Studie

21 Kriege und 424 Konflikte weltweit

Risikolandkarte der Kriege

Redaktion RiskNET19.03.2015, 21:37

Das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung (HIIK) präsentiert mit dem "Conflict Barometer 2014" seine aktuellen Daten und Analysen zum globalen Konfliktgeschehen im Jahr 2014.
Das HIIK für das Jahr 2014 insgesamt 424 Konflikte, von denen 46 aufgrund des massiven Einsatzes organisierter Gewalt und ihrer gravierenden Folgen als "hochgewaltsam" eingestuft wurden. 21 dieser hochgewaltsamen Konflikte erreichten die höchste Intensitätsstufe eines Krieges. Verglichen mit den 20 beobachteten Kriegen im Jahr 2013 verteilten sich diese im Jahr 2014 auf eine erheblich größere Anzahl von Staaten.

Erstmals seit 2008 wurde auch Europa wieder Schauplatz eines Krieges, als die seit den Maidan-Protesten in Kiew angespannte Lage in der Ukraine eskalierte und es im Osten des Landes zu hochgewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen der neuen Regierung und verschiedenen Milizen kam. Auch in Amerika und Asien verzeichnete das HIIK jeweils einen Krieg. Die meisten Kriege fanden wie in den letzten Jahren im Vorderen und Mittleren Osten (9) und im subsaharischen Afrika (9) statt, wobei sich die Zahl im Vorderen und Mittleren Osten um drei Kriege erhöhte und im subsaharischen Afrika um zwei Kriege reduzierte.

Außerhalb von Europa wurde das hochgewaltsame Konfliktgeschehen in den Regionen häufig von transstaatlich agierenden Gewaltakteuren bestimmt, die sich hinsichtlich ihrer Handlungen und Zielsetzungen zunehmend vom staatlichen Rahmen entfernten und zu einer grenzüberschreitenden Ausweitung kriegerischer Auseinandersetzungen beitrugen. Am deutlichsten trat diese Entwicklung in den Konflikten mit den militanten Gruppen Islamischer Staat (IS/ISIS) im mittleren Osten und Boko Haram in Westafrika in Erscheinung.

Blutige Kriege in Afrika

Die Gruppe Boko Haram weitete ihre Angriffe vom Nordosten Nigerias auch auf Ziele in Kamerun und im Niger aus. Mit mindestens 10.000 Todesopfern und einer Million Vertriebenen markierte dies das gewaltsamste Jahr des seit 2009 andauernden Konflikts. Im nigerianischen Middle Belt führten derweil die Auseinandersetzungen zwischen Bauern und Hirten zu mehr als 2.500 Toten und 300.000 Vertriebenen. Im Osten der Demokratischen Republik Kongo nahm der Konflikt zwischen der militanten Gruppe Allied Democratic Forces (ADF) und den kongolesischen und ugandischen Regierungen mit bis zu 1.000 Toten kriegerische Ausmaße an. In der Zentralafrikanischen Republik dauerte der Krieg zwischen der ehemaligen Séléka-Allianz und den Anti-Balaka Gruppen auch nach der Einrichtung der Übergangsregierung an. Die internationale militärische Präsenz im Land wurde durch eine 12.000 Personen umfassende UN-Mission erhöht, sowie durch 1.000 Soldaten von der Europäischen Union zur Sicherung der Hauptstadt Bangui. In Somalia gelang es der Zentralregierung mithilfe der AMISOM und lokaler Milizen mehrere Städte von der islamistischen Miliz Al-Shabaab zurückzuerobern. Während der Krieg zwischen den Truppen des südsudanesischen Präsidenten Salva Kiir und dem ehemaligen Vizepräsidenten Riek Machar erneut zu zehntausenden Toten führte, wurden im benachbarten Sudan, wie in den vergangenen Jahren, allein drei Kriege ausgetragen.

Die dschihadistisch-salafistische Terrororganisation Islamischer Staat

Im Mittleren Osten erhielt der syrische Bürgerkrieg durch die Organisation IS, die im Juni das Kalifat ausrief, eine neue Qualität. Ausgehend vom ursprünglichen syrischen Oppositionskonflikt führte der IS sowohl Krieg gegen die syrische Regierung als auch gegen Teile der Opposition und die Kurdengebiete im Norden. Im benachbarten Irak eroberte der IS große Gebiete im Westen und Nordwesten des Landes gegen den Widerstand der Regierung und der kurdischen Regionalregierung. Bekämpft wurde der IS in beiden Ländern unter anderem durch eine internationale Koalition unter der Führung der USA. In Libyen eskalierte die Gewalt zwischen Regierung und Opposition und führte zu einer de-facto Spaltung des Landes. Auch im Gazastreifen erreichten die Kampfhandlungen der Parteien während der Operation "Protective Edge" wieder die Stufe eines Krieges. Im Jemen intensivierte sich der Konflikt mit dem Vormarsch der Al-Houthi-Milizen, die bis in die Hauptstadt Sana'a vordrangen.

