Studie

Folgen für Verkehr, Umwelt und Gesundheit

Risikobewertung Streik

Redaktion RiskNET [Frank Romeike]16.12.2014, 12:15

Streiks in der Luftfahrt und bei der Deutschen Bahn haben in jüngster Vergangenheit zu großem Unmut und nur wenig Verständnis in der Bevölkerung geführt. Denn Streiks in diesen Verkehrsunternehmen der Daseinsvorsorge betreffen nicht nur die bestreikten Unternehmen selbst, sondern große Teile der Gesellschaft, so die Autoren einer aktuellen Forschungsstudie, die sich mit den negativen Auswirkungen von Streiks im öffentlichen Nahverkehr für die Bevölkerung beschäftigt [vgl. Bauernschuster/Hener/Rainer 2014].

Zu diesem Zwecken haben die Autoren detaillierte Daten über 77 Streiks im Nahverkehr in den fünf größten deutschen Städten – Berlin, München, Hamburg, Köln, Frankfurt – in den Jahren 2002 bis 2011 gesammelt. Die Ergebnisse der Studie zeigen auf, dass an einem Streiktag

  • das Verkehrsaufkommen in der morgendlichen Stoßzeit um sechs Prozent, über den ganzen Tag betrachtet um vier Prozent ansteigt,
  • sich die Fahrtzeiten von Auto-Pendlern durchschnittlich um elf Prozent am Morgen, über den ganzen Tag betrachtet um vier Prozent verlängern,
  • Pkw-Fahrer durchschnittlich 26.289 Stunden in jeder Stadt während der morgendlichen Rushhour verlieren und damit volkswirtschaftlich unproduktiv sind,
  • die Anzahl an Verkehrsunfällen und die dadurch auftretenden Verletzungen um 20 Prozent am Morgen, über den ganzen Tag betrachtet um acht Prozent ansteigen,
  • die Luftverschmutzung mit Feinstaubpartikeln (PM10) um 26 Prozent am Morgen, über den ganzen Tag betrachtet um 17 Prozent ansteigen und
  • die diagnostizierte Atemwegsstörungen in Krankenhäusern um 18 Prozent ansteigen, wobei vor allem Kinder unter fünf Jahren betroffen sind.

In der nachfolgenden Abbildung sind die möglichen negativen Auswirkungen von Streiks im öffentlichen Nahverkehr und die jeweilige verwendete Datenquelle der Wissenschaftler schematisch dargestellt. In der empirischen Analyse wurden die Effekte der Streiks auf die beschriebenen Ergebnisvariablen untersucht. Zu diesem Zweck haben die Wissenschaftler ein generalisiertes Differenz-in-Differenzen-Modell verwendet und die Effekte von unterschiedlichen Tageszeiten, Wochentagen, Kalenderwochen und Jahren herausgerechnet. Damit werden sowohl uhrzeit- und wochentagspezifische Besonderheiten als auch saisonale Unterschiede und langfristige Trends berücksichtigt. Darüber wurden auch grundsätzliche Unterschiede zwischen Städten herausgerechnet. Um Wettereffekte zu eliminieren, wurden tages- und stadtgenaue Daten des Deutschen Wetterdienstes zu Temperatur, Windgeschwindigkeit, Regenmenge, Schneefall und den Tagen seit dem letzten Regen in der Analyse berücksichtigt.

Abbildung: Schematische Übersicht möglicher negativer Auswirkungen von Streiks und verwendete Datenquellen [Quelle: ifo Institut]

Abbildung: Schematische Übersicht möglicher negativer Auswirkungen von Streiks und verwendete Datenquellen [Quelle: ifo Institut]

Effekte von Streiks auf Verkehrsaufkommen und Verspätungen

In deutschen Ballungsräumen macht sich rund ein Drittel aller Berufspendler jeden Morgen mit öffentlichen Verkehrsmitteln auf den Weg zur Arbeit. In absoluten Zahlen sind das allein in Berlin, Hamburg und München acht Millionen Passagiere pro Tag beziehungsweise 2,9 Milliarden Passagiere pro Jahr. Kommt es aufgrund eines Streiks zu substanziellen Beeinträchtigungen des öffentlichen Nahverkehrssystems, steigen Berufspendler oft auf Alternativen wie das Auto oder das Fahrrad um.

