News

Starökonom kritisiert Kapitalerhöhung der Deutschen Bank

Die versteckten Risiken der Deutschen Bank

Redaktion RiskNET23.05.2014, 07:11

Der renommierte Ökonom Martin Hellwig findet die Bemühungen der Deutschen Bank zur Erhöhung ihres Eigenkapitals unzureichend. In einem Vortrag in Frankfurt sagte Hellwig, die Kapitalerhöhung decke bisherige und vielleicht einige noch nicht offensichtliche Verluste, aber mache die Bank nicht wirklich sicherer.

"Ein guter Teil der Eigenkapitalerhöhung wird benötigt, um die in den letzten zwölf Jahren in die Bücher genommenen Verluste zu kompensieren und vielleicht für Verluste vorzusorgen, die noch nicht in die Bücher genommen wurden", sagte der Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern.

Der Autor des viel beachteten Buchs "Des Bankers neue Kleider" glaubt nicht, dass die größte deutsche Bank schon mit der vollen Wahrheit heraus gerückt ist. Er macht das am Jahresergebnis für 2013 fest: "Immer wenn ich eine schwarze Null sehe, frage ich mich, was da noch nicht in die Bücher genommen wurde", sagt er.

Die Deutsche Bank hat für 2013 einen Nettogewinn von 670 Millionen Euro ausgewiesen. Sie will ihre Eigenkapitalausstattung mit 8 Milliarden Euro von derzeit 9,5 auf 11,8 Prozent erhöhen. Zudem will sie mehrere Milliarden Euro Hybridkapital aufnehmen, das gegebenenfalls Verluste absorbieren und damit eine Verschlechterung der Eigenkapitalquote verhindern kann.

Allerdings, und das ist einer der Kritikpunkte Hellwigs an der Regulierung des Bankensektors insgesamt, beziehen sich diese Eigenkapitalquoten nicht auf die gesamten Anlagen der Bank. Sie werden vielmehr nach deren Risikogehalt der Anlagen gestaffelt. Und wie hoch das Risiko ist, bestimmt die Bank anhand interner Bewertungsmodelle zunächst selbst.

Laut Hellwig kommt die Deutsche Bank bei dieser risikogewichteten Berechnung auf eine Eigenkapitalquote von rund 9 bis 11 Prozent. Bei der nicht so leicht gestaltbaren ungewichteten Quote aber, der so genannten Leverage Ratio, sind es nach Kapitalerhöhung gerade mal knapp über 3 Prozent.

Verglichen mit anderen großen europäischen Banken liegt die Deutsche Bank damit im unteren Bereich. US-Banken schreibt die Federal Reserve neuerdings eine Leverage Ratio von 5 Prozent vor. Martin Hellwig, so steht es auch in seinem Buch, sähe diese Quote gerne bei 20 Prozent - man kann sich vorstellen, wie beliebt der Mann in Bankerkreisen ist.

Für Hellwig ist die extrem hohe Verschuldung der Banken eine wichtige Ursache der Finanzkrise. Er ist überzeugt: Hätten die Banken mehr Eigenkapital gehabt, dann wäre es von den krisenbedingten Wertverlusten nicht so schnell aufgezehrt worden, und dann wäre die Krise den deutschen Steuerzahler nicht so teuer zu stehen gekommen.

Hellwig rechnet vor, dass alleine die WestLB den Staat 18 Milliarden Euro gekostet hat, die Hypo Real Estate 12 Milliarden, die IKB 9 Milliarden, die Commerzbank zwischen 3 und 6 Milliarden und die HSH Nordbank 4 Milliarden. "Das ist ein Fall, wo mit Sicherheit mehr kommen wird", sagt er.

Der Ökonom macht darauf aufmerksam, dass Eigenkapitalquoten von 20 Prozent außerhalb des Bankensektors völlig normal sind und manche Unternehmen völlig ohne Fremdkapital auskommen. Welche Bank würde einem Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes einen Kredit geben, dass nur über 3 Prozent Eigenkapital verfügt, welche Bank einem Hauskäufer einen Hypothekenkredit? Aber bei Banken selbst ist das völlig normal.

