Rezension

Eine tragische Komödie

Die Finanzkrise

Christoph A. Horst21.07.2015, 11:12

Ein Buch über die Finanzkrise und ihre Ursachen anno 2015 mutet zunächst verspätet an. Allerdings thematisiert Veit Etzold nicht nur die vorangehenden Ereignisse und die Krise selbst, sondern auch die sich anschließende sogenannte Staatsschuldenkrise mit ihren Auswirkungen. Somit bietet das Buch einen durchaus hohen Grad an Aktualität.

So oder so ähnlich könnte das Gespräch tatsächlich verlaufen sein. Dieser Gedanke kommt dem Leser gleich zum Auftakt des Buches im Jahr 2007 während des Telefonats zwischen dem Vorstandvorsitzenden der Deutschen Bank Josef Ackermann und dem Präsidenten der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen Jochen Sanio über die dramatische Lage der deutschen Industriebank IKB. Politiker, Zentralbankpräsidenten, Regulatoren, Bankvorstände, institutionelle Investoren und Hedgefondsmanager treffen im Rahmen fiktiver Unterhaltungen aufeinander. Diese Dialoge sind äußerst unterhaltsam und gleichzeitig gespickt mit fundierten Hintergrundinformationen.

Ausgangspunkt der Schilderung der Finanzkrise ist der Anstieg des Gewichts der Branchen Finanzen, Versicherungen und Immobilien an der Volkswirtschaft der USA in den 80er und 90er Jahren. Die Politik in Person von Präsident Jimmy Carter forciert den amerikanischen Traum in Form eines Eigenheims auch für einkommensschwache Amerikaner über den Community Reinvestment Act. Präsident Bill Clinton setzt den Kurs der "Ermunterung" der Immobilienkreditvergabe von Banken an Geringverdiener fort.

Hypothekenfinanzierer vergeben Kredite an eben jene Geringverdiener und verbriefen diese mittels spezieller Zweckgesellschaften zu forderungsbesicherten Wertpapieren. Investmentbanken fungieren als Helfer bei der Strukturierung dieser Wertpapiere und bei deren Vertrieb an Anleger. Hinzu kommt die Rolle der Ratingagenturen bei der bonitätsmäßigen Einstufung dieser Wertpapiere. Die positive Wertentwicklung am US-Häusermarkt wiegt alle Beteiligten inklusive der Hauseigentümer in Sicherheit. Die Hausbesitzer in den USA verschulden sich über die Maßen.

Doch dann kehrt sich diese Entwicklung um. Erstes größeres Opfer der Finanzkrise in den USA ist Bear Stearns. Nach der Pleite zweier Hedgefonds mit Investments in diese forderungsbesicherten Wertpapieren erlebt die Investmentbank eine Vertrauenskrise. Sie ist in Folge von Gerüchten über Liquiditätsprobleme gezwungen einem durch die New Yorker Fed orchestrierten Kauf durch den Konkurrenten J. P. Morgan im März 2008 zuzustimmen. Die Investmentbank Lehman Brothers hat in Folge von herben Verlusten im dritten Quartal 2008 mit einer ähnlichen Vertrauenskrise zu kämpfen. Die Gerüchte über Liquiditätsprobleme kommen ebenfalls auf, so muss Lehman bestimmte eigene Positionen auflösen und Abschreibungen und damit weitere Verluste erzeugen. In diesem Fall bemüht sich die New Yorker Fed ebenso um eine Lösung durch eine Übernahme, jedoch ohne Erfolg. Die Kapitalmärkte sind höchst verunsichert. In jenem Umfeld gerät ein Versicherer, die American International Group (AIG) ebenfalls ins Straucheln. Die Versicherung hat in großem Maße sogenannte Kreditausfallversicherungen geschrieben. Im Falle eines Kreditereignisses wie dem Ausfall eines Schuldners muss AIG Zahlungen an den Versicherten leisten. Gerade im Zuge einer Vertrauenskrise kommt es häufig zu solchen Kreditereignissen. Zudem hat AIG stark in Anleihen investiert, deren Zinszahlung und Rückzahlung vom US-Häusermarkt abhängt. Der damals größte Versicherer der Welt wird wegen seiner Bedeutung für das gesamte Finanzsystem mittels einer Kapitalspritze von 85 Mrd. US-Dollar verstaatlicht.

