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Haftpflichtrisiken werden weiterhin unterschätzt

Frank Romeike19.11.2004, 06:47

US-Risiken bleiben der bestimmende Faktor in der Haftpflichtversicherung und auch in Europa sind Ansätze zu einer ausgeprägten "Klagekultur" zu erkennen. Das ist das Ergebnis der europäischen Marsh-Studie "Limits of Liability Europe 2004". In dieser Studie wurden rund 2.000 europäische Unternehmen auf ihre Absicherungsstrategien gegenüber Haftpflichtrisiken untersucht. In Deutschland zeigte sich dabei ein gemischtes Bild: Großunternehmen in den exponierten Branchen Pharma, Chemie und Transport gehören zu den europaweit größten Käufern von Haftpflichtversicherungen. Produzierendes Gewerbe und Maschinenbauer, die 55 Prozent der untersuchten deutschen Unternehmen ausmachten, weisen dagegen stark unterdurchschnittliche Deckungssummen im Vergleich zu ihren europäischen Nachbarn auf. Für die Versicherer ist das Risikoprofil eines Unternehmens entscheidend für die Prämienfindung und die Qualität der Police.

Die Haftpflichtrisiken deutscher und anderer europäischer Unternehmen werden nach wie vor stark vom Ausmaß ihres Engagements in den USA geprägt. Die deutschen Pharma- und Chemie-Unternehmen gehören europaweit zu den größten Käufern von Haftpflichtschutz. Im Durchschnitt aller betrachteten Branchen und Unternehmensgrößen ergibt sich für deutsche Unternehmen jedoch ein differenzierteres Bild: Sie sind mit 36 Mio. Euro Deckungssumme sehr viel niedriger versichert als  US-Unternehmen, die eine durchschnittliche Deckungssumme von 61 Mio. Euro einkaufen, oder britische Unternehmen mit einer durchschnittlichen Deckungssumme von 58 Mio. Euro.

Zwar ist das Haftpflichtrisiko kleiner Firmen geringer als das großer Konzerne, da die Exponiertheit großer Unternehmen zu höheren Haftpflichtklagen führt. Dennoch gibt es auch bei kleineren Unternehmen immer wieder hohe Haftpflichtschäden, zum Beispiel Personenschäden in der Nahrungsmittelbranche oder Rückrufkosten bei Kfz-Zulieferern, die dort auch schnell existenzbedrohende Höhen erreichen können.

"Vor allem das US-amerikanische Haftungsrecht bewirkt, dass keine Aufweichungstendenzen in der industriellen Haftpflichtversicherung zu verzeichnen sind", kommentiert Dr. Georg Bräuchle, Mitglied der Zentralen Geschäftsleitung von Marsh Deutschland und Österreich. "Die Großen der exportorientierten deutschen Wirtschaft haben sich inzwischen sehr gut auf Produktrisiken eingestellt. Unserer Erfahrung nach unterschätzen weiterhin Nischenanbieter und Mittelständler die Haftungsrisiken aus Kfz- und Produkthaftpflicht sowie aus Anstellungsverhältnissen (so genannte Employment Practices Liability-Risiken)."

Kommt eine europäische "Klagekultur"?

Es gibt erste Anzeichen für eine aufkommende Klagementalität in Europa. Ob sich eine Klagekultur nach US-Vorbild durchsetzen wird, ist fraglich. Gleichwohl haben Haftpflichtansprüche europäischer Verbraucher gegen Hersteller zum Beispiel von gentechnisch veränderten Lebensmitteln zugenommen. Daraus ergibt sich jedoch nicht die Notwendigkeit, dass solche Klagen auch zu hohen gerichtlichen Schadenersatzleistungen führen werden. Haftpflichtversicherer haben allerdings dahingehend reagiert, dass solche Risiken in ihrer Versicherbarkeit mehr und mehr eingeschränkt werden.

Zunehmend eröffnet die europäische Gesetzgebung mehr Möglichkeiten für Haftungsklagen, beispielsweise die EU-Antidiskriminierungsrichtlinie für Klagen von Arbeitnehmern gegen Arbeitgeber, die bis zum 1. Januar 2005 in nationales Recht umgesetzt werden soll, oder das Aktienrecht für Klagen von Aktionären gegen das Management von Aktiengesellschaften. Auch immaterielle Schäden wie Schmerzensgeldansprüche werden verstärkt geltend gemacht. Beschleunigt wird diese Entwicklung durch gesetzlich geregelte Prozesskostenhilfen und eine zunehmende Aufmerksamkeit der Medien gegenüber Produkthaftungsthemen. Dr. Bräuchle: "Von amerikanischen Verhältnissen sind wir noch weit entfernt. Aber die Richtung der europäischen Gesetzgebung als auch die Stimmung unter den Verbrauchern geht klar in Richtung einer höheren Verantwortlichkeit der Industrie. Und das bedeutet langfristig steigende Haftpflichtrisiken."

