Interview

Interview mit Prof. Dr. Dr. h.c. Günter Franke

Die Welt ist kein viel-dimensionales Roulette

Redaktion RiskNET22.12.2015, 08:18

Das Risiko-Universum hat sich in der jüngeren Vergangenheit erkennbar ausgedehnt. Durch eine stärkere weltweite Vernetzung von Banken und ihrer Kunden, durch eine Vielzahl neuer regulatorischer Anforderungen sowie durch eine geänderte Risikolandkarte und Risikowahrnehmung werden an professionelle Risikomanager erhebliche Anforderungen gestellt. Die Risikofunktion in Finanzdienstleistungsunternehmen hat erheblich an Bedeutung gewonnen. Diese Entwicklung wirft die Frage auf, wie professionelles Risikomanagement am besten funktioniert, welche Mechanismen ineinandergreifen und wie Erkenntnisse aus der Risikoforschung bestmöglich in die Praxis umgesetzt werden können. Wir sprachen mit Prof. Dr. Dr. h.c. Günter Franke (Prof. für Internationales Finanzmanagement i.R., Universität Konstanz sowie Ko-Vorsitzender des Beirats der Gesellschaft für Risikomanagement und Regulierung) über Methoden, Modelle und Werkzeuge im Risikomanagement sowie aktuelle Wege in der Regulierung von Banken.

Methoden, Modelle und Werkzeuge sind wichtige Instrumentarien im Risikomanagement. Welche neuen Entwicklungen gibt es in diesem Bereich aus wissenschaftlicher Perspektive?

Günter Franke: Erstens: In der Finanzkrise haben wir gelernt, dass die Liquidität von Märkten eine wichtige Rolle für das Risikomanagement von Finanzintermediären spielt. Die Vorstellung, dass ein Finanzintermediär höhere Risiken nehmen kann, weil er gegebenenfalls Risiken sehr schnell über Märkte abgeben kann, trifft nur mit erheblichen Einschränkungen zu. Daher ist es wichtig, die Determinanten von Liquidität von Märkten zu klären. Je geringer diese im Bedarfsfall sein kann, desto vorsichtiger muss die Bank bei der Übernahme von Risiken vorgehen. Liquiditätsforschung ist daher eine wichtige Herausforderung auch für die Wissenschaft geworden. Zweitens: Ein offenes Thema ist nach wie vor die Verknüpfung von quantitativem und qualitativem Risikomanagement. Beide Arten des Risikomanagements sind unverzichtbar. Sollte das quantitative Risikomanagement auf kurze Frist unter "normalen Verhältnissen" der Kompass sein? Sollte das qualitative Risikomanagement mit zunehmendem Planungshorizont mehr Gewicht bekommen? Sollte auf lange Frist das quantitative Risikomanagement dem qualitativen untergeordnet sein? Drittens: Was bedeutet die Entwicklung von Big Data Strategien für die Handelsbuch-Aktivitäten von Finanzintermediären? Haben konventionelle Händler im Handel eine Chance gegen Algorithmus-Handel? Wie kann die Konkurrenz von Maschinen in den Risikomodellen von Händlern berücksichtigt werden?

Jüngst war in einem Beitrag zu "Jenseits aller Daten" in der Zeitung "Die Welt" von intuitiven Entscheidungen die Rede, die oft schneller und auch besser wären als langwierige Analysen. Welchen Standpunkt vertreten Sie an dieser Stelle, gerade mit Blick auf einen sicheren Risikomanagementprozess?

Günter Franke: Wir sehen die Grenzen von quantitativen Risikomodellen heute viel klarer als vor der Krise. Nicht selten beobachten wir ein komplexes Zusammenwirken zahlreicher Risikofaktoren. Analysiert man nur die Daten der letzten zehn bis zwanzig Jahre, dann haben wir in diesen Jahren bestimmte Konstellationen von Risikofaktoren beobachtet, andere jedoch nicht. Weil die nicht beobachteten Konstellationen in der Datenschätzung fehlen, führt eine Extrapolation zu Fehlschlossen. Inwieweit solche Konstellationen eine Rolle spielen, ist nur qualitativ abschätzbar. Hier spielen Intuition und Bauchgefühl eine unersetzliche Rolle. Andererseits wurden quantitative Risikomodelle eingeführt, weil sich bei qualitativen Vorgehensweisen oft Fehlentscheidungen gezeigt haben. Quantitative Risikomodelle sind ein wichtiges Korrektiv und erzwingen eine wichtige gedankliche Präzisierung. Ich bezweifle, dass mit intuitiven Entscheidungen grundsätzlich bessere Ergebnisse erzielt werden können. Einen "sicheren Risikomanagementprozess" wird es allerdings nie geben.

