Köpfe

Ulrich Beck ist tot: ein Nachruf

Leben in der Risikogesellschaft

Frank Romeike / Andreas Eicher [Redaktion RiskNET]09.02.2015, 09:38

"Der Kosmopolit", titelte die Süddeutsche Zeitung und schrieb: "Auch alle, denen an Europa viel liegt, wissen, welche Lücke er hinterlässt." Der Soziologe Ulrich Beck ist am 1. Januar 2015 im Alter von 70 Jahren an Herzversagen verstorben. Bekannt wurde er nicht nur mit seinen Analysen zur Risikogesellschaft. In seinem im Jahr 1986 veröffentlichten Buch "Risikogesellschaft – auf dem Weg in eine andere Moderne" hat Beck sich vor allem mit der immer stärker durchsetzenden "Logik der Risikoproduktion" beschäftigt. In mehr als dreißig Sprachen wurde es übersetzt.

In der fortgeschrittenen Moderne geht die gesellschaftliche Produktion von Reichtum systematisch einher mit der gesellschaftlichen Produktion von Risiken, so Beck. Wenige Wochen vor der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986 veröffentlichte der Soziologe Ulrich Beck sein Buch "Risikogesellschaft". Im 19. Jahrhundert und Anfang des 20. Jahrhunderts waren die Menschen davon ausgegangen, dass die Folgen durch die moderne Technik sowohl zeitlich, räumlich als auch sozial begrenzt sind. Anders formuliert: Risikogesellschaft ist heute Weltrisikogesellschaft.  "Denn ihr Grundprinzip sind von Menschen hergestellte, antizipierte Gefahren, welche sich weder räumlich noch zeitlich oder sozial eingrenzen lassen." [Beck 2008, S. 153]. Die Autoren des "Lexikon der Globalisierung" sehen in diesem Kontext dem "Kontrollanspruch moderner Gesellschaften" klare Grenzen gesetzt und führen Naturgewalten, wie die Tsunami-Katastrophe ("In Fukushima ist auch der Sicherheitsmythos verglüht", Zitat von Ulrich Beck) oder den Hurrikan "Katrina" als Beispiele an. Diesen Grundgedanken beschrieb Ulrich Beck mit der Großkatastrophe viele Jahre zuvor – dem atomaren Gau von Tschernobyl. Diese Risiken führten zu einer neuen Sicht: Wir sitzen alle in einer Weltrisikogesellschaft. Das Resultat: Angst wird zum Lebensgefühl. Sicherheit verdrängt die Werte von Freiheit und Gleichheit.

Aktueller denn je: ein Blick auf die globale Risikolandkarte genügt

Aktueller als heute könnte das Buch von Beck in unserer "Welt ohne Weltordnung" nicht sein. Ein Blick auf die globale Risikolandkarte lässt uns erahnen, welcher Herausforderungen in unserer Risikogesellschaft auf uns warten.

Auf der Weltkarte des Terrors finden wir die Kämpfer des Islamischen Staates, die in Syrien und im Irak mit unvorstellbarer Gewalt und Terror ihr Kalifat erreicht wollen. Und teils sprechen wir an dieser Stelle von einem Mitverschulden des Westens oder dessen Versagen aufgrund einer verfehlten Interventionspolitik, wie das Beispiel des Irak-Konflikts zeigt. Beck schreibt den "anonymisierten ‚Kollateralschäden‘ jenen Blutzoll zu, den die zu befreiende irakische Zivilbevölkerung für den aufgezwungenen Krieg zu bezahlen hat." Er beschreibt dies als Lehrstück der "institutionalisierten Wiedersprüche des staatlichen Kriegsrisikomanagements" [Beck 2008, S. 349].

Ulrich Beck kommt zu dem Schluss, dass mit dem Krieg das, was die handelnden Mächte eigentlich verhindern wollten – das Entfalten von terroristischer Gewalt – eingetreten sei. Der Irak sei zu einem "Tummel- und Rekrutierungsplatz" des globalen Terrorismus geworden sei.

Wir finden aber auch den Angriff zweier Extremisten am 7. Januar auf Demokratie und Meinungsfreiheit durch den Mord an den Redakteuren der Zeitschrift "Charlie Hebdo". Das Echo ließ nicht lange auf sich warten: Wer den Propheten beleidigt, der muss sterben. Wenige Tage nach dem Mord hat der pakistanische Politiker Ghulam Ahmed Bilour ein Kopfgeld auf die Eigentümer von "Charlie Hebdo" ausgesetzt. Auf der Risikolandkarte des Terrors finden wir weiterhin die Terrororganisation der Taliban, die bereits Mitte der 90er-Jahre entstand. Sie terrorisierten in den vergangene Jahrzehnten vor allem Afghanistans mit radikalislamischen Gräueltaten. Unterstützung erhielten die Terroristen vor allem vom pakistanischen Geheimdienst und finanzieren sich mit Opiumhandel. Bei einem Blick nach Afrika entdecken wir die nigerianische Islamistenvereinigung Boko Haram. Ursprünglich wurde Boko Haram im Jahr 2002 gegründet, um westliche Bildung verhindern (daher auch der Name Boko Haram, der übersetzt bedeutet "Westliche Bildung ist verboten"). In Somalia kontrolliert die islamistische militante Bewegung Al-Schabab (Al-Shabab) Teile Südens und setzt dort die Schari'a in strenger Form durch.
Auf der arabischen Halbinsel entdecken wir Al-Qaida. In Kolumbien die im Jahr 1964 gegründete marxistische Guerillagruppe "Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia" (Revolutionary Armed Forces of Colombia, FARC), die vor allem eine Umverteilung des Reichtums propagiert. Auf den Philippinen entdecken wir die "Neue Volksarmee" (New People's Army, NPA), die eine marxistische Regierung erzwingen will. In Pakistan entdecken wir die im Jahr 2007 gegründete Terrorgruppe Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP), die das Ziel einer Durchsetzung islamischen Rechts sowie den "Heiligen Krieg" verfolgt.