Nachholbedarf bei Maschinenbauern und im produzierenden Gewerbe

Deutsche Fertigungsunternehmen und Maschinenbauer sind im europäischen Vergleich stark unterdurchschnittlich haftpflichtversichert. Diese Gruppe, die in Deutschland 55 Prozent der untersuchten Unternehmen ausmachte, kam im Schnitt auf eine Haftpflichtdeckungssumme von 20 Mio. Euro. Belgische Unternehmen derselben Gruppe kauften eine Deckungssumme von 45 Mio. Euro ein, französische sogar von 53 Mio. Euro. "Die deutschen Maschinenbauer und das produzierende Gewerbe sollten ihre Deckungssummen kritisch überprüfen", rät Irene Hauschild, internationale Haftpflichtexpertin bei Marsh. "Wenn der eigene Haftpflichtschutz nur halb so hoch ist, wie der eines vergleichbaren Unternehmens in einem Nachbarland, dann besteht aller Wahrscheinlichkeit nach eine ernste Deckungslücke."

Europaweit stieg die Haftpflichtdeckung der Unternehmen im letzten Jahr um durchschnittlich eine Million Euro an, das Prämienniveau war konstant. Nach wie vor gibt es ein starkes Deckungssummengefälle von Norden nach Süden: Die mitteleuropäischen Unternehmen mit Sitz in Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden besitzen das höchste Absicherungsniveau in Europa.

Nachholbedarf besteht dagegen bei südeuropäischen Unternehmen, vor allem in Griechenland und Italien. Auch die Unternehmen der neuen EU-Beitrittsländer sind unterversichert, zumindest wenn sie sich außerhalb von Osteuropa engagieren. Die Haftpflichtversicherung auf dem Weg zu mehr Objektivität "Haftpflichtrisiken sind nur schwer einschätzbar", berichtet Hauschild. "Während etwa in der Sachversicherung auf eine Unterversicherung von zum Beispiel 100.000 Euro meist genau geachtet wird, herrscht in der Haftpflichtversicherung eher ein Optimismus vor, der nicht durch harte Informationen abgesichert ist."

Wie stark subjektive Einschätzungen den Haftpflichtversicherungsschutz beherrschen, zeigt eine Beobachtung der Marsh "Limits of Liability Europe 2004"-Studie, die nun schon im fünften Jahr konstant geblieben ist: Unternehmen, die durch Haftpflichtklagen Verluste von mehr als fünf Millionen US-Dollar erlitten haben, erhöhen danach  ihre Haftpflichtversicherungssumme dahingehend, dass diese um die 300 Prozent höher liegt, als der Durchschnitt ihrer Branche. Auch die Haftpflichtversicherer haben aus den Erfahrungen der Vergangenheit gelernt. Haftungsausschlüsse für Ansprüche aus Arbeitsverhältnissen, genetisch modifizierten Organismen, Tabak, Asbest, Terrorismus, Computerviren und Sabotage sind die Regel geworden. Einige deutsche Versicherer sind sogar dazu übergegangen, keine US-Haftpflichtrisiken mehr abzudecken. Und für viele Nischen-Risiken wird es zunehmend schwerer, noch Haftpflichtdeckung einzukaufen.

"Der Kostendruck aus der Rückversicherung zwingt die Erstversicherer derzeit, verstärkt nach Kosteneinsparungen zu suchen", so Hauschild. "Gleiches gilt für Risikoausschlüsse, die vom Rückversicherungsmarkt vorgegeben werden. Haftpflichtversicherer differenzieren heute stärker zwischen hohen und geringen Risiken als in der Vergangenheit und verlangen mehr Informationen von den versicherten Unternehmen. Bei Chemie- und Pharma-Risiken gibt es einen klaren Trend zu standardisierten Fragebögen über Stoffgruppen- und Produktrisiken. Diese Entwicklung wird sich fortsetzen und früher oder später auch auf andere Branchen übergreifen und auch auf kleinere Unternehmen angewendet - es ist der Beginn einer stärkeren Professionalisierung des Haftpflichtgeschäfts."

 



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