News

ifo-Chef Sinn sieht "angehende Bankenkrise" in Italien

Frühwarnsignale für Bankenkrise

Redaktion RiskNET15.12.2015, 22:52

Der scheidende Chef des Münchener ifo Instituts, Hans-Werner Sinn, hat vor einer Bankenkrise in Italien gewarnt. Den Anstieg der Salden des Zahlungssystems Target2 interpretiert er als Anzeichen einer Kapitalflucht nach Deutschland.

"Die Kapitalflucht geht einfach weiter, wegen der Konkurse der Banken, die dort stattfinden", sagte Sinn bei der seiner Abschiedsvorlesung in der Ludwigs-Maximilians-Universität (LMU) München. Zwar handele es sich nur um kleine Banken, "aber immerhin". Sinn sprach von einer "angehenden Bankenkrise".

In Italien sind vier Regionalbanken zusammengebrochen, weshalb Aktionäre und Inhaber nachrangiger Bankanleihen ihr angelegtes Geld verlieren, knapp 1 Milliarde Euro. Italiens Banken haben sich mit Nachranganleihen schätzungsweise 60 Milliarden Euro nachrangiges Kapital besorgt.

In der Bilanz der Banca d'Italia ist der Posten der "Intra-Eurosystem-Verbindlichkeiten" zwischen Mai und November von 164 auf 230 Milliarden Euro gestiegen. Darunter fallen die Verbindlichkeiten gegenüber der Europäischen Zentralbank (EZB) im Rahmen des Großbetragszahlungssystems Target2.

Hans-Werner Sinn geht offenbar davon aus, dass die Italiener ihr Geld aus Angst vor weiteren Bankpleiten verstärkt außer Landes bringen. "Target ist letztlich Kapitalflucht", sagte er. Die Deutsche Bundesbank baut dagegen wieder zunehmend höhere Target2-Forderungen gegenüber der EZB auf. Dieser Posten hat seit Mai von 526 auf 563 Milliarden Euro zugelegt.

Sinn hat die Target2-Salden zwar nicht selbst entdeckt, aber in die wirtschaftspolitische Debatte eingeführt. Kritiker seiner Kapitalflucht-These weisen darauf hin, dass die Risiken aus dem Target2-System nur in dem Fall eintreten, dass alle Schuldner aus dem Euro austreten und ihre Verbindlichkeiten nicht begleichen.

Laut Sinn hat Deutschland gegenüber Griechenland, Irland, Spanien, Portugal, Zypern und Italien gegenwärtig Haftungsrisiken von 260 Milliarden Euro. Davon stammen 217 Milliarden Euro von Target2.

Hans-Werner Sinn gilt als einer der einflussreichsten und international anerkanntesten marktliberalen Wirtschaftswissenschaftler Deutschlands. Hans-Werner Sinn arbeitet seit 1984 als Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft an der LMU und leitet seit 1999 das ifo Institut. Im März 2016 geht Sinn in den Ruhestand.

[ Bildquelle: © Paulista - Fotolia.com ]


Kommentare zu diesem Beitrag

Keine Kommentare

Themenverwandte Artikel

Interview

Interview mit Christian Bluhm, Group CRO, UBS

Die Zukunft gehört den Stresstestmodellen

Redaktion RiskNET29.11.2016, 08:00

Eine vor wenigen Jahren durchgeführte Studie des Kompetenzportals RiskNET legte Optimierungspotenziale im unternehmerischen Risikomanagement offen: Mehr als 50 Prozent der rund 580 befragten...

Kolumne

Kundenverlust durch Vertrauensverlust

Marke und Risikomanagement

Wolfgang Schiller25.11.2016, 08:30

Mittlerweile ist es allgemein akzeptiert, dass Marken der zentrale Werttreiber für Unternehmen sind. Lassen sich doch mit einer markenzentrierten Unternehmensstrategie schneller qualitätsorientierte...

Kolumne

Risk Governance

Blind im Risiko-Wald

Arnd Wiedemann | Volker Stein21.11.2016, 08:00

Wenn die Unternehmensleitung den Risiko-Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht, fällt ihr auch das strategische Entscheiden schwer. Ein neuer Denkansatz der Universität Siegen rückt den...

News

RiskNET Summit 2016: Nachlese, 2. Tag

Von Unsicherheiten und Risiken im globalen Maßstab

Redaktion RiskNET11.11.2016, 09:17

"Europa muss handlungsfähig werden. Die Wirtschaftsbeziehungen leiden. Unberechenbarkeit Trumps." Drei Schlagzeilen zur Präsidentschaftswahl Donald Trumps, die eine Botschaft bereithält:...

News

RiskNET Summit 2016: Nachlese, 1. Tag

Risikomanagement zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Redaktion RiskNET10.11.2016, 12:30

"Die alten Mauern schweigen und reden zugleich. Sie wollen schweigend gewürdigt werden, freuen sich aber nicht minder über das neue Leben und Treiben, das um sie herrscht." Mit diesen...