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Deutschland vor einer Rezession wie 2009?

Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.05.11.2012, 17:40

Die Stimmung in den deutschen Unternehmen verschlechtert sich schneller als gedacht. Die Prognosen für die weitere Entwicklung werden nach unten revidiert. Die Volkswirte der Deutschen Bank stellten in dieser Woche erstmals ein Wachstum von nur noch 0,5 Prozent in Deutschland für nächstes Jahr in den Raum. Viele Kunden fragen mich, ob es jetzt eine Rezession wie 2009 geben könnte. Damals brach das reale Bruttoinlandsprodukt um 5,2 Prozent ein.

Fünf Entwicklungen verunsichern im Augenblick: Erstens der Absturz beim ifo-Index. Der Index ist im Allgemeinen ein zuverlässiger Indikator der wirtschaftlichen Entwicklung. In der Grafik habe ich den Verlauf seit Ende 2010 mit dem seit Ende 2006 verglichen. Es zeigt sich eine frappierende Ähnlichkeit. Nur in den letzten vier Monaten geht es derzeit etwas langsamer nach unten als 2008. Damals stand die Wirtschaft jedoch unmittelbar vor dem Schock der Lehman-Pleite, diesmal hat sich gerade die Eurokrise etwas entspannt.

So wie 2009? ifo-Index seit Ende 2006 und seit Ende 2010, jeweils auf 100 indiziert [Quelle: ifo Institut]
So wie 2009? ifo-Index seit Ende 2006 und seit Ende 2010, jeweils auf 100 indiziert [Quelle: ifo Institut]


Zweitens der dramatische Einbruch in der Automobilindustrie, einem der Herzstücke der deutschen Wirtschaft. Im September wurden in Deutschland 11 Prozent weniger Personenwagen als vor einem Jahr zugelassen. Es wurden 16 Prozent weniger Pkws produziert. Bei Lastwagen verringerten sich die Neuzulassungen sogar um 17 Prozent. Das hat natürlich Rückwirkungen auf andere Branchen.

Drittens, was in der Öffentlichkeit weniger beachtet wird, aber nicht weniger wichtig ist: Die konjunkturzyklische Bewegung. Nach dem Muster der Vergangenheit wäre ein Tiefpunkt der Wirtschaftsentwicklung Ende 2013, Anfang 2014 zu erwarten. Es geht also nach unten, nicht nach oben. Das darf man nicht überbewerten, es ist aber ein weiterer Mosaikstein.

Viertens wird es im Euroraum insgesamt, so wie es in Südeuropa und in Frankreich derzeit aussieht, auch 2013 eine Rezession geben. Es ist kaum vorstellbar, dass sich Deutschland in einem so eng verflochtenen Gebiet auf Dauer diesen Einflüssen entziehen kann. Die Übertragung vollzieht sich hier ja nicht nur über den Export, sondern auch über das gesamte Wirtschaftsklima. Häufig sind es die gleichen Unternehmen, die in mehreren Ländern arbeiten.

Fünftens schließlich gibt es in Deutschland eine Vielzahl von beunruhigenden Einzelindikatoren. Die Arbeitslosigkeit ist in den letzten Monaten mit einer Jahresrate von 200.000 gestiegen. Die Kredite an Unternehmen und Privatpersonen erhöhen sich nur schwach (1,1 Prozent im September). Die Firmen sind beim Ausblick auf 2013 zunehmend vorsichtig.

Daraus folgere ich: Es sieht nicht gut aus für die weitere wirtschaftliche Entwicklung. Für 2013 ist in Deutschland mit Stagnation, vielleicht auch mit einem Rückgang der realen Wirtschaftsleistung zu rechnen. Der Aufschwung ist erst einmal vorbei. Die Arbeitslosigkeit steigt weiter. Die Unternehmensgewinne kommen unter Druck. Ändern könnte sich das nur, wenn die Eurokrise überraschend beendet würde. Damit rechne ich derzeit aber nicht.

Das ist die schlechte Nachricht. Allerdings, so schlecht wie 2009 wird es nicht werden. Dazu könnte es nur kommen, wenn es einen großen Knall in der Weltwirtschaft oder im Euroraum gäbe. Also wenn es den USA nicht gelänge, die automatischen Steuererhöhungen und Ausgabensenkungen am Jahresende im Zusammenhang mit dem "Fiscal Cliff" zu vermeiden. Oder wenn Griechenland (und vielleicht noch andere) aus dem Euro ausscheiden müssten.

