüchern als auch im Praxishandbuch die meiste Aufmerksamkeit geschenkt. In letzterem wir noch einmal explizit darauf hingewiesen, dass bei der Veränderung einer Variablen zwischen einer erwarteten und einer unerwarteten Komponente, die addiert den Risikoumfang ergeben, unterschieden werden muss (S. 250). Der erwartete Faktor lässt sich mittels zeitreihenanalytischer Verfahren prognostizieren und nur der unerwartete Anteil bildet das Risiko (S. 209). Ebenso wird großer Wert darauf gelegt, dass die Risiken planungskonsistent sind (ebd., S. 847), also die Risiken mit der Unternehmensplanung verknüpft werden, da jedes realisierte Risiko in Form einer Planabweichung auftreten müsste (ebd., S. 216, 597). Zunehmende Risiken bedeuten demzufolge einen höheren Grad an Diskrepanzen hinsichtlich der Planung.

Bei der Risikobewertung können sowohl qualitative als auch quantitative Methoden zum Einsatz kommen. Qualitative Methoden werden in der Praxis häufig eingesetzt, um einen ersten Überblick über die Risikosituation zu erlangen, die daraufhin, wenn möglich mit quantitativen Methoden ergänzt und präzisiert werden sollten. Zusätzlich ist eine qualitative Vorgehensweise bei einer unzureichenden Datenlage zweckmäßig (Ehrmann, S. 128 f.).

Gleißner/Romeike teilen zur Ersteinschätzung die Risiken in Risikoklassen von "1 – unbedeutend" bis "5 – existenzgefährdend" ein. Zur Beurteilung werden als relevante Parameter die Eintrittswahrscheinlichkeit und die potenziellen Auswirkungen angesehen. Anschließend wird eine nähere Begutachtung der Klassen drei bis fünf angeraten (Gleißner/Romeike, S. 25). Gleißner bewertet diese Vorgehensweise insbesondere für die interne Kommunikation aufgrund der Anschaulichkeit als vorteilhaft gegenüber Verteilungsfunktionen (Gleißner, S. 171 f.). Das gleiche Konzept findet sich auch bei Sartor und Bouranel, welche die Anzahl der Relevanzklassen allerdings von der Unternehmensgröße abhängig machen. Ehrmann verwendet statt Relevanzklassen das Schulnotensystem. Durch seine Unterteilung in "geringere Gefahrenstufe" und "höchste Alarmstufe", der für Eintrittswahrscheinlichkeit und Auswirkung vergebenen Noten, bildet dies den Ansatzpunkt einer Checkliste (S. 128 f.). Die Einteilung in Relevanzklassen ist offensichtlich eine weit verbreitete Variante, die jedoch bedingt durch ihre Eingängigkeit oft nur knapp beschrieben wird.

Ähnlich zu den Relevanzklassen bzw. eine Erweiterung dazu ist das Scoring-Modell, das von Wolke und Romeike/Hager vorgestellt wird. Hierbei handelt es sich um ein Punktbewertungsmodell, das verschiedene Kriterien wie beispielsweise die Schadenswirkung, die Schadensreichweite und die Eintrittswahrscheinlichkeit gewichtet und den entsprechenden Ausprägungen Punkte, bei Wolke (S. 76 ff.) von eins bis zehn, zuordnet.  Multipliziert man die Punktwerte mit den Gewichtungen und addiert diese für jedes Risiko auf, ist es möglich diese zu vergleichen (vgl. Fiege (2006), S. 183). Während Wolke diese Methode an einem Beispiel demonstriert, wird sie dagegen im Praxishandbuch nur als Möglichkeit genannt.

Beide Methoden werden zu den Top-Down-Ansätzen gezählt, welche die Risikofolgen in den Mittelpunkt stellen (Romeike/Hager, S. 516). Das Pendant dazu sind die Bottom-Up-Ansätze, bei denen die Ursachen in den Vordergrund gerückt werden (ebd., S. 499). Hierzu werden die Expertenbefragung und die Szenarioanalyse gerechnet. Während erstere mitunter im Praxishandbuch adressiert wird (vgl. S. 255 und 887), wird letztere vor allem von Ehrmann, Gleißner und Romeike/Hager detailliert beschrieben, aber von den anderen untersuchten Büchern kaum zur Notiz genommen.

Um das Ausmaß der Risiken in numerischen Werten zu erfassen, bieten sich quantitative Methoden an. Im weiteren Verlauf werden diesbezüglich die Verteilungsanalyse und Risikomaße beleuchtet.

Bei der Verteilungsanalyse sollen die Risiken durch eine adäquate Verteilungsfunktion beschrieben werden, um sie so vergleichbar zu machen. Die wichtigsten Verteilungen mit zugehörigen Parametern werden im ersten Kapitel des Praxishandbuchs erläutert. Noch genauer werden die Verteilungen bei Albrecht/Maurer (S. 154 ff.) und Cottin/Döhler beschrieben, die auch Anwendungsbereiche für die jeweilige Verteilung vorschlagen (S. 26 ff.), was im Handbuch nur kurz angesprochen wird. Die Normalverteilung wird von Gleißner/Romeike als wichtigste Verteilung in der Praxis bezeichnet (S. 27), was sich damit deckt, dass ein Großteil der Autoren bei ihren Betrachtungen zur Quantifizierung eine binomial- oder normalverteilte Modellierung bevorzugen. Speziell bei der Verwendung der Normalverteilung ist aber zu beachten, dass sogenannte "fat tails" unberücksichtigt bleiben (vgl. beispielsweise Wolke, S. 68, der diese Problematik selbst erkennt). Während sich bei Albrecht/Maurer der Jarque-Bera-Test (S. 122 f.) und bei Romeike/Hager im Anhang Instrumente zur Überprüfung auf Normalverteilung finden (S. 446 ff.), bleiben Tests dazu im Handbuch aus. Neben der Normalverteilung wird der Dreiecksverteilung im Praxishandbuch im Gegensatz zu den Lehrbüchern vermehrt Beachtung geschenkt. Diese Verteilung ist insofern von Bedeutung, dass sie einfach zu verstehen ist und ohne große mathematische Kenntnisse angewendet werden kann. Zudem wird keine Angabe von Wahrscheinlichkeiten benötigt (Gleißner/Romeike, S. 28). Bei Albrecht/Maurer (S. 171 ff.), Wengert/Schittenhelm (S. 75) und Cottin/Döhler (S. 287) sowie Romeike/Hager (S. 215 ff.) halten noch Copulafunktionen Einzug, die im "Praxishandbuch Risikomanagement" noch nicht einmal erwähnt werden. Zur vertiefenden Recherche des Themas Verteilungsanalyse empfehlen sich die Bücher von Albrecht/Maurer (S. 154 ff.) und Cottin/Döhler (S. 287 ff.).

