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Riskant und intransparent oder wichtige Rolle auf den Finanzmärkten

Die zwei Gesichter der Hedgefonds

Douglas Cumming, Lutz Johanning und Denis Schweizer02.07.2013, 17:51

Hedgefonds werden in der öffentlichen Wahrnehmung und Diskussion oft als riskant und intransparent eingestuft. Sie stehen sogar im Verdacht, das Finanzsystem beeinflussen zu können. Ganz unschuldig ist die Branche an diesen Vorurteilen nicht, wie bekannte Betrugsfälle zeigen. Jedoch ist die Anlageform durchaus ein wichtiger Bestandteil der Finanzindustrie.

Das Anlagevolumen von Hedgefonds ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Mitte 2012 verwalteten Hedgefonds-Manager bereits ein Vermögen von etwa 2,1 Billionen US-Dollar. Hedgefonds können eine größere Vielfalt an Anlageinstrumenten und -strategien nutzen als andere Fonds, beispielsweise Publikums- oder Spezialfonds. Aufgrund geringerer regulatorischer Anforderungen ist es Hedgefonds erlaubt, umfangreich derivative Instrumente einzusetzen: Sie können Leerverkäufe tätigen und Leverage-Effekte (Verschuldungsquoten) nutzen, um ihre Anlageziele zu erreichen. Durch den Einsatz solcher Instrumente und Strategien können Hedgefonds ein hohes Risiko aufweisen. In der Fachliteratur und Wirtschaftspresse wird daher auch diskutiert, ob Hedgefonds die Finanzstabilität bedrohen können und eine stärkere Regulierung dieses Sektors notwendig ist.

Eine strengere Regulierung wird häufig dann gefordert, wenn Hedgefonds-Pleiten und -Skandale bekannt werden. Ein prominentes Beispiel ist der Zusammenbruch des Hedgefonds LTCM im Jahr 1998. Aufgrund einer enorm hohen Verschuldungsquote von bis zu 100 zu 1 befürchteten Regulatoren und andere Marktteilnehmer durch den Zusammenbruch des Fonds einen Dominoeffekt und eine Bedrohung des Finanzsystems. Nur durch eine von der Federal Reserve Bank of New York organisierte Rettungsaktion konnte eine weitere Krise vermieden werden. Aktuelle Skandale sind der Fall von Bernie Madoff, der mit seinem Schneeballsystem einen Schaden von über 50 Milliarden US-Dollar verursachte, und der Fall von Raj Rajaratnam, dem Gründer des Hedgefonds Galleon Group, der wegen des bisher größten Falls von Insiderhandel mit einem Hedgefonds in vierzehn Anklagepunkten schuldig gesprochen wurde. Schließlich wird Hedgefonds vorgeworfen, dass deren Spekulationen auf landwirtschaftliche Erzeugnisse zu starken Anstiegen der Lebensmittelpreise führen können. Belastbare empirische Belege für diese Hypothese gibt es aber nicht. Es ist notwendig, diese Einzelfälle genau zu betrachten und aus ihnen Lehren für die Regulierung und die Marktorganisation abzuleiten. Hedgefonds pauschal zu verurteilen wäre jedoch voreilig und falsch. Sie spielen aus verschiedenen Gründen eine wichtige Rolle im Wirtschaftssystem:

