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Neue Bewertung von Betriebsunterbrechungen aus globalen Lieferketten

Redaktion RiskNET08.11.2012, 15:18

Manhattans Straßen und U-Bahnen stehen unter Wasser, Gebäude sind schwer beschädigt, Millionen von Haushalten und Unternehmen sind tagelang ohne Strom. Es wirkt wie eine Szene aus einem Kinofilm, doch die Spur der Verwüstung, die der Hurrikan Sandy vielerorts hinterlassen hat, ist alles andere als eine Fiktion. Für Unternehmen machen Sachschäden nur einen Teil der Verluste aus. Weit schwerer wiegen finanzielle Einbußen aus Betriebsstörungen und Produktionsausfällen.

Im Industriesegment gehen zwischen 50 bis 70 Prozent von Katastrophenschäden auf direkte oder indirekt verursachte Betriebsunterbrechungen zurück – letztere werden durch den Ausfall eines Lieferanten infolge eines Sachschadens ausgelöst, so die Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS). In der neuen Studie "Managing Disruptions" untersucht der Allianz Industrieversicherer, wie Unternehmen und Versicherer Risiken aus Betriebs- und Lieferkettenunterbrechungen neu bewerten. 

Betriebsunterbrechungsversicherungen decken einen Großteil der finanziellen Verluste, die ein Unternehmen oder ein Zulieferer in Folge eines Ausfalls erleiden. Doch die negativen Folgen auf den Unternehmensgewinn können stets nur abgemildert werden. Auch langfristige Auswirkungen wie etwa einen Vertrauensverlust bei Aktionären können sie kaum begrenzen. "Steht der Betrieb still, ist es für das betroffene Unternehmen entscheidend, schnellstmöglich wieder in den Normalzustand zurückzukehren und die Produktion wieder aufzunehmen", erklärt Volker Münch, der bei AGCS weltweit für die Produktentwicklung im Sachschadenbereich verantwortlich ist. 

Lieferantenausfall betrifft ganze Industriezweige

Wenn ein Brand oder eine Naturkatastrophe ein Unternehmen aus dem Takt bringen, mag der Schaden groß sein, aber er ist doch berechenbar und begrenzt. Anders stellt es sich dar, wenn das so betroffene Unternehmen ein wichtiger Lieferant für einen Industriezweig ist. Dann können die Folgewirkungen weltweit spürbar sein und für zahlreiche Unternehmen Schäden aus Lieferkettenunterbrechungen auslösen (sog. Rückwirkungsschäden). 

Dieser Domino-Effekt zeigte sich bei der Flutkatastrophe in Thailand im November 2011. Damals mussten wichtige Zulieferer der Elektronikindustrie den Betrieb einstellen. Die weltweite Produktion von Festplatten brach im vierten Quartal 2011 um rund ein Drittel ein, in Folge verzeichneten PC-Hersteller in den USA Lieferengpässe. "Die Flut in Thailand machte deutlich, wie verwundbar die weltweiten Lieferketten geworden sind. Die Schäden aus Lieferkettenunterbrechungen haben eine neue Dimension erreicht", sagt Andreas Shell, AGCS-Schadenchef im Bereich Sachversicherung. Nur die wenigsten Unternehmen hatten ein solches Szenario in ihrem Risikomanagement auf dem Radar.

Puffer für den Krisenfall

"Moderne Lieferketten sind hoch flexibel und bis in letzte Glied optimiert. Das macht sie kosteneffizient, aber auch störungsanfällig", sagt Paul Carter, Global Head of Risk Consulting bei AGCS. Er beobachtet, dass Unternehmen den Zielkonflikt zwischen niedrigen Kosten und Sicherheitspuffern in Lieferketten neu austarieren. Um Lieferketten robuster zu machen, sollten Unternehmen wieder mehr Redundanzen in die mittlerweile extrem schlanken Beschaffungsprozesse einbauen, selbst wenn die Abkehr von weit verbreiteten Single-Supplier-Sourcing höhere Kosten mit sich bringt. "Redundanz ist teuer, aber keine Redundanz kann noch teurer werden", sagt Carter.

Konkret sollten Unternehmen, so empfiehlt AGCS, ausfallkritische Zulieferer auflisten, weltweit deren Produktionsorte identifizieren und untersuchen, ob diese Orte potenziell Naturkatastrophen ausgesetzt sind. "Wenn ein asiatischer Zulieferer in einer Risikozone für Flut oder Erdbeben angesiedelt ist, dann sollte ein Unternehmen bereits im Vorfeld einen alternativen Lieferanten suchen – und zwar in einer anderen Region wie zum Beispiel Osteuropa", erklärt AGCS-Risikoingenieur Carter.

Im Falle einer Betriebsunterbrechung bewährt es sich auch, wenn ein Unternehmen sogenannte Business-Continuity-Pläne – als Teil des unternehmensweiten Risikomanagements – erstellt und diese auch getestet hat. Solche Notfallmaßnahmen sollte ein Unternehmen nicht auf seinen eigenen Betrieb begrenzen, sondern auch auf seine Lieferanten ausdehnen. "Die Überprüfung der Notfallpläne sollte fester Bestandteil des Lieferantenauswahlprozesses sein und im Idealfall auch die Sub-Lieferanten des Lieferanten mit einbeziehen", wünscht sich Carter. Die Realität stellt sich häufig anders dar: So bestätigten im britischen Business Continuity Survey 2011 nur 7 Prozent der Befragten, dass ihre Lieferanten solche Notfallpläne vorweisen konnten. 

Versicherer brauchen mehr Informationen

Bessere Informationen über die Risiken in den Lieferketten ihrer Industriekunden wünschen sich auch die Versicherer selbst, um ihr eigenes Portfolio zu steuern und das Risikomanagement zu verbessern. Besonders regionale Ballungen von Lieferanten ("Cluster") wie in der Automobil- oder Elektronikindustrie bereiten ihnen Sorgen. "Eine Naturkatastrophe kann mehrere unserer Industriekunden auf einen Schlag treffen", erklärt Münch. "Durch die Globalisierung der Lieferketten und Produktionsnetze ist es für uns deutlich schwieriger geworden, das Akkumulationsrisiko zu bewerten." Nur durch mehr Informationen könne man sicherstellen, nicht eine zu hohe Zahl von Zulieferern in ein- und derselben Region zu versichern. 

Download der kompletten Studie: 

 

[Bildquelle: © bluedesign - Fotolia.com]

 



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