Ansonsten gibt es eine Reihe von Punkten, die einen Absturz wie 2009 verhindern. Am wichtigsten ist, dass der private Verbrauch sich wesentlich besser als damals entwickelt. Die verfügbaren Einkommen wachsen um über 2 Prozent. Das Konsumklima liegt auf dem höchsten Stand seit fünf Jahren. Das ist zwar kein Ruhekissen, weil es sich mit der Zeit ändern kann. Zunächst hilft es aber die Lage zu stabilisieren.

Der Export wächst allen Unkenrufen zum Trotz mit einer Jahresrate von über 5 Prozent. In der Krise 2009 stürzte er um mehr als 30 Prozent ab. Heute profitiert er von dem günstigen Wechselkurs und dem expandierenden Welthandel. Der Baltic-Dry-Index, ein Indikator für den Welthandel, hat sich in den vergangenen sechs Wochen fast verdoppelt. In den USA war das Wachstum im zweiten Quartal überraschend hoch (2 Prozent). Chinas Wirtschaftsleistung liegt 7,4 Prozent über Vorjahr.

Auftragseingänge und Industrieproduktion in Deutschland steigen nach wie vor. Vor allem der Bau zeigt nach oben.

Es wird immer wieder gesagt, dass die Konjunkturpolitik anders als 2009 ihr Pulver verschossen habe. Das ist nicht richtig. Die schlechte wirtschaftliche Lage in Europa ist ja in erster Linie durch die Konsolidierungsmaßnahmen bedingt. Wenn alle Stricke reißen, wäre es ein Leichtes, die Rückführung der öffentlichen Defizite zeitlich zu strecken.

Gegen einen Einbruch wie 2009 spricht schließlich die Entwicklung der Aktienmärkte. Damals ging es mit den Kursen kräftig nach unten, diesmal gehen sie nach oben.


Autor:
 Dr. Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.

 

[Bildquelle: © EtiAmmos - Fotolia.com]

 



Kommentare zu diesem Beitrag

RiskNET Redaktion/06.11.2012 14:41
+++ Aufträge für deutsche Industrie brechen unerwartet ein +++

Die Krise in Europa und die nachlassende Weltkonjunktur haben im September voll auf den Auftragseingang der deutschen Industrie durchgeschlagen. Gegenüber August mussten die Unternehmen ein bereinigtes Minus von 3,3 Prozent hinnehmen. Das ist viel mehr als Volkswirte erwartet hatten, die lediglich von einem Rückgang um ein halbes Prozent ausgegangen waren.

Als Ursache haben die Experten im Bundeswirtschaftsministerium die schwache Nachfrage aus dem Ausland ausgemacht, die bisher die Industrie zuverlässig gestützt hat. Sie ging um 4,5 Prozent zurück, wobei die Eurozone mit einem Minus um 9,5 Prozent besonders negativ hervorstach. Vor allem der Umfang an Großaufträgen war unterdurchschnittlich. Auch auf dem Heimatmarkt ging es um 1,8 Prozent bergab. Mit Ausnahme des Maschinenbaus schnitten alle Bereiche schwächer ab.

Ein kleiner Lichtblick war jedoch der August, weil die Statistiker ihren ursprünglichen gemeldeten Wert etwas nach oben gesetzt haben. Anstatt um 1,3 Prozent waren die Bestellungen nur um 0,8 rückläufig. Das reichte allerdings nicht aus, um das dritte Quartal zu retten. Gegenüber dem zweiten Quartal nahmen die Auftragseingänge in der Industrie um 2,3 Prozent ab.

"Das schwache wirtschaftliche Umfeld des Euroraums, aber auch der übrigen Weltwirtschaft schlägt sich mittlerweile deutlicher als im ersten Halbjahr bei der Nachfrage nach deutschen industriellen Erzeugnissen nieder", schreiben die Experten des Wirtschaftsministers. Für die kommenden Monaten sind sie deshalb für die Produktion skeptisch.
RiskNET Redaktion/08.11.2012 07:22
+++ Draghi: Krisenausläufer haben Deutschland erreicht +++

Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, hat die geplanten Staatsanleihekäufe auch mit Blick auf die Konjunkturabschwächung in Deutschland verteidigt. Bei einer Veranstaltung in Frankfurt versuchte Draghi zudem die Angst vor einer Zusammenlegung europäischer Einlagensicherungssysteme zu zerstreuen.

"Bisher konnte sich Deutschland manchen Schwierigkeiten in anderen Regionen des Euro-Gebiets weitgehend entziehen. Die neuesten Daten deuten jedoch darauf hin, dass Ausläufer der Krise nun auch die deutsche Wirtschaft erreicht haben", sagte Draghi beim Wirtschaftstag der Volks- und Raiffeisenbanken in Frankfurt.

