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Staaten mit den weltweit größten Geschäftsrisiken

Resilienz von Lieferketten

Redaktion RiskNET16.06.2014, 15:26

In einer Welt des globalen Einkaufs nimmt die Komplexität der Lieferketten stetig zu. Moderne Lieferketten sind hoch flexibel und bis in letzte Glied optimiert. Das macht sie kosteneffizient, aber auch störungsanfällig. Deshalb kann jede Störung – beispielsweise aufgrund von Naturkatastrophen, IT- oder Telekommunikationsausfällen, Insolvenz von Lieferanten oder politischen Unruhen – zu Dominoeffekten führen. Business-Continuity-Pläne und ein präventives Risikomanagement sind daher unerlässlich und sollten in allen Unternehmen integraler Bestandteil des Einkaufs- und Auswahlprozesses von Lieferanten sein. Für die Einführung angemessener Risikominderungsmaßnahmen genügt es jedoch nicht die "wichtigsten" Lieferanten zu kennen: Sie müssen auch wissen, wie diese mit ihren eigenen Lieferkettenrisiken umgehen.

Die nackten Zahlen präsentieren die Relevanz einer Resilienz nationaler und internationaler Lieferketten. Denn Betriebs- und Lieferkettenunterbrechungen verursachen rund 50 bis 70 Prozent aller versicherter Schäden im Sachversicherungsgeschäft und belaufen sich, basierend auf Daten aus dem Jahr 2013, auf 26 Milliarden US Dollar pro Jahr.

Gute Risikoqualität  und moderne Infrastruktur = hohe Resilienz von Lieferketten

Länder mit einer starken Wirtschaft, einer modernen Infrastruktur und einer guten Risikoqualität (beispielsweise durch hohe Risikomanagement- oder Brandschutz-Standards) erzielen eine hohe Punktzahl. Norwegen, die Schweiz und Kanada sind daher im Ranking der Resilienz nationaler Lieferketten auf den ersten drei Plätzen zu finden. Norwegen erreicht die höchste Punktzahl. Dies ist insbesondere auf die Ölvorkommen des Landes in der Nordsee und die damit zusammenhängende Unabhängigkeit von Energiepreisschwankungen zurückzuführen. Irland liegt beim Treiber Versorgungskette auf Platz 27, schafft es jedoch in der Gesamtwertung aufgrund seines starken Engagements für Risikomanagement und seines niedrigen Elementarrisikos sogar unter die Top 5.

Im Gegensatz dazu befinden sich die Philippinen aufgrund eines hohen Elementarrisikos auf einem der hinteren Plätze. Das Land erholt sich nach dem Taifun Haiyan nur langsam und seine schwache Wirtschaftslage bedeutet wenig Resilienz. Die Daten des FM Global Resilience Index werden jährlich aktualisiert. Dadurch lässt sich gut nachvollziehen, welche Länder aktiv an der Verbesserung ihrer Lieferketten-Resilienz arbeiten und sich so zu attraktiven Geschäftspartnern entwickeln. Für 2014 verzeichnet Bosnien und Herzegowina eine Verbesserung um 19 Plätze, hervorgerufen durch geringere politische Risiken und positive Entwicklungen bei der Zuliefererqualität. Die zur Beurteilung herangezogenen Daten stammen aus dem jährlichen Bericht des Weltwirtschaftsforums.

Weitere Länder mit einer deutlichen Verbesserung im Ranking sind Armenien, Tadschikistan, Kasachstan und Jordanien. Tadschikistan und Kasachstan profitieren von Verbesserungen des Risikomanagements bei Feuerrisiken, während in Armenien und Jordanien positive Veränderungen im Management von Elementarrisiken zu verzeichnen sind. Griechenland kann im Gesamtranking lediglich einen Platz gutmachen, zeigt jedoch die deutlichste Verbesserung der Risikoqualität und kann damit die schwierigen politischen Verhältnisse und die schwache Wirtschaft ausgleichen.

Der FM Global Resilience Index zeigt auch bei führenden Wirtschaftsnationen mit vermeintlich widerstandsfähigen Lieferketten einige überraschende Ergebnisse. Sowohl Katar (Platz 15) als auch Südkorea (Platz 69) erzielen bei den Wirtschaftstreibern eine hohe Punktzahl, allerdings führt die Bewertung der Risikoqualität (Elementarrisiken, Qualität des Managements von Elementar- und Feuerrisiken) zu einer Abwertung. Umgekehrt nimmt Botswana (Platz 37) aufgrund der politischen Stabilität im Land einen Platz unter den Top 50 noch vor Brasilien und Mexiko ein.

