Kolumne

Europäische Währungsunion

Euro ohne Deutschland?

Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.22.02.2017, 14:31

Vor ein paar Tagen sprach ich in Wien mit dem Vorstand einer renommierten österreichischen Privatbank über die Probleme in der europäischen Währungsunion. In vielen Punkten waren wir unterschiedlicher Meinung. Schließlich meinte er resignierend (freilich nicht ganz ernst gemeint): Dann bleibt doch nur, dass Deutschland aus dem Euro ausscheidet.

Das ist eine Meinung, die ich in letzter Zeit häufiger höre. Ich vermute, dass sie an Gewicht gewinnen wird, wenn es im Euro zu noch größeren Spannungen kommen sollte und – Gott sei's geklagt – vielleicht sogar ein Mitglied ausscheidet. Es ist daher gut, sich frühzeitig mit den Argumenten vertraut zu machen.

Der Grund für die Idee, sich den Euro ohne Deutschland vorzustellen, ist naheliegend. Die Bundesrepublik gilt im Euro vielfach als Störenfried. Es ist das Land, das am meisten die Einhaltung der Stabilitätskriterien einfordert. Es hat einen riesigen Leistungsbilanzüberschuss. Es ist wettbewerbsfähiger und erfolgreicher auf den internationalen Märkten. Ohne die Deutschen wäre der Wechselkurs des Euros schwächer. Die anderen Länder hätten es leichter auf den Weltmärkten zu konkurrieren. Die Geldpolitik wäre vermutlich noch lockerer. Das Leben wäre für manch einen leichter in Europa.

Deutschland im Mittelfeld: Reales Wachstum des BIPs 2017 [Quelle: Prognose der EU-Kommission]

Deutschland im Mittelfeld: Reales Wachstum des BIPs 2017 [Quelle: Prognose der EU-Kommission]

So jedenfalls scheint es auf den ersten Blick. Wenn man genauer hinschaut, wird jedoch schnell klar, dass vieles nicht leichter, sondern schwerer würde. Das gilt für die Währungsunion insgesamt, für die Länder, die dann noch im Euro verblieben und auch für Deutschland selbst. Hier acht Gründe dafür.

Erstens würde sich die Qualität des Euros verschlechtern. Die Preise würden stärker steigen. Die öffentlichen Defizite und die Verschuldung wären größer. Die Realzinsen der Sparer wären noch niedriger und die Altersvorsorge noch schwieriger. Kapitalzuflüsse aus dem Ausland wären geringer. Auf internationaler Ebene spielte der Euro nur noch eine unbedeutende Rolle. Das würde sich auch negativ auf die Akzeptanz des Euros im Innern auswirken. Wer mag schon eine schwache Währung?

Zweitens wäre die Funktionsfähigkeit der Gemeinschaftswährung gefährdet. Eine Währung braucht nicht nur eine gemeinsame Zentralbank. Sie braucht auch Regeln für gesundes und richtiges Verhalten seiner Mitglieder. Das durchzusetzen wäre ohne Deutschland schwerer. Es fehlte dann jemand, der durch eigenes Beispiel die Regeln glaubwürdig einfordern kann.

Drittens ist auch unabhängig davon zu bezweifeln, dass die Gruppe der Länder, die beim Ausscheiden Deutschlands aus dem Euro zurückbliebe, eine arbeitsfähige Währungsunion bilden könnte. Sie ist keineswegs homogen. Manche plädieren für mehr Stabilität, andere wollen weniger Einmischungen in nationale Angelegenheiten und häufigere Abwertungen. Es ist zu vermuten, dass das eine oder andere Land dem Beispiel Deutschlands folgen würde und ebenfalls austräte. Die ganze Sache liefe dann auf die bekannte Diskussion über einen Nord- und einen Südeuro hinaus, bei der jeder inzwischen weiß, dass sie nicht funktioniert.

Viertens gäbe es auf Dauer weniger Wachstum und Beschäftigung, selbst wenn die Länder eine expansivere Fiskalpolitik betreiben könnten. Deutschland ist nun einmal der wichtigste Handelspartner im Euroraum. Wenn es nicht mehr der gemeinsamen Währung angehören würde, würde der Handel durch höhere Währungsrisiken belastet. Die Währungsabsicherung würde teurer. Die Arbeitsteilung nähme ab.