Der Auftragseingang der Industrie ist im September deutlicher als erwartet gesunken, was auch im Einklang mit Unternehmensumfragen darauf hindeutet, dass die deutsche Wirtschaft im vierten Quartal schrumpfen wird.

Der EZB-Präsident räumte ein, dass die geplanten Outright Monetary Transactions (OMT), unbegrenzte Käufe von Staatsanleihen von Krisenländern, nicht unumstritten ist. Er verwies aber darauf, dass das OMT-Programm so konstruiert sein müsse, dass es die Finanzmärkte beeindrucke. "Wir müssen uns vor Augen halten, wie die Märkte funktionieren", sagte Draghi. Maßnahmen, die die Stabilität des Euroraums als Ganzes sicherten, würden auch Deutschland zugute kommen.

Nach Aussage des EZB-Präsidenten hatte bereits die Ankündigung des OMT-Programms günstige Auswirkungen. So habe sich die Stimmung an den Finanzmärkten erheblich aufgehellt und die Abstände der Anleihezinsen seien zurückgegangen. Auf der anderen Seite habe die OMT-Ankündigung nicht zu höheren Inflationserwartungen geführt.

Draghi trat vor den Vertretern der Volks- und Raiffeisenbanken außerdem Befürchtungen entgegen, dass die geplante Finanzmarktunion zwangsläufig zu einer Kollektivierung der nationalen Einlagensysteme führen würden. "Eine Finanzunion impliziert nicht notwendigerweise ein Pooling von Einlagensicherungssystemen. Die Einrichtung und Finanzierung solcher Einlagensicherungssysteme kann bei vergleichbarer Wirksamkeit in nationaler Verantwortung bleiben", sagte er.
RiskNET Redaktion/08.11.2012 18:40
+++ Wirtschaftsklima im Euroraum trübt sich weiter ein +++

Eine wirtschaftliche Erholung im Euroraum ist nach Darstellung des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung noch nicht in Sicht. Der ifo Indikator für das Wirtschaftsklima im Euroraum sank im vierten Quartal weiter, wobei sich vor allem die Erwartungen für die kommenden sechs Monate eintrübten. Die hohen öffentlichen Haushaltsdefizite, eine fehlende Nachfrage und die hohe Arbeitslosigkeit drückten auf die Stimmung.

Der ifo Indikator ging auf 81,7 Punkte zurück. Im dritten Quartal war er auf 88,9 Punkte gefallen, nachdem er in den beiden vorhergehenden Quartalen gestiegen war. Die Lagebeurteilung trübte sich dabei nur leicht auf 97,9 ein von 103,5 im Vorquartal. Die Erwartungskomponente fiel auf 72,1 Punkte, nachdem sie im dritten Quartal bei 80,3 gelegen hatte.

Unverändert auf Rezessionsniveau liegen die Beurteilungen zur aktuellen Wirtschaftslage in den Euro-Krisenländern Griechenland, Italien, Portugal, Spanien und Zypern, wie das ifo Institut weiter mitteilte. In Belgien, Frankreich, Irland, den Niederlanden und Slowenien schätzen die befragten Experten die aktuelle Lage weiterhin als ungünstig ein. In Deutschland wird die derzeitige Wirtschaftslage im Vergleich zum Vorquartal zwar als etwas schlechter eingeschätzt, sie befindet sich aber weiterhin im zufriedenstellenden Bereich.

In den meisten Euro-Mitgliedsländern hat sich die Erwartungshaltung für die nächsten sechs Monate gegenüber dem Vorquartal weiter verschlechtert, es wird überwiegend keine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation erwartet. Lediglich in Irland, den Niederlanden und Estland sind die Erwartungen für das nächste halbe Jahr positiv.

Die Inflationserwartungen für 2012 sind im Euroraum auf 2,4 Prozent gestiegen. Zuvor hatten sie bei 2,2 Prozent gelegen. Die kurzfristigen Zinsen werden nach Ansicht der befragten Experten in den nächsten sechs Monaten weitgehend unverändert bleiben und die langfristigen Zinsen nur leicht anziehen. Die Mehrheit der befragten Experten im Euroraum rechnet mit einem weitgehend stabilen Wechselkurs Euro/US-Dollar in den nächsten sechs Monaten.

Der Indikator für den Euroraum, der vom ifo Institut in Zusammenarbeit mit der Internationalen Handelskammer in Paris durch eine Umfrage ermittelt wird, basierte im Oktober auf den Meldungen von 270 Experten.

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