Eine gegenüber ganzen Verteilungsfunktionen eingeschränkte Analyse besteht in der Betrachtung von Risikomaßen. Diese wie auch Sensitivitätskennzahlen (vor allem Duration und Konvexität) werden von verschiedenen Lehrbüchern in unterschiedlicher Intensität erörtert. Lediglich Brauweiler und Ehrmann halten sich hier weitgehend bedeckt. Im Praxishandbuch wird dieses Thema insbesondere durch einen Beitrag von Gleißner/Wolfrum abgedeckt [Gleißner/Romeike 2015, S. 189 ff.].

Qualitative Untersuchung: Aggregation

Um am Ende der Bewertung nicht nur eine Auflistung von Einzelrisiken zu erhalten, müssen bei Risiken mit erkennbaren Interdependenzen auch deren Korrelationen integriert werden, um die relative Bedeutung der Einzelrisiken zu bestimmen (Gleißner/Romeike, S. 163). Dies ist notwendig, da in der Realität die Risiken ebenfalls nicht einzeln sondern aggregiert auftreten. Das Ziel der Risikoaggregation ist also das Aufzeigen der Gesamtrisikoposition des Unternehmens, um die Risikotragfähigkeit zu beurteilen, die vom Eigenkapital und den Liquiditätsreserven determiniert wird (ebd., S. 29 f.). Ohne diese bereits seit 1998 vom IDW PS 340 geforderte Aggregation ist es jenseits gravierender Positionierungen kaum möglich, bestandsgefährdende Entwicklungen im Sinne des § 91 II AktG zu erkennen.

Generell kann die Aggregation auf zwei Wegen erfolgen, entweder analytisch oder durch Simulationen (ebd., S. 228). Bei der analytischen Ermittlung der Gesamtrisikoposition ist die Risk-Map ein vergleichsweise elementares Werkzeug, das – keineswegs nicht nur positiv – unter den Lehrbüchern insbesondere von Gleißner (S. 220 ff.), Romeike/Hager (S. 124) und Sartor/Bouranel (S. 52) angesprochen wird, während es in den anderen wie auch im Praxishandbuch de facto kein Thema ist.

Das anspruchsvollere Instrument ist das Varianz-Kovarianz-Model, das ebenfalls in mehreren Lehrbüchern wie bei Albrecht/Maurer, bei Wolke und bei Romeike/Hager adressiert wird. Im Praxishandbuch ist es ebenfalls insbesondere Hager, der sich intensiver mit dem Modell auseinandersetzt und die Berechnungsformeln liefert (Gleißner/Romeike, S. 227 ff.).

Angesichts der Schwächen des Ansatzes außerhalb von Finanztiteln dominieren in der Praxis Simulationen, insbesondere die historische oder die Monte-Carlo-Simulation, die im Praxishandbuch (S. 215 ff. und 238 ff.) ebenso wie in den meisten Lehrbüchern dargestellt werden – nicht oder nur beiläufig streifen dieses Thema Brauweiler, Broll/Wahl Ehrmann und Möbius/Pallenberg. Bei Sartor/Bouranel steht eine simulationsbasierte Risikoaggregation sogar im Mittelpunkt ihres umfassenden Fallbeispiels (S. 120 ff.). Gleißner betont in seinen ausführlichen Darstellungen und Beispielen die Bedeutung einer simulationsbasierten Risikoaggregation für die Früherkennung bestandsgefährdender Risiken und die Verknüpfung des Risikomanagements mit Rating/Finanzierung sowie Unternehmensbewertung.

Qualitative Untersuchung: Steuerung

Wie bereits die quantitative Untersuchung der Werke gezeigt hat, legen die meisten Autoren besonderen Wert auf eine angemessene Handhabung der Risiken. Im Zuge des Risikocontrollings bieten sich mit der Vermeidung, Reduktion, Begrenzung, Absicherung und Akzeptanz je nach Ausprägung des Risikos diverse grundsätzliche Steuerungsmechanismen an (vgl. Wengert/Schittenhelm, S. 78). Tab. 04 zeigt die wichtigsten in der Literatur vorgestellten Risikosteuerungselemente.

Lehr-/HandbuchRisikosteuerungsmaßnahmen
Albrecht/MaurerPortfoliomanagement, insb. Bondportfolios, Asset Allocation, Duration-Gap-Analyse, Derivate, insb. Forwards, Futures, Optionen, Caps, Floors, Collars, Swaps.
BrauweilerRäumliche Trennung von Anlagen, Management der Haftungsrisiken durch allgemeine Geschäftsbedingungen, Outsourcing, Leasing, Factoring, Hedging mittels derivativer Finanzinstrumente.
Broll/WahlFutures, Optionen, variabel verzinsliche Einlagen, Termingeschäfte, dynamisches Hedging, Wahl der Fakturierungswährung.
Cottin/DöhlerDuration-Gap-Analyse, Versicherungslösung, insbesondere Rückversicherung und Franchising, Portfoliomanagement, insbesondere im Rahmen des CAPM, Hedging mit Futures und Optionen.
EhrmannVersicherungslösung, Verträge und Geschäftsbedingungen, Derivate, insbesondere Termingeschäfte, Forwards, Swaps, Futures, Optionen, Outsourcing, Factoring, Leasing, Franchising, Diversifikation, insbesondere Produkte, bereichsweiser Handlungsbedarf in Tabellenform, Balanced Scorecard.
Eller/Heinrich/PerrotLimit- und Benchmarksystem, Hedging, insbesondere Futures, Natural Hedge, Proxy Hedge, Kreditportfoliomodelle, risikoadjustiertes Pricing, Kreditstrategie und -entscheidung, Derivate, insbesondere Termingeschäfte, speziell Futures und Forwards, Optionen, Swaps, Caps, Floors, Collars, Swaptions, Doppelswaps, Cash, Target und National Pooling, Ersatzverfahren, Neuausrichtung, Versicherungslösungen, Outsourcing, Funktionentrennung, Asset Allocation.
GleißnerRisikotransfer, insbesondere Versicherungslösungen, Risikokostenoptimierung, tabellarische Zuordnung einzelner Risikobewältigungsmaßnahmen, Umsetzung in eine robuste Unternehmensstrategie.
Möbius/PallenbergGrundlegende Derivate, insbesondere, Forwards, Futures, Swaps, Optionen, versicherungsspezifisches Liability Management, Liabilty Hedge, Asset Hedge, Leverage Management, Insurance-Linked-Bonds /-Securites, Versicherungsderivate, Asset- und Portfoliomanagement, Immunisierungsstrategien, insbesondere Stop Loss, Bond Call, Protective Put, Constant Proportion Portfolio Insurance, Time Invariant Portfolio Protection.
Romeike/HagerVersicherungslösungen, Diversifikation, insbesondere, regionale / personale Streuung, Outsourcing, personenbezogene Diversifikation.
Sartor/BouranelPersonelle, technische und organisatorische Maßnahmen, Diversifikation, Versicherungslösungen, Derivate, Leasing, Factoring, Risk Bonds, Contingent Capital, Versicherungsderivate.
Wengert/SchittenhelmDerivate, insbesondere Optionen, Forwards und Futures, Portfoliomanagement im Rahmen des CAPM, Asset-Liability-Matching, Duration-Gap-Analyse, Constant Proportion Portfolio Insurance.
WolkeLimitsysteme, Diversifikation, insbesondere Produkte, Outsourcing, Natural Hedge, Factoring, Leasing, Franchising, Versicherungslösungen, Immunisierung, Derivate, insbesondere Swaps, Optionen, Futures, Forderungsmanagement.

