Kolumne

Reduzierung potenzieller "Überraschungen"

Frühwarnsystem als Königsdisziplin

Frank Romeike [Chefredakteur RiskNET]25.02.2016, 17:21

Frühwarnsysteme sind die Krönung eines präventiven Risikomanagements. Die Funktion einer Frühwarnung existiert in vielen Bereichen. So hat unser Körper viele Sensoren, die uns rechtzeitig und intuitiv darauf hinweisen, dass wir besser gegensteuern sollten. Das Zusammenspiel der 70 bis 90 Billionen Zellen in unserem Körper liefert uns regelmäßig Alarmsignale und Frühwarninformationen, etwa durch eine nervöse Unruhe, Kopfschmerzen oder Herzstiche, die wir richtig interpretieren müssen. Haut, Haare, Nägel und unser Hormonsystem sind das Frühwarnsystem unseres Körpers. So wissen Wissenschaftler, dass jeder Zustand unserer Psyche im Blut in Form von Hormonspuren abgespeichert wird. Nehmen wir diese Frühwarninformationen nicht ernst, so führt dies zu Krankheiten und Komplikationen.

Nichts anderes gilt für Unternehmen: Existiert kein angemessenes Frühwarnsystem, kann dies in einer Unternehmenskrise oder in der Insolvenz enden.

Konzentration auf das Unwesentliche

Wer die externen Risikoberichte vieler Unternehmen aufschlägt, den erwarten blumige und zukunftsträchtige Bild- und Wortwelten. Dort ist die Rede von "Chancenmanagement als beständige unternehmerische Aufgabe", dem "strategischen Planungsprozess" oder einem "integralen Bestandteil" samt "Unternehmenskultur". Schön, viel Strategie, Prozess, Unternehmen und Kultur. Leider ist es in der Realität meist nicht weit her mit solchen Aussagen.

Von Frühwarnsystem liest man höchst selten etwas. Dies erstaunt, schließlich sollen Frühwarnindikatoren darauf hinweisen, ob ein Unternehmen möglicherweise in gefährliche Gewässer segelt oder ein Leck in der Bordwand zu einem existenzbedrohenden Ungleichgewicht führt. Die Beachtung von Frühwarnindikatoren im Bereich der Wirtschaft war immer schon ein wichtiges Steuerungsinstrumente zur Erreichung der Unternehmensziele. Viele Unternehmen haben dies anscheinend vergessen – und konzentrieren ihre Ressourcen auf eine unsinnige "Risikobuchhaltung". Frühwarnsysteme haben jedoch per definitionem nicht das Ziel, die Vergangenheit zu erklären, sondern sollen zukünftige Chancen und Risiken antizipieren.

Frühwarnsysteme sollen ihren Benutzern rechtzeitig latente (also verdeckt bereits vorhandene) Risiken (und möglicherweise auch Chancen) signalisieren, sodass noch hinreichend Zeit für die Ergreifung geeigneter Maßnahmen besteht. Frühwarnsysteme verschaffen Unternehmen Zeit für Reaktionen und optimieren somit die Steuerbarkeit eines Unternehmens, das heißt sie tragen zur Reduzierung potenzieller "Überraschungen" bei.

Da in der Praxis immer auch latente Chancen signalisiert werden, spricht man auch von Früherkennung. Denn in der unternehmerischen Praxis lassen sich Chancen und Risiko nicht losgelöst voneinander analysieren. Chancen und Risiken sind jeder Entscheidung und jeder Führungstätigkeit immanent, quasi die beiden Seiten ein und derselben Medaille. Jedes Frühwarnsystem ist damit auch gleichzeitig ein Chancenmanagement-System.