Klimawandel fehlt die Alltagserfahrung

Im Gegensatz zum alltäglichen Terror mit Morden, Versklavungen und medial wirksam aufbereiteten Hinrichtungen, im falschen Glauben an Gott, zeigt sich bei der Klimakatastrophe etwas Abstraktes. Auf der einen Seite blicken wir täglich fassungslos in die Medien mit erschreckenden Berichten von Gräueltaten im Nahen Osten, Afrika oder Asien. Auf der anderen Seite fehlt beispielsweise dem Thema Klimawandel und den Folgen etwas Greifbares. Für Ulrich Beck "eine schwer überwindliche Abstraktheit", stehen dahinter doch wissenschaftliche Modelle und Berechnungen. Und diese seien durch "Alltagserfahrungen schwer zu beweisen oder zu widerlegen" [Beck 2008, S. 137]. Und Beck folgert: "Der wissenschaftliche korrekte Zusammenhang, wonach Stürme, Fluten und Dürren statistisch häufiger werden, ohne dass einzelne Wetterereignisse kausal dem Wandel des Klimas zugerechnet werden können, entkoppelt die Deutung prinzipiell von der Alltagserfahrung" [Beck 2008, S. 138]. Im Umkehrschluss heißt das: Tod und Mord sind medial salonfähig – und das Wissen Terrorgruppen in aller Welt für sich und ihre Propaganda zu nutzen. Demgegenüber fristet der Klimawandel als Thema ein Schattendasein.

Blind in den Abgrund stürzen

Beck hat in seiner Analyse der Risikogesellschaft vorweggenommen, wie sich die Menschheit in ihrer Fortschrittsseligkeit und -blindheit an den Rand des Abgrunds bewegt. Er hat die damit verbundenen Veränderungen in der gesellschaftlichen Haltung gegenüber dem Umgang mit Risiken als Übergang von der Wohlstandsverteilungs- bzw. Mangelgesellschaft hin zur Risikogesellschaft beschrieben.

Im Vordergrund stand fortan das Anliegen, die in verschiedenen Zusammenhängen auftretenden Gesundheits-, Umwelt- oder Sicherheitsrisiken so weit wie möglich zu eliminieren. Als Schlagwort bekannt geworden, ist der Begriff der Individualisierung, der den Menschen in der Zweiten Moderne aus den Traditionen und Strukturen der Ersten Moderne, der industriegesellschaftlichen Moderne, entlässt und damit ein hohes Maß an Sicherheit und Orientierung verliert. Dieser Prozess wird in den Zusammenhang von vermehrter Produktion von Umweltrisiken und -bedrohungen, Umstrukturierungen des Arbeitsmarktes und des Arbeitsverhältnisses sowie der Politik gestellt, der die Radikalität des Wandels deutlich macht. Ähnlich wie im 19. Jahrhundert Modernisierung die ständisch verknöcherte Agrargesellschaft aufgelöst und das Strukturbild der Industriegesellschaft herausgeschält hat, löst nach Beck die Modernisierung heute die Konturen der Industriegesellschaft auf, und in der Kontinuität der Moderne entsteht eine andere gesellschaftliche Gestalt. Für Beck ist die Welt eine Weltrisikogesellschaft geworden. Ein Aspekt, der dieses verdeutlicht, ist das kosmopolitische Bewusstsein der gemeinsamen Bedrohung durch den Terrorismus.

