Interview

Interview mit Prof. Dr. Michael Huth

Die Risikolandkarte der Logistikbranche

Redaktion RiskNET18.05.2016, 08:00

Der Logistikstandort Deutschland steht vor gewaltigen Herausforderungen. Die Branche plagen nicht nur fehlende Fahrer, sondern auch Konkurrenz- und Termindruck, geringere Margen und eine schnelllebige Just-in-time-Lieferung. Hinzu kommen immer schlankere Prozesse in den Lieferketten und veränderte Rahmenbedingungen durch neue Stadt- und Umweltauflagen. Prof. Dr. Michael Huth, Professor für Logistik und Supply Chain Management an der Hochschule Fulda, sprach in einem Interview über mögliche Wege und Konzepte für die Logistikbranche von heute und morgen. Es zeigt sich: Kooperationen und Geoinformationen im Verbund mit Wissenschaft und Forschung sind wichtige Eckpfeiler.

Das Bundesministerium für Verkehr und Digitale Infrastruktur kommt in einem "Positionspapier" zum "Logistikstandort Deutschland" zu der Erkenntnis, dass die Infrastrukturentwicklung nur bedingt mit dem Mobilitätsbedarf Schritt halten könne. Ein wichtiges Ziel der integrierten Verkehrspolitik sei es, die Infrastruktur intelligenter, effizienter und sicherer zu gestalten und zu nutzen. Nun scheint insbesondere die Strategie "LKWs auf die Schiene" zu bringen gescheitert. Wie sehen Sie die Entwicklungen?

Michael Huth: Wichtig ist aus meiner Sicht, dass zwei Effekte immer stärker in den Vordergrund treten und zwar der Güterstruktur- sowie der Logistikeffekt. Mit ersterem wird die Veränderung der Struktur der transportierten Güter bezeichnet. Tendenziell werden die Güter kleiner, gleichzeitig aber auch hochwertiger. Höherwertige Güter binden Kapital und je länger dieses durch den Transport gebunden ist, umso schlechter ist dies für Unternehmen. Und das, weil Kapitalbindungskosten entstehen und die Liquidität eingeschränkt wird. Daher spricht vieles für den LKW, der Güter schneller und zugleich kleinteiliger ausliefern kann. Der zweite Faktor des Logistikeffekts bezeichnet den Trend zu mehr Just-in-time-Lieferungen. Damit sind eher häufigere Lieferungen mit geringeren Mengen verbunden. Auch in diesem Kontext eignet sich der LKW deutlich besser. Allein diese beiden Trends und ihre immer stärkere Ausprägung führen zu einem vermehrten Anstieg des Lkw-Verkehrs. Letztendlich sind auch die Anforderungen von Privatkunden, online bestellte Produkte möglichst schnell zu erhalten, Treiber des Lkw-Verkehrs. Demgegenüber sind Transporte per Bahn oder Binnenschiff dann sinnvoll, wenn es um relativ große Gütermengen geht, die möglichst direkt und ohne große Unterbrechungen transportiert werden müssen.

Was sind aus Ihrer Erfahrung die Hauptrisiken, denen sich die Logistikbranche verstärkt stellen muss? Auch im Kontext sensibler und zerbrechlicher Zulieferketten, die Unternehmen der produzierenden Branchen bei einem Versagen schnell ins Schlingern bringen können?

Michael Huth: Als Herausforderungen für die Logistikbranche, sprich Logistikdienstleister, sehe ich unter anderem den akuten Fahrermangel in der Branche. Das Logistikumfeld sucht händeringend Nachwuchs sowie Fahrer. Ein schwieriges Unterfangen bei den aktuellen Rahmenbedingungen der Berufskraftfahrer mit langen Arbeitszeiten, Termindruck und teils schlechter Bezahlung. Hinzu kommt der Wettbewerbsdruck, vor allem aus Osteuropa, mit deutlich geringeren Personalkosten. Und diese Konkurrenzsituation fördert nicht gerade den Wunsch als Fahrer in der Logistikbranche tätig zu sein. Ein weiterer Punkt sind die geringen Margen im Standardgeschäft sowie die vielfach bestehende sogenannte Sandwich-Position der der Logistiker zwischen starken Verladern (Auftraggeber für Transport- und Logistikdienstleistungen, Anmerkung der Redaktion) und starken Kunden, beispielsweise in der Automobilindustrie oder dem Handel. Viele Logistikdienstleister reiben sich in dieser Position auf und müssen einem immer stärkeren Druck von beiden Seiten gerecht werden. Ein weiterer Punkt ist das Thema "Lean Management". Das Ziel sind schlanke Prozessketten, möglichst ohne Redundanzen. Unterbrechungen in diesen Lieferketten können hohe Folgekosten für Unternehmen nach sich ziehen.

Dem Betrachter stellt sich vielfach ein Flickenteppich an Maßnahmen und Projekten in der Infrastrukturplanung dar. Welche Konzepte und Maßnahmen braucht es Ihrer Meinung nach, um die Logistikbranche in puncto Verkehrsplanung, neuer Stadtentwicklungen und -konzepte zukunftsweisend zu unterstützen?

