Kolumne

Drogen, Produktpiraterie, Menschen- und Wildtierhandel

Moderne Raubzüge

Andreas Eicher [Redaktion RiskNET]10.01.2017, 11:35

Wer an Korruption denkt, der verbindet damit in den meisten Fällen Schmiergeldzahlungen und Bestechung in der Wirtschafts- und Politikwelt. Doch auch rund um die Tierwelt ereignet sich Korruption. Drastisch formuliert wird der Artenreichtum dieser Erde im wahrsten Sinne des Wortes geplündert, die Natur ausgeschlachtet – auf Kosten ganzer Regionen und Staaten. Für den WWF ist "Wilderei und Wildtierkriminalität (…) nicht nur eine Gefahr für den Erhalt der Artenvielfalt, sondern bedrohen auch die Entwicklung der Herkunfts- und Abnehmerländer, sowie die Sicherheit und Gesundheit der Menschen in diesen". Die Gewinner sind rücksichtslose Geschäftemacher sowie korrupte und mafiöse Strukturen in Staat, Politik und Verwaltung. Die Folge ist, dass viele Tierarten vom Aussterben bedroht sind. Hintergrund ist der illegale Fang und Verkauf seltener Tiere sowie das Töten bestimmter Gattungen zur Trophäenjagd oder um an Fell, Elfenbein oder Horn zu gelangen. Der WWF kommt zu dem Ergebnis: "Mit einem jährlichen Wert von 19 Milliarden US-Dollar stellt der illegale Handel mit Wildtieren den viertgrößten illegalen Handel weltweit dar – nach Drogenhandel, Produktpiraterie und Menschenhandel."

Enorme Schäden und hohe Gewinne

"China soll für Zerstörung zahlen" titelte die "Allgemeine Zeitung" (AZ) Namibias Ende Dezember 2016. Die deutschsprachige Zeitung bezog sich in ihrem Beitrag auf die Umweltkriminalität Chinas in Namibia. Konkret haben Namibias Umweltorganisationen den chinesischen Botschafter aufgefordert, die Umweltkriminalität durch Chinesen in Namibia umgehend zu beenden. Darüber hinaus solle China für den entstandenen Schaden zahlen. Nach Berichten der AZ sei unter anderem durch die eskalierende Wilderei von Nashörnern und Elefanten samt illegalen Export von Rhino-Horn und Elfenbein ein Schaden von über 800 Millionen Namibia-Dollar (NAD) (über 55 Millionen Euro) entstanden. Gleichzeitig kehrte ein von China gechartertes Fangschiff mit dem Namen "Ryazanovka" nach Protesten um. Dessen Ziel war es, Meeressäugetiere aus namibischen Gewässern zu fischen, um sie in chinesischen Meeresaquarien dem Publikum zu präsentieren. Der Fall zeigt die Dimensionen der illegalen Fang- und Wilderei-Methoden.

Mit diesen modernen Raubzügen haben die Staaten des südlichen Afrikas fast täglich zu kämpfen. Botswana, Südafrika und auch Namibia verzeichnen seit Jahren einen sprunghaften Anstieg der Wilderei. Es vergeht kaum ein Tag ohne neue Meldungen zu getöteten Wildtieren in den Medien, allen voran auf Nashörner haben es die Wilderer abgesehen. Ein lohnendes Geschäft, wie das Buch "Who Rules South Africa?" feststellt. Dem lukrativen Handel mit Rhino-Horn im südlichen Afrika fallen beispielsweise in Südafrika jährlich mehr als 400 Nashörner zum Opfer. Und auch im benachbarten Namibia ist die Jagd nach dem Nashorn an der Tagesordnung. So wurden 2016 allein im Etosha-Nationalpark über 40 Nashörner gewildert. Martin Plaut, Autor des Beitrags zu "Crime, Corruption and Connections" rechnet vor, dass ein Kilo Rhino-Horn rund 65.000 südafrikanische Rand (ZAR) (über 4.500 Euro, Stand Januar 2017) auf dem lokalen Schwarzmarkt erzielt. Der Weiterverkauf auf den internationalen Märkten erziele Summen von bis zu 390.000 ZAR pro Kilo, was nach aktuellem Kurs über 27.000 Euro bedeutet. 

