Studie

Zeitbombe in vielen Bilanzen

Risiko Pensionszusage

Redaktion RiskNET27.10.2015, 13:52

Die Renditeerwartung des durchschnittlichen Anlageportfolios deutscher Pensionseinrichtungen schrumpft auf 2,8 Prozent pro Jahr. Obwohl dadurch Renditeziele voraussichtlich verfehlt werden, scheuen die Investoren eine Anpassung ihrer Asset Allocation: Der Anteil an konservativen Papieren in den Portfolios hat im Vergleich zum Vorjahr sogar noch zugenommen. Dies zeigt die Studie "Pension Risk Management und Anlage von Pensionsvermögen" von Towers Watson.

"Auch ein breitgefächertes Rentenportfolio kann fehlende Renditetreiber im Gesamtportfolio nicht ausgleichen. Weil Anleger vor größeren Investments in Aktien oder alternative Anlageklassen zurückscheuen, bleiben viele hinter ihren Renditezielen zurück", erläutern die Autoren die Studienergebnisse.

Im Vorjahr lag die zehnjährige Renditeerwartung noch bei 3,9 Prozent pro Jahr, 2015 ging sie um 1,1 Prozentpunkte auf 2,8 Prozent zurück. Die befragten Unternehmen investieren ihre Pensionsvermögen zu 63 Prozent in Renten (2014: 59%), zu 29 Prozent in Aktien (2014: 27%) und jeweils zu vier Prozent in Immobilien und Alternatives (2014 zusammen 10%). "Um Renditeziele zu erreichen und langfristig stabil zu wirtschaften, sollte sich der Portfoliokonstruktionsprozess aber nicht an unterschiedlichen Assetklassen orientieren, sondern am gewünschten Mix der Renditetreiber und Risikoprämien", so die Autoren weiter.

Herausforderung Niedrigzinsphase: Die Sorgen wachsen

Die Studie zeigt auch: Die Risikowahrnehmung hat sich verändert. In ihren Erwartungen an die zukünftige Entwicklung der Kapitalmärkte sind professionelle Investoren pessimistischer geworden. Im Gegensatz zum Vorjahr gehen sie nicht mehr von einer baldigen Entspannung der Situation aus – das Zinsniveau aus der Zeit vor der Krise scheint in weite Ferne gerückt. "Die Auswirkungen der Zinsentwicklung der vergangenen Jahre auf die Bilanzen der Unternehmen erklären, weshalb wir zunehmenden Einfluss der Vorstandsebene auf die Asset Allocation von Pensionseinrichtungen registrieren", stellt Herbert Graf, Senior Investment Analyst bei Towers Watson, fest.

Infolge des QE-Programms der Europäischen Zentralbank sehen die befragten Unternehmen die größten Risikopotenziale im weiter schrumpfenden Rechnungszins (94%), dem Anhalten der Niedrigzinsphase (91%) und einer Veränderung der Zinskurve (82%). Ein weiteres Beispiel für die Unsicherheit unter den Anlegern: Das Risikopotenzial von Deflation und Inflation wird etwa gleich groß eingeschätzt (50% bzw. 57%).

Ein Großteil der Befragten (60%) gibt an, die Diversität ihrer Anlagen spiele für sie eine sehr wichtige Rolle beim strategischen Asset Management. Taten folgen lassen allerdings die wenigsten, wie die durchschnittliche Zusammensetzung der Portfolios zeigt. Gefragt ist ein stabiles Governance-System, um die damit einhergehende Anlagekomplexität zu bewältigen. Obgleich Investoren der Governance einen hohen Stellenwert einräumen, hapert es bisher an der Umsetzung. Veränderungsmöglichkeiten gäbe es genug: Aktien machen durchschnittlich kaum mehr als ein Viertel der Portfolios aus, sind jedoch für 60 Prozent des Wertbeitrags der Gesamtrendite verantwortlich. Auch durch größere Anteile an alternativen Assets, die meist nur gering mit Aktien und Renten korrelieren, kann das Portfolio breiter aufgestellt werden. "So kann die Gesamtrendite von 2,8% auf 3,2% gesteigert werden, ohne das Risikobudget weiter zu belasten", so Graf weiter. Um eine noch höhere Rendite erzielen zu können, müssen deutsche Investoren ihren Konservatismus hinsichtlich ihres Portfolios ablegen.

Hintergrundinformationen zur Studie

Für die Studie "Pension Risk Management und Anlage von Pensionsvermögen 2015" wurden von Februar bis April 2015 Entscheider in zahlreiche Unternehmen mit mittleren bis großen Pensionsvermögen aus Deutschland befragt. Das Planvermögen der Studienteilnehmer beläuft sich auf insgesamt 120 Mrd. Euro, was etwa 53 Prozent des Planvermögens der Unternehmen im DAX-30 entspricht. Damit gibt die Studie wertvolle Hinweise zum Anlageverhalten der Unternehmen im gegenwärtigen Pensions- und Kapitalmarktumfeld.

[ Bildquelle: © cglightNing - Fotolia.com ]


Kommentare zu diesem Beitrag

Keine Kommentare

Themenverwandte Artikel

Studie

Qualitative Evaluationsstudie

Risikomodellierung, Predictive Analytics und Big Data

Frank Romeike | Stefan Trummer19.06.2018, 08:07

Das Banken- und Versicherungsumfeld ist seit vielen Jahren im Umbruch. Dazu haben in nicht unerheblichem Maße die Aufsichtsbehörden und Standardsetter beigetragen. Wurden bis Mitte der 2000er...

Interview

Mundus vult decipi

Was tun mit Fake News?

Redaktion RiskNET06.06.2018, 14:24

Wahrheit oder Lüge? Wer kann das in unseren digitalen Zeiten noch beantworten? Umso wichtiger sind klare Parameter und ein methodisch sauberes Vorgehen, um Fake News zu enttarnen. Dafür plädiert...

Kolumne

Machine Learning-basierte Klassifikation von Marktphasen

Krisen frühzeitig identifizieren

Dimitrios Geromichalos [RiskDataScience]23.05.2018, 12:30

Wie in der Vergangenheit immer wieder beobachtet werden konnte, verhalten sich Märkte oftmals irrational und zeichnen sich – neben dem "Normal-Zustand" – durch Phasen im Krisen- und...

Kolumne

Geopolitik und Ökonomie

Über den Einfluss politischer Krisen

Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.16.05.2018, 11:45

Mehr als sonst ist in den Börsenkommentaren in diesem Jahr nicht nur von ökonomischen Faktoren die Rede. Immer mehr Raum wird den politischen Krisenherden in der Welt eingeräumt. Da geht es um Iran...

Kolumne

CFO Survey Frühjahr 2018

Fachkräftemangel und Protektionismus dominieren Risikolandkarte

Redaktion RiskNET11.05.2018, 14:32

Der Deloitte CFO Survey reflektiert die Einschätzungen und Erwartungen von CFOs deutscher Großunternehmen zu makroökonomischen, unternehmensstrategischen und finanzwirtschaftlichen Themen sowie...