  • Hedgefonds erzielen langfristig eine ausgezeichnete risikoadjustierte Performance. Die erfolgreichsten Fondsmanager erreichen auch eine wirtschaftlich signifikante Performance-Kontinuität.
  • Anlagen in Hedgefonds verbessern die Diversifikation der Anlegerportfolios und sorgen somit für eine Reduktion des Anlagerisikos. Gerade im schwankungsanfälligen makroökonomischen Umfeld der letzten Jahre ist die risikoreduzierende Diversifikation als sehr bedeutend einzuschätzen.
  • Boyson et al. zeigen in ihrem Beitrag im Journal of Finance "Hedge Fund Contagion and Liquidity Shocks", dass Hedgefonds aufgrund stark verschlechterter Liquiditätsbedingungen ihren Verschuldungsgrad verringern und sich dadurch die Liquidität auf den Finanzmärkten reduziert. Das bedeutet, dass Hedgefonds systemimmanenten Risiken ausgesetzt sind, sie solche Risiken aber nicht verursachen und auch nicht zu deren Entstehung beitragen. Viele Hedgefonds verfolgen antizyklische Handelsstrategien, das heißt, sie handeln oft gegen die Marktentwicklung und stellen Liquidität zur Verfügung, wenn andere Marktteilnehmer diese nachfragen. Durch diese Handelsstrategien können Hedgefonds sogar mögliche Instabilitäten reduzieren und systemimmanente Risiken mindern. Darüber hinaus weisen heutige Hedgefonds in der Regel relativ niedrige Verschuldungsquoten von etwa 2,5 auf. Solche Quoten erscheinen nicht als systembedrohend.
  • Hedgefonds stellen durch den Einsatz von Derivaten und durch Leerverkäufe Liquidität zur Verfügung und spielen somit eine wichtige Rolle bei der Preisfeststellung an den Märkten. Dass eine Einschränkung von Leerverkäufen zu negativen Effekten führt, zeigen Beber und Pagano ("Short-Selling Bans around the World: Evidence from the 2007-09 Crisis", Journal of Finance). Sie stellen negative Auswirkungen auf die Liquidität und Volatilität durch das Verbot von Leerverkäufen im Zeitraum von 2007 bis 2009, insbesondere bei Aktien kleinerer Unternehmen und bei Aktien ohne börsennotierte Optionen und mit langsamerer Preisfeststellung, fest. Eine Beschränkung der Hedgefonds im Derivatehandel und bei Leerverkäufen wäre folglich mit nachteiligen Markteffekten verbunden.
  • Letztendlich ist zu beachten, dass die Hedgefonds-Branche im Jahr 2010 laut Alternative Investment Management Association zirka 300.000 direkte Angestellte beschäftigte, die Industrie mittlerweile also zu einem relevanten Arbeitgeber geworden ist.


Die Ausführungen zeigen, dass Hedgefonds eine wichtige Rolle auf den Finanzmärkten bei der Liquiditätsbereitstellung, der Preisfeststellung, Portfoliodiversifikation und damit der Finanzstabilität wahrnehmen können. In der wissenschaftlichen Literatur sind keine Anhaltspunkte für eine grundlegende Systembedrohung zu finden. Sehr wohl sind die Entwicklungen in der Hedgefonds-Branche von der Regulierung und Wissenschaft weiterhin genau zu analysieren, um Skandale und Krisen wie in der Vergangenheit zu vermeiden. Bei der Diskussion um die Regulierung von Hedgefonds sollten diese Erkenntnisse angemessen berücksichtigt werden.

 

Über die Autoren:

Douglas Cumming J.D., Ph.D., CFA, ist Professor of Finance and Entrepreneurship an der Schulich School of Business der York University in Toronto, Kanada. Er forscht unter anderem zu Hedgefonds, Private Equity und Venture Capital und berät privatwirtschaftliche und behördliche Organisationen.

Prof. Dr. Lutz Johanning ist Inhaber des Lehrstuhls für Empirische Kapitalmarktforschung an der WHU – Otto Beisheim School of Management. Neben empirischer Kapitalmarktforschung konzentriert er sich auf Risiko-Management und Best Execution sowie auf Emotional Finance.