Tab. 04: Übersicht vorgestellter Risikosteuerungsmaßnahmen

Im Praxishandbuch tauchen Steuerungsmechanismen und -instrumente in verschiedenen Beiträgen auf (vgl. beispielsweise S. 376 f. und 384 ff.). Sie sind naturgemäß stärker an den Themen der jeweiligen Beiträge orientiert, bieten aber auch allgemeine Erkenntnisse zu dieser Problematik. Bei aller schon angesprochenen Vorsicht betreffend die relative Zuordnung zeigt sich gegenüber dem Durchschnitt der Lehrbücher eine etwas geringere Betonung dieser Phase des Risikomanagementprozesses.

Qualitative Untersuchung: Überwachung und Kommunikation

Im letzten Teilprozess des Risikomanagements ergab die quantitative Untersuchung insbesondere unter Einbezug der Überschrift "rechtliche Normen" eine große Streuung zwischen den untersuchten Büchern. Hier zeigt sich noch mehr als in einigen anderen Bereichen die Bedeutung der strukturellen Idee, die mit dem jeweiligen Werk verfolgt wird. Entsprechend ist es wenig sinnvoll, über die Quantitäten hinaus auf die Unterschiede in den jeweiligen Büchern (nochmals) einzugehen.

Indessen sollte als Tendenz bedacht werden, dass rechtliche Vorgaben in der jüngeren Vergangenheit einen wesentlichen Treiber für das Risikomanagement insgesamt und speziell für diesen Teilprozess dargestellt haben. Dies wird in der Zukunft nicht gänzlich anders sein, denn zumindest ein Teil des Risikomanagements wird ständig Novellierungen der Gesetzgeber/Standardsetter hinterherlaufen, die ihrerseits einer Umgehung ihrer inhaltlichen Vorgaben entgegenzutreten bemüht sind. Dieses Hase-und-Igel-Rennen war in den letzten Jahren besonders im Bereich des Finanzsektors zu beobachten.

Welche Konsequenzen sich daraus für die Zukunft des Risikomanagements und ihre Darstellung in der Literatur, beispielsweise hinsichtlich Integration oder Separation dieser Themen, ergeben werden, kann aus heutiger Sicht kaum abgeschätzt werden.

Theoriebezug

Insbesondere in der Hochschulausbildung ist der Theoriebezug von verwendeter Literatur ein wichtiger Aspekt. Im Risikomanagement betrifft dies insbesondere theoretische Grundlagen in Mathematik, Statistik/Ökonometrie sowie Ökonomie. Entsprechend dem Titel und Anspruch eines "Praxishandbuchs" sei den folgenden Ausführungen vorangestellt, dass bei ihm theoretische Bezüge gleichsam naturgemäß eine entsprechend geringere Rolle spielen.

Ökonomische Theorien

Insbesondere Entscheidungen unter Risiko und Instrumente der Risikoabsicherung respektive des Risikotransfers sind Gegenstand wirtschaftswissenschaftlicher Forschung. Aus diesem Grund soll zunächst auf den Umgang mit ökonomischen Theorien eingegangen werden.

Ökonomische Entscheidungs- und Nutzentheorie

Die Vorteile der axiomatischen Vorgehensweise der Entscheidungstheorie liegen in der Möglichkeit einer gemäß einer konsistenten Struktur ordnungstreuen Messung der untersuchten Variablen sowie der Verpflichtung von Entscheidungsträgern, ihre Entscheidung an dem von der zuvor festgelegten Risiko- beziehungsweise Präferenzrelation abgeleiteten Risikomaß auszurichten [vgl. Brandtner 2012, S. 18 f.]. Als theoretische Grundlage für ein kohärentes Risikomanagementsystem scheint eine solche Methode durchaus geeignet.

Broll/Wahl merken hierzu an, dass die moderne wissenschaftliche Literatur gezeigt habe, dass "komplizierte Risiko- und Entscheidungsmodelle" für die Entscheidungsfindung nicht notwendig seien, stattdessen seien Entscheidungsregeln anhand einfacher statistischer Maßzahlen, wie etwa die (µ,σ)-Regel, selbst bei komplexen Fragestellungen ausreichend (S. 2). In diesem Sinne wird lediglich ein Optimierungsproblem unter bankspezifischen, modellinhärenten Nebenbedingungen im Zuge der Erwartungsnutzentheorie knapp vorgestellt (S. 11 f.). Die bereits angesprochene (µ,σ)-Theorie soll nun aber nicht als Spezialfall der Erwartungsnutzentheorie, sondern als eigenständiger Ansatz behandelt werden (S. 91). Dieser Ansatz wird im Folgenden zur Herleitung des optimalen Anlagevolumens bei einer Portfolioentscheidung eines risikoaversen Kapitalanlegers verwendet. Dies ist dahingehend sinnvoll, da sich in diesem Modell die Auswirkungen auf das optimale Wertpapierportfolio bei Veränderungen des Renditerisikos mithilfe der Kennzahl der Aversionselastizität leicht analysieren lassen (S. 94). Weitere elementare Vorteile gegenüber einer unmittelbar auf dem Bernoulli-Prinzip aufgebauten Portfolioanalyse liegen neben der einfacheren Verständlichkeit in der kostengünstigeren Informationsbeschaffung und einer erleichterten unternehmensinternen Kommunikation (S. 96).

