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Aktuelle Studie

Die bedrohlichsten Risiken aus Unternehmenssicht

Redaktion RiskNET17.01.2012, 11:16

Die aus Unternehmenssicht aktuell bedrohlichsten Risiken sind wirtschaftliche Risiken, das Risiko von Betriebsunterbrechungen und Naturkatastrophen, so das Ergebnis einer Allianz-Studie. Diese drei großen Risiken machten den Unternehmen in geballter Form bereits 2011 zu schaffen – und sind für 2012 nicht weniger bedrohlich. Kritisch sehen Unternehmen auch Rechts- und Reputationsrisiken. Häufig unterschätzt werden IT- und Cyber-Risiken.

AGCS als weltweit tätige Industrieversicherungssparte der Allianz Gruppe hat ihre Risikoingenieure in der zweiten Jahreshälfte 2011 befragt, welche Risiken aus ihrer Sicht Unternehmen künftig besonders beschäftigen. An erster Stelle rangieren wirtschaftliche Risiken (21 Prozent der Befragten). Im Einzelnen fürchten Unternehmen hier eine drohende Rezession und die Staatsschuldenkrise, aber auch steigende Rohstoffpreise oder Währungsschwankungen.

Anfällige Lieferketten

An zweiter Stelle sehen 14 Prozent der AGCS-Experten das Risiko der Betriebsunterbrechung. Zu dieser Einschätzung kommen vor allem jene AGCS-Risikoingenieure, die bei Standortbesuchen Einblicke in die Produktionsprozesse der Unternehmen erhalten und sich mit Mitarbeitern im operativen Risikomanagement austauschen. Betriebsunterbrechungen beziehen sich auf Störungen in der Lieferkette sowie auch auf die zu hohe Abhängigkeit der Produktionsprozesse von wenigen Lieferanten. Zudem verweisen die AGCS-Risikoexperten auf die Risiken, die durch die "Just-in-Time"-Logistik entstanden sind: Hier kann es zu gravierenden Kettenreaktionen kommen, wenn Zulieferer die vorgegebenen engen Zeitfenster nicht einhalten können. 

In den vergangenen 20 bis 30 Jahren haben sich die Konzepte "Lean Manufacturing" und "Just-in-Time" durchgesetzt. "In Wirklichkeit geht es dabei um die Rationalisierung der Beschaffung, die Zentralisierung der Distribution und – in den extremsten Fällen – um virtuelle Lager", erläutert Paul Carter, Head of Property Risk Consulting bei AGCS. Daneben zeige sich ein Trend zum globalen Einkauf, dessen Ziel eine noch stärkere Kostensenkung entlang der gesamten Lieferkette ist. "Dieses inzwischen dominierende Modell hat jedoch einen Preis: ein deutlich erhöhtes Risiko von Unterbrechungen in den Lieferketten der Unternehmen. Dieselbe Flexibilität, die Kostenvorteile entlang der Lieferkette ermöglicht, hat die Supply Chain anfällig für Störungen gemacht."

Tsunamischäden in Sukuiso, Präfektur Iwate [Quelle: Wikipedia]
Tsunamischäden in Sukuiso, Präfektur Iwate [Quelle: Wikipedia]

Naturgefahren immer noch unterschätzt 

Naturkatastrophen stehen, so die Allianz-Risikoexperten, unter den gefürchtetsten Risiken an dritter Stelle (9 Prozent). Dazu zählen Überflutungen und Erdrutsche, Wirbelstürme wie Hurrikans und Tornados, Erdbeben, Tsunamis, Vulkanausbrüche und Hitzewellen. Dieser Stellenwert erscheint vergleichsweise gering, betrachtet man die schwerwiegenden Folgen der Erdbeben in Japan und Neuseeland oder der Überflutungen in Queensland und zuletzt in Thailand für die gesamte Versicherungswirtschaft.

Die Bebauung und Verstädterung in Küstenregionen schreitet voran. Sozio-ökonomische Veränderungen, der technologische Fortschritt und globale Lieferketten steigern das Schadenpotenzial durch Naturkatastrophen. "Trotz großer Medienaufmerksamkeit und der enormen Schäden für Menschen, Unternehmen und Volkswirtschaften unterschätzen viele Unternehmen ihre Verwundbarkeit gegenüber Naturgefahren", beobachtet Tina Butzbach, Global Head of Cat Risk Management. "Doch das Worst-Case-Szenario ist durchaus real, wie die vergangenen Monate und Jahre gezeigt haben. Daher sind eine gründliche Vorbereitung und ein ebensolches Risk Management wichtig."