Michael Huth: Unternehmen verändern in der Regel nur dann etwas, wenn ein gewisser Druck entsteht. Ein gutes Beispiel ist das Thema City-Logistik. Das Thema war Anfang der 1990er-Jahre angesagt. Es entstanden viele City-Logistik-Projekte quer durch die Republik. Aber diese Ideen haben sich nicht etabliert, wobei viele Faktoren hierbei eine Rolle spielten. Angefangen bei Desinteresse das Thema weiterzuverfolgen über mangelnde Einsparmöglichkeiten bis zu einem zu hohen Aufwand für das Thema City-Logistik. Damit schlief das Vorhaben vielfach wieder ein. Das änderte sich vor einigen Jahren mit den verstärkt aufkommenden Restriktionen der Städte in puncto Umweltplakette, neuen Zeitfenstern für Anlieferungen sowie einer immer schwierigeren Parksituation in den Städten. Es zeigt sich plötzlich, dass durch die ersten beiden Punkte, sprich einem ordnungspolitischen Druck plus neuen technologischen Möglichkeiten, wie der Elektro-Lkw, das Thema City-Logistik reanimiert wurde. Ja, das Thema blüht aktuell wieder auf. An diesem Beispiel zeigt sich, wie sich durch eine horizontale Kooperation, also Kooperationen von Unternehmen auf derselben Wertschöpfungsstufe, City-Logistik umsetzen lässt. In der Schlussfolgerung heißt das, Kooperationen sind ein wichtiger Baustein für Veränderungsprozesse im Logistikumfeld.

Und welchen Beitrag können Wissenschaft und Forschung in diesem Gesamtkontext leisten?

Michael Huth: Wissenschaft und Forschung können an dieser Stelle den Know-how-Ausbau vorantreiben, insbesondere bezüglich Modellen und Methoden. Hinzu kommt die unterstützende Funktion bei der konzeptionellen Entwicklung von Logistikvorhaben, inklusive der Erhebung und Dokumentation des Ist-Zustandes. Ein schönes Beispiel für die kooperative Kompetenz ist das "House of Logistics and Mobility", kurz HOLM, am Frankfurter Flughafen. Unter dem "HOLM-Dach" arbeiten Hochschulen und Forschungsinstitutionen gemeinsam mit privatwirtschaftlichen Unternehmen an aktuellen Forschungsthemen im Bereich Logistik und Mobilität zusammen.

Welche Rolle spielen Geoinformationslösungen im Bereich der Logistik- und Zuliefererbranche, um den wachsenden Anforderungen an pünktliche und auch kurzfristige Lieferungen gerecht zu werden?

Michael Huth: Die bestehenden IT-Lösungen sind in der Logistikbranche bereits sehr gut ausgebaut. Wichtig wird es sein, bessere Datenbestände und Informationen über den jeweiligen Bedarf zu erhalten. Das heißt, was wird wo benötigt oder soll wohin geliefert werden. Für Logistiker wird immer entscheidender, Informationen in Echtzeit und georeferenziert zur Verfügung stehen. Der Vorteil ist, dass damit Belieferungen und Retouren im Bereich B2B und B2C noch schneller und auch effizienter gestaltet werden können. In diesem Kontext möchte ich auf das Projekt "Logistikatlas Hessen" verweisen, das ein großes Potenzial in Bezug auf detaillierte und zugleich georeferenzierte Informationen offenlegt (siehe hierzu Infokasten "Logistikatlas Hessen", Anmerkung der Redaktion). Zudem möchte ich noch erwähnen, dass die Bewertung logistischer Infrastrukturen auch Geoinformationen benötigt. In diesem Kontext haben wir jüngst ein Projekt mit dem Namen "Risikomanagement für kritische Infrastrukturen in der Logistik" gestartet. Ziel des Projekts ist es, ein konzeptionelles und prozessuales Vorgehensmodell sowie ein Methodenset zu entwickeln, zu testen, zu validieren und zu etablieren, mit dem sich kritische Infrastrukturen in der Logistik identifizieren und bewerten lassen. Somit zeigt sich, dass der Einsatz von Geoinformationen im Logistikumfeld sowohl für die Wirtschaft als auch Wissenschaft und Forschung einen immer größeren Stellenwert einnimmt.

Prof. Dr. Michael Huth lehrt Logistik und Supply Chain Management an der Hochschule Fulda. Daneben forscht er am House of Logistics and Mobility (HOLM) in Frankfurt am Main. In den vergangenen Jahren lehrte er als Gastdozent unter anderem an der California State University San Bernadino und an der australischen University of the Sunshine Coast. Vor seinem Wechsel in die Hochschullehre war Michael Huth als Geschäftsführer einer Unternehmensberatung mit den Schwerpunkten Logistik und Risikomanagement tätig. Gemeinsam mit Frank Romeike hat er das Buch "Logistik-Risikomanagement" (Springer 2015) herausgegeben.

Logistikatlas Hessen

Im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts "Logistikatlas Hessen" befragten fünf hessische Hochschulen für angewandte Wissenschaften über 40 Experten aus Industrie, Handel, Dienstleistung, Beratung und öffentlichen Institutionen zum Datenmanagement logistischer Aufgaben. Die Ergebnisse zeigen, dass die Datengrundlage für logistische Aufgaben nicht detailliert genug ist sowie in Umfang und Qualität nicht ausreicht. Durch detailliertere Informationsstände ließen sich beispielsweise Kosten und Zeit einsparen. Zudem wäre es mit einer besseren Datenbasis möglich, potenzielle Investoren mit validen Daten zu versorgen. Die kommenden Schritte auf dem Weg zu einem Logistikatlas sehen unter anderem die Erarbeitung eines technischen Konzepts vor sowie ein Betreiber- und Nutzungskonzept.

Weitere Informationen zum Logistikatlas Hessen finden Interessenten unter: www.hs-fulda.de

Hinweis: Das Interview ist jüngst im Fachmagazin gis.Business erschienen. Wir danken dem Verlag für die Möglichkeit der redaktionellen Nutzung.

[ Bildquelle: © Cybrain - Fotolia.com ]


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