Laut Hellwig unterstellen die Kreditgeber nämlich, dass die Institute im Zweifelsfall vom Staat gerettet werden. Sie verlangen deshalb eine niedrigere Risikoprämie. Und je größer und damit systemisch wichtiger sie sind, um so weniger Zinsen müssen sie zahlen.

Deshalb finden sie es bequemer, staatlich subventionierte Kredite aufzunehmen und behaupten, dass mehr Eigenkapital teuer sei und zu Lasten der Kreditvergabe gehen würde. Scheinbar ist dieses Argument richtig: Anleihen können Banken zu niedrigen einstelligen Zinsen am Markt platzieren, Aktionäre erwarten schon mal Renditen im zweistelligen Bereich.

Trotzdem lehnt Ökonom Hellwig dieses Argument als "unsinnig" ab. Wirklich teuer seien Kapitalerhöhungen vor allem dann, wenn eine Bank hoch verschuldet sei. Denn von solchen Instituten forderten Investoren eine höhere Eigenkapitalrendite.

Auch das Argument, dass eine Kapitalerhöhung den Gewinn je Aktie verwässere, will Hellwig nicht ohne weiteres gelten lassen. Diene diese Maßnahme Investitionen und mache das Unternehmen leistungsfähiger, dann hielten Aktionäre einen kleineren Anteil an einem wertvolleren Unternehmen anstatt eines größeren Anteils an einem weniger wertvollen, argumentiert er.
Hellwig kann sich in diesem Zusammenhang den Hinweis nicht verkneifen, dass die von der Deutschen Bank angekündigte Kapitalerhöhung von 8 Milliarden Euro "an den Aktienmärkten nicht gerade für Begeisterung gesorgt" hat. Seine Erklärung dafür: "Das liegt daran, dass dieses neue Eigenkapital nur das Konkursrisiko vermindert und nicht den Eigentümern zu Gute kommt."


[Bildquelle: © Gino Santa Maria - Fotolia.com]



Kommentare zu diesem Beitrag

Markus/02.06.2014 23:09
"...Die versteckten Risiken der Deutschen Bank..."

Einfach mal bei Boaz Weinstein nachfragen - wie er gerade gegen seinen alten Arbeitgeber positioniert ist.

Das erleichtert einem die Suche nach den Tretminen in der Bilanz (bzw. dem Off-Balance-Sheet)

Also dem eigentlichen Risiko der Bank, dass aber niemand gerne hören will...
RiskNET Redaktion/05.06.2014 13:54
+++ Deutsche Bank erhält bei Kapitalerhöhung besseren Preis als erwartet +++

Die Deutsche Bank gibt 300 Millionen neue Aktien zu jeweils 22,50 Euro aus. Ursprünglich war sie von 21 Euro je Aktie ausgegangen. Durch den höheren Preis erreicht der Emissionserlös 8,5 Milliarden Euro, eine halbe Milliarde Euro mehr als erwartet. Der Abschlag auf die Aktien liegt nach Angaben der Deutschen Bank bei 20 Prozent. Andere Banken mussten zuletzt einen deutlich höheren Nachlass gewähren.

Ein Börsenhandel der Bezugsrechte an den deutschen Wertpapierbörsen findet vom 6. bis zum 20. Juni statt. Die Reaktion am Aktienmarkt fiel am Donnerstagnachmittag moderat aus: Die Aktie der Deutschen Bank verlor ein Prozent.

Die Kapitalerhöhung verschafft der Deutschen Bank Luft, um durch den Stresstest der europäischen Bankenaufsicht zu kommen. Zudem baut sie ihre Reserve für bislang unkalkulierbare Rechtskosten auf. Ein Teil der Einnahmen soll auch in das Wachstum der Bank fließen.