Korrupte Behörden, uneinsichtige Politiker und Geschäftemacher

Die Umweltbehörden der betroffenen Länder schlagen Alarm und führen doch einen fast aussichtlosen Kampf gegen die illegale Jagd auf Nashörner. Nicht nur aufgrund der zu schützenden Parkflächen, wie den Krüger Nationalpark in Südafrika oder den namibischen Etosha Nationalpark. Um die Tierparks und deren bedrohte Arten vor Wilderei zu schützen, stehen meist nur eine Handvoll Ranger zur Verfügung. Und das teils auf Parkflächen, die die Größe deutscher Bundesländer haben. Beispielsweise ist der Etosha-Nationalpark fast so groß wie Hessen. Einen 100-prozentigen Schutz vor Wilderei kann es bei diesen Dimensionen nicht geben. Ein weiteres Problem: Politiker und lokale Behörden sind teils in den illegalen Handel mit gewilderten Rhino-Horn verwickelt oder sehen einfach weg. Es ist das ewig gleiche Spiel: Schlecht bezahlte Polizisten und lokale Behördenvertreter spielen den Kartellen in die Hände. Sie zu schmieren ist ein Leichtes.

Für Johan (Name von der Redaktion geändert), seines Zeichens Ranger im Etosha-Nationalpark, ist der Fall klar: "Die illegale Nashornjagd wird von oben gedeckt." Damit meint er vor allem den Weitertransport des Rhino-Horns aus den Parks in die Absatzländer – allen voran China. "Nashörner zu schießen ist das eine. Das Horn unbehelligt weiter zu transportieren etwas anderes. Dafür braucht es Helfer, Mitwisser und logistische Unterstützung", stellt Johan ernüchternd klar.

Jüngstes Beispiel: Ende 2016 wurde ein Mann mit 18 Rhino-Hörnern im Gepäck am internationalen Flughafen in Johannesburg verhaftet. Und auch vor privaten Tierfarmen machen die Wilderer nicht halt. Ende Dezember 2016 wurden vier Nashörner auf einer privaten Farm in der Nähe von Gobabis, östlich der namibischen Hauptstadt Windhoek, erschossen oder schwer verletzt.

Ein weiteres Problem des "Ausverkaufs" an Nashörnern sind uneinsichtige Politiker und Geschäftemacher. Im November 2016 wurde einem chinesischen Jäger die Schießerlaubnis für ein White Rhino (Breitmaulnashorn) auf einer privaten Farm erteilt. Kostenpunkt: 1,4 Millionen NAD (über 97.000 Euro). Der zuständige Umweltminister Namibias, Pohamba Shifeta, sieht darin allerdings kein Problem. Schließlich sei kein kritisches Ausmaß bei mehr als 2500 Nashörnern in Namibia erreicht, wie die Tageszeitung "The Namibian" in einem Beitrag am 22. Dezember schrieb. In dieses Bild passt auch die Meldung der AZ, wonach chinesische Geschäftsleute rund 30.000 NAD, sprich etwas mehr als 2.000 Euro, für den "Kampf gegen Nashornwilderei" spenden wollen. Für Chris Brown, Geschäftsführer der Namibischen Umweltkammer, sei diese Summe eine Beleidigung des namibischen Umweltsektors. An dieser Stelle bleibt nur zu sagen: Da hat jemand das Verursacherprinzip nicht ganz verstanden. Randnotiz: China hat jüngst angekündigt, 2017 den Handel sowie die Verarbeitung von Elfenbein im eigenen Land zu stoppen. Das klingt nach Chance. Vielleicht folgt dieser Einsicht auch Weitsicht. Im Sinne des Artenreichtums – auch für nachfolgende Generationen. Doch wer glaubt, dass der illegale Handel mit Rhino-Horn und Elfenbein ein rein afrikanisch-chinesisches Problem sei, der irrt. Es sei nur an den Fund von 1,2 Tonnen Elefanten-Elfenbein mit einem Marktwert von über einer Million Euro im Jahr 2016 in Brandenburg und Rheinland-Pfalz erinnert. Damit wird deutlich, dass auch Deutschland als Drehscheibe für den illegalen Elfenbeinhandel dient. Und Wilderei ein schmutziges Geschäft ist – lokal, national und international.

[ Bildquelle: Andreas Eicher | RiskNET ]


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