Gleißner beruft sich insbesondere auf die Erwartungsnutzentheorie als theoretische Grundlage zum Vergleich von Entscheidungsalternativen (S. 38). Hierbei geht er explizit auf eine formale Darstellung der Klasse der HARA-Nutzenfunktionen, der Risikoprämie und der Kennzahl der absoluten Risikoaversion (S. 39 f.) ein. Ausgehend von diesen Grundelementen wird ein Konzept zur risikogerechten Bewertung vorgestellt (S. 43 ff.). Bei Unkenntnis einer Nutzenfunktion kann auf eine erwartungstreue und risikoadäquate Replikation der unbekannten Zahlung, zurückgegriffen werden. Entscheidungskriterien sind das Sicherheitsäquivalent und der daraus abgeleitete Kapitalkostensatz als risikogerechte zu erwartende Rendite der unsicheren Anlage. Ergänzend geht Gleißner auf "Psychologie und Risiko" ein (S. 48 ff.), wobei insbesondere "Risikowahrnehmung und Prospect-Theorie" eine breitere Darstellung erfahren. Ähnlich in der Sequenz von Bernoulli-Prinzip und Prospect-Theorie verfahren Albrecht/Maurer (S. 256 ff.)

Alle weiteren Autoren der Lehrbücher verzichten auf eine derartige Einführung, während im Praxishandbuch ein eigener Beitrag dem Thema "Entscheidung bei Unsicherheit und Risiko" gewidmet ist (S. 45 ff.).

Investitionstheorie

Das Investitionsmanagement stellt die Grundlage eines theoretisch fundierten Risikomanagements dar. Als offensichtliches Nachschlagewerk bietet sich hierbei das Buch von Albrecht/Maurer an. Insbesondere im ersten Teil wird eine umfassende Einführung in die Thematik geliefert. Die dort vermittelten Grundlagen umfassen die Zins-, Diskont- und Barwert- und Renditerechnung.

Portfolio- und Kapitalmarkttheorie

Die Handhabung von Risiken kann erleichtert werden, wenn ein Markt existiert, auf dem sie gehandelt werden können. Als eine wichtige Institution übernimmt in der Regel der Kapitalmarkt diese Rolle  [vgl. Laux/Gillenkirch/Schenk-Mathes 2014, S. 388].
Grundlage hierfür stellt die Portfoliotheorie nach Markowitz dar. Haupteffekte der Portfoliobildung sind hier der Markowitzsche Diversifikationseffekt und die Existenz eines sogenannten effizienten Portfolios. Albrecht/Maurer attestieren sich hierbei selbst, dass sie die über das Portfoliomodell getroffenen Aussagen analytisch präzise herausarbeiten, wobei sie sich auf die Basisform beschränken. Es folgen ausführliche Analysen des Zwei-Titel-Falls sowie des allgemeinen Falls, die Herleitung der Selektion eines optimalen Portfolios, welche um den Safety-First-Ansatz, die Integration von Restriktionen durch Shortfallbedingungen und Mindestrenditen. Kritisch betrachten die Autoren allerdings, dass sich bei der Optimierung nach Markowitz ein geringer Diversifikationsgrad einstellt und sich die Zusammensetzung entlang der Effizienzkurve in ihrem Verlauf stark ändert (S. 357).

Eine vollständige Herleitung des Zwei-Titel-Falls und einen Ausblick auf den allgemeinen Fall liefern zudem Cottin/Döhler (S. 189), während Broll/Wahl (S. 91) sowie Wolke (S. 40) lediglich die Ergebnisse anhand eines Zahlenbeispiels vorstellen. Romeike/Hager (310 f.) sowie Sartor/Bouranel (S. 74 ff.) verwenden die Ergebnisse der Portfolio Selection, um eine kohärente Herleitung des Varianz-Kovarianz-Ansatzes zur Risikoaggregation zu liefern.

Als Standardmodell für Kapitalmärkte hat sich das Capital Asset Pricing Model, kurz CAPM, etabliert. Unter theoretischen Gesichtspunkten sei hier wiederum auf Albrecht/Maurer verwiesen, die eine vollständige Ableitung aus einem Spezialfall des Marktindexmodells zu einem einfachen linearen Regressionsmodell vornehmen (S. 361 f.). Die eigentliche Herleitung des CAPM geschieht dann mit der Einführung einer sicheren Alternativanlage (S. 371). Eine weniger detaillierte, jedoch nicht weniger genaue, Herleitung findet sich auch bei Cottin/Döhler (S. 211).

Gerade das CAPM sieht sich immer wieder vielfältiger Kritik ausgesetzt. Gleißner setzt sich ausführlich damit auseinander und setzt als Alternative auf Risiko-Wert-Modelle und unvollkommene Replikationen (S. 366 ff.), nachdem er auf zahlreiche empirische Untersuchungen hingewiesen hat, die dem CAPM widersprechen (S. 357 ff.) (Hierbei ist indessen Vorsicht angezeigt, da solche Tests immer auf einer verbundenen Hypothese beruhen, vgl. zu dieser auf der sog. "Roll-Kritik" beruhenden Problematik Copeland/Weston/Shastri 2008, S. 238 f). Weitere Literaturhinweise zur empirischen Validität des CAPM finden sich bei Albrecht/Maurer (S. 385 f.).

Optionspreistheorie
Die Bewertung von Optionen, die als wesentliches Instrument der Risikoabsicherung in der Literatur vorgestellt werden, wird üblicherweise im Rahmen des Black-Scholes-Modells vorgenommen. Eine skizzenhafte Ableitung der Black-Scholes-Formel aus dem Binomialmodell befindet sich bei Cottin/Döhler (S. 258 f.), Romeike/Hager (184 f.), in ausführlicher Form bei Albrecht/Maurer (749 f.).

Mathematische Theorien

Wie bereits erwähnt sind vor allem im Zuge der Risikomodellierung mathematische Methoden von größter Bedeutung, insbesondere finden stochastische Prozesse und Zeitreihenmodelle vermehrt Anwendung. Aber auch Grundlagen der Maß- und Wahrscheinlichkeitstheorie sind zur Verteilungsanalyse und Risikoquantifizierung unabdingbar. Ebenso gewinnt die Extremwerttheorie immer weiter an Bedeutung, die Gleißner in einem kurzen Anhang behandelt (S. 535 f.). Diese vier Themenkomplexe stellen das mathematisch-stochastische Fundament eines integrierten Risikomanagementprozesses dar, sodass auf deren Behandlung näher eingegangen werden soll. Da die Distributionsanalyse bereits im Abschnitt zur Risikobewertung behandelt wurde, sei auf die dortigen Ausführungen verwiesen.

