Rezension

Warum sich Geschichte wiederholt

Die großen Crashs 1929 und 2008

Redaktion RiskNET07.07.2015, 10:53

Dauerkrise in der Euro-Zone. Doch die Politik verspricht uns weiterhin, dass sie alles im Griff hat. Durchwursteln heißt nicht selten die Devise. Hierbei fällt auf, dass Staatspleiten insbesondere von Politikern und Ökonomen als singuläre und besondere Ereignisse betrachtet werden. Die erstaunt. Denn bereits in ihrem im Jahr 2009 veröffentlichten Buch "Dieses Mal ist es anders" (This time is different) zeigten die Ökonomen Rogoff und Reinhart auf, dass sich allein in der Zeit seit 1800 rund 320 Staatsschuldenkrisen ereignet haben. Allein Frankreich kann zwischen 1558 und 1788 acht Staatsbankrotte verbuchen. Spanien kommt in dem Zeitfenster von 1557 bis 1647 auf sechs Staatspleiten. Damit widerlegen die Autoren die nicht selten anzutreffende These, dass Finanzkrisen vor allem ein Produkt der Gegenwart seien.

Doch was hat die Politik und Ökonomie aus der Geschichte gelernt? Leider nicht besonders viel. Der Kern des "Dieses Mal ist alles anders"-Syndroms ist einfach. Er besteht in der festen Überzeugung, dass Finanzkrisen nur anderen Menschen in anderen Ländern und zu anderen Zeiten passieren. Jetzt, hier und bei uns kann es keine Krise geben. Wir machen alles besser, wir sind klüger, wir haben die besten Methoden und wir haben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. So die Theorie. Die Praxis zeigt ein anderes Bild.

Barry Eichengreen, Professor für Ökonomie und Politologie an der University of California in Berkeley, liefert mit seinem Buch "Die großen Crashs 1929 und 2008 – Warum sich Geschichte wiederholt" eine fundierte Analyse der beiden größten ökonomischen Katastrophen in den letzten 100 Jahren – die Weltwirtschaftskrise in den 1930er-Jahren und die Finanzkrise seit 2008. Der renommierte Ökonom zeigt auf, dass beide Krisen einander wie ein Ei dem anderen gleichen. Beide entstanden infolge eines krassen Kreditbooms, dubioser Bankpraktiken sowie eines fragilen Finanzsystems. Und doch beriefen sich die Entscheidungsträger auf die falschen Lektionen, sodass die Krise nach mehr als sechs Jahren noch immer nicht ausgestanden ist.

Das Buch von Eichengreen beschreibt die Ereignisse, die solche Krisen verursachen. Es  zeigt außerdem auf, warum Regierungen und Märkte so reagieren, wie sie es tun. Weil die große Rezession von 2008 und 2009 so auffällig den Mustern der 1930er-Jahren ähnelten, lieferte diese Erinnerung an die Vergangenheit eine Art Objektiv, durch das man sie betrachten konnte.

In den 1930er-Jahren unterlagen die Regierungen der Verführung des Protektionismus. Sie ließen sich von einem veralteten ökonomischen Dogma leiten, kürzten ihre öffentlichen Ausgaben zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt und versuchten, ihre Budgets ins Gleichgewicht zu bringen, als stimulierende Investitionen notwendig gewesen wären. Es machte keinen Unterschied, ob die betreffenden Politiker Englisch sprachen, wie Herbert Hoover, oder Deutsch, wie Heinrich Brüning. Ihre Maßnahmen verschlimmerten nicht nur den Niedergang, sondern sie scheiterten sogar an der Aufgabe, das Vertrauen in die öffentlichen Finanzen wiederherzustellen. Die Zentralbanker hielten an der Idee fest, dass sie nur so viele Kredite bereitstellen müssten, wie es für die legitimen Bedürfnisse der Unternehmen erforderlich war. Sie gewährten mehr Kredite, wenn die Wirtschaft expandierte, und weniger, wenn es einen Rückgang gab, womit sie Booms und Krisen noch verstärkten. Sie vernachlässigten ihre Verantwortung für finanzielle Stabilität und schritten nicht als Kreditgeber in Notfällen ein. Das Ergebnis war ein sprunghaftes Ansteigen von Bankenpleiten und ein verkümmerndes Kreditgeschäft.