Blickt am auf die globale Risikolandkarte mit Finanzrisiken, Kriegen, Flüchtlingsdramen, Cyber-Risiken und extremen Wetterereignissen, fragt man sich als Außenstehender, wie funktionierende Risikomanagementprozesse samt valider Analysen und möglicher Szenarien überhaupt noch umsetzbar sind. Welchen Weg schlagen Forscher hier ein, um stabile Vorhersagen auch in Zukunft treffen zu können?

Günter Franke: Forscher sind viel bescheidener geworden. Die Welt läuft nicht nach einem Modell eines viel-dimensionalen Roulettes, das man nur lange genug beobachten muss, um seine Gesetzmäßigkeiten zu erkennen. Quantitative Modelle liefern zwar genaue Ergebnisse, aber ebenso wichtig ist es, die möglichen Fehler aus Modell- und Schätzrisiken abzuschätzen. Der Mangel an Vorhersagbarkeit wird insbesondere deutlich, wenn es um systemische Risiken geht. Daher hat sich in der wissenschaftlichen, aber auch in der praktischen Betrachtungsweise das Gewicht verschoben von der Risikomodellierung zur Vorsorge durch mehr Flexibilität in der Risikopolitik und höhere Risikopuffer, insbesondere zu höherem Verlust-absorbierenden Kapital der Finanzintermediäre. Damit soll dem Grundsatz der Gleichheit von Haftung und Verfügung wieder stärker Rechnung getragen werden. Der Steuerzahler soll möglichst geschont werden, Gesellschafter und nachrangige Gläubiger sollen in der Krise zur Kasse gebeten werden. Ob dies zu einer vorsichtigeren Risikopolitik der Finanzintermediäre führt, bleibt abzuwarten.

Neben dem klassischen Ansatz, Szenarien und Wahrscheinlichkeitsverteilungen aus der Analyse von Vergangenheitsdaten abzuleiten, spielt in jüngerer Zeit der Versuch, aus den aktuell beobachtbaren Daten von Wertpapieren Prognosen abzuleiten, eine immer größere Rolle. Seit langem werden aus der aktuell beobachtbaren Zinsstrukturkurve Terminzinssätze abgeleitet, die für die Prognose zukünftiger Zinssätze eine wichtige Rolle spielen. Inzwischen versucht man aber auch in anderen Anlageklassen, zum Beispiel im Aktienbereich, die vorhandenen aktuellen Daten besser auszunutzen. In den aktuellen Daten spiegeln sich die aktuellen Einschätzungen der Marktteilnehmer mit einer Durchschnittsbildung wider. So kann man aus Optionspreisen implizite Volatilitäten ableiten, die die Risikoeinschätzung des Marktes wiedergeben. Anhand von Preisen für Optionen auf Aktienkurs-Indizes kann man auch Arrow-Debreu Preise für bestimmte Szenarien des Aktienmarktes abschätzen. Hinter einem solchen Preis verbirgt sich die so Martingalwahrscheinlichkeit, also die physikalische Wahrscheinlichkeit eines Szenarios, adjustiert um die Risikoeinstellung des Marktes in diesem Szenario. Ebenso kann man aus den itraxx-Tranchen Martingalwahrscheinlichkeiten für gesamtwirtschaftliche Ausfallszenarien ableiten. Die Nutzung solcher Informationen kann der Nutzung vergangenheitsbezogener Informationen durchaus überlegen sein, weil die aktuellen Informationen die Einschätzungen der Marktteilnehmer widerspiegeln. Dies ist eine zukunftsbezogene Information, während die Analyse von Vergangenheitsdaten sich auf die Vergangenheit bezieht. Die Methoden, aktuelle Daten auszuwerten, werden laufend verbessert. Sie werden auch für das Risikomanagement zunehmend wichtiger.

Sprechen wir von Regulierung, so müssen wir auch von Einschränkungen der freien Handels- und Finanzmärkte sprechen und ganz allgemein von den Handlungsfeldern der Unternehmen. Stecken darin aber nicht gleichzeitig ein Hemmschuh für das Eingehen kalkulierter Risiken aus Unternehmersicht und ein Ausbremsen möglicher Wachstumspotenziale sowie der damit verbundenen Chancen?