Doch Veit Etzold schildert nicht nur das Schicksal dieser drei bedeutenden Verlierer, sondern auch einen "Gewinner" der Finanzkrise. Der Hedgefonds von John Paulson setzt mittels verschiedener Finanzinstrumente auf fallende US-Immobilienpreise. Zunächst erscheint er als Rufer in der Wüste und kann nur wenige Investoren von einem Investment in seinen Hedgefonds überzeugen. Doch ab Sommer 2007 erzielt Paulson mit dem Fonds innerhalb von zwei Jahren einen Zuwachs von fast 600 Prozent.

Über das Engagement verschiedener Banken am US-Hypothekenmarkt findet die Finanzkrise schnell den Weg aus den USA nach Europa. Die Verstaatlichung diverser Banken erweist sich als ein Belastungsfaktor. Nun nehmen die Kapitalmarktteilnehmer die Verschuldungssituation der (süd-) europäischen Staaten genauer unter die Lupe. Die Refinanzierung über den Kapitalmarkt mittels Anleiheemissionen gestaltet sich für diese Staaten immer schwieriger.

Aus diesem Grund wird zunächst 2010 die Europäischen Finanzstabilisierungsfazilität (EFSF) und 2012 als deren Nachfolger der Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) eingerichtet. Den ESM-Vertrag lässt der Autor in einem fiktiven Gespräch zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel durch Bundesbankpräsident Jens Weidmann genauer analysieren. So ist etwa die Mitgliedschaft im ESM endlos, ein Austritt nicht möglich. Die Modalitäten einer Erhöhung des ESMs über 700 Mrd. Euro hinaus werden ebenso skizziert wie die Haftungssummen der einzelnen Länder und die Haftung der übrigen Staaten bei einem Zahlungsausfall eines Staates.

Die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank und deren Anleihenkaufprogramme, sowie deren volkswirtschaftliche Auswirkungen schildert das Buch ebenso detailreich. Es verdeutlicht zugleich, wer von den Risiken der Bilanzsummenausweitung durch die Anleihenkäufe final betroffen ist.

Fazit: Veit Etzold erklärt komplexe Zusammenhänge wie etwa die Funktionsweise des Interbankenmarkts, die Geldschöpfung durch Banken mittels Giralgeld oder Leerverkäufe auch für Laien eingängig. Seine Ausführungen sind aber nie trivial oder zu vereinfachend. Selbst ein mit Finanzwissen beschlagener Leser langweilt sich nicht. Es handelt sich um eine fundierte Betrachtung der Finanzkrise, gerade weil Etzold keinen alleinigen Schuldigen an der Krise ausmacht: Weder die Hausbesitzer in den USA oder die Banken, noch die Märkte oder die Politik tragen dieses Stigma.



Kommentare zu diesem Beitrag

Keine Kommentare

Themenverwandte Artikel

Kolumne

Methoden im Risikomanagement

Komplex oder kompliziert – das ist die Frage

Frank Romeike | Herbert Saurugg06.10.2017, 11:02

Nachdem wir immer wieder auf die fälschliche Verwendung des Begriffs "Komplexität" stoßen, möchten wir mit diesem Beitrag eine einfach verständliche Erklärung liefern, was unter Komplexität...

Interview

Quo vadis Big Data?

Big Data und die Welt der Algorithmen und Analysen

Redaktion RiskNET22.09.2017, 12:52

Big Data ist en vogue. Vor allem die Wirtschaft trommelt seit Jahren für einen stärkeren Einsatz neuer Analysemethoden. Der Glaube: alles zu jeder Zeit im Blick haben und vorausschauend bestimmen zu...

Kolumne

Struktur des Unternehmens-Risikomanagements

Synergien im Risikomanagement schaffen

Bruno Brühwiler01.08.2017, 07:30

Wenn mehrere Personen über den Inhalt von Risikomanagement in komplexeren Organisationen diskutieren, entsteht schnell ein Konsens über die Anwendung des Risikomanagement-Prozesses...

Interview

Wie wir Krisen erleben und bewältigen

Krisen sind das beste "Resilienztraining"

Redaktion RiskNET23.07.2017, 06:30

Ingenieure sprechen von einem resilienten System, wenn bei einem Teilausfall nicht alle technischen Systeme vollständig versagen. Ein Ökosystem gilt dann als resilient, wenn es nach einer Störung zum...

Interview

Länderrisiken und geopolitische Risiken

Nicht Vollkasko, sondern steuerndes Risikomanagement

Redaktion RiskNET13.07.2017, 08:45

Länderrisiken und geopolitische Risiken sind in der Finanz- und Versicherungsbranche mittlerweile ein wichtiger Bestandteil von Analysen. Wie generiert, verarbeitet und analysiert Coface diese Daten?...