Platz 6 bei der Lieferketten-Resilienz in Deutschland

Mit einem Wert von 90 Punkten belegt Deutschland Platz 6 im FM Global Resilience Index. Die beste Platzierung erhält Deutschland in der Kategorie Lieferkette und erlangt hier sogar den 3. Platz hinter der Schweiz und Finnland. Deutschland hat die hohe Punktzahl von 97 hier vor allem der herausragenden Qualität seiner lokalen Zulieferer zu verdanken. Die gute Wertung setzt sich über alle Faktoren fort, wobei Deutschland in der Kategorie Wirtschaft am schwächsten abschneidet und nur Rang 16 einnimmt. Der Grund dafür liegt in der in Teilen der Eurozone vorherrschenden ökonomischen Instabilität, die nicht ohne Einfluss auf die deutsche Wirtschaft bleibt. Insgesamt bescheinigt der Resilience Index Deutschland dennoch eine positive Entwicklung und eine kontinuierliche Steigerung der Widerstandsfähigkeit seiner Lieferketten.

Was ist das Ziel des Global Resilience Index?

Das von der Analyse- und Beratungsfirma Oxford Metrica im Auftrag von FM Global durchgeführte Ranking soll dazu dienen, die Diskussion über Lieferkettenrisiken anzustoßen und Entscheider für mögliche Folgen zu sensibilisieren. Dazu wurden neun Treiber, die sich auf die Resilienz von Lieferketten auswirken, zu drei Faktoren zusammengefasst: Wirtschaft, Risikoqualität und die Versorgungskette selbst. Die gleichmäßig gewichteten Daten stammen aus unabhängigen Quellen wie unter anderem dem Internationalen Währungsfond, der Weltbank und dem Weltwirtschaftsforum sowie der FM Global RiskMark Analyse, mit der die Risikoqualität von mehr als 100.000 FM Global versicherten Industriebetrieben weltweit gemessen wird.
Die Daten des FM Global Resilience Index werden jährlich aktualisiert. Dadurch lässt sich gut nachvollziehen, welche Länder aktiv an einer Verbesserungen ihrer Lieferketten-Resilienz arbeiten und sich so zu attraktiven Investitionszielen entwickeln.

 

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Global Resilience Index

Was ist der FM Global Resilience Index?


Der FM Global Resilience Index ist das erste datenbasierte Tool, das die Resilienz von Lieferketten in 130 Ländern weltweit in einem Ranking vergleicht. Dazu werden neun Treiber, die sich auf die Widerstandsfähigkeit von Lieferketten auswirken, zu drei Faktoren zusammengefasst – Wirtschaft, Risikoqualität und die Versorgungskette selbst. Die drei Treiber zur Bewertung des Wirtschaftsfaktors umfassen das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, das politische Risiko und die Ölintensität, die die Anfälligkeit eines Landes bei Veränderungen des Ölpreises und der Ölversorgung beschreibt.
Der Faktor Risikoqualität setzt sich zusammen aus den vorherrschenden Elementarrisiken sowie der Qualität des Risikomanagements bei Elementar- und Feuerrisiken in den einzelnen Ländern.
Der Faktor Versorgungskette bestimmt sich durch den Umfang der Korruptionskontrolle in einem Land, die Qualität der Infrastruktur und die Qualität der lokalen Zulieferer.

Was versteht man unter Lieferketten-Resilienz?

Lieferketten-Resilienz meint die Widerstandsfähigkeit einer Versorgungskette gegen Unterbrechungen und die Fähigkeit eines Unternehmens, sich von einer Betriebsunterbrechung zu erholen. Solche Unterbrechungen können beispielsweise durch Naturkatastrophen, geopolitische Ereignisse oder wirtschaftliche Veränderungen entstehen. Je größer die Ausfallsicherheit der Lieferkette, desto schneller ist die Wiederaufnahme des normalen Betriebs möglich und desto größer ist die Resilienz.

Wie kann der Index genutzt werden?

Mit dem Index haben Führungskräfte eine Grundlage zur Hand, die ihnen eine erste Richtung für Investitionen in ihre Lieferkette vorgibt. Der Index liefert Erkenntnisse über Risiken und Wege zur Stärkung von Lieferketten und dient so als Diskussionsgrundlage für Geschäftsstrategien in vier zentralen Bereichen:
1. Auswahl der Zulieferer auf Grundlage der Lieferketten-Resilienz auf Länderbasis
2. Entscheidungen bei der Standortwahl
3. Bewertung der Lieferketten-Resilienz von Ländern, in denen bereits Werke vorhanden sind
4. Beurteilung der Lieferketten-Resilienz in Ländern, in denen sich Werke von Kunden befinden

Woher stammen die Daten, die in den Index einfließen?