Maß- und Wahrscheinlichkeitstheorie

Auch wenn für ein vollständiges Verständnis der stetigen Finanzmathematik, insbesondere auch des Black-Scholes-Modells, Grundlagen der Maßtheorie notwendig sind [vgl. Kremer 2011, S. 439], ist es wenig verwunderlich, dass die Literatur, die sich mit einer derart praxisaffinen Disziplin wie dem Risikomanagement beschäftigt, kaum Wert auf eine in der mathematischen Theorie fundierte Einführung in diese Thematik legt. Ein Verständnis der Maß- und Wahrscheinlichkeitstheorie setzt zudem ein sicheres Vorwissen in der Analysis und der linearen Algebra voraus, sodass eine Unterweisung diesbezüglich, gerade im Hinblick auf die angesprochene Zielgruppe der Studierenden nicht-mathematischer Fachrichtungen, nicht sinnvoll ist. Zudem sind die vorgestellten Methoden in der Regel mit Grundwissen im Umgang mit den Instrumenten der deskriptiven Statistik durchaus verständlich und im Rahmen eines operationellen Arbeitens auch ohne besagten theoretischen Hintergrund umsetzbar.

Dennoch liefern Albrecht/Maurer dahingehend Einblicke, vornehmlich in ihren Anhängen zu den jeweiligen Kapiteln. Neben einfachen anwendungsorientierten Konzepten, wie der stochastischen Unabhängigkeit und der damit verbundenen bedingten Wahrscheinlichkeit (S. 180 f), werden auch tiefergreifende Themen aufgearbeitet.

In ihrem Anhang B stellen Cottin/Döhler ebenfalls "einige Grundlagen der Stochastik" vor (S. 433). Dabei gehen sie allerdings weniger ins Detail als Albrecht/Maurer (S. 107 ff.), die Autoren geben vielmehr einen Überblick über oben erwähntes notwendiges Grundwissen. Dieses umfasst elementare Begriffe wie "Zufallsvariable" und "Verteilung", die Definition der Quantilfunktion, das Konzept der Unabhängigkeit, Grenzwertsätze, insbesondere das Gesetz der großen Zahlen, und die Analyse der Momente der Verteilungsfunktion sowohl im univariaten als auch im multivariaten Falle.

Stochastische Prozesse

Stochastische Prozesse haben im Rahmen der Risikomodellierung essentielle Bedeutung. Als risikorelevante Vertreter nennen Albrecht/Maurer Martingale, besagte Random Walks und AR(1)-Prozesse als diskrete, die Brownsche Bewegung beziehungsweise den Wiener-Prozess als zeitstetige Prozesse zur mehrperiodigen Modellierung von Risiken (S. 187). Generell stellen die Ausführungen bei Albrecht/Maurer die theoretisch kohärentesten dar, da aus der formalen Definition der beschriebenen Prozesse all ihre risikorelevanten Eigenschaften analytisch hergeleitet werden. Bei Cottin/Döhler wird eine separate Betrachtung der Zielvariablen vorgenommen, auf der einen Seite die Schadenhöhe, auf der anderen die Wertentwicklungsprozesse. Wie auch schon im Rahmen der Verteilungsanalyse spielen hierbei die Berechnungen eine geringere Rolle als die als gegeben und gültig zu betrachtenden Parameter und Anwendungsmöglichkeiten der Prozesse. Für die Schadenzahl schlagen die Autoren im Wesentlichen diverse Poisson-Prozesse vor, die Wertentwicklungsprozesse werden analog zu Albrecht/Maurer mithilfe von Random Walks, Binomialgitterprozessen und Wiener-Prozessen abgebildet. Diese beiden Bücher stellen im Rahmen dieser Arbeit die wichtigsten Werke zu stochastischen Prozessen dar.

Gleißner stellt dem Leser einen kurzen Anhang "Stochastische Prozesse und Zeitreihenanalyse" (S. 531 ff.) zur Verfügung. Aufgrund der spärlichen Ausführungen zu diesem Themenkomplex in den übrigen Lehrbüchern wie auch dem Praxishandbuch ist es nicht sinnvoll, jede dortige Erwähnung stochastischer Prozesse zu dokumentieren.

Zeitreihenanalyse

Als Alternative zur Modellierung von Finanzzeitreihen, wie etwa der Wertentwicklung von Aktienkursen, als stochastischen Prozess bietet sich eine Analyse mit Werkzeugen der Zeitreihenanalyse an. Hierbei stellen Romeike/Hager im Zuge einer Fallstudie das EWMA-Modell (S. 471) und seine Erweiterung in Form der GARCH-Modelle vor (S. 475). Die EWMA-Methode wird allerdings auch gewissermaßen axiomatisch dargestellt, die Formeln für die geschätzte Varianz werden als gültig angenommen. Im Falle der GARCH-Modelle weisen die Autoren explizit darauf hin, dass die Herleitung der Modelle und eine Darstellung der verschiedenen Varianten den Rahmen des Buches übersteigen würden, sodass lediglich in einer Fußnote auf vertiefende Literatur verwiesen wird. Allerdings wird exemplarisch die formale Darstellung eines für Finanzmarktdaten geeigneten GARCH-(1,1)-Modells geliefert. Durch die Mittelwertannäherung liefert das GARCH-Modell zwar bessere Prognosen als das EWMA-Modell, allerdings gestaltet sich die Schätzung der Parameter ungleich schwieriger. Als Lösungen werden die Maximum-Likelihood-Methode und das Varianz-Targeting angeführt (S. 475 f.). Eine formale Definition von ARMA-Modellen findet sich bei Cottin/Döhler. Allerdings wird auch hier, insbesondere auch für GARCH-Prozesse, auf geeignete Literatur verwiesen (S. 77f.). Albrecht/Maurer behandeln in Ihrem Abschnitt 4.5 GARCH-Prozesse, daneben auch Sprung-Diffusionsprozesse, Regime Switching- und Stochastic Volatility-Modelle sowie EWMA in ihrem Anhang 6 D.

Insgesamt lässt sich feststellen, dass eine theoretische Diskussion der Methoden der Zeitreihenanalyse kaum stattfindet (auf den Anhang in Gleißner wurde bereits unter 4.2.2 referenziert), sondern – wenn überhaupt – deren Nutzen für die Modellierungen bestimmter Risiken hervorgehoben wird.

