Kolumne

Der Krieg in Syrien

Die Türkei und die Doppelmoral

Redaktion RiskNET30.08.2016, 13:45

Die syrische Regierung, der selbsternannte Islamische Staat (IS), Russland, die USA, der Iran und mit ihm die Hisbollah, islamische Gruppen und Kurden. Die genannten Konfliktparteien in Syrien kämpfen direkt oder indirekt um Macht und Einfluss in Syrien. Die Beweggründe sind unterschiedlich und die Front zwischen "Freund und Feind" nicht klar gezogen. Eine bittere Erkenntnis: mehr als fünf Jahre Krieg, mehr als 280.000 Tote, mehr als die Hälfte der Menschen Syriens auf der Flucht. Willkür, Terror, Mord und Vertreibung sind an der Tagesordnung und es ist kein Ende in Sicht. Nun hat sich die Türkei direkt in den Krieg eingemischt – wie alle anderen Kriegsparteien mit einer Doppelmoral im "Kriegsgepäck".

IS und Kurden im Fadenkreuz

Laut Lesart der türkischen Regierung liegt das Hauptinteresse des militärischen Engagements in Syrien darin, "die türkische Grenzregion von Terrorgruppen zu säubern, die Sicherheit entlang der Grenze zu verbessern und Syriens territoriale Integrität zu sichern", so "Spiegel Online". Und "Zeit Online" zitiert den türkischen Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu mit den Worten: "Unsere Grenze muss vollständig von Daesh (IS) gesäubert werden".  So sei es das "ganz natürliche Recht" des Landes, "diese Terrororganisation bei uns und im Ausland zu bekämpfen". Mit "Terrororganisation" meint die Türkei vordergründig den IS, macht aber auch keinen Hehl daraus, die kurdischen Verbände entlang der Grenze anzugreifen. Mit anderen Worten: Der Kampf gegen den IS kommt der Türkei gerade recht, um mit der "Operation Schutzschild Euphrat" das wahre Ziel stärker ins Visier zu nehmen. Es geht der türkischen Regierung um die erstarkten Kurden, deren Autonomiebestrebungen und deren Kampf für einen eigenen Staat.
Im Fadenkreuz der Türkei stehen dabei die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG). Diese Verbände sind Ankara seit geraumer Zeit ein Dorn im Auge, gerade weil die kurdischen Einheiten fast das komplette Grenzgebiet zur Türkei unter ihre Kontrolle gebracht haben. Für die Türkei wäre ein eigenständiger kurdischer Staat in Nordsyrien ein Albtraum. Denn neben der direkten Nachbarschaft zu einem kurdischen Staat, würde auch die kurdische Bewegung um die PKK in der Türkei selbst weiteren Auftrieb erhalten. Beides – den "Feind" in direkter Nachbarschaft und im eigenen Land – möchte die türkische Regierung unter allen Umständen verhindern.

Terroristen lange geduldet, Politik des Wegsehens

Erstaunlich ist die Entschlossenheit, mit der Ankara seine Militäroffensive auf syrischen Gebiet durchführt. Mit harter Hand geht das türkische Militär gegen die Kurden vor, wo es zuvor beim IS nur bei Drohungen und Lippenbekenntnissen blieb. "Spiegel Online" hierzu: "Drei Jahre lang duldete die Türkei die Präsenz des IS direkt hinter dem Grenzzaun (…)". "Zeit Online" fügt an: "Viele Experten charakterisieren das Verhalten der türkischen Regierung als eine "Politik des Wegsehens" in Bezug auf den IS und andere dschihadistische Gruppen.“ In einem Interview mit dem "Deutschlandfunk" aus dem vergangenen Jahr sagte der Friedensforscher Jochen Hippler: "Wir haben auf jeden Fall belastbare Informationen, dass es über die türkische Grenze Kämpfer und auch Waffenlieferungen gegeben hat, schon relativ früh, es ist nicht so ganz klar, ob die türkische Regierung und das türkische Militär gezielt IS-Kämpfer damit unterstützt haben oder ob sie einfach insgesamt relativ locker alle möglichen anti-Assad-, anti-syrischen Regierungskämpfer unterstützt haben und gar nicht immer wussten, an wen dann halt die Waffenlieferung zum Schluss ging."
Trotz vieler Informationen, Halbwahrheiten und Propaganda hier wie dort zeigt sich, dass die Türkei in Falle der Syrienpolitik eine Doppelmoral an den Tag legt. Waren IS, Assads Armee und die vielen Gruppen untereinander in Kämpfe verwickelt, musste sich die türkische Regierung keine Sorgen machen. Die Konfliktparteien waren zu sehr mit sich beschäftigt und kurdische Militäreinheiten in der Defensive. Nun, da sich das Blatt wendet, die Kurden erstarken (mit der Gefahr eines eigenen Staates) und sich die syrische Regierung dank Russlands Militärhilfe an der Macht halten kann, interveniert die Türkei.

Im Grunde zeigt sich an dieser Facette des Krieges in Syrien die ganze Verlogenheit, mit der Konflikte auf allen Kanälen und von allen Kriegsparteien ausgetragen werden. In diesem Zuge schrieb "Spiegel Online" jüngst davon, dass  Papst Franziskus vielen Staaten im Syrienkonflikt eine unaufrichtige Friedensrhetorik vorwerfe. "Während die Menschen leiden, werden unglaubliche Geldbeträge für Waffenlieferungen an die Kämpfer ausgegeben", so das Magazin, das sich auf eine Videobotschaft des Papstes berief.

[ Bildquelle: © charnsitr - Fotolia.com ]


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