Dr. Denis Schweizer ist Assistant Professor an der WHU – Otto Beisheim School of Management. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Alternative Investments, Handelsstrategien und Corporate Finance. Er studierte an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

 

 Download Jahrbuch 2013

Der Artikel ist im Jahrbuch 2013 von Frankfurt Main Finance erschienen. Das vollständige Jahrbuch können Sie hier herunterladen:

 

 

[Bildquelle oben: © cirquedesprit - Fotolia.com]



Kommentare zu diesem Beitrag

RiskNET Redaktion/02.07.2013 18:13
+++ Euro-Krise lässt weltweite Nutzung des Euro etwas sinken +++

Die Staatsschuldenkrise im Euroraum hat das Vertrauen internationaler Investoren in den Euro im vergangenen Jahr etwas sinken lassen. Nach Angaben der Europäischen Zentralbank (EZB) hatte der Euro 2012 an den weltweiten Währungsreserven einen Anteil von 23,9 Prozent. Im Vorjahr waren es noch 25,1 Prozent gewesen. Der Anteil am internationalen Markt für Schuldverschreibungen nahm von 26,2 auf 25,5 Prozent ab.

"Einige Indikatoren deuten aber darauf hin, dass sich die internationale Nutzung des Euro in der zweiten Hälfte 2012 stabilisiert haben könnte oder sogar gestiegen ist", sagte EZB-Direktor Jörg Asmussen bei der Vorstellung des Berichts in Frankfurt. Dieser Erfolg geht nach seiner Aussage auf die Zusage der EZB zurück, im Notfall unbegrenzt Staatsanleihen aufzukaufen. "Wir glauben, dass das OMT bei diesem Prozess eine wichtige Rolle gespielt hat", sagte er.

Die EZB fördert den internationalen Einsatz des Euro nicht, beobachtet ihn aber und veröffentlicht einmal jährlich einen Bericht darüber.

Laut EZB ist die Auslandsnachfrage nach Euro-Banknoten weiter gestiegen, und auch seine Rolle als Parallelwährung in einigen Ländern Süd- und Südosteuropas hat der Euro behaupten können. Die Auslandsnachfrage nach Banknoten nahm um 131 Milliarden Euro zu. Ende 2012 zirkulierte rund ein Viertel der Euro-Banknoten im Ausland, vor allem in der Schweiz, in Großbritannien und in Nordafrika.

Gewinner des vergangenen Jahres waren der Kanadische und der Australische Dollar, deren Anteil an den Weltwährungsreserven Ende 2012 auf 3 Prozent zunahmen. Insgesamt erreichte der Anteil nicht-traditioneller Reservewährungen im vergangenen Jahr mit 6 Prozent den höchsten Anteil seit 40 Jahren. Auch der Yuan wurde mehr genutzt, allerdings vor allem in Handels- und weniger in Finanzgeschäften.

Der Kanadischer und Australischer Dollar profitieren von der zunehmenden Diskussion über eine mögliche Verknappung sicherer Anlagen und der Wahrnehmung der Investoren, dass die Kreditrisiken einiger Industrieländer gestiegen sind.

Der Yuan wurde wegen der zunehmenden Bedeutung Chinas für den Welthandel mehr genutzt. Eine Rolle, die der Bedeutung der Wirtschaftsmacht China entspräche, bleibt dem Yuan derzeit aber wegen der Restriktionen des Kapitalverkehrs in China und der Steuerung des Wechselkurses versagt.

Stark nachgefragt ist der Euro seit Beginn der Finanzkrise in der Schweiz. Die EZB rechnet in ihrem Bericht vor, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) nach ihren Interventionen gegen den Franken zwar immer wieder Euro-Papiere gegen andere eintauscht, dass aber gleichwohl ihr Bestand an Euro-Papieren seit 2008 um rund 200 Milliarden Schweizer Franken zugenommen hat.

Und noch eine Rechtfertigung des geplanten Staatsanleihekaufprogramms OMT enthält der "Bericht zur internationalen Rolle des Euro": Die EZB verweist darauf, dass der Abfluss an privatem Kapital aus Italien, Spanien, Portugal, Irland, Zypern und Slowenien Mitte 2012 rund 23 Prozent der zusammengefassten Wirtschaftsleistung dieser Länder erreicht hatte. Erst die OMT-Ankündigung habe diese Entwicklung stoppen und umkehren können.

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