Entwicklung eigener theoretischer Ansätze

Wengert/Schittenhelm tragen mit ihrem selbst entworfenen Konzept des "Corporate Risk Value", der auf den Ansatz des Risk Based Value zurückgeht, zur Theoriefindung im Risikomanagement bei. Diese Kennziffer ergibt sich aus dem Quotienten des insgesamt vorzuhaltenden risikoadäquaten Kapitals, auch als Corporate Risk Capital bezeichnet, und des Gesamtkapitals des Unternehmens. Eine konkrete Berechnungsmethode der einzelnen Komponenten des Corporate Risk Capitals wird jedoch von den Autoren nicht festgelegt, da diese stark von der Unternehmensstruktur abhängig sei. Übersteigt der Corporate Risk Value eins, so sollen vom Management Gegenreaktionen eingeleitet werden, da ansonsten im Falle des Risikoeintritts das verfügbare Kapital nicht zur Risikoabdeckung ausreiche. Als Vorteile dieser Vorgehensweise werden die Berücksichtigung von Korrelationseffekten bei Risikoklassen sowie die Unabhängigkeit von einer Normalverteilungsanalyse angeführt (S. 73 ff.). Aufgrund des Rückgriffs auf recht elementare Kenzahlen, die zu einer neuen kombiniert werden, kann kaum von einem schwerwiegenden Beitrag zur ökonomischen Theoriefindung gesprochen werden. Vielmehr ließe sich dieser Ansatz höchstens als "lokale Theorie" nach Balzer kategorisieren, mit der Ausschnitte der Realität beschrieben werden können (vgl. Balzer (2009), S. 47).

Eine besondere qualitative Bedeutung hat der bereits oben erwähnte Ansatz von Gleißner, die Zusammenhänge zwischen Risikomanagement, Rating und Unternehmensbewertung über die zentrale Funktion der Risikoaggregation zu adressieren und als Basis eines integrierten Managementkonzepts in den Dimensionen Risiko und Wert zu präsentieren.

Vergleichbare selbst entwickelte Ansätze findet man in den übrigen Büchern nicht.

Empirische Befunde

Gerade in einer derart praxisorientierten Disziplin wie dem Risikomanagement und der tendenziell "praxisnahen" Ausrichtung der vorliegenden Literatur liegt es nahe, dass im Rahmen der Theoriebeschreibung eine Verifizierung der Befunde durch reale Fallbeispiele beziehungsweise die Präsentation empirischer Studien vorliegt.

Fallbeispiele aus der Praxis

Einzelne Fallbeispiele sind etwas öfter aufzufinden, so führen Romeike/Hager an, dass die meisten ihrer Kapitel mit einem realen Fall aus der Praxis beginnen (S. IX), diese bilden als "lessons learned" eine Einführung in die jeweilige Thematik, exemplarisch sei hier die Historie der Insolvenz der PIN-Group S.A. in der Einleitung des Kapitels "Strategische Chancen und Risiken von Investitionen" (S. 160-163) genannt. Da die Beispiele eher zur Illustration und Motivation der entsprechenden Kapitel denn zur konkreten Vermittlung von risikorelevanten Methoden, ist eine ausführliche Übersicht über alle Beispiele sämtlicher Autoren nicht zielführend. Zur Vertiefung des vermittelten Stoffes wird zumeist auf Kontrollaufgaben zurückgegriffen, häufig finden sich daneben auch fiktive Fallbeispiele. Am größten angelegt ist ein solches wie bereits erwähnt bei Sartor/Bouranel mit den S. 97-140.

Empirische Studien

Einzig Gleißner adressiert in einem Abschnitt seines Buchs den "Zustand von Risikomanagement und Risikoreporting in Deutschland" (S. 495 ff.). Ansonsten finden sich allenfalls Spurenelemente empirischer Studien zu diesem Thema, geschweige denn zu internationalen Trends. Dies ist eine offensichtliche Lücke, denn unabhängig von Forschungsbezügen sollten gerade praxisorientierte Überblickswerke dem Leser ein Gefühl für die empirische Verortung des von ihnen adressierten Themas bieten.

Softwareverwendung

Ein modernes umfassendes Risikomanagementsystem ist ohne geeignete Softwareunterstützung nicht umsetzbar. Die gewählte Software muss nicht nur diversen Anforderungen, wie etwa der Abbildung des gesamten operativen Risikomanagementprozesses und der Konzernstrukturen, der Herstellung von Schnittstellen zu allen erforderlichen Unternehmensbereichen - allen voran Controlling und Rechnungslegung -, der Bereitstellung einer effektiven Risikoberichterstattung, der Darstellung von Risikoprognosen, sowie der Einhaltung von Corporate-Governance-Standards [vgl. Wengert/Schittenhelm 2013, S. 19 f.], genügen, die Auswahl der zu verwendenden Software stellt vielmehr auch eine strategische Entscheidung dar, insbesondere die Abwägung der beiden Alternativen "marktgängige Softwarelösung" und "Entwicklung einer Eigenlösung" [vgl. Köhnlein/Willert/Rauschen 2006, S. 7]. Einen analogen Anforderungskatalog formuliert Gleißner (S. 511 f.).

Marktlösung am Beispiel "Strategie-Navigator"

Sartor/Bouranel (S. 94 f.) sowie Gleißner (S. 510) empfehlen externe Softwarelösungen im Sinne eines daten-, methoden- und modellorientierten Entscheidungsunterstützungssystems. Erstere liefern lediglich eine Übersicht über verschiedene Anbieter, deren Funktionalität sowie jeweils eine Kontaktadresse. Einführungen oder gar umfassende Dokumentationen bleiben aus, diesbezüglich wird auf die jeweiligen Anbieter und BARC Software-Evaluation verwiesen (S. 94 f.). Gleißner liefert Fallbeispiele für IT-Unterstützung sowohl anhand (modifizierter) Standardsoftware (EXCEL und Crystal Ball) als auch des Programms "Strategie-Navigator" (S. 512 ff.) –  für beides findet man Ergänzungen auf einer mitgelieferten Begleit-CD. Als Vorteile dieser Lösung werden die Unterstützung der organisatorischen Prozesse für Risikoanalyse und -überwachung, sowie der Entscheidungsfindung angeführt (S. 512).

