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RiskNET Kolumne Februar 2011

Die Notwendigkeit von Krisen

Dr. Michael Buttler28.01.2011, 07:00

Ein kurzer Blick in die aktuellen Medien zeigt, dass der Schock über die gerade erst überstandene Krise vielen noch tief in den Knochen steckt. Jetzt entwickeln sich hitzige Diskussionen über zu treffende Maßnahmen, um derartige Entwicklungen zukünftig zu vermeiden. Dabei werden auch schnell Schuldige ausgemacht, auf deren Konto die Krise gebucht wird.

Wir wollen an dieser Stelle etwas zurücktreten und über die dramatischen Ereignisse, die ohne Zweifel viele Werte vernichtet haben, reflektieren. Gibt es vielleicht auch positive Aspekte?

Zunächst wollen wir an dieser Stelle den Begriff "Krise" näher eingrenzen und mit Leben füllen: dabei handelt es sich um die Zuspitzung einer gefährlichen Situation, die mit der dringenden Notwendigkeit von Handlungsentscheidungen einher geht. In der Regel sind damit massive negative Auswirkungen auf breiter Front verbunden.

Die gerade erst erlebte Krise wird oft auch als "(Finanz)Marktkrise" umschrieben. Streng genommen handelt es sich um eine Ansammlung und Verschränkung diverser Krisen. Es begann mit der Subprime-Krise, entwickelte sich zu einer Vertrauens- und Liquiditätskrise und gipfelte in der Finanzmarkt-/Bankenkrise sowie der Staatenkrise.

Der Markt: das unbekannte Wesen

Bevor es um die aktuelle Krise geht, sollen einige Charakteristika des Finanzmarkts in aller Kürze beleuchtet werden. Er ist ein hochgradig komplexes, reflexives System. Die verschiedenen Beschreibungs- und Erklärungsansätze können stets nur einen bestimmten Aspekt einigermaßen zuverlässig widergeben. Dies mag man beklagen und versuchen, immer ausgefeitere Theorien zu entwickeln, lösen wird man dieses Problem dadurch aber nicht. Von Bedeutung ist dabei, die Anwendungsbereiche der einzelnen Ansätze genau zu kennen und die Ergebnisse entsprechend zu interpretieren.

Als Beispiel seien hier kurz die allgemein üblichen Grundannahmen an die Funktionsweise des Marktes angeführt. Diese resultieren aus theoretischen Überlegungen, sind aber schlicht unzutreffend:

  • Es gibt keinen effizienten Markt.
  • Es gibt Informationsasymmetrien sowie Verzögerungen beim Informationsaustausch.
  • Das Verhalten der Marktteilnehmer ist nicht rational; den Homo oeconomicus gibt es nicht.
  • Und nicht zu vergessen: der Markt ist kein naturwissenschaftliches Objekt, sondern ein soziales, hoch-komplexes System.


Diese skeptischen Anmerkungen an die Beschreib- und Beherrschbarkeit des Finanzmarktes sollen nicht als Kapitulation verstanden werden, vielmehr geht es darum, die psychologischen Fallen aufzuzeigen und geeignete Auswege zu finden. Auch das partielle Verständnis kann von immenser Bedeutung sein.

Wie entstehen Krisen?

Der Finanzmarkt ist ständig in Bewegung. Und glücklicherweise befindet er sich die meiste Zeit in einem einigermaßen geordnetem Zustand – eine Art dynamisches Gleichgewicht. In solchen Zeiten entsteht gelegentlich der Eindruck, als ließen sich zutreffende Voraussagen machen und gewünschte Ergebnisse herbeiführen. Natürlich versucht jeder Marktteilnehmer stets, möglichst clever zu sein und die besten Ergebnisse zu erzielen. Diese Stabilität ist aber trügerisch, denn es braucht keine großen Impulse, um das Gesamtsystem aus der Bahn zu werfen: zunächst ist kaum etwas spürbar, doch nach und nach schaukeln sich die destabilisierenden Effekte auf und führen schließlich zu einer krisenartigen Situation. In einem solchen Zustand ist der Markt praktisch nicht mehr beherrschbar. Schnell kommt es zu großer Verunsicherung oder sogar panikartigen Reaktionen, was wiederum zu noch größerer Destabilisierung führt.

