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Eigenkapitalkrise: Selbstkritik Fehlanzeige

Dr. Stefan Hirschmann01.07.2004, 12:13

Dass es eine Eigenkapitallücke bei mittelständischen Unternehmen in Deutschland gibt, bedarf mittlerweile keines besonderen Nachweises mehr. "Was wir dringend benötigen, ist eine Eigenkapitalstrategie", sagt Prof. Dr. Stephan Paul von der Ruhr-Universität Bochum. Gemeinsam mit dem Verband der Vereine Creditreform hat sich das Institut für Kredit- und Finanzwirtschaft (IKF) die Frage vorgelegt, wie Unternehmen selbst ihre Eigenkapitalsituation bewerten und welche Konsequenzen sie daraus ableiten. Daraus resultierend wurden mehr als 4.200 Unternehmer kleiner und mittlerer Betriebe nach ihrer Eigenkapitalsituation befragt. Das Ergebnis, um es vorwegzunehmen, ist ernüchternd. Jeder vierte Befragte sieht seine Firma in der Krise.

Erkenntnisweltmeister und Umsetzungsversager

Gefragt nach den wichtigsten Eigenkapitalinstrumenten, dominiert die Umsatzfinanzierung für nahezu 80 % der Unternehmen. Doch angesichts der schlechten Konjunktur – die Erträge sind bei lediglich 13 % der Unternehmen gestiegen – bleibt fraglich, wie sich diese Betriebe aus ihren Umsätzen hinreichend finanzieren wollen. Alternativen wie Gesellschafterdarlehen, Beteiligungen und Genüsse stehen weit hinter den klassichen Eigenkapitalinstrumenten zurück. Erst mit steigender Unternehmensgröße nimmt die Bedeutung des Inhabers selbst als Eigenkapital-Investor ab, werden andere Unternehmen, wie z.B. Lieferanten, als Kapitalgeber bedeutsamer. Nur drei von zehn Unternehmen fühlen sich im Hinblick auf ihr Eigenkapital gut oder sehr gut aufgestellt. Dagegen bewerten zwei von zehn ihre Eigenkapitalsituation mit mangelhaft oder ungenügend – überdurchschnittlich häufig sind dies Gründer- und Krisenunternehmen sowie Betriebe mit weniger als zehn Mitarbeitern.

Bonität ist Chefsache

Drei von zehn Unternehmen haben eine Eigenkapitalquote von unter 10 % und sind damit unterkapitalisiert. "Mit steigender Betriebsgröße nimmt die Eigenkapitalquote zu", erklärt Creditreform-Chef Prof. Dr. Helmut Rödl. Sehr gut oder gut geben sich zudem vor allem größere Reife- und Wachstumsunternehmen mit guter Geschäftslage und positiver Investitionsneigung. Darüber hinaus stehen Innovation und Eigenkapital in einem elementaren Zusammenhang. Nach wie vor seien hierzulande die Erträge und Ertragserwartungen allerdings schwach, weiß Rödl. Die Dokumentation und Kommunikation der eigenen Bonität müsse stärker als betriebswirtschaftliche Herausforderung begriffen werden. "Bonität ist Chefsache", sagt Rödl. Wie die IKF-Studie zeigt, sind sich die Unternehmer ihrer schlechten Lage durchaus bewusst, doch zieht gerade einmal die Hälfte der Befragten Konsequenzen aus dieser Tatsache. Selbstkritik ist offenbar fehl am Platz. Eigenkapitalprobleme werden vielfach ignoriert. Am häufigsten wird eine Änderung der steuerlichen Rahmenbedingungen durch den Staat gefordert (39 %), jeder Dritte erachtet gar die Dinge als bewährt und sieht keinerlei Änderungsbedarf, jeder vierte Unternehmer glaubt, das Eigenkapitalproblem löse sich bei guter Konjunktur von allein. "Deutschland ist Erkenntnisweltmeister, aber Umsetzungsversager", kommentiert Rödl die Studienergebnisse. Wichtig sei, ein Problembewusstsein zu schaffen. Das gegenwärtige Informations- und Beratungsangebot sei unzureichend.

Rating als Einstieg in die Beratung

"Insbesondere das bankinterne Rating kann als Einstieg in die umfangreiche Beratung genutzt werden", sagt Prof. Paul vom IKF. Gleichwohl setze dieser Ansatz eine fachliche, methodische und soziale Kompetenz voraus. Auf diesem Segment herrschen offenbar noch Defizite vor. Die absolute Mehrheit der Unternehmer wünschen sich eine größere Hilfestellung der Hausbank bei betrieblichen Fragestellungen sowie eine weiter reichende Aufklärung im Hinblick auf die Veränderungen im Kreditvergabeprozess, so ein weiteres Ergebnis der Studie. "Eigenkapital ist nicht nur ein Beschaffungsproblem", weiß Paul. Durch Integration von effizienten Marktanalysen und der Verfolgung einer strategischen Kommunikations-, Produkt-, Preis- und Vertriebspolitik lasse sich ein Finanzmarketing als Leitidee für die Beratung der Firmenkunden bei der Entwicklung einer Eigenkapitalstrategie realisieren.

Basel II als Schlüssel zum Erfolg

Selbstkritisch gibt sich diesbezüglich die NRW.Bank. "Banker sind bislang noch nicht ausreichend in der Lage, die Reformen zu vermitteln", sagt Dr. Klaus Bielstein, Pressesprecher der Düsseldorfer Förderbank. Die gesamte Finanzierungssystematik sei in den letzten Jahren durcheinander geraten. Der tief greifende Strukturwandel im Finanzsektor, ein zunehmender globaler Wettbewerb und das schwierige konjunkturelle Umfeld stellen Kreditinstitute wie Unternehmen gleichermaßen vor erhebliche Herausforderungen. Als Schlüssel zu mehr Verständnis und zur gemeinsamen Zukunft sieht Dr. Bernd Lüthje, Vorstandsvorsitzender der NRW.Bank, die neue Baseler Eigenkapitalübereinkunft (Basel II). Es sei unerlässlich, dass sich auch die Unternehmer mit dieser Materie auseinander setzen. Dies impliziere nicht zwingend, dass sich Controller, Finanzvorstände oder Geschäftsführer von Unternehmen nun durch das gesamte Regelwerk im Umfang von mehr als 250 Seiten durcharbeiten müssten. Niemand komme aber künftig umhin, sich der Auswirkungen von Basel II auf Kreditinstitute und deren Verhältnis zur ihrer Klientel bewusst zu werden.



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