Ihre Kapitalquote nach Tier 1 erhöht die Bank von 9,5 Prozent auf 12 Prozent. Mit einer Leverage Ratio (Verschuldungsquote) von 3,5 Prozent bleibt sie gleichwohl hinter Wettbewerbern zurück. In den Niederlanden etwa streben Großbanken bereits eine Leverage Ratio von 4,5 Prozent an. Daran wird sich auch die Deutsche Bank messen lassen müssen.

Die Bank platzierte Aktien für 1,75 Milliarden Euro bei der zur Königsfamilie in Katar gehörenden Investmentgesellschaft Paramount Services zu einem Kurs von 29,20 Euro. Der Paramount-Besitzer Scheich Hamad Bin Jassim Bin Jabor Al-Thani bekennt sich nach Angaben der Deutschen Bank zu einer langfristigen Investition. Wenn er seine Bezugsrechte ausübt, wird sein Anteil an der Deutschen Bank rund sechs Prozent betragen. Damit ist er knapp vor Blackrock größter Einzelinvestor der Frankfurter Bank. Inwieweit Al-Thani mitreden will, ist bislang unbekannt.

Für Unruhe hatte eine Verzögerung gesorgt. Ursprünglich war erwartet worden, dass das Frankfurter Gericht die Kapitalerhöhung ohne Bezugsrechte bereits am Mittwoch ins Handelsregister einträgt. Die Darstellung von Beteiligten, es sei zu einer Verzögerung wegen der Überlastung des Gerichts gekommen, wies ein Sprecher des Amtgerichts Frankfurt zurück. "Es gab keine Verzögerung wegen Überlastung", sagte der aufsichtsführende Richter Roland Glöckner. Vielmehr habe eine Urkunde gefehlt, die nachgereicht werden musste. Die Bearbeitungszeit von zwei Tagen liege deutlich unter der üblichen Bearbeitungsdauer. Die Deutsche Bank wollte sich nicht dazu äußern.

Themenverwandte Artikel

Kolumne

Das unterschätzte Katastrophenszenario

Europaweiter "Blackout"

Herbert Saurugg06.12.2017, 17:56

In den letzten Monaten häufen sich die Berichte über einen mögliches Strom- und Infrastrukturausfall beziehungsweise über die Vorbereitungsmaßnahmen verschiedener Organisationen und Kreise. Der...

Studie

Enterprise Risk Management

Risikomanagement im Spiegel deutscher Fachbücher

Jan Braunschmidt | Christina Trageser | Leonhard Knoll17.11.2017, 10:10

Risikomanagement hat als Subdisziplin im Grenzbereich zwischen Betriebswirtschaftslehre und angewandter Mathematik/Statistik seit der Jahrhundertwende eine immer größere Bedeutung erlangt. Dies gilt...

News

RiskNET Summit 2017: Nachlese, 2. Tag

Kultur, Methoden, Chancenmanagement

Redaktion RiskNET27.10.2017, 23:32

"Wo Kriegsgewinnler Hummer essen." So titelt es aktuell Spiegel Online und nennt den Ort "Warlord City in Somalia". Dort, wo im Country Club der somalischen Hauptstadt Mogadischu...

News

RiskNET Summit 2017: Nachlese, 1. Tag

Vom gelebten Risikomanagement …

Redaktion RiskNET25.10.2017, 06:30

"Es könnte alles so einfach sein …" sang die Gruppe "Die Fantastischen Vier" schon vor Jahren. Und die Jungs folgern in ihrem Song: "Ist es aber nicht". Das Lied verrät...

Kolumne

Methoden im Risikomanagement

Komplex oder kompliziert – das ist die Frage

Frank Romeike | Herbert Saurugg06.10.2017, 11:02

Nachdem wir immer wieder auf die fälschliche Verwendung des Begriffs "Komplexität" stoßen, möchten wir mit diesem Beitrag eine einfach verständliche Erklärung liefern, was unter Komplexität...