Kommt es durch Streiks zu einem höheren Verkehrsaufkommen auf den Straßen, kann dies wiederum zu Staus und damit zu längeren Fahrtzeiten und Verspätungen führen. Das Verkehrsaufkommen in Deutschland wird von der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) mit Hilfe automatischer Fahrzeugzählstellen gemessen. Für ihre Analyse verwendeten die Wissenschaftler für den Zeitraum von 2002 bis 2011 stundengenaue Daten von 33 Dauerzählstellen an Bundesautobahnen. In der morgendlichen Stoßzeit von 6:00–10:00 Uhr passieren durchschnittlich knapp 3 900 Autos pro Stunde eine Zählstelle. Die Ergebnisse der Studie zeigt auf, dass an Streiktagen rund 230 Autos mehr pro Stunde gezählt werden. Das entspricht einem Anstieg des morgendlichen Verkehrsvolumens von rund sechs Prozent. Über den ganzen Tag betrachtet, werden vier Prozent mehr Autos registriert.

Die Schätzungen der Wissenschaftler zeigen außerdem auf, dass sich die Fahrtzeiten aller Autofahrer an Streiktagen um durchschnittlich elf Prozent in der morgendlichen Rushhour und um vier Prozent im Tagesschnitt verlängern.

Effekte von Streiks auf Verkehrsunfälle und Unfallfolgen

Die Auswirkungen eines streikbedingt erhöhten Verkehrsaufkommens auf Verkehrsunfälle sind theoretisch nicht eindeutig, so die Studienautoren. Durch die erhöhte Zahl an Auto-, Motorrad- und Fahrradfahrern sowie Fußgängern im Straßenverkehr könnte auch die Anzahl an Unfällen ansteigen. Auf der anderen Seite können die Verkehrsteilnehmer in den verstopften Straßen auch nicht mehr so schnell fahren; folglich sollten zumindest sehr schwere Unfälle mit Todesfolge zurückgehen.

Die Ergebnisse des ökonometrischen Schätzmodells zeigen, dass durch das erhöhte Verkehrsaufkommen an Streiktagen die Häufigkeit von Verkehrsunfällen um 20 Prozent im morgendlichen Berufsverkehr und um acht Prozent im Tagesschnitt zunimmt. Die Anzahl der bei Verkehrsunfällen Verletzten steigt in gleicher Höhe an. Die ausgewerteten Krankenhausstatistiken der Statistischen Landesämter zeigen außerdem, dass an Streiktagen bis zu elf Prozent mehr Patienten mit Oberschenkelbrüchen und bis zu 25 Prozent mehr Patienten mit  Unterschenkelbrüchen eingewiesen werden – typische Verletzungen von Verkehrsunfällen.

Effekte von Streiks auf Luftverschmutzung und Gesundheitsfolgen

Der Straßenverkehr ist einer der größten Emittenten von Schadstoffen, die über die Luft in die Atemwege von Menschen gelangen. In Deutschland zeichnet der Personenverkehr auf der Straße durchschnittlich für fast die Hälfte der Kohlenmonoxid-Emissionen (CO) und ein Fünftel der Stickoxid-Emissionen (NOx) verantwortlich, referenzieren die Autoren auf Statistiken des Statistischen Bundesamtes. Um die Effekte von Streiks auf Luftverschmutzung zu messen, verwendeten die Studienautoren Daten des Umweltbundesamtes (UBA). Die 47 Luftverschmutzungs-Messstationen liefern stundengenaue Daten zur Belastung der Umgebungsluft mit Kohlenmonoxid (CO), Stickstoffmonoxid (NO), Stickstoffdioxid (NO2), Ozon (O3), Schwefeldioxid (SO2) und Feinstaub (PM10 und PM2,5).

Die Ergebnisse des generalisierten Differenz-in-Differenzen-Modells zeigen, dass das streikbedingt erhöhte Verkehrsaufkommen die Feinstaubbelastung an Streiktagen in den Morgenstunden um 26 Prozent ansteigen lässt. Im Tagesverlauf ist die durchschnittliche Belastung mit inhalierbaren Feinstaubpartikeln um 17 Prozent erhöht. Die Wahrscheinlichkeit, die erlaubten EU-Grenzwerte für Feinstaub zu übersteigen, ist an Streiktagen doppelt so hoch wie an anderen Tagen, bestätigen die Autoren. Auch die Konzentration mit Stickstoffmonoxid (NO) und Stickstoffdioxid (NO2) steigt deutlich zwischen sieben Prozent und 15 Prozent an.

Anhand von Krankenhausdaten haben die Wissenschaftler festgestellt, dass an Streiktagen die diagnostizierten Fälle an Atemwegserkrankungen um 18 Prozent erhöht sind. Kinder unter fünf Jahren sind davon besonders betroffen.

Immense Kosten für die Gesellschaft

Durch einen Streik im öffentlichen Nahverkehr entsteht nicht nur dem bestreikten Unternehmen Schaden, sondern es fallen auch immense Kosten für die Allgemeinheit an, so die Studienautoren weiter. Allerdings weisen die Wissenschaftler darauf hin, dass eine exakte Quantifizierung der durch Streiks entstandenen Schäden für die gesamte Volkswirtschaft kaum möglich sei.

