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Die Unfallwahrscheinlichkeit in der Euro-Zone steigt

Robert Senz28.08.2012, 16:00

Der hohe Druck an den europäischen Kapitalmärkten und die Angst vor einem endgültigen Kollaps werden letztlich zu einer Transfer-Union führen. Denn der permanente Kraftaufwand, der zur Stabilisierung des Systems und der Erhaltung des Status Quo notwendig ist, ist langfristig einfach nicht aufrechtzuerhalten. Um diesen auf Dauer unhaltbaren Druck aufzulösen, kommen nur zwei Szenarien in Frage: Entweder wird die Kraftanstrengung reduziert, was zur Folge hat, dass das bislang aufrechterhaltene System in sich zusammenbrechen wird, oder es werden weitere Mitstreiter mobilisiert, mit deren Hilfe der Brocken vielleicht doch noch ans Ziel gebracht werden kann. Die aktuelle Situation birgt jedenfalls aufgrund ihrer Komplexität und des notwenigen Kraftaufwandes eine beträchtliche Unfallwahrscheinlichkeit. Minimalste Abweichungen definierter Vorgaben gefährden das gesamte System. Daher müssten Rahmenbedingungen geschaffen werden, aus denen heraus eine innere Entwicklung möglich wird. An einer grundlegenden Reform der Euro-Zone führt kein Weg vorbei: Die Kapitalmärkte werden eine Fiskal- und Banken-Union erzwingen und dann wird alles auf eine Transfer-Union hinauslaufen.

Das liefe zwar primär gegen die Interessen Deutschlands, aber wenn man das ganze Problem stemmen will, kommt man an einer Vergemeinschaftung der Schulden innerhalb der Eurozone nicht vorbei. Der Europäischen Zentralbank (EZB) käme in diesem Szenario – ähnlich der amerikanischen Fed (Federal Reserve System, Zentralbank der Vereinigten Staaten) – die wichtige Rolle des Lender of Last Resort (Kreditgeber letzter Instanz) zu. Die einzelnen Nationalstaaten der Eurozone würden zwar an Bedeutung verlieren, an deren Stelle würde aber ein mit Souveränität ausgestatteter "Superstaat" treten. Allerdings – und das hebt die Gefahr der Unfallwahrscheinlichkeit deutlich – braucht ein derartiges Staatsgebilde demokratische Legitimation. Die Herausforderung der Politik wird also sein, die Wähler ins Boot zu holen und sie von diesem bedeutenden Schritt zu überzeugen.

Da diese Überzeugungsarbeit möglicherweise nicht gelingen wird, bleibt der Ausblick auf den Euro-Staatsanleihenmarkt verhalten. Die Misere um die spanischen Banken und die bankrotten Provinzen belastet den Markt ebenso wie die endlose Diskussion um Griechenland. Somit spitzt sich die Lage für Italien und Spanien an den Rentenmärkten weiter zu. Die Erklärung durch EZB-Chef Draghi, dass die EZB alles Erforderliche tun werde, um den Euro zu stützen, brachte zwar kurzfristig Entspannung, doch Widerspruch von anderen Notenbanken und weitergehende Diskussionen scheinen unvermeidlich. Der Markt erwartet, dass Spanien noch im September Hilfsgelder bei der EU beantragen wird. Eine wesentliche Frage wird dann sein, wie das von den Ratingagenturen aufgenommen wird. Eine Herabstufung Spaniens auf Sub-Investment Grade (Rating unter Baa/BBB) wäre jedenfalls ein weiterer Brandherd für den Staatsanleihenmarkt.


Autor: Robert Senz ist Chief Investment Officer (CIO) für den Bereich Globale Anleihen bei Raiffeisen Capital Management.

 

[Bildquelle: © Constantinos - Fotolia.com]

 

 



Kommentare zu diesem Beitrag

RiskNET Redaktion/28.08.2012 18:01
+++ Fiskalpakt reicht nicht, letzte EZB-Schritte finden Unterstützung +++

Der Co-Vorstandschef der Deutschen Bank, Anshu Jain, hält für die Lösung der europäischen Schuldenkrise über den Fiskalpakt hinausgehende Schritte für erforderlich. "Es ist notwendig, noch mehr zu tun", sagte Jain bei einer Konferenz in Berlin. Zugleich hob Jain die Rolle der Europäischen Zentralbank (EZB) hervor. Einige der letzten Schritte der EZB würden unterstützt, wenn in Entsprechung die Krisenländer das Notwendige täten. Die Krisenländern bräuchten mehr Zeit, es bestehe aber die Möglichkeit, dass die Märkte den Südländern nicht die nötige Zeit zur Verfügung stellten.

In den vergangenen zwölf Monaten sei die Wahrscheinlichkeit eines Bankrotts in Italien um 40 bis 50 Prozent gestiegen, sagte Jain mit Blick auf die Renditeaufschläge. Das sei "ungeheuerlich hoch". Daher bedürfe es einer starken Institution, denn die Volkswirtschaften Spaniens und Italiens stünden eigentlich auf gesunden Füßen, sagte der Co-CEO der Deutschen Bank. Auch die Beteiligung des Internationalen Währungsfonds (IWF) sei wichtig.
RiskNET Redaktion/28.08.2012 20:39
+++ Studie: Krisenländer der Eurozone machen Fortschritte - Zeitung +++

In den Krisenländern der Eurozone zeichnen sich erste Erfolge der Reformbemühungen ab. In einer für die Financial Times Deutschland (FTD) erstellten Studie lobt der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) die Fortschritte der Staaten an Europas Peripherie: "Die Lohnstückkosten sind in Irland, Griechenland, aber auch Spanien spürbar gesunken. Fast überall gehen die Defizite bei den Handelsbilanzen deutlich zurück", sagte DIHK-Referatsleiter Ilja Nothnagel.

Komme es nicht zu einem Rückschlag in der Schuldenkrise, könnte sich Europa damit noch zum Hoffnungsträger für die Weltwirtschaft entwickeln, schreibt die Zeitung. In den USA befürchten Ökonomen für 2013 eine schwache Konjunktur, weil dort zum Jahreswechsel Steuererhöhungen in Kraft treten. Auch von den Schwellenländern sind aktuell kaum Impulse zu erwarten. Im Vergleich dazu stehe Europa nach den aktuellen Strukturreformen erstaunlich gut da, heißt es von der FTD.

Die Krisenstaaten seien bei den Reformen schon viel weiter als oft wahrgenommen werde. "Die Eurozone hat den größten Teil ihrer strukturellen Hausaufgaben bereits erledigt", sagte Folker Hellmeyer, Chefökonom bei der Bremer Landesbank. So seien etwa die Lohnstückkosten Griechenlands - ein Indikator für die Wettbewerbsfähigkeit - seit 2010 um rund 15 Prozent gefallen. Die Exporte sind wieder auf das Niveau von 2007 geklettert - bei einer um 27 Prozent geschrumpften Gesamtwirtschaft.

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