Die Daten zum Bruttoinlandsprodukt stammen von Internationalen Währungsfond, die Daten zur Ölintensität werden von der US Energy Information Administration zur Verfügung gestellt. Daten zu politischen Risiken und zur Korruptionskontrolle basieren auf den "Worldwide Governance Indicators" der Weltbank, die 31 unterschiedliche Datenquellen zusammenführen.
Informationen über Infrastruktur und Qualität der lokalen Zulieferer stammen aus dem vom Weltwirtschaftsforum entwickelten "Global Competitiveness Report", der auf den jährlich durchgeführten Befragungen von Tausenden von Wirtschaftsentscheidern beruht. Die Daten zur "Risikoqualität" werden durch die FM Global RiskMark Benchmarking-Analyse ermittelt, die die Risikoqualität an mehr als 100.000 FM Global versicherten Standorten weltweit berechnet.

Wie erfolgte die Auswahl der neun Treiber zur Bewertung der Lieferketten-Resilienz?

Die neun Treiber wurden aus einem Pool von zunächst 38 Variablen ausgewählt. Die Auswahl erfolgte aufgrund ihrer nachweisbaren Auswirkungen auf die Widerstandsfähigkeit. Veränderungen der Resilienz werden von den statistisch sensiblen Kriterien erfasst und die Daten stehen konsistent über einen längeren Zeitraum zur Verfügung.

Wie erfolgt die Auswertung?

Die Ergebnispunktzahl besteht zu gleichen Teilen aus den in den Bereichen Wirtschaft, Risikoqualität und Lieferkette erzielten Punkten. Die vergebenen Werte zwischen 0 und 100 Punkten sind dabei relativ zu sehen. Das bedeutet, dass beispielsweise Norwegen mit einer Punktzahl von 100 nicht zwingend über eine "perfekte" Resilienz verfügt, vielmehr hat das Land im Vergleich zu den anderen 129 aufgeführten Nationen die beste Resilienz.

Wie können Entscheidungsträger die im Index aufgeführten Daten nutzen?

Der Index kann von Führungskräften in den Bereichen Lieferkette, Risikomanagement und operatives Geschäft als umfassende Datensammlung zur Bewertung der Risiken ihrer internen Lieferkette und der ihrer Zulieferer sowie Kunden herangezogen werden. Die Auswertung schafft eine Diskussionsgrundlage für die Priorisierung des Risikomanagements und zukünftiger Investitionen. Der Index kann außerdem als Basis für Entscheidungen über den Standort neuer Werke herangezogen werden. Länder, die ihre Attraktivität für ausländische Investoren optimieren wollen, können anhand des Indexes beispielsweise Investitionsmöglichkeiten zur Stärkung ihrer Infrastruktur erkennen oder neue Standards zur Optimierung des Risikomanagements bei Elementar- und Feuerrisiken einführen.

Gibt es im Jahresvergleich starke Schwankungen bei den Punktzahlen einzelner Länder?

Der Index wurde im Jahr 2014 erstmalig veröffentlicht. Zum Vergleich wurden jedoch auch die Länderpunktzahlen für die Jahre 2011 bis 2013 berechnet. Bei einigen Ländern waren im Jahresvergleich Schwankungen von 10 oder mehr Plätzen im Ranking zu verzeichnen, während es bei anderen Ländern nur geringfügige Veränderungen gab.

Welche Faktoren führen zu einer Verbesserung oder Verschlechterung im Länderranking?

Schwankungen im Ranking eines Landes sind auf Veränderungen der zugrunde liegenden neun Treiber zurückzuführen, die sich auf die betriebliche Resilienz bei Unterbrechungen der Lieferkette auswirken. Eine schlechtere Punktzahl in einem Bereich kann durch Verbesserungen in einem anderen ausgeglichen werden. Im Jahr 2013 verschlechterte sich beispielsweise das politische Risiko in Nigeria, gleichzeitig verbesserte sich dort jedoch die Qualität lokaler Zulieferer.

Ändern sich Faktoren wie politische Risiken oder Ölintensität nicht häufiger, als es in einem jährlichen Index dargestellt werden kann?

Dies trifft zu einem gewissen Grad zu. Die jüngsten Unruhen in der Ukraine würden sich auf die Punktzahl des Landes auswirken. Allerdings werden im FM Global Resilience Index zahlreiche Werte berücksichtigt, die Entscheidungsträgern bei der Bewertung von Risiken und Möglichkeiten zur Stärkung ihrer Lieferkette auf globaler Basis Orientierung geben sollen.


Link zum interaktiven Resilience Index

 

[Bildquelle: © kentoh - Fotolia.com]



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