News

Schwieriger Umgang mit systemischen Risiken

Die Risiken eines systemischen Dominoeffekts

Stefan Hirschmann10.02.2010, 16:40

Basel II und Solvency II fokussieren vor allem eine Portfoliosicht innerhalb des Banken- bzw. Versicherungssektors. Systemische Risiken, etwa nicht mehr beherrschbare Kettenreaktionen an den Finanzmärkten, wurden in der Vergangenheit weitgehend ausgeblendet. Spätestens die internationale Finanzkrise hat aber offenbart, dass dieses Vorgehen falsch war, denn systemische Risiken verfügen in Wahrheit über ein extrem hohes Schadenspotenzial. Ihr Eintritt ist rein statistisch äußerst selten, doch wenn dies Risikokategorie schlagend wird, sind die Folgen umso destruktiver. Systemische Risiken beschreiben im Gegensatz zu Einzelrisiken jene Gefahren, die eine sich selbst verstärkende, krisenhafte Dynamik annehmen können. Sie durchziehen weite Teile von Wirtschaft und Gesellschaft, ohne in ihrer gesamten Komplexität wahrgenommen zu werden. Ihre besondere Brisanz gewinnen systemische Risiken dennoch nicht allein aus den direkten physischen Schäden, die sie verursachen. Es sind vielmehr die weit reichenden Wirkungen in zentralen gesellschaftlichen Systemen, insbesondere in der Finanzindustrie, die den Umgang mit diesem Risikotyp schwierig und zugleich dringlich machen.

Während es vergleichsweise leicht ist, einzelne Risiken zu identifizieren und Handlungsmaßnahmen zu entwickeln, ist dies bei systemischen Risiken deutlich schwieriger. Hier spielt der Umgang mit Unsicherheit eine wichtige Rolle, wodurch der Ansatz der Risikovorsorge an Gewicht gewinnt. Doch ist dies überhaupt möglich? "Aus systemischen Risiken kommen wir nicht heraus", sagt Prof. Dr. Thomas A. Lange (Foto unten), Vorstandschef der Essener National-Bank AG. Eine Kreditwirtschaft sei geradezu gekennzeichnet, dass sie systemisch sei. Grundsätzlich müsse sich auch die Öffentlichkeit der Erkenntnis hingeben, dass Risiken bestehen, die nicht ausgeschlossen werden können. "Dies ist spätestens seit der Herstatt-Pleite bekannt", so Lange vor Branchenvertretern im Rahmen des Düsseldorfer Finanz Forums (DFF). Zur Erinnerung: Die I. D. Herstatt KGaA war eine Kölner Privatbank, die zuletzt im Besitz von Iwan David Herstatt war. Im Juni 1974 wurde sie infolge von Devisenspekulationen insolvent. Ihr Zusammenbruch war die damals größte Bankenpleite der deutschen Nachkriegsgeschichte. In der Folge des Herstatt-Konkurses gründeten die deutschen Banken den Einlagensicherungsfonds, um ihre Sparer vor den Folgen einer Banken-Insolvenz zu schützen, dem Komplettverlust ihrer Einlagen. Als am 27. Juni 1974 Herstatt die Eröffnung des Vergleichsverfahrens wegen Überschuldung beantragte, kam es noch am gleichen Tag in Köln zu Tumulten am Hauptsitz auf der Straße Unter Sachsenhausen. Die Polizei musste das Gebäude sichern, die deutschen Aktienkurse fielen ins Bodenlose.

Nach Ansicht des des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage der Bundesrepublik stellen systemische Risiken eine negative Externalität dar und können ähnlich wie in der Umweltökonomie als eine Art von Verschmutzung oder negativer Beeinträchtigung anderer verstanden werden: So wie ein Autofahrer die negativen Effekte des Gebrauchs seines Fahrzeugs auf die Umwelt zu wenig berücksichtigt, lässt ein Finanzinstitut die Auswirkungen seiner Geschäftspolitik auf die Stabilität des Finanzsystems außer Acht. Bei dieser Externalität stellt sich das Problem, dass die möglichen externen Kosten mit der Größe einer Bank zunehmen. Finanzmarktakteure haben sogar einen Anreiz, besonders groß und damit systemisch zu werden, da so die Wahrscheinlichkeit zunimmt, dass im Schadensfall ein Teil der privaten Kosten von der Allgemeinheit getragen wird. Die Lösung sehen die Sachverständigen darin, diese externen Effekte durch Regulierung zu internalisieren. Im Kern der Diskussion steht eine Zerschlagung großer und komplexer Finanzinstitute. Diese Grundidee – durch US-amerikanische Protagonisten in jüngerer Zeit mehrfach vorgetragen – besteht darin, Finanzinstitute von staatlicher Seite so in ihren Aktivitäten zu begrenzen, dass ein Ausfall einfach hingenommen werden könnte, da keine inakzeptabel hohen Kosten für die Gesellschaft entstehen würden. Solche extremen Maßnahmen lassen sich unter der Maßgabe „If a bank is too big to fail, it is too big“ zusammenfassen.