Die Krise ist da – was nun?

Ist die Krise erst da, heißt es, einen kühlen Kopf zu bewahren. Grundsätzlich kann man sich entscheiden,

  • passiv zu bleiben und den Dingen ihren Lauf zu lassen,
  • oder entschlossen einzugreifen.


Die erste Möglichkeit des Abwartens und Aussitzens ist oftmals eine sehr schmerzvolle Angelegenheit und widerstrebt auch der menschlichen Natur. Wer möchte sich einer bedrohlichen Situation schon wehrlos ausliefern?

Die Alternative des aktiven Handelns eröffnet zumindest die Chance etwas zu tun. Aktionismus ist dabei jedoch hinderlich und verschärft die Problematik eher noch. Wichtig ist hier nun ein solides Krisenmanagement:

  1. Anerkennen und Benennen der Krise als solche.
  2. Ergreifen kurzfristiger, einschneidender Maßnahmen zur Beruhigung. Diese müssen nicht im Zusammenhang mit den Ursachen stehen und sind rein symptombezogen.
  3. Schnelle, aber eingehende Analyse der Ursachen bzw. Fehlentwicklungen, die zur Krise geführt haben.
  4. Ableitung von Maßnahmen zur Behebung der identifizierten Schwachstellen und Fehler nach durchstandener Krise. Dies wird nicht immer gelingen, sollte aber redlich versucht werden.


In der Finanzmarktkrise dauerte es einfach zu lange, diese als solche anzuerkennen und schnell Stabilisierungsmaßnahmen zu ergreifen. Erinnern wir uns an die oft auch sehr emotional geführten Diskussionen über die diversen Stützungsmaßnahmen. Viel Zeit und Energie wurde in dieser frühen Phase auf die Suche nach Schuldigen verschwendet, auch wenn dieses Handeln nur allzu gut nachvollziehbar ist.

Welche Funktion haben Krisen?

Krisen zeigen mit aller Wucht Schwachstellen und Fehler des Systems auf. Dies kann man vielleicht als konstruktiven Aspekt von Krisen sehen. Aufgrund der extremen Komplexität und der Irrationalität des Finanzmarktes wird es immer wieder zu krisenartigen Situationen kommen. Ein Versuch, diese grundsätzlich auszuschließen, muss zum Scheitern verurteilt sein.

Die Frage nach der Funktion oder gar dem Nutzen von Krisen mutet vielleicht etwas befremdlich an, aber in gewissem Sinne können Krisen als Beschleuniger von Transformations- und Umgestaltungsprozessen gesehen werden. Manchmal bedarf es auch Krisen, um bestimmte Entwicklungen überhaupt voranzutreiben, alte, lieb gewonnene Zöpfe abzuschneiden und neue Wege zu gehen. Die dafür erforderliche Entschlossenheit oder auch den Mut findet man im ruhigen Fahrwasser nicht immer.

In der Nachbetrachtung kann eine Krise somit auch positive Entwicklungen bewirkt haben. Da Krisen nicht vermieden werden können, ist ein konstruktiver Umgang zusammen mit einem soliden Krisenmanagement die beste Herangehensweise. So können die negativen Auswirkungen zumindest einigermaßen eingedämmt werden. Ob es gelingt, auch die Finanzmarktkrise konstruktiv zu nutzen, wird die Zukunft zeigen.

Bei allen Ungewissheiten eines ist sicher: die nächste Krise kommt bestimmt – und sie ist sogar notwendig.



Autor:

Dr. Michael Buttler ist Geschäftsführer bei Buttler Consulting, München. Internet: www.buttler-consulting.de





[Bildquelle oben: iStockPhoto]




Kommentare zu diesem Beitrag

Frank/31.01.2011 04:56
Sehr guter Text. Glückwunsch. Erinnert mich an die alten Kondratjew-Zyklen, der Theorie der langen Wellen. Und auch Schumpeter hatte diesen Effekt bereits in seinem Buch "Business Cycles" im Jahr 1939 beschrieben.
Man könnte auch Friedrich Nietzsche zitieren (aus "Zarathustra": Wer ein Schöpfer sein will im Guten und im Bösen, der muss ein Vernichter sein und Werte zerbrechen.
So ist das eben auch bei Krisen ...

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