Tabellenkalkulationsprogramme

Das Tabellenkalkulationsprogramm Microsoft Excel liefert mit geeigneten "Add-Ins" wie etwa "Crystal Ball", "Risk Kit", "@Risk" [vgl. Sartor/Bouranel 2013, S. 98] eine gängige Softwarelösung im Risikomanagement. Letzteres wird von Sartor/Bouranel für ein umfassendes Fallbeispiel zum Risikomanagementprozess verwendet, deren Ziel es ist, wie "die Risikoaggregation mittels Monte-Carlo-Simulation dazu genutzt werden kann, den Gesamtrisikoumfang eines Unternehmens zu bestimmen." (S. 97). Hierbei werden zwar die einzelnen Schritte, die in "@Risk" vorzunehmen sind, erläutert sowie deren Ergebnisse diskutiert, eine Dokumentation der dazu notwendigen Befehle findet nicht statt. Es ist in der Gesamtheit festzustellen, dass das tatsächliche Arbeiten mit Tabellenkalkulationsprogrammen kaum behandelt wird. Konkrete Befehle finden sich nur bei Möbius/Pallenberg bezüglich der Erzeugung von Pseudozufallszahlen (S. 19), der Berechnung der Duration (S. 152) und der modifizierten Duration (S. 157), sowie bei Döhler/Cottin, die im Anhang C ihres Buches die Implementierung der zuvor vorgestellten Wahrscheinlichkeitsverteilungen und die Funktion ZUFALLSZAHL() zur Erzeugung gleichverteilter Pseudozufallszahlen (S. 444 f.) darstellen. Zur Generierung nicht-gleichverteilter Pseudozufallszahlen eignen sich die Algorithmen aus ihrem Kapitel 7. Bei Gleißner wird die Vorgehensweise zur Risikoaggregation mittels Microsoft Excel und Add-Ins wie "Risk Kit", "@Risk" oder "Crystal Ball" erwähnt (S. 229) und im Fall "Crystal Ball" anhand eines Fallbeispiels verdeutlicht (S. 265 ff.). Gegen die Verwendung von Tabellenkalkulationsprogrammen im Risikomanagementprozess spricht allerdings, dass diese bei komplexen Simulationen durch ihre limitierten statistischen Routinen schnell an ihre Grenzen gelangen, sowie schnell unübersichtlich werden. Diese Probleme werden zwar durch genannte "Add-Ins" abgeschwächt, jedoch nicht vollständig eliminiert [vgl. Frings 2012].

Programmiersprache R

Die Programmiersprache R zeichnet sich dadurch aus, dass sie frei verfügbar ist, eine breit aufgestellte Funktionalität bietet und sich über ebenfalls kostenlose Zusatzpakete auch die jüngsten Entwicklungen der Statistik und Datenanalyse einbinden lassen. Ferner bieten bestimmte Pakete Schnittstellen zu Standardprogrammen wie Microsoft Excel und Datenbanken, sodass eine Einbindung in bestehende Systeme einfach zu bewerkstelligen ist. Zudem liefert R Werkzeuge zur Automatisierung von Risikoberichten sowie verschiedene Graphik-Anwendungen zur interaktiven Darstellung der Ergebnisse. Zuletzt wird R in einigen namhaften Konzernen, Banken und der Assekuranz intensiv genutzt, sodass ein hoher Grad an Praxisrelevanz gegeben ist [vgl. Frings 2012].

Aus genannten Gründen erscheint es sinnvoll, gerade in Bezug auf die Eigenansprüche hinsichtlich Praxisnähe der vorgestellten Werke, dass eine intensive Auseinandersetzung mit diesem statistischen "Alleskönner" in der Risikomanagementliteratur stattfindet. Lediglich Cottin/Döhler liefern einige Codebeispiele zur Programmierung in R, die auf der Website zum Buch heruntergeladen werden können (vgl. S. VI).  Diese beschränken sich auf einige wenige, sehr spezifische Werkzeuge der Risikomodellierung und -bewertung, die zwar unter Zuhilfenahme der Onlinedokumentation von R Modifikationen erlauben, aber eigenständige Arbeit und sicheren Umgang mit der Software trotz weiterführender Übungsaufgaben nicht ermöglichen. Die Autoren liefern somit aber immerhin ein knappes Handbuch zum operationellen Arbeiten in besagtem eng gestecktem Modellrahmen.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass zwar in der Literatur die Notwendigkeit geeigneter Software sowie deren Anforderungen erkannt und kommuniziert werden, die risikorelevante Funktionen gerade bei weit verbreiteter Standardprogrammen jedoch nicht zufriedenstellend dokumentiert und gelehrt werden. Dies ist insoweit verwunderlich, da sehr viele Veröffentlichungen den eigenen praxisnahen Anspruch mehrfach betonen und entsprechend gelten diese Aussagen auch mit Einschränkungen für das Praxishandbuch. Dieses hat wie erwähnt zwar ein eigenes Kapitel über IT-gestütztes Risikomanagement (S. 801 ff.), aber Verweise auf konkrete Softwarelösungen erfolgen eher passim in verschiedenen Beiträgen des gesamten Buchs.

Fazit

Die deutschsprachige Fachbuchliteratur zum Risikomanagement zeichnet sich durch ihre Heterogenität aus. Bereits bei der Analyse der Seitenzahlen lässt sich eine gewaltige Spannbreite ausmachen, ein gewissermaßen "idealer" Umfang eines Buches zum Thema Risikomanagement ist nicht zu rechtfertigen. Auch bei der Wahl der Zielgruppen und der disziplinären Ausrichtung herrscht keine Einigkeit unter den Autoren. Als wesentliche Zielgruppen werden Studierende und Praktiker angegeben, weniger ist die Literatur an forschende Leser gerichtet, was sich auch in der spärlichen wissenschaftlichen Theorieverwendung widerspiegelt.

Eine Ausnahme bildet hierbei das Buch von Albrecht/Maurer, das auf den Grundlagen der Investitionstheorie ein komplexes Investment- und Risikomanagementsystem kohärent herleitet. Dieser Fokus auf theoretische Herleitungen geht allerdings zu Lasten der unternehmerischen Praxisrelevanz. Während andere Autoren zumindest als Standard etablierte Werkzeuge zur Risikoerkennung und Risikoüberwachung liefern, wird dieser Aspekt bei Albrecht/Maurer nicht adressiert. Für das "Corporate Risk Management" nach heutiger Konvention mag dies ein Manko sein, doch im wissenschaftlichen Kontext und der akademischen Ausbildung eignet sich das Buch hervorragend als umfassende Referenzquelle.

Cottin/Döhler wiederum tragen ein breites Spektrum an mathematischen Methoden und Instrumenten bei, die in der Regel einer sauberen Darstellung und Herleitung folgen. Auch hier wird vollständig auf Werkzeuge zur Identifikation und Überwachung von Risiken verzichtet. Das Buch zeichnet sich aber vor allem dadurch aus, dass eine verständliche und umfangreiche Softwareverwendung implementiert ist. Wie bereits oben angemerkt handelt es sich hierbei zwar um äußerst spezielle Codebeispiele, allerdings ist eine derartige Integration der Programmiersprache R in der vorliegenden Literatur selbst auf diesem Niveau einzigartig.

Ein ähnliches Verdienst in Bezug auf das Tabellenkalkulationsprogramm Excel und dessen risikorelevanten Erweiterung "@Risk" kann Sartor/Bouranel zugesprochen werden. Im Rahmen ihrer umfangreichen Fallstudie wird ein vollständiger Risikomanagementprozess adäquat in ein fiktives Unternehmen integriert. Mit ihren übrigen Ausführungen sind sie in methodologischer Nähe zu Ehrmann, Gleißner, Romeike/Hager sowie Wengert/Schittenhelm, die allesamt ein integriertes Risikomanagement mitsamt seiner Teilprozesse und wichtigen Methoden vorstellen.