Doch greift dieser Ansatz nach Meinung von Thomas Lange zu kurz. Als Beleg führt der Bankchef das Beispiel der Düsseldorfer Hypothekenbank (DHB) ins Feld, deren Aufsichtsrat er ebenfalls vorsitzt. Ende Juni 2009 wies die DHB eine Bilanzsumme von knapp 25 Mrd. EUR aus. Im jährlich von der Zeitschrift "die bank" veröffentlichten Ranking der größten deutschen Kreditinstitute in Deutschland steht das Institut damit auf Platz 43. "Und trotzdem ist die Düsseldorfer Hypothekenbank systemrelevant – wegen des Pfandbriefs", so Lange. Pfandbriefe gelten international als extrem sicher und sind ein Aushängeschild deutscher Finanzinnovationen. Die DHB vergibt vor allem Kredite an Kommunen und refinanziert sich über Pfandbriefe. Sollte das Institut in die Knie gehen, besteht die Gefahr eines systemischen Dominoeffekts. Die Kredite müssten dann mitsamt Sicherheiten und Refinanzierung von anderen Instituten übernommen werden, um eine reibungslose Weiterführung zu gewährleisten. Doch was, wenn dazu kein Institut willens oder in der Lage ist? Das Vertrauen in Emittent und Markt wäre gestört, die Kurse würden sinken, weil neue Investoren für das gestiegene Risiko eine höhere Rendite verlangen. Dies träfe auch viele Privatanleger, die nicht direkt, sondern indirekt beispielsweise über Rentenfonds Anteile an solchen Papieren halten. Ein klassisches Systemrisiko, weshalb die Banken mit vereinten Kräften alles versuchen, um Schaden vom Pfandbrief abzuwenden. Und wenn es das Auffangen einer ganzen Bank ist. "Systemrelevanz gibt es für Märkte, Kundengruppen oder Refinanzierungsmodelle eines Instituts", weiß Lange. Aufgrund einer arbeitsteiligen Wirtschaft seien Banken auf Systeme angewiesen. Das Systemrisiko ist diesem Geschäft quasi immanent.


[Bildquelle: iStockPhoto]



Kommentare zu diesem Beitrag

Markus/10.02.2010 23:52
Mit welchem Selbstverständnis stellen sich Banken usw. heute dar, dass Sie glauben ihre Geschäftstätigkeit sei im Ganzen systemrelevant.
Und wer soll im Schadensfall dafür geradestehen??? Richtig,...

Jetzt geht der nächste Lobby-Trend los:

Jeder ist systemrelevant.... Denkt doch an die Sparer!!!! blablabla, nur damit man seiner kaputten Geschäftstätigkeit nachgehen kann

Jeder soll beliebig investieren dürfen. Aber bitte auf eigene Kosten.

To Big to Fail --> Too big !!!

Es geht nicht nur um die Frage systemrelevant, sonden Risiko.

Haftende EK-Quote ab 25% aufwärts, wäre schon mal ein Anfang.
Jean/11.02.2010 08:40
Nun ja, Politiker behaupten ja auch, dass Opel systemrelevant sei - was ein Schwachsinn ;-( Wirklich systemrelevant sind die vielen kleinen Mittelständler, die das Rückgrat der Wirtschaft darstellen. Ohne die würde es nämlich auch keine Banken geben. Leider ist die Arroganz bei vielen Banken wieder zurückgekehrt. Und leider haben die meisten Banker immer noch nicht verstanden, was in den letzten 3 Jahren auf den Märkten passiert ist. Daher können wir zur Zeit auch den Kampf zwischen Banklobbyisten und Regulierern beobachten. Möglicherweise rächt sich jetzt die Politik des großen Retters ... vielleicht hätte man ein paar Banken in die Pleite verabschieben sollen. Dann wäre der Markt bereinigt und die noch wenigen existierenden Banken würden etwas demütiger und selbstkritischer ihr Geschäft betrachten.
Sabine/11.02.2010 08:54
das groteske an der ganzen sache ist doch, dass die politik der billigen geldes der ausloser war und die marktteilnehmer erst zu zockern gemacht hat. die gleiche politik des billigen geldes bekaempft nun die krise ... und produziert dabei schon die naechste krise. fundamental hat sich am geschaeft und an den finanzmaerkten leider nicht viel getan ... es wird weiter fleissig gezockt und hase und igel mit den regulatoren gespielt, die die finanzwelt leider auch noch nicht ganz verstanden haben.

Themenverwandte Artikel

Studie

Qualitative Evaluationsstudie

Risikomodellierung, Predictive Analytics und Big Data

Frank Romeike | Stefan Trummer19.06.2018, 08:07

Das Banken- und Versicherungsumfeld ist seit vielen Jahren im Umbruch. Dazu haben in nicht unerheblichem Maße die Aufsichtsbehörden und Standardsetter beigetragen. Wurden bis Mitte der 2000er...

Interview

Mundus vult decipi

Was tun mit Fake News?

Redaktion RiskNET06.06.2018, 14:24

Wahrheit oder Lüge? Wer kann das in unseren digitalen Zeiten noch beantworten? Umso wichtiger sind klare Parameter und ein methodisch sauberes Vorgehen, um Fake News zu enttarnen. Dafür plädiert...

Kolumne

Machine Learning-basierte Klassifikation von Marktphasen

Krisen frühzeitig identifizieren

Dimitrios Geromichalos [RiskDataScience]23.05.2018, 12:30

Wie in der Vergangenheit immer wieder beobachtet werden konnte, verhalten sich Märkte oftmals irrational und zeichnen sich – neben dem "Normal-Zustand" – durch Phasen im Krisen- und...

Kolumne

Geopolitik und Ökonomie

Über den Einfluss politischer Krisen

Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.16.05.2018, 11:45

Mehr als sonst ist in den Börsenkommentaren in diesem Jahr nicht nur von ökonomischen Faktoren die Rede. Immer mehr Raum wird den politischen Krisenherden in der Welt eingeräumt. Da geht es um Iran...

Kolumne

CFO Survey Frühjahr 2018

Fachkräftemangel und Protektionismus dominieren Risikolandkarte

Redaktion RiskNET11.05.2018, 14:32

Der Deloitte CFO Survey reflektiert die Einschätzungen und Erwartungen von CFOs deutscher Großunternehmen zu makroökonomischen, unternehmensstrategischen und finanzwirtschaftlichen Themen sowie...