Schwache Signale wahrnehmen

Der Mathematiker und Wirtschaftswissenschaftler Harry Igor Ansoff hatte bereits im vergangenen Jahrhundert nachgewiesen, dass tief greifende Umbrüche (etwa im ökonomischen, sozialen und politischen Bereich) nicht zufällig ablaufen, sondern sich lange im Voraus durch schwache Signale (weak signals) ankündigen. Die Geschäftsmodelle von Apple, Google, Amazon waren nicht plötzlich da, sondern haben sich seit Jahrzehnten durch schwache Signale angekündigt. Das Gleiche gilt für die digitale Transformation und Abschaffung vieler – heute noch erfolgreicher – Geschäftsmodelle. Spannende Fragen stehen im Raum: Wie werden digitale Technologien Geschäftsmodelle beeinflussen? Wie wird die Arbeitswelt von Digital Natives aussehen? Wie werden sich die Innovationszyklen entwickeln? Mit welchen neuen Lernmethoden (siehe Brain-Machine-Interface) werden wir uns zukünftig beschäftigen? Wie können Unternehmen – etwa mit Predictive Analytics – den Daten-Tsunami nutzen, um einen transparenteren Blick in die Zukunft zu erhalten und Frühwarninformationen besser zu nutzen?

Fakt ist, dass bei allen Fragestellungen, die schwachen Signale bereits seit vielen Jahren zu spüren sind. Sie sind vergleichbar mit den seismischen Vorboten eines zukünftigen Erdbebens in der Zukunft. Wer diese Signale auf dem Radar hat und sie richtig deuten kann, ist im Vorteil: Er bereitet sich auf die Zukunft vor und muss nicht irgendwann feststellen, dass man auf einem lahmen oder bereits toten Gaul sitzt.

Die Herausforderung bei schwachen Signalen ist die Tatsache, dass es sich oft um Informationsrudimente handelt, das heißt unscharfe und wenig strukturierte Informationen, wie beispielsweise

  • Gefühle, dass mit Bedrohungen bzw. Chancen zu rechnen ist (etwa basierend auf Presseberichten, Studien von Zukunftsforschungsinstituten, Informationen aus Diskussionsforen im Internet oder Informationen bezüglich der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung),
  • nur vagen Informationen über mögliche Quellen und Ursachen latenter Gefahren,
  • nur vagen Informationen bezüglich konkreter Bedrohungen und Chancen, aber klare Vorstellung hinsichtlich strategischer Relevanz.

Nach Ansoff gibt es unerwartete Diskontinuitäten nur, weil die Empfänger dieser Signale nicht darauf reagieren. Zur Vorbeugung von strategischen "Überraschungen" müssen schwache Signale rechtzeitig geortet werden. Dies bedingt eine Sensibilisierung aller Mitarbeiter für schwache Signale, da mit zunehmender Konkretisierung der Signale die Reaktionsfähigkeit des Unternehmens abnimmt.

RiskNET Praxis-Seminar: Grundlagen des Risikomanagements (RN-S01)

13.-14. April 2016, Schloss Rettershof (Taunus)

28.-29. September 2016, Schloss Hohenkammer (bei München)

RiskNET Praxis-Workshop: Aufbau eines Frühwarnsystems in Industrie und Handel (RN-W02)

15. April 2016, Schloss Rettershof (Taunus)

30. September 2016, Schloss Hohenkammer (bei München)

 

 

[ Bildquelle: © Oculo - Fotolia.com ]


Kommentare zu diesem Beitrag

RiskNET Redaktion/25.02.2016 17:38
Forscher der University of California in Berkeley mit den Telekom Innovation Laboratories (das zentrale Forschungsinstitut der Deutschen Telekom) haben die Smartphone-App "MyShake" entwickelt, die Erdbeben rechtzeitig erkennen und den Nutzer präventiv warnen soll. Um die Veränderungen in den seismischen Wellen zu identifizieren, werden die Beschleunigungssensoren in Smartphones verwendet. Für die Frühwarnfunktion ist es erforderlich, dass die Sensoren nicht in Bewegung sind, sondern das Smartphone auf einer festen Oberfläche liegt.

Die Wissenschaftler konnten aufzeigen, dass die Smartphone-Sensoren sensibel genug sind, um ein Beben bis Stufe fünf in einem Abstand von zehn Kilometer erkennen zu können. Wenn rund sechzig Prozent der Smartphones im Umkreis von zehn Kilometern ebenfalls Alarm schlagen, geht das System von einem Erdbeben aus und errechnet anschließend Stärke, Uhrzeit sowie Epizentrum der Erschütterungen.

Aktuell versuchen die Entwickler die Erkennungswahrscheinlichkeit und Qualität der Früherkennung zu verbessern. Die Prognose- und Frühwarnqualität wird vor allem dann steigen, je mehr Smartphones-Apps in einem Gebiet installiert sind.

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