Risiken sind das Ergebnis eines gesellschaftlichen Konstruktionsprozesses

Beck weist darauf hin, dass Risiken immer auch Ergebnis eines gesellschaftlichen Konstruktionsprozesses sind. Als bedrohlich wahrgenommen werden nicht die abstrakten Risiken selbst, sondern deren konkrete Thematisierung in den Massenmedien. Dies führt dazu, dass die Wirklichkeit nach einem Schematismus von Sicherheit und Gefahr kognitiv wahrgenommen wird. Paradoxerweise führt die Inflation "gefühlter Risiken" jedoch auch zu mehr Gleichgültigkeit: "Wo sich alles in Gefährdungen verwandelt, ist irgendwie auch nichts mehr gefährlich" [Beck 1986, S. 48]. Beck war jedoch alles andere als ein Pessimist und war daher immer auch auf der Suche nach "Gegengiften" gegen die Gifte der Moderne. "Er befürwortete die Moderne, ihre großartigen Ideale und Ziele, verfügte aber gleichzeitig über ein scharfes Bewusstsein der Zerstörungen, die sie in sich barg," schreibt die ZEIT in einem Nachruf. Beck war vor allem ein exzellenter Risikomanager, der beispielsweise den Kapitalismus weder anklagte noch verteidigte, sondern vielmehr Maßnahmen aufzeigte, wie Risiken reduziert und eliminiert werden können. Es war daher vor allem eine "Kritik ohne Düsternis" (Die ZEIT). Beck verstand vielmehr, dass die Risikomedaille immer zwei Seiten hat: die negative Gefahrenseite und die positive Chancenseite. Denn Risikomanagement liefert vor allem potenzielle Zukunftsszenarien und Werkzeuge zur besseren Steuerung von Risiken.

2012 erschien Becks Essay mit dem Titel: "Das deutsche Europa. Neue Machtlandschaften im Zeichen der Krise".  Darin beschreibt er unter anderem die Probleme, die aufgrund der Europäischen Sparpolitik und der deutschen Dominanz entstanden sind. Beck: "Die Europäische Union hat 27 Mitgliedsländer, Regierungen, Parlamente; sie hat ein Parlament, eine Kommission, einen Gerichtshof, eine Außenbeauftragte, einen Kommissionspräsidenten, einen Ratspräsidenten und so weiter und so fort.
Aber die Finanz- und Euro-Krise hat das wirtschaftsmächtige Deutschland in die Position der entscheidenden Großmacht in Europa katapultiert." Mehr noch geht es um die Macht, welche die Bundeskanzlerin Angela Merkel in Europa aktuell ausübt. Beim Schreiben dieser Zeilen läuft im Hintergrund die Rede von Angela Merkel im Rahmen der "Münchner Sicherheitskonferenz 2015". Wie viel Wahrheit in den Worten von Ulrich Beck doch liegt …

Quelle: Ulrich Beck, www.ulrichbeck.net-build.net/Zum Leben von Ulrich Beck

Ulrich Beck war Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), British Journal of Sociology Visiting Centennial Professor an der London School of Economics and Political Science (LSE) und war seit 2011 Professor an der Fondation Maison des Sciences de l’Homme (FMSH) in Paris. 2012 wurde Ulrich Beck vom Europäischen Forschungsrat (ERC) ein Advanced Investigator Grant mit dem Thema "Methodological Cosmopolitanism - In the Laboratory of Climate Change" bewilligt.

Er war Herausgeber der Reihe "Edition Zweite Moderne" im Suhrkamp Verlag und Mit-Herausgeber der sozialwissenschaftlichen Fachzeitschrift "Soziale Welt". Ulrich Beck war einer der bedeutendsten Soziologen und Risikoforscher der Gegenwart. Sein 1986 erstmals veröffentlichtes Buch "Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne" wurde zu einem Besteller und in mehr als 35 Sprachen übersetzt. Der darin geprägte Begriff der Risikogesellschaft machte ihn international und weit über akademische Kreise hinaus bekannt. Zwanzig Jahre später erneuerte und erweiterte er seine Zeitdiagnostik in dem Buch "Weltrisikogesellschaft – Auf der Suche nach der verloren Sicherheit"  im Zeichen von Terrorismus, Klimakatastrophen und Finanzkrisen.

In seinen Arbeiten befasst er sich unter anderem mit den Themen Risikogesellschaft und hergestellte Unsicherheiten, Individualisierung und Soziale Ungleichheit, Globalismus und Globalisierung, Kosmopolitismus und Kosmopolitisierung, methodologischer Nationalismus und methodologischer Kosmopolitismus in den Sozialwissenschaften.

Die von Ulrich Beck entwickelte "Theorie reflexiver Modernisierung" kann man in drei komplexe Argumente auffächern – das Theorem der (Welt-)Risikogesellschaft, das Theorem forcierter Individualisierung und das Theorem mehrdimensionaler Globalisierung bzw. Kosmopolitisierung. Alle drei Theoreme sind radikalisierte Formen einer Modernisierungsdynamik, die am Beginn des 21. Jahrhunderts, auf sich selbst angewendet, die Erste Moderne auflöst.

Bildquelle rechts: Ulrich Beck

Weiterführende Literaturhinweise:

  • Beck, U. (1986): Risikogesellschaft – Auf dem Weg in eine andere Moderne, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1986.
  • Beck, U. (1988): Gegengifte. Die organisierte Unverantwortlichkeit, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988.
  • Beck, U. (2008): Weltrisikogesellschaft. Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007.
  • Beck, U. (2012): Das deutsche Europa. Neue Machtlandschaften im Zeichen der Krise, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2012.
  • Kreff, F., Knoll, E.-M., Gingrich, A. (2011): Lexikon der Globalisierung, transcript, Bielefeld 2011.

 

 

[ Bildquelle: © kantver - Fotolia.com ]


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