Kolumne

Marktanalyse

Die Anleger sind derzeit zu pessimistisch

Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.15.02.2017, 14:50

In den letzten zwei Monaten war ich mit meinen Kollegen in verschiedenen Städten Deutschlands, der Schweiz und Österreich auf Roadshow. Wir haben mit vielen Kunden über die Lage nach dem Amtsantritt des neuen US-Präsidenten diskutiert. Meine These, dass in den nächsten Monaten sowohl das Wachstum als auch die Inflation und die Zinsen steigen würden, wurde von vielen Kunden akzeptiert. Eigentlich müsste das auch für die Aktien positiv sein.

Hier gab es aber skeptische Stimmen. Könnte es nicht sein, dass es nach dem Anstieg in den letzten Monaten doch zu einem Rückschlag kommt? Niemand hat das richtig begründet. Aber viele hatten ein ungutes Gefühl. Ist das gerechtfertigt?

Fundamental sicher nicht. Hier ist die Welt in Ordnung. Die Konjunktur läuft. Sie hat sich in den letzten Monaten sowohl in den USA als auch in Europa noch einmal verbessert. Für die EU wurden die Prognosen diese Woche erneut nach oben revidiert. Das wirkt sich auch in den Unternehmensgewinnen aus. Sie lagen im vierten Quartal nach den bisher vorliegenden Ergebnissen in Europa 9 Prozent über dem Vorjahr, im Euroraum sogar 12 Prozent. Das ist in dem gegebenen gesamtwirtschaftlichen Umfeld sehr viel.

Spareinlagen gehen zurück [Deutschland, in EUR Mrd.; Quelle: Bundesbank; Daten von 1. Januar 2010 – 1. Juli 2016]

Spareinlagen gehen zurück [Deutschland, in EUR Mrd.; Quelle: Bundesbank; Daten von 1. Januar 2010 – 1. Juli 2016]

Hinzu kommt: Je mehr die Preissteigerung bei unverändert niedrigen Zinsen zunimmt, umso schwieriger wird die Lage der Anleger. Bei Festverzinslichen verlieren sie schon jetzt Geld. Damit steigt der Druck, Aktien zu kaufen. Die Spareinlagen sind in Deutschland zwar noch hoch, sie gehen aber zurück (Grafik).

All das spricht dafür, dass sich die Aufwärtsentwicklung an den Börsen fortsetzt. In den vergangenen dreißig Jahren ist der DAX mit wenigen Unterbrechungen gestiegen. Im Durchschnitt betrug das Kursplus 9 Prozent pro Jahr (alle Rückschläge mit eingerechnet). Warum sollte das nicht so weitergehen?

Das ist aber nur die eine Seite. Dagegen steht das ungute Gefühl der Anleger. Es ist nicht eingebildet, sondern hat gute Gründe. Noch selten waren die Unsicherheiten in der Welt so groß. Sie reichen von den überraschenden Aktionen des amerikanischen Präsidenten, den Spannungen im Euro im Zusammenhang mit Griechenland, dem Brexit und den riesigen Ungleichgewichten im europäischen Zahlungssystem bis hin zu den bevorstehenden Wahlen in Europa.  

Über Gefühle lässt sich nicht streiten. Kapital ist bekanntlich scheu wie ein Reh. Es ist klar, dass es auf eine so starke Häufung von Unsicherheiten reagiert. Dies umso mehr, als die Erfahrung des letzten Jahres lehrt, wie falsch die gängigen Wahlprognosen sein können. Ich habe allerdings den Eindruck, als werde hier im Augenblick etwas zu sehr zum Negativen übertrieben. So schlecht ist die Situation nicht.

Erstens sind die Märkte flexibler und anpassungsfähiger als vielfach gedacht. Natürlich mögen sie keine Veränderungen. Aber wenn es sie doch gibt, sind sie schnell dabei, die Situation zu analysieren und die positiven und negativen Effekte gegeneinander aufzuwiegen. Das war nach dem Referendum in Großbritannien der Fall, als der Markt schon kurz danach seine Meinung änderte und den Brexit nicht mehr als Katastrophe sah. Das war aber auch nach den amerikanischen Wahlen der Fall. Die Märkte trauerten Hillary Clinton nicht nach, sondern fragten, was Trump wohl für die Unternehmen bedeuten würde. Das sind ganz rationale Verhaltensweisen, die es auch in diesem Jahr wieder geben wird.