AGCS verzeichnet steigende Schadensansprüche aus Erdbeben, aber auch wetterbedingten Ereignissen wie Hochwasser und Wirbelstürmen. Der wirtschaftliche Fortschritt in betroffenen Regionen lässt die Schadenbelastung deutlich ansteigen. So haben sich die versicherten Schäden aus wetterbedingten Ereignissen seit den 1970er Jahren verachtfacht – von rund 5 Milliarden US-Dollar in den 1970er und 1980er Jahren auf mehr als 40 Milliarden US-Dollar im Jahr 2010.

Schäden am Matsushima-Flugplatz der SVK Japans
Schäden am Matsushima-Flugplatz der SVK Japans [Quelle: Wikipedia]

2011: Ein perfekter Sturm?

Die Ergebnisse des AGCS Risk Barometer verdeutlichen auch die systemische Verknüpfung von Risiken. Besonders deutlich wurde diese im Jahr 2011, als eine außergewöhnliche Häufung schwerer Naturkatastrophen in einem extrem schwierigen Wirtschaftsumfeld weltweit zu Betriebsunterbrechungen führte. In der globalisierten Weltwirtschaft lässt sich kein Risiko mehr isoliert betrachten. Mehrere einschneidende Ereignisse können sich zu einem "perfekten Sturm" verdichten und so die jeweiligen Auswirkungen der einzelnen Risiken vervielfachen.

Im Jahr 2011 haben die bedingten Betriebsunterbrechungsschäden infolge von Naturkatastrophen gezeigt, welche Tragweite kumulierte Risiken haben. So kann eine Betriebsunterbrechung bei einem Zulieferer in Asien direkte Rückwirkungen auf einen Dritthersteller auf der anderen Seite der Erde haben. Noch härter treffen diese Schäden die Kunden, wenn die Profitabilität konjunkturbedingt ohnehin unter Druck steht.

Risiken sind zunehmend verknüpft, auch wenn sich Ursachen und Wirkungen nicht immer ganz klar zuordnen lassen. Die AGCS-Risikoexperten verweisen häufig auf die Interdependenz verschiedener Risiken, um deren Stellenwert zu begründen. So zeigen sich die Umfrageteilnehmer, die Änderungen im Regulierungsumfeld und steigende Compliance-Anforderungen als Sorgenfaktoren benennen, auch über die Reputation des Unternehmens im Falle von negativen Schlagzeilen besorgt. In vielen Ländern werden die gesetzlichen Regelungen verschärft, was Folgen für Haftpflicht-, Vermögensschaden oder auch Managerhaftpflichtversicherungen hat und zugleich durch Produktrückrufe oder -verfälschungen die Reputation bedrohen kann.

Satellitenbild des Hurrikans Mitch
Satellitenbild des Hurrikans Mitch [Quelle: geekphilosopher.com/MainPage/bkgHurricanes.htm]


Reputationsrisiken stärker im Fokus

Reputationsrisiken rücken zunehmend ins Bewusstsein nicht nur großer, sondern auch mittelgroßer und kleinerer Firmen. In der modernen Informationsgesellschaft haben die zunehmend digitalisierten Massenmedien und neue Medienformate, die eine stärkere Nutzerbeteiligung ermöglichen (Web 2.0/Social Media), einen großen Einfluss. Dies stellt das Risikomanagement der Unternehmen vor neue Herausforderungen. Nachrichten verbreiten sich im Internet wie ein Lauffeuer – damit wird die Reaktionsgeschwindigkeit zum entscheidenden Faktor.

Interessanterweise zeigt das AGCS Risk Barometer einen Zusammenhang zwischen Umwelt- und Reputationsrisiken für Unternehmen. So erwarte, schildert ein Experte, die breite Öffentlichkeit von Unternehmen mehr Umweltbewusstsein. Unternehmen, die dieser Erwartung nicht entsprechen, würden von den Konsumenten abgestraft. Gleichzeitig kann sich der Klimawandel auch direkt auf die wirtschaftliche Situation eines Unternehmens auswirken – etwa durch Engpässe in der Wasser- und Energieversorgung oder steigende Nahrungsmittel- und Rohstoffpreise.

