Rezension

Risiko- und Chancenfaktor Unternehmenslenker

Gescheiterte Titanen

Frank Romeike [Chefredakteur RiskNET]16.05.2015, 06:55

In der biblischen Schöpfungserzählung im 1. Buch Mose begrenzt Gott die Lebenszeit des Menschen auf 120 Jahre. Im Gegensatz hierzu erreichen Unternehmen eher selten ein biblisches Alter. Älter als 100 Jahre sind laut der Wirtschaftsauskunftei Creditreform nur knapp 1,5 Prozent der aktiven deutschen Unternehmen. Das Durchschnittsalter schätzen Experten auf rund 12 bis 20 Jahre – je nach geografischer Betrachtung und statistischer Erhebung. Dennoch gibt es eine Minderheit sehr erfolgreicher Unternehmen, die es über alle Krisen hinweg geschafft haben, in ihrem Marktsegment erfolgreich zu bleiben.

Was sind die Gründe für die relativ kurze Lebenserwartung vieler Unternehmen? Oder was sind umgekehrt die Erfolgsfaktoren der Mehrhundertjährigen? Warum scheitern Manager? Und vor allem: Wer scheitert? Gibt es ein bestimmtes Muster, das sich immer wieder wiederholt? Autor Carsten Knop sucht zu diesen Fragen Antworten und ist davon überzeugt, dass die Welt an der Spitze der Unternehmen Menschen mit mehr Enthusiasmus, Charisma, Mut und öffentlicher Überzeugung braucht.

Carsten Knop, Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, nimmt den Leser mit auf eine Reise durch die Führungsetagen unserer Wirtschaft. Die Bandbreite der präsentierten Führungselite ist groß: Sie reicht vom Ex-Apple-Chef Steve Jobs über Leo Apotheker (SAP), Karl Albrecht (Aldi Süd), Carly Fiorina (Hewlett Packard), W. J. Sanders III (AMD), Ron Sommer (Deutsche Telekom), Heinrich von Pierer (Siemens), Nicolas Berggruen (Karstadt), Uli Hoeneß (F.C. Bayern München), Roland Koch (Bilfinger), den Fußballfunktionär Hans-Joachim Watzke bis hin zu Klaus Zumwinkel (Deutsche Post).

Muster für das Scheitern und für den Erfolg gibt es laut Autor Knop viele. Wenn jemand scheitert, dann liegt dies nicht selten an der Speichelleckerkultur in den Unternehmen, in denen es an offener Kritik fehlt. Dies ist sicherlich eine Erkenntnis nach der Lektüre des Buches: Sie müssen zulassen, dass Mitarbeiter offen Kritik üben dürfen, ohne dafür bestraft zu werden. Im Kern geht es um eine gelebte Unternehmens- und Risikokultur. "Im Alltag fernab der Theorie geht es im erwünschten Verhalten der Manager stets um Vertrauen, um Empathie und um eine Vorbildfunktion, die auch wahrgenommen wird." Erfolgreichen Managern gelingt es beispielsweise, die Konsequenzen des eigenen Handelns zu vermitteln. Sie haben zudem die Bereitschaft, die Verantwortung dafür zu übernehmen, auch wenn etwas nicht so läuft, wie es ursprünglich einmal geplant war. Die skizzierten Beispiele zeigen außerdem auf, dass für den langfristigen Erfolg klare Ziele und deren konsequente Umsetzung entscheidend sind.

Aus der Perspektive des Risikomanagements könnte man ergänzen: Unternehmen werden durch strategische Risiken zerstört. Dies lässt sich auch empirisch belegen: Mehr als 50 Prozent der Ursachen für das Scheitern von Unternehmen liegen im Bereich der Strategie, die entweder nicht existiert oder nicht konsequent umgesetzt wird. Oder anders formuliert: Der Manager sitzt auf einem toten Pferd und merkt es noch nicht einmal.

Die diversen Compliance-Skandale der vergangenen Jahrzehnte zeigen noch einen weiteren Erfolgsfaktor auf: Unabdingbar ist es, sich an Regeln zu halten. Sonst wird Erfolg niemals nachhaltig sein. Wer langfristig erfolgreich ist, hat Leidenschaft für eine Sache, ist mutig und weiß nach Niederlagen, dass es niemals zu spät ist, den Schwung einer neuen Welle zu bekommen. Dabei bleibt er seinen eigenen Worten treu und arbeitet akribisch am Erfolg.

Autor Knop ist sich bewusst, dass viele dieser Regeln und Erfolgsfaktoren recht simpel klingen. Das Buch verdeutlicht vor allem, dass es nicht um die Suche nach dem Übermenschen geht. Wichtiger ist vielmehr ein Manager, der nicht nur die Schwächen seiner Wettbewerber kennt, sondern auch die eigenen Fehler kennt.

Im Umkehrschluss sorgen erfolglose Manager für eine Unternehmenskultur, in der Seilschaften und blinde Loyalität wichtiger werden als unternehmerischer Erfolg, in der offene Gespräche nur noch auf dem Parkplatz geführt werden. Sie finden es gut oder tolerieren es, wenn Abweichungen oder gar Risiken lieber unter den Teppich gekehrt als offenen korrigiert werden, Vorschriften und Gesetze nicht für alle gleich gelten.

Die skizzierten Unternehmensbeispiele zeigen auf, dass Manager, die am Ende als Gescheiterte wahrgenommen werden, in der Regel den richtigen Zeitpunkt aufzuhören verpassen und zur Selbstkritik nur sehr eingeschränkt fähig sind. Hochmut kommt immer vor dem Fall, erst recht, wenn es mit Gier gepaart ist. Könige haben sich früher nicht umsonst einen Hofnarren gehalten, der ihnen hin und wieder einen Spiegel vorgehalten hat. Denn der Narr kennt keine Unterschiede und Standesdünkel. Diese Aufgabe sollte heute beispielsweise ein Risikomanager wahrnehmen. Autor Knop zeigt weitere Erfolgskomponenten auf: Erfolgreich ist derjenige, der seinen Mitarbeitern Freiheiten gewährt, auf freundschaftlich-kollegialen Führungsstil und die Beteiligung der Beschäftigten am Gewinn Wert legt.

Fazit: Ein kurzweiliges und lesenswertes Buch, aus dem der Leser viele Erfolgskomponenten von erfolgreichen Unternehmenslenkern und Fehler der "gescheiterten Titanen" herauslesen kann.



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