Die gesellschaftlichen Kosten werden primär durch das zusätzliche Verkehrsaufkommen und die Verspätungen an einem Streiktag bestimmt. Den Wert, den eine Person dieser Zeit zumisst, kann nach dem Opportunitätskostenansatz mit dem Bruttoinlandsprodukt pro geleistete Arbeitsstunde bestimmt werden, so die Wissenschaftler. Unter Gewichtung der unterschiedlichen Pendlerzahlen in den fünf Städten und der jeweiligen Höhe des Bruttoinlandsprodukts pro Stadt schätzen die Wissenschaftler den Schaden auf rund 1,3 Millionen Euro pro Stunde.

Empirisch fundierte Grundlage für Diskussionen

Die Ergebnisse der Studie zeigen transparent und fundiert auf, dass Streiks im öffentlichen Nahverkehr substanzielle Schäden für die Allgemeinheit mit sich bringen. Streiks verursachen ein höheres Verkehrsaufkommen auf den Straßen, welches Staus und damit längere Fahrtzeiten nach sich zieht. Von diesen Effekten sind nicht nur die Verkehrsteilnehmer, die an diesem Tag dem Streik bewusst ausgewichen sind, betroffen, sondern alle Verkehrsteilnehmer. Das erhöhte Verkehrsaufkommen führt in der Folge zu mehr Unfällen und zu einem Anstieg der Luftverschmutzung, welche wiederum bereits kurzfristig negative Auswirkungen auf die Gesundheit
auslöst.

Die Autoren weisen darauf hin, dass die Tarifpartner selbst diese Kosten von Streiks für die Gesellschaft typischerweise nicht vollständig in ihrem Entscheidungskalkül berücksichtigen werden. In diesem Kontext weisen die Wissenschaftler darauf hin, dass bei der Beurteilung der Frage, bis zu welchem Ausmaß eine Einschränkung des Streikrechts verfassungsrechtlich zulässig ist beziehungsweise wann ein Streik durch die Koalitionsfreiheit geschützt und verhältnismäßig ist, nicht nur die Kosten der bestreikten Unternehmen, sondern auch die negativen Auswirkungen auf die Bevölkerung berücksichtigt werden. Die Studie liefert für eine Versachlichung der Diskussion eine empirisch fundierte und solide Grundlage.

Weiterführende Literaturhinweise:

Bauernschuster, St./T. Hener/H. Rainer (2014): When Labor Disputes Bring Cities to a Standstill: The Impact of Public Transit Strikes on Traffic, Accidents, Air Pollution, and Health, mimeo.

[ Bildquelle: © JiSign - Fotolia.com ]


Kommentare zu diesem Beitrag

Keine Kommentare

Themenverwandte Artikel

Kolumne

Das unterschätzte Katastrophenszenario

Europaweiter "Blackout"

Herbert Saurugg06.12.2017, 17:56

In den letzten Monaten häufen sich die Berichte über einen mögliches Strom- und Infrastrukturausfall beziehungsweise über die Vorbereitungsmaßnahmen verschiedener Organisationen und Kreise. Der...

Studie

Enterprise Risk Management

Risikomanagement im Spiegel deutscher Fachbücher

Jan Braunschmidt | Christina Trageser | Leonhard Knoll17.11.2017, 10:10

Risikomanagement hat als Subdisziplin im Grenzbereich zwischen Betriebswirtschaftslehre und angewandter Mathematik/Statistik seit der Jahrhundertwende eine immer größere Bedeutung erlangt. Dies gilt...

News

RiskNET Summit 2017: Nachlese, 2. Tag

Kultur, Methoden, Chancenmanagement

Redaktion RiskNET27.10.2017, 23:32

"Wo Kriegsgewinnler Hummer essen." So titelt es aktuell Spiegel Online und nennt den Ort "Warlord City in Somalia". Dort, wo im Country Club der somalischen Hauptstadt Mogadischu...

News

RiskNET Summit 2017: Nachlese, 1. Tag

Vom gelebten Risikomanagement …

Redaktion RiskNET25.10.2017, 06:30

"Es könnte alles so einfach sein …" sang die Gruppe "Die Fantastischen Vier" schon vor Jahren. Und die Jungs folgern in ihrem Song: "Ist es aber nicht". Das Lied verrät...

Kolumne

Methoden im Risikomanagement

Komplex oder kompliziert – das ist die Frage

Frank Romeike | Herbert Saurugg06.10.2017, 11:02

Nachdem wir immer wieder auf die fälschliche Verwendung des Begriffs "Komplexität" stoßen, möchten wir mit diesem Beitrag eine einfach verständliche Erklärung liefern, was unter Komplexität...