Günter Franke: Eine strengere Regulierung von Handels- und Finanzmärkten bedarf der Rechtfertigung, dass damit negative externe Effekte eingeschränkt werden. Geht es zum Beispiel um mehr Transparenz in Dark Pools, um die Abwehr potenzieller Marktmanipulationen oder die Einschränkung  von Gefahren des "high frequency trading", dann sind solche Einschränkungen im Allgemeinen erforderlich, um ein einwandfreies Funktionieren der Märkte ohne Benachteiligung externer Investoren sicherzustellen. Anders verhält es sich beispielsweise bei der Kreditvergabe. Sie gehört zu den wichtigen Aufgaben von Banken. Dazu betreiben die Banken Risikotransformation.

Wird die Kreditvergabe schärfer reguliert und damit eingeschränkt, dann kann dies das kreditfinanzierte Wachstum von Unternehmen und damit der gesamten Wirtschaft einschränken. Aber auch hierbei gilt, dass der Grundsatz der Gleichheit von Haftung und Verfügung möglichst gelten soll. Andernfalls besteht die Gefahr übermäßiger Kreditvergabe, die zu Bankzusammenbrüchen, gegebenenfalls zu einer Finanzkrise und damit enormen volkswirtschaftlichen Schäden führen kann. Regulierung sollte eine aus Sicht der Bank und der gesamten Wirtschaft sinnvolle, besonnene Kreditvergabe fördern. Dass dies nicht immer gelingt, ist eine eher triviale Einsicht. Regulierung ist daher eine Gratwanderung, die einerseits Kreditvergabe und Wettbewerb der Finanzintermediäre einschränkt, andererseits krisenhafte Bankzusammenbrüche verhindern soll.

Viele Prozesse, Initiativen und Analysen hinken in Deutschland der digitalisierten und sich fundamental verändernden Welt hinterher. Welchen Beitrag muss/kann Ihrer Meinung nach die Risikomanagementforschung leisten, um den Anschluss an die "Welt von heute und morgen" nicht komplett zu verlieren?

Günter Franke: Angeblich hat Obama die Wiederwahl gewonnen, weil er auf Analysen von Big Data zurückgreifen konnte. Ähnlich operieren die "high frequency"-Algorithmen mit Big Data und sehr anspruchsvoller Software. Deutsche Banken können sich diesen Analysen nicht entziehen, ohne Gefahr zu laufen, von anderen Finanzintermediären ausgebootet zu werden. Das heißt nicht, dass jede Bank solche Analysen fahren sollte. Auch hier wird es zu einer Spezialisierung von Geschäftsmodellen kommen. Im Übrigen ist für jeden Geschäftsbereich einer Bank zu klären, ob mehr Daten automatisch bessere Information bedeutet. Das Risikomanagement einer Bank im Zinsbereich kann zum Beispiel eine Zinsstrukturkurve über 2,3 oder auch zehn Faktoren abbilden. Für die kurzfristig orientierten Händler mag es hilfreich sein, mit einer großen Zahl von Risikofaktoren zu rechnen. Für die mittel- bis langfristige Planung einer Bank dürften zwei bis drei Faktoren genügen, zumal es sehr schwierig ist, verlässliche mittel- bis langfristige Prognosen für eine größere Zahl von Risikofaktoren wahrscheinlichkeitsmäßig abzubilden.

Die Kunst des Risikomanagements besteht auch darin zu ermitteln, inwieweit es lohnt, zusätzliche Risikofaktoren mit verlässlichen Wahrscheinlichkeitsschätzungen in die Analyse einzubinden. Hinzu kommt die Beschränkung des menschlichen Gehirns. Unser Gehirn kann nur wenige Risikofaktoren verarbeiten. Eine größere Zahl von Risikofaktoren muss maschinell verarbeitet werden. Das kann aber wohl nur in einem quantitativen Risikomodell geschehen, dessen Validität regelmäßig überprüft werden muss.

Risikomanagement soll Transparenz in den Unternehmen und nach außen herstellen. Ein Blick in viele Geschäfts- und Risikoberichte vermittelt allerdings ein anderes Bild. Blendwerk, Floskeln und Unverständliches bestimmen die Dokumente. Welchen Standpunkt vertreten Sie an dieser Stelle?

