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Alles bleibt anders

Leben in einer Welt ohne Weltordnung

Frank Romeike [Chefredakteur RiskNET]16.10.2012, 08:55

Über 90 Prozent der Berichterstattung über die globale Finanz- und Wirtschaftskrise konzentriert sich ausschließlich auf ökonomische Aspekte. "Die neue politische Dimension wird leider häufig ausgeblendet" kritisiert Dr. Gunther Schmid, bis vor wenigen Wochen Mitarbeiter beim Bundesnachrichtendienst, während eines Vortrags auf dem qSkills Security Summit 2012 in Nürnberg.  Die Finanzkrise ist seiner Ansicht nach weniger eine Eurokrise als vielmehr eine "Krise der politischen Elite".  Schmid beobachtet seit vielen Jahren die geopolitischen Entwicklungen und kommt in seinen Analysen zu dem Schluss, dass internationale Politik nicht mehr berechenbar ist.

Die aus der Vergangenheit bekannten bipolaren und tripolaren Machtverhältnisse sind nicht mehr vorhanden. Wir haben eine historische Zäsur erlebt und leben in einer Welt ohne Weltordnung, so Schmid weiter. Der künftige Systemwettbewerb werde sich vor allem zwischen dem autokratischen, aber kapitalistischen China und dem demokratischen, aber in weiten Teilen armen Indien abspielen. So investiert Indien seit vielen Jahren massiv in Bildung. Nach der indischen Unabhängigkeit im Jahr 1947 verfolgte die Politik das Ziel der Ausbildung einer eigener wissenschaftlichen Eliten zur Unterstützung der indischen Wirtschaft und sozialen Entwicklung des Landes.

So entstanden allein sieben Universitäten unter dem Dach des Indian Institute of Technology (IIT). Die IIT-Aufnahmeprüfung gilt als eine der härtesten Prüfungen der Welt. Rund 300.000 Schüler nehmen jährlich daran teil. Mit 6.500 Erstsemestern werden jedoch lediglich zwei von hundert zugelassen. Zudem wird Indien bei gleich bleibenden Geburtenraten im Jahr 2022 mehr Einwohner haben als China.

Massives Konfliktpotenzial

Gleichzeitig  registrieren wir jedoch im asiatischen Raum ein massives Konfliktpotenzial. Der Streit um die Senkaku-Inseln im Ostchinesischen Meer ist lediglich eines von vielen aktuellen Beispielen. So erklärte Japan im Januar 1895, kurz vor der Niederlage Chinas im Ersten Japanisch-Chinesischen Krieg, die Inseln zum japanischen Hoheitsgebiet. Auf der anderen Seite beansprucht die Republik China und die Volksrepublik China unabhängig voneinander seit 1970/71 diese Inseln als Teil des Landkreises Ilan, Provinz Taiwan. Die Regierungen Chinas und Taiwans behaupten, dass die erste schriftliche Dokumentierung dieser Inselgruppe bereits im Jahr 1372 durch chinesische Seeleute erfolgt sei.

Chinas Regierungschef Wen Jiabao sagte vor einigen Wochen laut amtlicher Nachrichtenagentur Xinhua, China werde "absolut keine Konzessionen" machen, wenn es um seine Souveränität und territoriale Integrität gehe. Sein Land werde niemals einen Fußbreit Boden aufgeben. Doch auch innenpolitisch existieren viele Baustellen: So verfügen gerade einmal 0,4 Prozent der chinesischen Haushalte über 70 Prozent des Vermögens.

Drei wesentliche Entwicklungen

Gunther Schmid skizzierte drei wesentliche Entwicklungen, mit denen wir uns aktuell und in der Zukunft beschäftigen müssen. Zum ersten sind wir Zeitzeugen einer Verschiebung der Gewichte in der Weltwirtschaft. Zukünftig werden wir nicht mehr von Entwicklungs- bzw. Industrieländern sprechen, sondern vielmehr von den "Growth Economies", d. h. den Wachstumsökonomien. So findet 80 Prozent des weltweiten Wachstums in nur acht Ländern statt.

Zum zweiten beobachten Experten eine massive Zunahme unregierbarer Territorien. So ist beispielsweise der Norden von Mali seit geraumer Zeit fest in der Hand einer Gruppe namens Ansar Din, die eine enge Kooperation mit der Terrorgruppe "Al Qaida im islamischen Maghreb" eingegangen ist. Experten sind sich einig, dass das Land zu einem afrikanischen Afghanistan wird. Erst im April diesen Jahres riefen die Tuareg einen unabhängigen Staat Azawad aus. Mali ist in zwei Teile zerfallen: Im Süden regiert eine korrupte und unfähige Junta, im Norden hat das Terrornetzwerk Al Qaida das Sagen.

Als dritte Entwicklung beobachtet Schmid, dass die Spielräume in der Außenpolitik enger werden. Im Kern dreht sich Außenpolitik heute mehr um politisches Risikomanagement. Wir erleben heute eine massive Erosion der Macht der politischen Akteure. Dies hängt unter anderem auch damit zusammen, dass wir mit mehr globalen Mitspielern zu tun haben. Neben staatlichen Akteuren gewinnt die Bedeutungen von transnationalen Akteuren, wie beispielsweise dem Weltwährungsfonds oder den Vereinten Nationen. Ergänzend steigt das Gewicht von marktbezogenen Akteuren, beispielsweise Ratingagenturen oder globalen Medien. Und auch die Rolle der Finanzmärkte ist eine andere. Dies hat uns die jüngste Finanzkrise deutlich vor Augen geführt. Nicht selten treiben die Akteure auf den Finanzmärkten die Politik vor sich her.

 

[Bildquelle:© senoldo - Fotolia.com]



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