Fünftens ist es nicht richtig, dass Deutschland im Euro aufgrund seiner Performance ein Störenfried ist. Es steht zwar in Sachen Geldentwertung und Verschuldung besser da. Bei Wachstum und Investitionen rangiert es aber nur im Mittelfeld (siehe Grafik). Andere Länder wie Spanien, Irland und Portugal haben in den letzten Jahren gezeigt, dass man bei konsequenter Einhaltung der Regeln in der Gemeinschaft erfolgreich sein kann.

Sechstens könnte auch Deutschland mit einem Austritt aus dem Euro nicht glücklich werden. Es hätte dann zwar mehr Freiheiten, seine stabilitätspolitischen Vorstellungen durchzusetzen. Es wäre aber politisch isoliert. Das ist für ein Land, das von so vielen anderen Staaten umgeben ist und das eine so schwierige Geschichte mit seinen Partnern hatte, gelinde gesagt problematisch.

Siebtens wäre es auch wirtschaftlich schwerer für Deutschland. Es geriete in die Position, die es über Jahrzehnte im System flexibler Wechselkurse hatte. Die Exportunternehmen müssten mit der ständigen Gefahr der Aufwertung der Währung rechnen. Die Notenbank müsste intervenieren und dabei ihre Stabilitätsziele vernachlässigen. Wir sehen in diesen Jahren gerade an der Schweiz, wie schwierig das für ein Land ist.

Achtens schließlich wäre ein Ausscheiden Deutschlands aus dem Euro ein schwerer Rückschlag für die EU insgesamt. Es ist fraglich, ob die Gemeinschaft das überleben würde. In jedem Fall verlöre sie an Standing, Einfluss und Durchsetzungskraft in der Welt. Ein Großteil der Vorteile des Binnenmarktes – nämlich die festen Wechselkurse – ginge verloren.

Autor: 

Dr. Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.

Dr. Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.

[ Bildquelle: © eliasbilly - Fotolia.com ]


Kommentare zu diesem Beitrag

Keine Kommentare

Themenverwandte Artikel

Studie

Risikolandkarte 2018

Störungen in der Lieferkette sowie Cyberrisiken

Redaktion RiskNET16.01.2018, 14:09

Sie richten sich gegen das Rückgrat der vernetzten Wirtschaft und können den Erfolg oder gar die Existenz von Unternehmen jeder Größe und Branche gefährden: Die Risiken einer Betriebsunterbrechung...

News

Dreamteam im Kampf gegen die Wirtschaftskrise

Der Vorstand und sein Risikomanager

Redaktion RiskNET09.01.2018, 12:51

Obwohl Risikomanagement in deutschen Unternehmen gesetzlich vorgeschrieben ist, praktizieren es viele noch immer mangelhaft. Sei es, weil sie es nicht richtig verstehen, ihm keine Bedeutung beimessen...

News

Kryptowährung mit Risiken und Nebenwirkungen

Neue Geschäftsmodelle um Bitcoin & Co

Redaktion RiskNET08.01.2018, 21:19

Investoren, Unternehmer, Krypto-Anarchisten und Inflationsgegner aus der bargeldverliebten Bundesrepublik Deutschland scharen sich um die Digitalwährung Bitcoin. Getrieben von diesem Interesse,...

Kolumne

Moritz'sche Risikomühle

Relevante Risikoinformationen erfassen

Frank Moritz22.12.2017, 08:01

Viele Unternehmen beschäftigen sich derzeit damit ein Risk Management-Systems einzuführen oder ihr bestehendes System in Richtung operationeller Risiken, Risiken aus Prozessen, Personen, Technik...

Kolumne

Risiken und Chancen

Überraschungen des Jahres 2018

Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.20.12.2017, 10:11

Bei den makroökonomischen Vorhersagen für das Jahr 2017 ist vieles so eingetroffen wie erwartet. Trotzdem haben Anleger den Eindruck, dass das Jahr in mancherlei Hinsicht ganz anders gelaufen ist,...