Da die Verantwortlichen die Lektionen aus dieser früheren Episode gelernt hatten, gelobten sie, es diesmal besser zu machen. Wenn damals die Welt in Deflation und Depression gestürzt war, weil ihre Vorgänger weder die Zinsen gesenkt noch die Finanzmärkte mit Liquidität geflutet hatten, würden sie diesmal mit einer expansiven Geld- und Finanzpolitik reagieren. Wenn die Finanzmärkte zusammengebrochen waren, weil ihre Vorgänger panische Anstürme auf die Banken nicht verhindert hatten, würden sie auf ganz entschiedene Weise mit den Banken umgehen. Wenn Bemühungen, den Staatshaushalt auszugleichen, den Niedergang in den 1930er-Jahren verstärkt hatten, würden sie finanzielle Anreize schaffen. Wenn der Zusammenbruch der internationalen Kooperation die Probleme der Welt verschlimmert hatte, würden sie persönliche Kontakte und multilaterale Institutionen nutzen, um sicherzustellen, dass es diesmal eine angemessene Koordination politischer Maßnahmen gab. Als Resultat dieser ganz anderen Reaktionen erreichte die Arbeitslosenquote in den USA 2010 einen Spitzenwert von 10 Prozent. Das war immer noch besorgniserregend hoch, aber die Quote lag doch weit unter den katastrophalen 25 Prozent während der großen Depression. Hunderte Banken gingen pleite, aber nicht Tausende. Es gab viele Verwerfungen an den Finanzmärkten, aber deren völliger und äußerster Kollaps wie in den 1930er-Jahren wurde mit Erfolg abgewendet. Weil die politischen Maßnahmen besser waren, fielen die sozialen Verwerfungen, die Schmerzen und das Leid geringer aus.

"Es mangelt ja nicht an Parallelen. In den 1920er-Jahren gab es in Florida einen Grundstücksboom und auch einen Boom im Bereich der Gewerbeimmobilien im Nordosten und im mittleren Norden der USA," analysiert Ökonom Eichengreen, "die eine starke Ähnlichkeit mit den enormen Preisanstiegen der Immobilien in den USA, Irland und Spanien im frühen 21. Jahrhundert aufwiesen. Es gab einen starken Anstieg der Aktienbewertungen bei Unternehmen aus dem Bereich der Informationstechnologie; Radio Corporation of America (RCA) in den 1920er-Jahren, Apple und Google 80 Jahre später."

Das monumentale Werk von Barry Eichengreen  gliedert sich in vier Hauptblöcke:

  • Teil 1: Die beste aller Zeiten,
  • Teil 2: Die schlechteste aller Zeiten,
  • Teil 3: Auf dem Weg zu besseren Zeiten,
  • Teil 4: Das nächste Mal vermeiden.

Insbesondere beim Gliederungspunkt "Das nächste Mal" werden viele Leser Lösungsvorschläge zur Vermeidung einer nächsten Krise erwarten. Doch Eichengreen zeigt im Wesentlichen auf, warum es so wichtig wie auch schwierig ist, aus der Geschichte zu lernen. "Wir können Risiken erkennen, aber wir können Krisen nicht exakt vorhersagen", bestätigt Eichengreen.

Wäre das Buch bereits vor dem Jahr 2008 erschienen, so hätten viele Leser eine Antwort auf die Frage von Königin Elisabeth II. anlässlich eines Besuchs der London School of Economics gehabt. "Warum hat das niemand kommen sehen?", fragte sie die versammelten Experten.  Sechs Monate später schickte eine Gruppe prominenter Wirtschaftswissenschaftler der Königin einen Brief und entschuldigte sich für "den Mangel an kollektiver Fantasie". Dabei hätte ein Blick in die Geschichte auch eine Antwort geliefert.



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