Broll/Wahl konzentrieren sich auf die Perspektive einer Bank und deren Hedgingentscheidungen. Verbunden mit dem Aufbau, der die einzelnen Kapitel als jeweils separate, in sich abgeschlossene Themenblöcke betrachtet, ergibt sich somit ein nur sehr eingeschränkter Blick auf den Komplex "Risikomanagement". Allerdings ist hier anzumerken, dass Broll/Wahl als einzige ein ökonomisch sinnvolles Bankmodell liefern.

Das Buch von Eller/Heinrich/Perrot bietet sich eher als erweitertes Glossar denn als sinnvolles, kohärentes Nachschlagewerk über den Risikomanagementprozess an. Die Ausführungen zum Risikomanagement im Kontext der Rechnungslegung der Treasuryinstrumente nach HGB und IFRS sind jedoch einmalig.

Obwohl Möbius/Pallenberg ihren Fokus auf das Risikomanagement in Versicherungsunternehmen legen, lassen sich dennoch einige wichtige Instrumente für den nicht-branchenspezifischen Fall, gerade im Bereich finanzmathematischer Grundlagen, gewinnen. Ebenfalls, wenngleich nicht so stark, auf den Finanzsektor ausgerichtet ist das Buch von Wolke, das sauber methodisch aufgebaut ist und trotz dieser leichten Fokussierung einen fundierten Überblick über das Risikomanagement liefert. Es wird nicht zuletzt denen zusprechen, die gegenüber dem Einsatz von Monte Carlo-Simulationen eine ähnlich begründete Skepsis wie der Autor aufweisen (S. 284).

Als völlig ungeeignet für die Verwendung sowohl als Lehrbuch als auch als Nachschlagetext hat sich die Veröffentlichung von Brauweiler herausgestellt, insbesondere wegen der unzureichenden Darstellung wichtiger Instrumente, trotz des Anspruchs, in knappem Rahmen "State-of-the-Art"-Methoden zu vermitteln.

Insgesamt kritisch zu betrachten ist der mangelhafte Umgang mit geeigneten Softwarelösungen. Bis auf oben genannte Ausnahmen beschäftigt sich keiner der Autoren mit adäquatem rechnergestützten Risikomanagement, wobei Gleißner immerhin eine ganzheitliche Lösung anbietet und mit der Begleit-CD die Basis für einen Einstieg in diese Thematik ermöglicht.

Eine vollständige didaktische Analyse kann an dieser Stelle natürlich nicht gegeben werden. Allerdings kann man festhalten, dass vor allem Gleißner und Romeike/Hager mit ihrem Ansatz eines holistischen Risikomanagements einen wertvollen Beitrag zur Literatur beigetragen haben, mit dem ein umfassendes praktisches und an geeigneten Stellen auch theoretisches Konzept zur Implementierung vorliegt.

Bleibt am Ende, quasi als Gegenentwurf zu den Lehrbüchern, das Praxishandbuch von Gleißner/Romeike. Indessen sollte man es eher als komplementär zu den anderen Werken sehen, weil sein Einsatz regelmäßig eher anderen Anwendungen dient. Es bietet dem Praktiker einen schnellen Einstieg in Detailbereiche, die ebenso wie in den Lehrbüchern unter dem Leitbild eines integrierten Risikomanagements präsentiert werden, und gibt über die Literaturverweise die Möglichkeit, offen gebliebene Fragen an anderer Stelle weiter zu verfolgen.

Dieses Fazit sollte indessen nicht ohne Berücksichtigung der noch relativ jungen Geschichte des institutionellen Risikomanagements moderner Prägung zu Ende gehen. Gemessen daran hat die Disziplin die Evolutionsphasen anderer Bereiche wie beispielsweise der Betriebswirtschaftslehre geradezu im Zeitraffer durchlaufen und bei aller beschriebener Heterogenität bereits eine erstaunliche Kohärenz. Sollte diese Studie in zehn Jahren wiederholt werden, wird man vermutlich feststellen, dass diese Entwicklung – wenngleich mit reduzierter Geschwindigkeit – so weiterverlaufen ist. Sowohl diejenigen, die Risikomanagement ausüben, als auch diejenigen, die (teils in Personalunion) darüber forschen, lehren und schreiben, dürften noch lange gut zu tun haben.

Quellenverzeichnis sowie weiterführende Literaturhinweise:

  • Brandtner, Mario (2012): Risikomessung mit kohärenten, spektralen und konvexen Risikomaßen - Konzeption, entscheidungstheoretische Implikationen und finanzwirtschaftliche Anwendungen, Wiesbaden.
  • Copeland, Thomas, E./Weston, J. Fred/Shastri, Kuldeep (2008): Finanzierungstheorie und Unternehmenspolitik, 4. Aufl. München.
  • Diedrichs, Marc (2012): Risikomanagement und Risikocontrolling, 3. Aufl. München.
  • Fiege, Stefanie (2006): Risikomanagement- und Überwachungssystem nach KonTraG – Prozess, Instrumente, Träger, Wiesbaden.
  • Frings, Heiko (2012): The R Project for Statistical Computing - Einsatz der Open Source Software R im Risikomanagement, www.risknet.de/themen/risknews/einsatz-der-open-source-software-r-im-risikomanagement/6270b0fc8453465b5e506010729fda2d/.
  • Gahin, Fikry S. (1967): A Theory of Pure Risk Management in the Business Firm, in: The Journal of Risk and Insurance, Vol. 34, No. 1, S. 121-129.
  • Johanning, L./Rudolph, B. (Hrsg.) (2000): Handbuch Risikomanagement, Bad Soden/Ts., S. 181-218.
  • Köhnlein, Dieter/Willert, Thomas/Rauschen, Thomas (2006): Aktuarielle Software für Risikomanagement und Unternehmenssteuerung, in: Versicherungswirtschaft, 20/2006, S. 1650-1654.
  • Kremer, Jürgen (2011): Portfoliotheorie, Risikomanagement und die Bewertung von Derivaten, 2. Auflage Berlin / Heidelberg.
  • Laux, Helmut/Gillenkirch, Robert M./Schenk-Mathes, Heike Y. (2014): Entscheidungstheorie, 9. Auflage Berlin / Heidelberg.
  • Swales, John M. (1995): The Role of the Textbook in EAP Writing Research, in: English for Specific Purposes, Vol. 14, No. 1, S. 3-18.

Autoren:

Jan Braunschmidt, M.Sc., Universität Würzburg

Christina Trageser, B.Sc., Universität Würzburg

Prof. Dr. Leonhard Knoll, Universität Würzburg

[ Bildquelle: © Artenex - Fotolia.com ]


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