Rezension

Fiktionen über Fakten in Wirtschaft und Management

Falscher Zahlenzauber

Christoph Tigges [Redaktion RiskNET]07.04.2015, 11:08

Anregende Bücher müssen nicht immer umfangreich sein. Holger Rust hat ein solches Buch unter dem Titel: Falscher Zahlenzauber geschrieben. Dabei geht es um eine kritische Bestandsaufnahme unserer heutigen Zeit, wie wir mit Informationen und Daten umgehen. Es geht um Fiktionen über Fakten in Wirtschaft und Management.

Die gesellschaftliche Entwicklung zeigt mehrere Trends auf. Die steigende Informationsflut über das Medium Internet ist eine davon. In immer kürzerer Zeit werden Nachrichten oder vermeintliche Informationen an die Öffentlichkeit weitergegeben. Es entsteht eine Flut von Zahlen und angeblichen Fakten, Rankings und Erläuterungen, die nicht selten unkritisch übernommen werden.

In einer komplexeren Welt haben populärwissenschaftliche Experten mit ihren Analysen Hochkonjunktur. Wer sich heute drei Mal als Teilnehmer zu Finanzthemen in einer Talkshow wiederfindet, gilt schon als Finanzexperte. Anhand aktueller Beispiele beschreibt der Autor, dass die populärwissenschaftlichen Analysen und Empfehlungen zwar gut für den Umsatz und bei geschickt eingesetztem Marketing, den Bekanntheitsgrad erhöhen, der Erkenntniswert aber so nicht erweitert wird. Im Gegenteil. Ein Blick auf die in der Vergangenheit getätigten Prognosen und Empfehlungen würden manchen "Experten" als Nichtexperten entlarven.

Leider unterlässt es der Autor, die Frage nach der Verantwortung zu stellen. Warum werden immer schneller Informationen weiterverbreitet, ohne dass die Information vorab seriös geprüft wird? Nicht selten wird in der populärwissenschaftlichen Literatur anhand von sogenannten Fakten Thesen und Empfehlungen aufgestellt, die sich bei genauerer Betrachtung als nicht haltbar erweisen. Schlimmer noch, wissenschaftliche Studien werden falsch und fehlerhaft zitiert, so dass fehlerhafte Reduktionen entstehen.  

Auch dem Thema "Big Data" unterzieht der Autor einer kritischen Analyse. Aus seiner Sicht werden kritische Aspekte weitestgehend ausgeblendet. Ein Grundproblem besteht in der mangelnden Fähigkeit, die Daten auf ihre Bedeutung hin zu interpretieren. Mitunter werden Korrelation und Kausalität in ein völlig falsches Verhältnis gebracht, so dass Zusammenhänge nicht immer richtig gesehen werden. Manager haben die Neigung, mit noch mehr Daten bessere Entscheidungen herbeiführen zu wollen. Unabhängig davon, ob die Datenflut wirklich substantiell die Qualität der Entscheidung erhöht, so gilt es "zu begreifen, dass es Grenzen der Berechenbarkeit gibt".

Mit dem Buch verfolgt der Autor das Ziel, den Leser mehr Appetit auf tiefgreifende und fundierte Analysen zu lenken, ehe man zur Reduktion schreitet. Seine Kritik: "Man versteht zwar die Modelle, doch diese Modelle entsprechen nicht der Wirklichkeit".

Ein kluges und lesenswertes Buch über Milchmädchen-Ökonomie, populärwissenschaftliche Experten und der Hinwendung zu einer fundierten Analyse, die auf die Eleganz der Mathematik und Statistik aufbaut. Man schließt sich dem Autor gerne an. Denn was für eine prosperierende Volkswirtschaft letztendlich zählt, ist ein Wettbewerb von Ideen, aufbauend auf fundierte Sachkenntnisse, um so Innovation zu generieren.

Prof. Dr. Holger Rust ist Wirtschaftssoziologe. Er vereint die Themen Managementforschung und Nachwuchsausbildung, Unternehmenspraxis und Wirtschaftspublizistik seit mehreren Jahrzehnten und ist ein renommierter Vortragsredner, Buchautor und Publizist. Er war und ist an verschiedenen Universitäten des In- und Auslandes als Professor für Wirtschaftssoziologie tätig, bekleidete eine Reihe von verantwortlichen Positionen in Unternehmen, zudem Wissenschaftlicher Berater in mittelständischen Firmen und Großkonzernen.Über den Autor: Prof. Dr. Holger Rust ist Wirtschaftssoziologe. Er vereint die Themen Managementforschung und Nachwuchsausbildung, Unternehmenspraxis und Wirtschaftspublizistik seit mehreren Jahrzehnten und ist ein renommierter Vortragsredner, Buchautor und Publizist. Er war und ist an verschiedenen Universitäten des In- und Auslandes als Professor für Wirtschaftssoziologie tätig, bekleidete eine Reihe von verantwortlichen Positionen in Unternehmen, zudem Wissenschaftlicher Berater in mittelständischen Firmen und Großkonzernen.



Kommentare zu diesem Beitrag

Keine Kommentare

Themenverwandte Artikel

Kolumne

Methoden im Risikomanagement

Komplex oder kompliziert – das ist die Frage

Frank Romeike | Herbert Saurugg06.10.2017, 11:02

Nachdem wir immer wieder auf die fälschliche Verwendung des Begriffs "Komplexität" stoßen, möchten wir mit diesem Beitrag eine einfach verständliche Erklärung liefern, was unter Komplexität...

Interview

Quo vadis Big Data?

Big Data und die Welt der Algorithmen und Analysen

Redaktion RiskNET22.09.2017, 12:52

Big Data ist en vogue. Vor allem die Wirtschaft trommelt seit Jahren für einen stärkeren Einsatz neuer Analysemethoden. Der Glaube: alles zu jeder Zeit im Blick haben und vorausschauend bestimmen zu...

Interview

IDW PS 981

Licht und Schatten im Risikomanagement

Redaktion RiskNET28.08.2017, 08:19

Die jüngst veröffentlichte "Risikomanagement Benchmarkstudie 2017" des Prüfungs- und Beratungsunternehmens Deloitte zeigt, dass viele...

Kolumne

Struktur des Unternehmens-Risikomanagements

Synergien im Risikomanagement schaffen

Bruno Brühwiler01.08.2017, 07:30

Wenn mehrere Personen über den Inhalt von Risikomanagement in komplexeren Organisationen diskutieren, entsteht schnell ein Konsens über die Anwendung des Risikomanagement-Prozesses...

Interview

Wie wir Krisen erleben und bewältigen

Krisen sind das beste "Resilienztraining"

Redaktion RiskNET23.07.2017, 06:30

Ingenieure sprechen von einem resilienten System, wenn bei einem Teilausfall nicht alle technischen Systeme vollständig versagen. Ein Ökosystem gilt dann als resilient, wenn es nach einer Störung zum...