Asien-Pazifik fürchtet Naturkatastrophen

Als globale Versicherungsgesellschaft deckt AGCS weltweit Risiken von Unternehmen ab. Gemeinsam mit ihren Kunden werden die Lösungen für das Risikomanagement, die Risikokontrolle und die Risikoeindämmung entwickelt. Für das AGCS Risk Barometer wurden nicht nur die Risikoberater in Europa befragt, sondern auch jene im Mittleren Osten (Dubai), in Amerika (USA, Kanada und Staaten Südamerikas) und im asiatisch-pazifischen Raum (Singapur, Hongkong, Australien und Japan).

Ihre Antworten lassen geographische Unterschiede erkennen. Während wirtschaftliche Risiken und das Risiko von Betriebsunterbrechungen Unternehmen weltweit gleichermaßen beschäftigen, werden die sich aus Naturkatastrophen ergebenden Risiken im asiatisch-pazifischen Raum als besonders schwerwiegend bewertet. Dort haben auch politische Risiken eine große Bedeutung wie etwa protektionistische Tendenzen, soziale Unruhen und Staatsinterventionismus an den Finanzmärkten.

In Großbritannien stellen Rechts- und Regulierungsrisiken einen größeren Sorgenfaktor dar als anderswo. Im Mittelpunkt stehen dabei Veränderungen des Regulierungsumfelds, der Verlust von Patentschutz, zunehmend hohe Compliance-Anforderungen oder Überregulierungen. Komplexitätsrisiken spielen in Deutschland eine große Rolle. Gemeint sind zum Beispiel Konstruktionsfehler oder die zunehmende Komplexität von Projekten und Organisationen, die zu Wirkungsverlusten oder Schadenserien führen können. Dies verdeutlicht exemplarisch die Windkraftindustrie.

Cyber-Risiken weiter unterschätzt

Den Ergebnissen des AGCS Risk Barometer zufolge sind IT-Risiken die am häufigsten unterschätzten Risiken. Nur 1 Prozent der Experten gab an, dass sich ihre Kunden mit Cyber-Risiken beschäftigen. Diese verändern sich laufend und sind entsprechend wenig greifbar. Ebenso wenig beachtet scheint das Brandrisiko. Als Versicherer misst AGCS Brandrisiken unverändert eine hohe Bedeutung bei. Da es sich dabei jedoch um eine seit langem bekannte Gefahr handelt, herrscht offenbar der Eindruck vor (vielleicht auch die Illusion), dass man weiß, wie man diesem Risiko begegnen muss. Es gibt Brandschutz- und Sprinklerexperten, und viele der Risikoingenieure von AGCS sind auf die Eindämmung von Brandrisiken spezialisiert – dennoch ist und bleibt das Feuer ein zentrales Risiko, das sich durch die Weiterentwicklung von Produktions- und Logistikprozessen weiter verschärft.

Versicherer fördert den Risikodialog

Zusammenfassend lässt sich sagen: Aus Sicht der Allianz-Experten sind wirtschaftliche Risiken, das Betriebsunterbrechungsrisiko und die Bedrohung durch Naturkatastrophen die größten Risiken für Unternehmen im Jahr 2012 und darüber hinaus. Gleich um welches Risiko es sich handelt: Ein ständiger Dialog zwischen Versicherer und Kunden ist eine entscheidende Voraussetzung, um Probleme zu adressieren, bevor diese tatsächlich eintreten.

"In der Zusammenarbeit mit unseren Kunden beobachten wir ein ausgeprägtes Bewusstsein für wirtschaftliche Risiken. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Risiken auch in jedem Fall richtig adressiert werden", erläutert AGCS-CEO Axel Theis. "Zudem scheinen viele Unternehmen bekannte Risiken, wie zum Beispiel Sachschadenrisiken durch Brände, oder neuartige Risiken wie Cyber-Risiken oder Nanotechnologie zu unterschätzen. AGCS fördert einen intensiven Risikodialog, der das Bewusstsein für diese wichtigen Themen schärfen soll."

 


[Bildquelle oben: Frank Romeike/RiskNET GmbH, Abbildungen unten: Allianz SE]



Kommentare zu diesem Beitrag

uwe/17.01.2012 20:14
passt recht gut zu den ergebnissen des global risk reports aus davos. aber alle studien zu dem thema zeigen, dass die ergebnisse sehr stark von aktuellen themen und ereignissen beeinflusst werden (siehe fukushima und erdbeben nz)
wrenceceDex/22.10.2013 11:59
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