Kolumne

Globale Chancen- und Risikoanalyse

Globalisierung auf dem Rückzug

Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.12.01.2016, 08:16

Bei allen Unsicherheiten über die wirtschaftliche Entwicklung in diesem Jahr zeichnet sich eines ab, was relativ sicher erscheint: In Europa sehen die Perspektiven besser aus als im Rest der Welt. Hier gibt es keine Strukturschwächen wie in China und anderen Schwellenländern. Hier sind die Zinsen nach wie vor niedrig. Hier bereiten auch die niedrigen Rohstoffpreise weniger Kopfzerbrechen. Bereits in den ersten Tagen des neuen Jahres fielen die Einkaufsmanagerindizes in Europa besser aus als in den USA und in China.

Ist das ein einmaliger Ausrutscher, der bald wieder korrigiert werden wird? Oder ist es eine Konstellation, die länger anhalten könnte? Um die Antwort vorweg zu nehmen. Ich fürchte, dass es in der Tat ein längerfristiges Phänomen ist. Es ist ein neues Wachstumsmodell.

Fast in der gesamten Nachkriegszeit war die Weltwirtschaft eine "sichere Bank", auf die sich die Unternehmen verlassen konnten. In den letzten 35 Jahren erhöhte sich der Welthandel im Durchschnitt pro Jahr um 5,5 Prozent verglichen mit einer Zunahme von 3,7 Prozent bei der Weltproduktion. Wenn es im Inland mit der Konjunktur einmal nicht so lief, fand sich immer noch der Ausweg, den Export auszuweiten.

Der schwindende Vorsprung des Welthandels, Zunahme in % ggü. Vorjahr, gleitende Durchschnitte [Quelle: IWF]

Der schwindende Vorsprung des Welthandels, Zunahme in % ggü. Vorjahr, gleitende Durchschnitte [Quelle: IWF]

Damit scheint es inzwischen jedoch vorbei zu sein. Die Grafik zeigt, wie sich die Dynamik des Welthandels schon in den letzten Jahren verlangsamt hat. In den 90er Jahren wuchsen die realen Ex- und Importe noch zeitweise mehr als doppelt so schnell wie das Weltsozialprodukt. In den letzten fünf Jahren laufen die Raten jedoch zusammen. Seit 2012 wächst der Welthandel überhaupt nicht mehr schneller.

Das hängt nicht nur mit einer schlechteren konjunkturellen Lage in wichtigen Ländern der Welt zusammen. Dahinter stehen vielmehr gravierende Strukturveränderungen.

Eine ist, dass Dienstleistungen mit steigendem Wohlstandsniveau in der Welt eine größere Bedeutung bekommen haben. Dienstleistungen spielen im Welthandel aber keine oder nur eine geringere Rolle. Sie werden dort bereitgestellt, wo sie gebraucht werden. Ein anderer Grund ist, dass die Löhne inzwischen auch in den Schwellen- und Entwicklungsländern höher sind. Damit verlieren diese Staaten ihre relativen Wettbewerbsvorteile. Sie sind nicht mehr die verlängerte Werkbank der Industrieländer. In China verdienen Facharbeiter heute nicht mehr weniger als in Deutschland.

Hinzu kommt der um sich greifende Protektionismus in der Welt. Brasilien hat erst jüngst Importbeschränkungen eingeführt. Gegenüber Russland gibt es die bekannten Handelssanktionen aufgrund der Krim- und Ukraine-Krise. In Südostasien wurden im Vorfeld des Starts der neuen Asiatischen Wirtschaftsgemeinschaft (AEC) zum 1. Januar 2016 nicht-tarifäre Handelsschranken eingeführt. Es gibt kaum mehr multilateraler Handelserleichterungen. Die stattdessen florierenden bilateralen Handelsabkommen können das nicht kompensieren. Denn letztlich sind auch sie eine verkappte Form des Protektionismus. Es wird zwar der Handel zwischen den beteiligten Ländern gefördert, dies geschieht jedoch zu Lasten der Drittstaaten. Das gilt auch für das geplante TTIP-Abkommen zwischen Europa und den USA, das so wichtige Handelspartner wie Japan und China ausschließt. Der Welthandel insgesamt wird ausgetrocknet.

Das sind nicht nur Schönheitsfehler. Sie haben gravierende Auswirkungen. Weniger Welthandel heißt weniger Wirtschaftswachstum und damit weniger Wohlstand in der Welt. Die Löhne steigen nicht mehr so stark. Die Vielfalt des Angebots für die Konsumenten nimmt ab. Schwellen- und Entwicklungsländer können nicht mehr auf das Wachstumsmodell des exportgetriebenen Wachstums bauen. Sie müssen sich neu orientieren. Das kann, wie wir derzeit in China sehen, erhebliche Friktionen mit sich bringen.
Politisch war die Globalisierung ein Garant für Frieden. Wer miteinander Handel treibt, schießt nicht aufeinander. Sie ist zudem ein Gegenpol zu den nationalistischen Tendenzen, die sich in letzter Zeit überall in der Welt breitmachen. Globalisierung in diesem Sinne ist auch eine Art Freiheitssicherung. Ohne Globalisierung sind auch alle Bemühungen zur Eindämmung der Umweltverschmutzung in der Welt umsonst.

Insofern sollte man alles tun, den Rückzug der Globalisierung zu stoppen, noch besser ihn umzukehren. Für Europäer, vor allem für die Deutschen geht es darum, nicht auf eine Besserung der Absatzbedingungen im Ausland zu warten, sondern neue Quellen des Wachstums zu erschließen. Glücklicherweise stehen die Vorzeichen dafür derzeit nicht schlecht. Der Konsum läuft inzwischen besser. Vielleicht gelingt es auch, die Investitionen zu beleben. Für Deutschland ergibt sich dadurch die Chance, den chronischen Leistungsbilanzüberschuss, der im letzten Jahr sogar noch einmal kräftig gestiegen ist, zu verringern.

Für den Anleger hat der Rückzug der Globalisierung erhebliche Bedeutung. Sie sollten stärker in Regionen investieren, die nicht so weit weg sind und deren Risiken sie besser einschätzen können. Also ein verstärkter "Home Bias" bei den Anlagen. Das verringert freilich die Rendite. Wenn es weniger Wachstum in der Welt gibt, dann steigen auch die Unternehmenserträge nicht mehr so schnell und die Aktienkurse kommen nicht so gut voran. Exportwerte, die vor allem in Deutschland häufig zu den Anlagefavoriten rechneten, muss man sich genauer anschauen, ob dort nicht besondere Risiken lauern.

Autor: 

Dr. Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.

Dr. Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.

[ Bildquelle: © vege - Fotolia.com ]


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