In allen Weltregionen zwischenstaatliche Krisen

In Afghanistan endete nach 13 Jahren die ISAF-Mission, trotz des fortdauernden Krieges mit der Taliban. Auch im benachbarten Pakistan setzte die pakistanische Tehrik-i-Taliban ihren Krieg gegen die Regierung fort, gipfelnd in den groß angelegten Anschlägen von Karachi und Peshawar. Pakistans Spannungen mit Indien erreichten derweil hochgewaltsame Ausmaße, als schwerer Granatenbeschuss mehr als 20.000 Menschen zum Verlassen der Grenzgebiete in Jammu zwang.

Der Oppositionskonflikt im Westen der Ukraine, der im Februar in einem Regierungsumsturz gipfelte, zog mehrere Folgekonflikte nach sich. In deren Verlauf destabilisierte sich insbesondere die Lage im Süden und Osten des Landes. Dabei kam es allein im Krieg zwischen der Regierung und verschiedenen Milizen um den Status und die Ressourcen im Donbass zu mindestens 4800 Toten und 1.2 Millionen Vertriebenen.

Wie in den letzten Jahren blieb der Krieg in Mexiko zwischen Drogenkartellen und der Regierung der einzige Krieg, der nicht aus ideologischen Gründen oder politischer Macht wegen, sondern primär aus profitorientierten Gründen geführt wurde. Im Herbst kam es zu gewaltsamen Protesten gegen die Regierung, nachdem Polizisten protestierende Studenten verschleppt und an ein Drogenkartell ausgeliefert hatten. Insgesamt wurden für Mexiko sowie Süd- und Mittelamerika neun gewaltsame Konflikte mit kriminellen Organisationen verzeichnet, die diese in Kolumbien und Mexiko, wie im Vorjahr, auch hochgewaltsam untereinander austrugen.

Neben dem einzigen hochgewaltsamen, zwischenstaatlichen Konflikt zwischen Indien und Pakistan verzeichnete das HIIK 2014 in allen Weltregionen zwischenstaatliche Krisen, darunter elf gewaltsame. Besonders im Vordergrund standen die mit den Ukraine-Krisen und der Krim-Annexion eskalierenden Spannungen zwischen Russland und den USA, der NATO und der EU, sowie die Territorialkonflikte zwischen China und seinen Nachbarstaaten Japan, Indien, Vietnam und den Philippinen. Zu den häufigsten Gegenständen zwischenstaatlicher Konflikte zählten neben Territorium (50) und internationaler Macht (35) auch Bodenschätze, Fischgründe und Wasser.

Das HIIK registrierte im Jahr 2014 außerdem 166 innerstaatliche Konflikte mittlerer Gewaltintensität, von denen 38 um Ressourcen, 40 um Sezession oder Autonomie, und 119 um nationale Macht und/oder die Veränderung des politischen Systems ausgetragen wurden. Letztere wurden in vielen Fällen von sozialen Protestbewegungen getragen, insbesondere in Bangladesch, Brasilien, Hongkong, Pakistan, und Venezuela. In Ägypten, Burkina Faso, und Thailand griff das Militär in die Konflikte ein.

Anzahl Konflikte von 1945 bis 2014 nach Intensität (niedrig, mittel, hoch)

Anzahl Konflikte von 1945 bis 2014 nach Intensität (niedrig, mittel, hoch)

[ Bildquelle: © Paylessimages - Fotolia.com ]


Kommentare zu diesem Beitrag

Keine Kommentare

Themenverwandte Artikel

Interview

Risiko Nr. 1 für Unternehmen

Das stille Sterben der Marken

Redaktion RiskNET22.02.2018, 12:59

Mit Schrecken liest man heute über das zunehmende "Markensterben" in vielen Branchen. Einst glanzvolle Marken verschwinden in der Bedeutungslosigkeit oder noch schlimmer ganz vom Markt....

News

Im Interview: Thorsten Kodalle

Vom Wargaming und der Resilienz

Redaktion RiskNET12.02.2018, 08:00

Oberstleutnant i. G. Thorsten Kodalle, Dozent für Sicherheitspolitik an der Führungsakademie der Bundeswehr, stellt die Frage, ob die Welt heute noch kontrollierbar sei? Seiner Meinung nach nein....

News

Im Interview: Herbert Saurugg

Energieversorgung und die Risiken

Redaktion RiskNET10.02.2018, 08:00

Der Experte für die Vorbereitung auf den Ausfall lebenswichtiger Infrastrukturen, Herbert Saurugg, erwartet in den kommenden Jahren einen europaweiten Strom- und Infrastrukturausfall. Das Risiko...

Kolumne

Merkwürdige Reaktion der Kapitalmärkte auf Populismus

Risikofaktor Populismus

Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.07.02.2018, 21:34

Ray Dalio ist einer der reichsten Männer Amerikas. Er hat den Hedgefonds Bridgewater gegründet, der zu den erfolgreichsten der Branche gehört. Er interessiert sich aber nicht nur für Geld. Er ist...

News

Im Interview: Günther Schmid

Von einer Welt in Unordnung

Redaktion RiskNET02.02.2018, 14:33

Für Günther Schmid, vormals Mitarbeiter beim Bundesnachrichtendienst und Professor für Internationale Politik und Sicherheit an der Beamtenhochschule, schreite der Zerfall von Strukturen und Ordnung...