Günter Franke: Die Kommunikation von Risiken ist eines der schwierigsten Themen, da es keine einheitlich gültige Definition von Risiko gibt. Selbst innerhalb eines Unternehmens sollte man sich davor hüten, Risikotransparenz zu erwarten. Die Kommunikation von Risiko bezieht sich üblicherweise auf die Kommunikation von Methoden des Risikomanagements, von gerechneten Risikoparametern und von Back-Testing-Ergebnissen. Das allein gibt allerdings ein recht unvollständiges Bild. Deswegen wurde zusätzlich zur ersten Säule in Basel die zweite Säule eingeführt: Der Bankaufseher soll sich zusammen mit den Vertretern der Bank ein eingehendes Bild des Risikos der Bank machen, um Schwachstellen des Risikomanagements zu identifizieren und möglichst zu beseitigen. Die Schwierigkeiten der internen Risikoanalyse und -kontrolle zeigen bereits die Grenzen für eine Risikokommunikation nach außen, wie sie in der dritten Säule von Basel verankert ist. Außerdem steht die Bank bei der Umsetzung der dritten Säule vor der Frage, inwieweit eine zusätzliche Kommunikation von Risiko das Vertrauen ihrer potentiellen Vertragspartner stärkt, zugleich aber Spezifika ihres Geschäftsmodells verrät. Besonders deutlich ist dies bei Hedge-Fonds, die sich heftig dagegen wehren, ihre Portfoliopositionen in kurzfristigen Zeitabständen zu publizieren. Im Übrigen ist es umstritten, ob eine sehr detaillierte Information über Risiken erwünscht ist.

Das Vertrauen in eine Bank würde vermutlich gefährdet, wenn die Öffentlichkeit über jedes kleine Missgeschick oder jeden kleinen Verlust eines Bankgeschäfts informiert würde. Ebenso überlegt sich jeder Mensch eingehend, welche Informationen über sich selbst er nach außen geben soll. Dennoch gehe ich davon aus, dass der in den letzten Jahren zu beobachtende Ausbau der Risikoberichterstattung im Geschäftsbericht eine wichtige Säule des Interbankgeschäfts darstellt. Aber der Leser sollte sich darüber im Klaren sein, dass in der Risikoberichterstattung selbst ein erhebliches Risiko stecken kann. Dennoch: Ein geübter Leser wird auch aus geschönter Risikoberichterstattung nutzbringende Erkenntnisse ziehen.

Blicken wir nach vorne: Welche Forschungstendenzen werden aus Ihrer Sicht das Risikomanagement in den kommenden Jahren bestimmen?

Günter Franke: Die Risikomanagement-Forschung wird sich in Zukunft noch mehr mit den Wirkungen der Bankregulierung auf die Risikopolitik befassen. Weiche Risikofaktoren, insbesondere Compliance-Risiken und Reputationsrisiken, werden stärker analysiert werden. Bei der Fülle der Regulierungsvorschriften ist es an der Zeit herauszufinden, welche Vorschriften ein effektives Risikomanagement fördern und welche es behindern.

Professor Dr. Dr. h.c. Günter Franke war Lehrstuhlinhaber des Chair of International Finance an der Universität Konstanz. Seine Forschungsinteressen liegen neben dem Internationalen Finanzmanagement im Risk Management und der Kapitalmarktheorie sowie der Unternehmenskontrolle. Günter Franke studierte Betriebswirtschaftslehre an der Universität Hamburg, dann an der Universität des Saarlandes, unter anderem bei Herbert Hax und Wolfgang Stützel. Nach einer Tätigkeit als Visiting Associate Professor in den USA habilitierte er sich 1975 an der Universität des Saarlandes. Bis 1983 war er als Ordinarius für Finanzwirtschaft an der Universität Gießen tätig, seitdem als Ordinarius für Internationales Finanzmanagement an der Universität Konstanz. Er war Leiter des "Zentrums für Finanzen und Ökonometrie" an der Universität Konstanz sowie der DFG-Forschergruppe "Preis-, Liquiditäts- und Kreditrisiken: Messung und Verteilung". Er ist Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und Forschungsprofessor am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim. Die Universität Mannheim verlieh ihm die Ehrendoktorwürde. Bei der Gesellschaft für Risikomanagement und Regulierung (FIRM) leitet er als Ko-Vorsitzender den Beirat.

Professor Dr. Dr. h.c. Günter Franke war Lehrstuhlinhaber des Chair of International Finance an der Universität Konstanz.

[ Bildquelle: © fergregory - Fotolia.com ]


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