Zweitens ist nicht jedes politische Risiko zwangsläufig etwas Negatives. Jeder schaut derzeit auf die Möglichkeit, dass Marine Le Pen in Frankreich Präsidentin werden könnte und was das an Schrecklichem für den Euro und die Märkte bedeuten könnte. Daneben könnte es aber auch eine positive Überraschung geben. Dann nämlich, wenn der reformfreudige Emmanuel Macron die Wahl gewinnen würde. Das könnte Frankreich und der europäischen Idee einen Schub nach vorne geben. Objektiv gesehen ist die Wahrscheinlichkeit, dass Macron siegt, größer.

Drittens muss man zwischen Worten und Taten der Börsianer unterscheiden. Nach den Worten zu urteilen, müsste alles ganz schlecht werden. Tatsächlich ist aber seit Monaten zu beobachten, dass nach ein oder zwei schlechten Tagen am Markt plötzlich wieder Käufer auftauchen. Es gibt also Anleger, die Liquidität haben und die Chance niedrigerer Kurse nutzen wollen. Der Markt stabilisiert sich. Das ist ein positives Zeichen.

Viertens und ganz allgemein: Es hat noch nie einen größeren Einbruch an den Börsen gegeben, wenn die Fundamentalfaktoren gut waren. So irrational ist die Börse nicht. Daher ist es ein gewisses Sicherheitspolster, dass die Fundamentaldaten derzeit so gut sind.

Autor: 

Dr. Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.

Dr. Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.

 

 

[ Bildquelle: © ALDECAstudio - Fotolia.com ]


Kommentare zu diesem Beitrag

Keine Kommentare

Themenverwandte Artikel

Kolumne

Von der Störung zur unternehmensweiten Resilienz

Führungskräfte und die mangelnde Awareness

Uwe Rühl23.06.2017, 17:00

Jüngst wütete der Trojaner "WannaCry" in der digitalen Welt. Die Folge waren unzählige infizierte Rechner weltweit, nicht mehr funktionierende Infrastrukturen von Krankenhäusern und der...

Kolumne

Schwerwiegende Schwachpunkte im Risikomanagement

Persönliches Risikomanagement für Risikomanager

Werner Gleißner | Frank Romeike | Marco Wolfrum14.06.2017, 08:00

Kein Unternehmen hat ein "perfektes" Risikomanagement; Verbesserungspotenziale können regelmäßig aufgezeigt werden. Praktische Erfahrungen und empirische Studien zeigen allerdings, dass...

Interview

Interview mit Benedikt Doll, Biathlet

Akribische Vorbereitung und kein Zufall

Redaktion RiskNET09.06.2017, 07:30

Sport und Business haben viel gemein. Nicht nur im Sponsoring, der Werbung oder bei Fernsehverträgen. Auch in den jeweiligen Disziplinen liegt eine gewisse Nähe, in der akribischen Vorbereitung, hier...

Interview

Widerstandsfähigkeit von globalen Lieferketten

Resilienz der Supply Chain messen

Redaktion RiskNET02.06.2017, 18:18

Der FM Global Resilience Index ist ein datenbasiertes Tool, das die Resilienz von Unternehmen in 130 Ländern und Gebieten weltweit in einem Ranking vergleicht. Dazu werden zwölf Treiber, die sich auf...

Wissenschaft

Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften

Wie entscheiden wir unter Risiko?

Alexander Niklas Häusler | Bernd Weber01.06.2017, 10:00

Um Erkenntnisse aus der Neuroökonomie für andere Fachdisziplinen oder Anwendungen im Bereich der finanziellen Entscheidungen [eine kurze Übersicht finden Sie hier: Häusler/Weber 2015] interpretieren...